Kritik: Girls 1.03 „All Adventurous Women Do“ / „Alle abenteuerlustigen Frauen haben das“.

„I want you to know, the first time I fuck you, I might scare you a little. Because I’m a man, and I know how to do things.“

Nach dem der doch ziemlich heftigen Folge „Vagina Panik“ versucht sich Girls mit „Alle abenteuerlustigen Frauen haben das“ an einer leicht gemäßigteren Episode, die den Humor in den Vordergrund rückt. Gut zu wissen, dass sich Girls nicht bloß mit sich steigernden Schockelementen versucht zu etablieren, auch wenn „All Adventurous Women Do„, so im Original, nicht ganz das hohe Niveau der Vorgängerfolgen halten kann.

Girls 1.03 Dunham

Die Testergebnisse der Gynäkologin sind da, und leider gibts schlechte Nachrichten für Hannah: Sie hat HPV. Da Adam betont, kürzlich getestet zu sein, ist der Einzige, der Hannah diese Sexualkrankheit übertragen hat, Hannahs Exfreund Elijah. Das aufklärende Gespräch verläuft dann allerdings ganz anders, als sie sich das vorgestellt hat…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Mit „All Adventurous Women Do“ wird so langsam die Serienstruktur ersichtlich – zwei bis drei der Mädchen haben seperate, mehr oder minder lose zusammenhängende Handlungsstränge, von denen Hannah aber den längsten abbekommt. Gerade in dieser Episode agieren die vier Hauptdarstellerinnen sehr unabhängig voneinander, doch dank einer Riege von absolut grandiosen Nebenfiguren macht sich das kaum bemerkbar. Die Folgen selbst scheinen stets einer Kontinuität zu folgen, ohne allerdings allzu stark voneinander abzuhängen. Ein sehr glückendes Erzählmodell ist das bislang, das einerseits eine echte Progression der Figuren zulässt, andererseits die Folgen isoliert betrachtet immer noch sehr zugänglich und unterhaltsam auf die Zuseher wirken lässt.

HPV.

Hannahs Geschlechtskrankheit fügt sich beispielsweise wirklich nahtlos an den Gynäkologenbesuch in „Vagina Panik“ an, ohne, dass die Serie ein „Was bisher geschah“-Segment brauchen würde. Dass der Test positiv war kommt überraschend – welche Serie wirft ihre Hauptfigur in der dritten Figur eine Geschlechtskrankheit an den Hals? Es ist eine Erinnerung daran, wie schmerzvoll realistisch Girls sein kann. HPV ist kein Todesurteil, aber harmlos ist es auch nicht, und wie Hannah diese Krankheit nun ihr Leben lang (?) mittragen muss, so wird sie nun auch in der Serie fortlaufend mitgeschliffen werden müssen, sofern nicht einfach darauf vergessen wird.

Ironischerweise wird die Gefahr dieser Geschlechtskrankheit gerade von Shoshanna relativiert, die Hannah ganz beiläufig sagt, dass nicht nur Jessa das auch habe, sondern alle abenteuerlustigen Frauen (siehe Episodentitel und später auch Tweet von Hannah). Obwohl Jessa und Hannah sich in „All Adventurous Women Do“ gar nicht begegnen, hebt dieser Slogan und dessen unterschiedliche Verwendung den Unterschied zwischen diesen zwei Figuren sehr schön hervor. Bei Jessa können wir ja vermuten, dass sie das ganz hedonistisch versteht, da ja auch schon die Diskussion, wer nun die „Damen“ sind, gezeigt hat, dass Jessa sehr sorgenfrei mit ihrer Sexualität umgeht. Hannah hingegen sehen wir zögern und schließlich diese Botschaft über Twitter veröffentlichen. Gerade solche Social Networks erlauben uns aber, nicht unser tatsächliches Ich ins Web zu projizieren, sondern vielmehr ein idealisiertes, heimlich gewünschtes Ich. Hannah wünscht sich, dass ihr ihre Geschlechtskrankheit ziemlich egal wäre oder dass sie sogar darauf stolz sein könne. Besonders glücklich ist sie dabei allerdings nicht, weil sie weiß, dass sie sich da was vormacht, in der Hoffnung, sie würde selber zu dieser Überzeugung kommen können.

Adam spielt die selbe Rolle wie bereits in den Folgen davor – den Mistkerl. Diesmal tut er das sogar noch offensichtlicher, weil er Hannah nicht nur offen anlügt, sondern sich dann auch noch verletzt gibt, als diese ihn anzweifelt. Ich bin wirklich von den Dialogen begeistert, denn was sich oberflächlich als einseitige Figur präsentiert, gibt mir in Wirklichkeit die Möglichkeit, fast jeden seiner Sätze zu interpretieren. Natürlich kann man mir da vorwerfen, ich würde das überanalysieren, aber allein die Tatsache, dass Girls Nährboden dafür schafft, finde ich einnehmend. Adams Fragen bezüglich Hannahs Gewicht sind beispielsweise sehr treffend („Do you eat for fun?“, „You tried a lot – to lose weight?“), weil sie wirklich schwierig zu beantwortende und in ihrer Beantwortung weiterführende Fragen sind, verletzen Hannah (in typischer Adam-Manier) aber dennoch.

Hannahs Treffen mit ihrem Exfreund ist dann das erste Mal, dass ich sagen kann, dass Girls auf bereits abgetretenem Material dabei stapft. Girls muss nicht immer avantgardistisch, provokant oder tiefgründig sein, doch bei der Fülle an interessanten Handlungssträngen und tollen Nebenfiguren erscheint die Enthüllung, Elijah sei nun schwul geworden, vergleichsweise voraussehbar. Die Stärke der Szene ist mit Sicherheit ihr Witz, Elijah stapft da von einem Fettnäpfchen ins nächste – auch wenn Hannah es ihm mit Trickfragen wie „Do I look different to you?“ nicht gerade leicht macht. Hannah als weich und sanft wie einen Knödel zu bezeichnen… nun, es ist witzig, ist aber fast schon im Standardreportoir eines Autors, ebenso wie die Offenbarung, dass die Wendung zur Homosexualität durch Hannah inspiriert wurde. Es ist keine schlechte Szene per se, im Vergleich zu Marnies und Jessa Handlungsbögen wirkt sie allerdings ein wenig uninspiriert.

Ein echter Mann.

Persönliches Highlight der Serie: Marnies Begegnung mit Booth Jonathan, einem arroganten, selbstsüchtigen Künstler. Diese Figur war bislang in nur zwei Szenen zu sehen, und dennoch hat er in diesen mehr Ausstrahlung gezeigt als alle anderen Männer in Girls zusammen. Und die Chemie mit Marnie hat ebenfalls sofort gestimmt – ich hoffe wirklich, dass diese Figur noch eine tragendere Rolle spielen wird.

Zentral ist natürlich, wie er Marnie auf dem Gerüst physisch und verbal an den Handlauf drängt. Es knistert ja förmlich, und ich bin mir nicht sicher, warum Marnie ihn nicht küssen möchte (oder das zumindest behauptet) – vielleicht möchte sie ihn ja auch provozieren. Und das tut sie mit Erfolg, als Jonathan auf Angriff schaltet und Marnie erzählt, wie es wohl sein wird, wenn er sie zum ersten mal fickt. „Careful what you wish for“ ist hier wohl das Motto: Marnie wollte einen richtigen Mann, der weiß was er tut, aber Booth geht offensichtlich einen Schritt zu weit, verletzt Marnies Privatsphäre, „dringt“ sozusagen in sie ein.

Girls 1.03 Booth Jonathan

Die Szene ist einfach unglaublich gut gemacht, auch von der Atmosphäre, der Körpersprache, der Chemie und des coolen, extrem selbstgefälligen Abgangs von Jonathan wegen. Und sie ist unheimlich sexy. So ein extremer Flirtspruch funktioniert natürlich nur im Fernsehen, in der Realität müsste man Angst haben, dass er vor hat, Marnie zu missbrauchen. Gerade dieser Zwiespalt macht die Szene zusätzlich faszinierend: einerseits ist man sich bewusst, dass Jonathans Benehmen absolut inakzeptabel ist, andererseits ist es schwierig, Jonathan nicht anzuhimmeln, und Marnie geht es da ebenso – ihre Selbstbefriedigung scheint aus einem chaotischen Gefühl zwischen sich extrem angemacht und sich von einem Mann extrem bedrängt fühlen zu entstehen. Booth Jonathan ist das perfekte sexy Arschloch.

Jessa und der Dude.

Vielleicht am Isoliertesten, aber auch sehr sehr gut umgesetzt: Jessas erster Tag als Babysitterin. Mit nur ein paar wenigen Szenen wird glaubhaft vermittelt, wie so eine erratische Persönlichkeit wie Jessa einen Job ausüben kann, bei dem es darauf ankommt, empathisch und verantwortungsvoll umzugehen. Jessa geht da ganz phlegmatisch an die Sache heran, und mit dieser Einstellung fällt es ihr auch leicht, einen Draht zum Vater der Kinder aufzubauen.

Auch hier stimmt einfach das Casting – Jessa und der Vater haben eine unglaubliche Chemie, keine solch sexuelle Spannung wie zwischen Marnie und Jonathan, es stellt sich aber dennoch sofort das Gefühl ein: Hätten sich die beiden im selben Alter getroffen hätten sie noch in der selben Nacht miteinander geschlafen, so hingegen diktiert der Altersunterschied ihnen eine Art Mentor-Schüler-Beziehung auf. Wir wissen wenig über ihn, nur sein Äußeres lässt darauf schließen, dass er vielleicht ebenso wilde Jahre hinter sich hat wie Jessa sie derzeit auslebt. Achja, und die Tatsache, dass er mit ihr Gras raucht. Jessa hat erstmals einen Gesprächspartner gefunden, mit dem sie sich wirklich versteht, und es bringt Seiten von ihr hervor, von denen wir gar nicht wussten, dass sie in stecken – etwa, wie scharfsinnig sie sein kann. Dass der Vater ihre Direktheit nicht übel nimmt ist natürlich ein Segen: So wird Jessa nicht sofort gefeuert, sondern hat die Möglichkeit, weiterhin eine Freundschaft mit diesem eigentümlichen Mann zu schließen. Ein faszinierendes Duo.

Die Endszene muss noch extra erwähnt werden. Selten habe ich so ein gutes und passendes Lied (Robyn – Dancing On My Own) gesehen, das sich nicht nur nahtlos in die Szene einfügte, sondern mich auch noch den gesamten Abspann gefesselt anschauen ließ. Und es war einfach zu schön, wie sich die beiden während dem Tanzen ausgetauscht haben, der wahrscheinlich fröhlichste Moment der bisherigen drei Folgen. Da war so viel Herz drin, dass man endlich besser verstehen kann, warum die beiden beste Freundinnen sind, und warum man, trotz der diversen unsympathischen Tendenzen Hannahs, doch noch mit den Girls mitfiebern soll.

Bla:

– Charlie mit kurzen Haaren: auch nicht mein Fall.

– Eigentlich ja interessant, dass Hannah die Hauptfigur der Serie ist, wo doch Marnie eigentlich Herz und Seele der Serie ist – zumindest scheint sie die deutlich besseren Entscheidungen zu treffen.

– Die Initialen von Booth Jonathan sind wohl auch kein Zufall.

– Was trug Hannah denn für ein verrücktes Goth-Outfit zu Beginn der Folge? Das hätte ich nicht unbedingt von ihrer Figur erwartet. Ich hatte das Gefühl, dass Hannah sich da einfach besonders interessant geben wollte (betont durch ihr super-laszives „Look out the window.“), aber von ihren Makeup-Künsten war ich dann doch sehr überrascht. Will man das als Humor klassifizieren ist er schon verdammt subtil.

– Marnies erste Szene mit Booth Jonathan fand ich nicht ganz so spannend, lebte aber sehr von der pulsierenden Musik. Wenn solch ein Song bloß wirklich bei solch einer Ausstellung gespielt würde. Girls zeigt einen tollen Musikgeschmack.

– Girls meint es wohl mit niemandes Jobperspektiven gut: Auch Elijah steckt in einem unbezahlten Job fest, ist aber, zumindest oberflächlich, optimistisch und glücklich darüber.  Zur Sicherheit wechselt er dann aber lieber doch schnell das Thema.

– „Yo, girl!“ – „Yo girl!“

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Girls kann auch gut sein, wenn nicht ständig Sex gehabt wird. Jessas und vor allem Marnies Handlungsbögen besitzen das gewisse Etwas, das in Hannahs Hauptgeschichte in „All Adventurous Women Do“ / „Alle abenteuerlustigen haben das“ leider ein wenig fehlt. Insgesamt dennoch eine superbe Folge mit tollen Zitaten, ausgezeichneter Musik und einem erstklassigen Ensemble.

Ein Gedanke zu “Kritik: Girls 1.03 „All Adventurous Women Do“ / „Alle abenteuerlustigen Frauen haben das“.

  1. Pingback: Kritik: Girls 1.04 “Hannah’s Diary” / “Hannahs Tagebuch”. | Blamayers TV Kritiken

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