Kritik: The Walking Dead 3.12 „Clear“ / „Gesichter der Toten“.

„Everything I see is red.“

The Walking Dead hat sich in seiner dritten Staffel in vielerlei Dingen neu orientiert, beispielsweise die zwischen Staffeln 2 und 3 gewonnene Erfahrung oder die Zunahme der Action. „Clear“ bzw „Gesichter der Toten“ ist hingegen eine Reise in die Vergangenheit, eine Rückbesinnung auf den Piloten („Good Days Gone Bye„), auf das, was die Serie zu Beginn noch ausgemacht hat: Ein Sinn von Wunder, Angst und einer zerfallenen Zivilisation. The Walking Deads Pilotfolge war atmosphärisch wie keine zweite, „Clear“ kann jedoch viel von dessen verloren gegangene Magie einfangen.

Walking Dead 3.12 barrages

Rick, Michonne und Carl machen einen Roadtrip: Auf der Suche nach Waffen, Nahrung und Zeug fürs Baby begegnen sie einer beklemmend leeren Welt. Nur vereinzelt finden sie noch Anzeichen von Leben vor, manches freundlich, manches feindlich, und so möchte man am liebsten gar nicht mehr herausfinden, mit wem man es zu tun. Schließlich führt sie ihr Weg in Ricks Heimatgemeinde, von der nicht mehr viel übrig zu sein scheint…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Leere, schwere Welt.

Die Suche nach Waffen lockte die drei in Ricks altes Polizeirevier, und da lag es natürlich nahe, auch einen Abstecher nach Hause zu machen. So wäre die Enthüllung, dass es sich bei dem schießwütigen Mann um Morgan aus Staffel 1 handelt, sicher nicht allzu überraschend gekommen, wenn man 1 und 1 zusammengezählt hätte. Morgan ist neben Merle nun schon die zweite Figur, die man seit der ersten Staffel nicht mehr gesehen hat, und wie auch bei Merle kann man nur froh sein, einen losen Handlungsstrang wieder aufzugreifen und fortzuführen, vor allem weil Morgan ja auch eine durchaus interessante Figur war.

Die Reise nach und durch Cynthiana ist eines der Highlights der Episode. Meine mitunter markantesten Erinnerungen an den Piloten sind jene an die mit Blut gemalten Botschaften an den Wänden – DON’T OPEN, DEAD INSIDE und GOD FORGIVE US haben nach über zwei Jahren und 30 Episoden The Walking Dead immer noch nichts von ihrer quälenden Schönheit verloren. „Clear“ ist voll solcher Botschaften unbekannter, wahrscheinlich längst verstorbener Autoren. Manche lamentieren den Lauf der Dinge, manche sprechen Warnungen aus, die womöglich längst an Gültigkeit verloren haben. In „Clear“ gibt es viel zu sehen, und zum ersten Mal seit langem beschränkt sich das nicht nur auf die immer exzellente Zombie-Makeup.

Auch die Stadt selber, von Morgan in eine einzige Zombiefalle verwandelt, sowie Morgans Haus haben viel Optisches zu bieten – die Setdekorateure haben sich dabei wirklich selbst übertroffen. Obwohl ich mir nicht so sicher bin, ob die Holzspeergitter wirklich so effektiv sind wie sie es auf den ersten Blick den Anschein machen, sehen sie doch ziemlich realistisch aus, als ob man dadurch wirklich ein Jahr lang allein hat durchhalten können. Die Falle unter der Türmatratze ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber so ein Stacheldrahtzaun ist mit Sicherheit eine der besten vorstellbaren Zäune. Einzig eine Autobarrikade hat mir gefehlt – warum die Autos stattdessen so dastanden, als hätte man einen Sicherheitsabstand zwischen ihnen einhalten wollen, leuchtet mir nicht ganz ein. Und schließlich war Morgans Haus, vollgekramt und unaufgeräumt von oben bis unten, eine schöne Abwechslung vom ach so kargen Gefängnis. Und an den Wänden… gelobt sein jene, die sich die Episode aufgezeichnet haben, denn nur so hat man wohl die Gelegenheit, die unzähligen Botschaften Morgans zu entziffern. Das macht Spaß, und man hat das Gefühl, für seine intensive Beschäftigung mit einer Serie belohnt zu werden, was für eine erstklassige Atmosphäre sorgt – es ist, als ob wir mit Rick und Co. mitstreunern würden.

Auch sehr hübsch war Morgans Stadtkarte. Ich hätte mir gewünscht, dass jedes Haus durchgestrichen wäre, aber auch so stellte sich plötzlich ein Gefühl der Nostalgie ein, das so eigentlich gar kein Recht hatte zu entstehen – wir haben diese Gegend ja nie wirklich kennengelernt! Einzig Ricks Haus sagt uns etwas, das Morgan als niedergebrannt bezeichnet. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Filmcrew das im Piloten verwendete Haus von Rick nicht bekommen konnte, sondern dient eigentlich als Katalysator für die finale Kampfsequenz der Folge.

Der verlorene Mann.

Morgan indes ist es scheinbar nicht sonderlich gut ergangen. Es ist eine schwierige Aufgabe für Lennie James, weil sich sein Drama gänzlich in der Vergangenheit spielt, und uns nichts anderes präsentiert wird als die von ihm erzählte Geschichte – wir haben bis auf ihn keine lebende Resonanz in der Stadt, Duane nur noch eine blasse Erinnerung. Es zeigt, dass The Walking Dead sich nicht immer auf Bildgewalt (Wortspiel!) verlassen muss, sondern auch die humanen Geschichten mal für sich sprechen lassen kann.

Besonders gefällt mir, wie Morgans Zögern in „Days Gone Bye“ zur Schlüsselszene für seine Geschichte geworden ist, ohne dass sich das damals angekündigt hat. Damals dachte man, dass das Verschonen seiner zum Zombie mutierten Frau bloß an seinem Verstand rüttle, doch in Wirklichkeit war diese Entscheidung ausschlaggebend für den Tod seines Sohnes Duanes, der im entscheidenden Moment ebenfalls nicht den Mut dazu hatte, abzudrücken. Es ist eine tragische Kette von Ereignissen, die Morgan da erlitten hat, und The Walking Dead handhabt sie sehr sorgfältig. Ich bin mir sicher, etliche Details in Morgans Haus übersehen zu haben, die auf Duanes Leben schließen lassen, einzig die Botschaft, dass Duane sich „gewendet“ habe war unübersehbar. Gemeinsam mit Duanes Abwesenheit und leeren Anschuldigungen wie „You gave me the gun„, bei der Morgan selbst nicht zu wissen scheint was er meint, entsteht eine ziemlich faszinierende Atmosphäre – besser hätte ich mir die Rückkehr zu dieser Szenerie nicht vorstellen können.

Walking Dead 3.12 Morgan

Und auch Morgans Entscheidung, in der Stadt zu bleiben, war die gefühlsmäßig richtige für die Show. Es ist zwar schade, dass wir diese Figur damit wohl zum letzten Mal in der Serie gesehen haben, doch angesichts des Zustands von Morgan ist das durchaus nachvollziehbar – und hey, Rick hat sich immerhin bemüht. Plötzlich ergaben auch die überall in der Stadt beschmierten „Clear“-Botschaften einen Sinn, wenn auch diese, Morgans geistiger Verfassung entsprechend, recht wahllos angeschmiert waren – auf einer Autoscheibe entdeckte ich das beispielsweise, und beim Auto erkennt man das wohl auch durchs Hineinsehen. Die Ideologie, seine Gegend von Walkern rein zu halten, ist sowohl faszinierend als auch deprimierend. Morgan hat wohl aufgegeben, daran zu glauben, dass er selbst je wieder in ein soziales Netz passen kann, und dennoch muss er ja einen Grund haben, um sein restliches Leben der Ausdünnung von Walkern zu widmen. Vielleicht ist das für ihn eine Art Abbitte, um seine eigene Schwäche, seine verwandelte Frau nicht umbringen zu können, abzuarbeiten. Vielleicht schwenkt da aber auch ein Funke Hoffnung mit, dass er seinen kleinen Teil dazu beiträgt, dass die Welt eines Tages wieder von neu aufgebaut werden kann.

Die unbekannte Frau.

Clear“ ist die erste Folge, die Rick und uns Michonne näher bringen soll. Für meine Begriffe hat das leider nicht so gut geklappt, doch der Schritt war ein wichtiger. Michonne in die Gruppe zu integrieren („I think she’s one of us“, erzählt Carl seinem Vater am Ende der Folge) war einfach notwendig, obwohl man sich das in vorherigen Episoden leichter hätte machen können. Aber dass Michonne hier überhaupt mal den Mund aufmacht und nicht nur ständig finster blickt – das ist eine Entwicklung, die ich eigentlich nicht beklatschen sollte.

Gesichter der Toten“ muss aber nun mal mit den Karten spielen, die der Episode von den Vorgängern zugespielt wurden, und dafür hält sie sich mehr als anständig. Michonne wird wohl weiterhin die „mysteriöse“ Figur bleiben, die sehr „aufmerksam“ aber verschlossen ist, aber wenigstens ihr Verhalten der Gruppe gegenüber ist nicht länger das einer gekränkten Bulldogge. Ihr heldenhafter Einsatz in Carls Suche nach einem Artefakt seines früheren Lebens zementiert wohl eindeutig, dass sie in Zukunft Teil des A-Teams wird und ihr Leben auch willentlich für die Gruppe aufs Spiel setzen wird. Die ausgearbeitstete Figur ist sie bei Weitem nicht, aber das war wohl auch nie das Ziel ihrer Figur – so lange sie ihre Katana schwingen kann ist sie schon in Ordnung. Auch ihr Austausch mit Rick ändert wenig daran: Es ist schön, sie Rick erzählen zu hören, dass sie auch mal ihren Freund nach dessen Tod gesehen hat, aber so recht wollte das noch nicht klicken. Immerhin: Besserung ist in Sicht, und Michonne ist jetzt da, wo sie für das Endgame der Staffel laut Drehbuch zu sein hat: Auf der Seite von Ricks Armee.

Was vom Tag übrig bleibt.

 „Clear“ ist die poetischste Episode der Serie seit dem Piloten, von Anfang bis zum Ende. Der ihrem Auto hinterher rennenden Kerl, dem sie begegnen, ist das beste Beispiel dafür, dass The Walking Dead auch schöne, leise, in sich geschlossene Kurzgeschichten erzählen kann. Wir haben nie seinen Namen erfahren, nie sein Gesicht gesehen, nie gelernt woher er kam und wieso er allein unterwegs war. Aber das brauchen wir auch alles nicht zu wissen, denn zu nah ist noch der Zusammenprall mit Woodbury, als dass Rick, Michonne und Carl Fremden vertrauen würden – wäre Hershel dabei wäre es was anderes. Mir gefällt, wie kommentarlos die drei bleiben, wohl auch um keine Zweifel zu säen, dass sie hier das Richtige tun. Ob dieser Mensch bösartig war oder nicht – wir werden es nie erfahren. Dass sie für den Rucksack zurückfahren ist schlichtweg konsequent: Effizient überleben haben sie in der Zeit, nachdem sie Cynthiana und Morgan das erste mal verlassen hatten. Moralisch ist das dennoch ein Schlag in die Magengrube, und exemplifiziert sehr treffend, dass nun nur noch gilt: fressen oder gefressen werden.

Clear“ ist eine Episode zum Durchatmen, weg von den Ereignissen am Gefängnis und Woodbury, die zu großen Teilen Schlag auf Schlag gingen – selbst der Zombieangriff, als ihr Auto im Dreck stecken bleibt, geschieht abseits der laufenden Kameras. Stattdessen bekämpfen Morgan, Rick und Carl die Geister ihrer Vergangenheit, und die Schauerlichkeit, seine einstige Heimatstadt nach rund einem Jahr totenstill und voller ominöser Botschaften vorzufinden wird perfekt eingefangen. Und es beeindruckt mich, dass die Serie in dieser einzigartigen Atmosphäre auch noch etwas Sinnvolles für die Figuren zu tun findet. Carls Suche nach einem Bild seiner Mutter, nach dem Brand des Familienhauses wahrscheinlich das letzte auf der Welt, hat mich bewegt. Symbole wie dieses Familienfoto oder das von Rick gefundene Funkgerät, die voller Erinnerungen an vergangene Handlungsstränge stecken, findet die Serie selten, und umso wichtiger ist ein bedachter Umgang mit ihnen. „Clear“ kann das, und deshalb ist es eine der besten Folgen der Serie.

Bla:

– Schade um den „Was bisher geschah“-Segment: Ricks funken verriet schon fast, dass Morgan mit im Spiel sein würde, so sehr ich selbst noch daran zweifelte.

– Michonne mitzunehmen, um ihr ein bisschen Abstand vor Merle zu verschaffen, ist ein cleverer Schachzug. Einerseits verbringen wir mehr Zeit mit ihr, andererseits löst das die Spannung mit Merle ein wenig, sodass das Zusammenleben der beiden plausibler erscheint.

– Carl hätte beinahe zum ersten Mal einen Menschen getötet – und allzu viel hätte es ihm nicht ausgemacht. Rick, kümmer dich um dein Kind! (Andererseits: Man, Carl ist echt ein ziemlich cooler Typ geworden.)

– Die Idee mit den Ratten in den Käfigen: Genial. Warum ist vorher noch nie jemand drauf gekommen?

– „We have inherited the earth.“

– In meiner Kritik hab ich sonst nirgends dafür Platz gefunden: Morgans Vorwürfe an Rick, dass er sich nicht mehr gemeldet hat… er hat Recht! Wir haben Morgan vergessen! Um ehrlich zu sein hätte Rick schon viel viel früher Morgan holen kommen können. Er weiß das, und sein Versuch, sich dafür zu rechtfertigen, scheitert kläglich. Und Rick weiß das. Starker Moment.

– Dass ihnen so schnell die Nahrung ausgegangen ist ist ein wenig unglaubwürdig. Zu Beginn der Staffel waren die Esskartons noch tonnenweise vorrätig, und nachdem die 5 Häftlinge gestorben sind wird eh nicht mehr so viel davon benötigt. Schade finde ich, dass die Truppe nie die Feldbestellung begonnen hat – langfristig werden sie also wohl nicht hinter den Gefängnismauern bleiben können oder wollen…

– „We’re eating his food now?“ – „The mat said ‚welcome'“. Woah, war das ein… Witz von Michonne?

– Walker sind ja wirklich leicht zu penetrieren, wenn es schon reicht, dass sie bloß gegen einen Holzspeer rennen müssen. Ist der Dekomposierungsprozess als Erklärung dafür ausreichend oder handelt es sich dabei um, nennen wir es mal so, künstlerische und kreative Freiheit?

– Mit dabei bei den neuen Waffen: eine weitere Armbrust. Yeeah! (Die war aber nicht im Polizeirevier!)

– Eindeutig merkwürdigster Moment der Folge: Michonne hat ein regenbogenbuntes Spielzeugpferd mitgenommen, und fügte hinzu, sie hätte einfach nicht anders gekonnt. Weil es so süß ist. Michonne?

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Clear“ / „Gesichter der Toten“ erinnert von der Struktur her der Episode „2.10 Ausgesetzt„, überbietet diese Folge aber deutlich in Sachen Tragik, Symbolik und Atmosphäre. The Walking Dead kann sich aus Pacing-Gründen solch eine melancholisch-langsame Folge nicht immer leisten, doch ab und zu gerne, wenn sie so gelingt wie diese, wieder.

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8 Gedanken zu “Kritik: The Walking Dead 3.12 „Clear“ / „Gesichter der Toten“.

  1. Morgan scheint mir der einzig vernünftige zu sein. Er will nicht dabei zu sehen wie andere sterben, aber deckt sich mit haufenweise Waffen ein (inklusiver tödlicher Fallen)?
    Michonne ist der totale Ninja….innerhalb 2 sekunden auf dem Dach eines Hauses….innerhalb 2 sekunden das Bild + Dekokatze aus der vollen Bar mit Zombies geholt.

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