Kritik – Girls 1.02 „Vagina Panik“.

„We’re the ladies.“

Girls geizt nicht mit Reizen im klassischen Sinn, ist sogar außerordentlich freizügig, und trotzdem erfüllt einen das als Zuseher kaum. Hier wird nicht aus Liebe geküsst, nicht aus Spaß Sex gehabt. Stärker als noch der Pilot vermittelt uns „Vagina Panik“ („Vagina Panic“ im Original) die harte Realität junger Menschen, die sich zu viel vom Leben versprechen.

Girls 1.02 adam and hannah

Jessa nimmt ihre Abtreibung in Angriff, und ihre Freundinnen unterstützen sie dabei. Hannah, unsicher über die Verlässlichkeit ihrer Verhütungsmethoden, will die Gelegenheit nützen und sich dabei in der selben Praxis auf Geschlechtskrankheiten testen lassen. Und Shoshanna entscheidet sich dafür, den Ort für ein nicht ganz so überraschendes Coming Out zu verwenden…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Hannah, Marnie, Jessa und Shoshanna plagen sich mit vier unterschiedlichen Formen sexueller Frustration: Hannah wird von ihrem Sexualpartner nicht als Mensch respektiert, Marnies Freund besitzt nicht die für sie nötige Kontur, Jessas Eskapaden als „wild“ zu bezeichnen wäre ein Euphemismus, und Shoshanna beichtet ihren Freundinnen, dass sie noch eine Jungfrau ist. Keine der Frauen ist wirklich glücklich über ihr Sexualleben, außer vielleicht Jessa, und diese weiß kaum was gut für sie ist. Girls‚ zweite Folge ist eine äußerst treffende und schonungslose Darstellung der sexuellen Desillusionierung einer Generation junger Menschen, die zu viel Sex passiv konsumieren. Ob in Literatur, Pornographie oder TV-Serien – Sex wird oft und gerne verherrlicht. Wir konsumieren das aber auch einfach lieber, wenn sich die Phantasien der Protagonisten sich nicht nur mit unseren decken, sondern auch noch erfüllen. Nicht so bei diesen Girls, bei denen es fast schon schmerzt, die Sexualakte mit anzusehen.

Hannah.

Natürlich wird da auch bewusst die Prüderie der Zuseher auf die Probe gestellt – Sex sells ja bekanntermaßen. Girls meidet aber offensichtlich den gewöhnlichen Reiz dieser (obwohl sich die Serie schon in ihrer kontroversen Offenheit aalt) und verwendet sie vielmehr, um die Beziehungen der Protagonisten zu illuminieren. Hannah und Adam sind in „Vagina Panik“ da das beste Beispiel dafür: Man kann in dieser Eröffnungsszene gar nicht anders, als sich innerlich die Nase zu rümpfen. Das ist nicht die Art von Sexszene, die wir aus Filmen oder Serien gewöhnt sind, und dennoch ist sie alles andere als obskur, stattdessen sogar peinlich realistisch – zwei durchschnittliche Menschen, die versuchen, Lust im Akt zu finden, indem sie sich selbst befriedigen und dreckig reden.

Was die Szene aber geradezu unerträglich macht ist der Grad von Misshandlung, den Hannah von Adam erfährt. Adam fräst mit seinem dominanten Rollenspiel tief in Hannahs Selbstwert hinein, und Hannah hat kaum eine Wahl dies zu unterbinden oder sich da heraus zu winden. Ob sich Adam bewusst ist, was es bedeutet, dass er Hannahs Gesicht in den Polster drückt, ihr Gesicht nicht gerade glücklich verzerrt, ist nicht ersichtlich – Adam kommt als nicht besonders selbstreflexiver Charakter rüber, obwohl er laut Hannah in ihrer Anwesenheit doch recht präsent sein kann. Die Demütigung, die Hannah durch Adams Regeln erfährt, ist jedoch zumindest für den Zuseher spürbar. Für Girls ist die sexuelle Repression von Frauen durch die (wortwörtliche) Hand ein überraschend traditionelles Thema, das hier jedoch in Girls-Manier – dass ich das schon nach zwei Folgen sagen kann spricht für sich – explizit dargestellt wird. Und wie wohl vielfach auch im echten Leben gibt es keine wirklichen Konsequenzen für Adam, im Gegenteil: während dieser sich munter auf den Höhepunkt treibt schafft Hannah das nur beinahe. Selbst am nächsten Morgen bleibt Adam, obwohl irgendwie dämlich, durch seinen Charme die dominante Kraft. Frustrierend, aber erstaunlich delikat eingefangen.

Marnie.

Dass Girls auch eine Komödie ist beweist die Serie dann direkt mit der darauffolgenden Szene zwischen Marnie und Charlie. Auch eine Sexszene, die mir die Zehennägel abfallen ließ (praktisch), allerdings aus ganz anderen Gründen: Wieder ist der Kerl schuld, diesmal aber aufgrund der Passivität von Charlie. Obwohl Marnie und er schon seit 3 Jahren zusammen sind muss er nach wie vor bei fast jedem Schritt fragen, ob das für sie okay ist, anstatt sie schon so gut zu kennen. Und natürlich sehen wir sie in der bravsten Missionarsstellung, und Charlie vögelt Marnie so lahmarschig, dass man sich zuerst gar nicht sicher ist, ob sie nicht einfach nur kuscheln. Charlies Versuche, cooler zu sein, sind unglaublich peinlich – einer dieser Momente, an dem man liebsten etwas vor den Bildschirm halten möchte, um sich davor zu schützen. Das soll keineswegs bedeuten, dass die Serie damit einen Fehltritt leiste – zwar handelt es sich nur um eine sehr kleine Steigerung vom Piloten, aber Marnie steht auch eindeutig im Hintergrund in dieser Folge, und insofern gliedert sich dieses kurze, sehr komische Segment nahtlos ein.

Shoshanna.

Dass Shoshanna noch eine Jungfrau ist war nun wirklich nicht schwer zu erraten – aber deshalb rückt die Serie ja auch schon in der Episode direkt nach „1.01 Pilot“ heraus. Damit ebnet man natürlich den Weg für sehr viel Storypotential für ihre (unausweichlich bevorstehende) sexuelle Revolution, und es erlaubt Girls, eine Auffassung von Sex zu beleuchten, von der die anderen Figuren der Serie schon meilenweit entfernt sind. Shoshanna ist die, die sicherheitshalber Bücher über Sex liest und Ratschläge erteilt, weil sie selber noch nicht so weit zu sein scheint, einen Partner zu finden. Für eine 22-Jährige, deren Freunde sexuell sehr versiert sind, stellt das natürlich einen enormen Druck dar – hier ist die Serie eh ziemlich transparent in ihren Dialogen.

Doch Shoshanna spielt nicht nur in der Abtreibungsklinik eine wichtige Rolle, sondern sorgt auch für einen weiteren in dieser Folge erörterten Punkt in Sachen Feminismus: Ist guter Rat teuer, wenn dieser in Buchform geschieht? Darf man sich in eine Kategorie stecken lassen, um sich helfen zu lassen? Shoshanna liest ein paar soziale Regeln aus ihrem Sexualratgeber vor, und diese hören durchaus logisch an – dass Doggy-Style degradierend ist zum Beispiel. Auf der Parkbank bespricht sie mit Hannah und Jessa im Prinzip die Wichtigkeit des Selbstwerts, dass sie die Damen sind und deshalb es verdienen, gut behandelt zu werden. Nur bleibt das für Hannah und Jessa nur Ideologie, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – während Hannah von Adam respektlos behandelt wird, würde sich Jessa in solch einer Situation geradezu wohl fühlen. Letzteres ist nur eine Einschätzung meinerseits, aber so wird Jessa uns nun mal präsentiert – als jemand, der sich sehr sorgenlos und abenteuerlich in ein sexuelles Abenteuer stürzen würde, und ich glaube, Jessa wäre es durchaus recht, jemanden zu finden, der sie wie alles andere als eine Prinzessin behandelt. (Man merkt: Im Gegensatz zu dieser Serie vermeide ich explizitere Inhalte.)

Girls 1.02 we are the ladies

„We’re the ladies“ – das ist ein toller Satz. Ein Satz, der davon spricht, dass sich Frauen gut behandeln lassen möchten, und damit ist selbstverständlich nicht das klischeehafte verwöhnen gemeint. „We’re the ladies“ – da spricht Serienschöpferin Lena Dunham aus Shoshannas Kehle, und wo die unschuldige Shoshanna mit Damen bloß eine hübschere Bezeichnung für Frauen meint, findet Dunham damit einen Ausdruck für einen Identitätskonflikt, den diese jungen Frauen da durchmachen. Die Serie heißt ja nicht umsonst Girls, und nicht „Women“ oder „Ladies“, doch was diese Bezeichnungen unterscheidet ist nicht genau definiert. Klar, Mädchen sind jünger, und die vier Hauptfiguren sind ganz sicher noch keine sicher im Leben stehenden Erwachsenen, doch mit dieser Bedeutungserweiterung, der den Selbstwert dieser Frauen miteinbezieht, erhält der Serientitel eine ganz andere Dimension. Mädchen, das kann auch ein herabwürdigender Ausdruck sein, nicht unbedingt nur von Männern benützt, der Frauen Qualifikationen absprechen kann.

Jessa.

Ganz klar keine Lady sein möchte allerdings Jessa, die auch ihre Abtreibung ziemlich locker nimmt. Ich frage mich ein wenig, warum die anderen überhaupt gerne mit Jessa abhängen – Shoshanna ist ihre Cousine, aber Hannah und Marnie haben bislang nicht wirklich positive Interaktion mit ihr gehabt. Schon im Piloten versetzte Jessa sie, und in „Vagina Panik“ tut sie es wieder, sogar mit Absicht. Sympathiewerte gewinnt sie in dieser Episode bestimmt keine, dennoch ist ihre kleine Nebengeschichte verdammt faszinierend. Die Art, wie sie dem Burschen erzählt, dass es sich nur um Milch handle, ist einfach hypnotisierend – diese Figur bringt es glaubhaft zustande, eine echte Venus-Fliegenfalle aus Fleisch und Blut zu sein.

Obacht Doppelmoral: Wäre sie ein Mann würde ich wahrscheinlich darüber schimpfen, wie skrupellos Jess ein unschuldiges Mädchen aufgabeln und ausnützen würde. So hingegen feiere ich sie, weil es beinah zu komisch ist, wie dieser ahnungslose Typ von ihr verführt und abgeschleppt wird. Selbst ihm ist es fast zu wild, und das schon bevor er ihr in die Hose fahren… muss. Schon ein ziemlich verrückter Moment, zimperliche Zuseher werden spätestens hier von dieser Serie genug haben, denn das ist meines Erachtens schon an der Grenze des guten Geschmacks. Wer allerdings, so wie ich, diese Grenze nicht überschritten sieht, dem wird mit „Vagina Panik“ eine unglaublich gute halbe Stunde Fernsehen präsentiert, die voller diskussionswürdiger Inhalte, sowohl im visuellen als auch übertragenen Sinne, steckt.

Bla:

– Wie unglaublich gut auch das Jobinterview geschrieben war! Ich musste tief grinsen, Hannah bei der Ausübung diverser Interview-Techniken zuzusehen, vor allem was den Smalltalk betrifft. Und grad als ihr der Job fast schon sicher ist lässt sie diese Bombe fallen.

– Weiß nicht, ob das absichtlich war, aber während der Sexszene zwischen Marnie und Charlie fährt die Kamera über die Türschwelle, und wir sehen eindeutig: Die beiden haben die Tür offen gelassen. In der Wohnung, in der auch Hannah wohnt. Man, die Mädels sind echt casual.

– Marnie zu Shoshanna: „Sex is really overrated!“ Was mir am Humor von Girls wirklich gefällt ist, dass man häufig nicht nur schmunzeln muss, sondern laut auslachen darf. So geschehen bei mir in dieser Szene, als Marnie Shoshanna beruhigen möchte und diese Perle von sich gibt. Dabei dreht sich doch ein Großteil der Serie drum (insbesondere fast die gesamte Episode bis zu diesem Punkt)! Erst bei näherem Nachdenken fiel mir dann auf, dass sie sogar Recht hat, weil ja jede der Damen mit ihrem Sexualleben unzufrieden ist.

– Die Nahaufnahmen der Werkzeuge der Gynäkologin, puh, waren ganz schön genial.

– „They couldn’t pay me enough to be 24 again.“ – „Well they’re not paying me at all.“

– Keine Frage: In dieser Episode konnte ich mich weit weniger mit den Problemen der Protagonistinnen identifzieren als im Piloten. Bin gespannt, in welche Richtung die Serie da steuern wird – mehr auf die Probleme der Frauen fokussiert oder doch generell auf jene von zwanzigjährigen Kindern von Eltern aus der Mittelschicht.

– Eigentlich wollte ich Girls-Rezensionen auf 1000 Worte beschränken, aber dann kommt so eine Folge daher, bei der man weder aus dem Schwärmen noch dem Diskutieren herauskommt.

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Girls kann mit seiner zweiten Episode den ohnehin schon ansehnlichen Piloten übertrumpfen. Mit grandiosen Dialogen beleuchtet „Vagina Panik“ erstaunlich viele Aspekte der weiblichen Sexualität, und das in nur knapp 22 Minuten. Man muss kein Feminist sein, um diese Serie zu lieben.

Ein Gedanke zu “Kritik – Girls 1.02 „Vagina Panik“.

  1. Pingback: Kritik: Girls 1.03 “All Adventurous Women Do” / “Alle abenteuerlustigen Frauen haben das”. | Blamayers TV Kritiken

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s