Kritik – The Walking Dead 3.11 „I ain’t a Judas“ / „Judas“.

„You should stop.“ – „Stop what?“ – „Being the leader.“

In „I ain’t a Judas„, auf Deutsch schlichtweg „Judas“ betitelt, dreht sich alles, wie die Titel schon vermuten lassen, um Loyalitäten. Selten behandelt The Walking Dead ein Motif so bewusst und vielseitig wie in dieser Episode – die wirklich gelungenen Überraschungen gehen allerdings auf Kosten von Plotlöchern…

Walking Dead 3.11 Andrea

Woodbury rüstet zum Krieg, und die Einzige, die sich wahrlich dagegen sträubt, ist Andrea. Unfähig, den Governor zu überzeugen, macht sich Andrea auf, um Rick und Co. im Gefängnis zu besuchen und vielleicht diese zu einer friedvollen Lösung der Feindseligkeiten zu bringen. Auf dem Weg dorthin wartet allerdings eine große Überraschung…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Andreas Reise.

Andrea gehört in der TV-Serie nicht gerade zu den beliebtesten Figuren, und das ist nicht unbedingt Laurie Holdens Schuld: Wir haben sie zwar schon vorher den einen oder anderen Fauxpas begehen sehen (Stichwort: Scharfschützengewehr), gerade in der dritten Staffel aber begannen sich ihre kleinen Dummheiten aufzusummieren. Es war schwierig, mit anzusehen, wie sie sich Episode um Episode vom Zauber Woodburys gefangen hat nehmen lassen und sogar mit dem Governor zum zweiten Mal mit dem derzeitigen Antagonist eine Beziehung eingeht. Und so fällt auch das Urteil nach der heutigen Episode aus, wenn wir Andrea dabei beobachten müssen, wie sie sich diesem offensichtlich bösen Mann nun scheinbar doch noch anschließt.

Aber beginnen wir von vorne: Der Governor rekrutiert nicht unbedingt freiwillige Soldaten für eine Schlacht gegen das Gefängnis, und als er sogar Minderjährige rekrutieren beginnt schaltet sich Andrea ein. Besonders glaubwürdig ist das nicht immer geschrieben, gerade der Wunsch einer Mutter an Andrea „to straighten this out“ lässt die Frage offen: Warum muss eigentlich Andrea alles selber in dieser Stadt tun? Kann die Mutter sich nicht selber für ihren Sohn einsetzen, oder wissen etwa alle, dass der Governor mit Andrea ins Bett steigt?

Andreas Plan, dass Milton sie decken soll, klingt ganz gut, nur wird nie ganz ersichtlich, was dieser eigentlich für sie tun soll. Woodbury zu verlassen scheint ja nicht so die Schwierigkeit gewesen zu sein, und so wirklich hilfreich ist Milton im Wald dann auch nicht – mit ein wenig Vorbereitung hätte Andrea das auch allein hinbekommen. Und dann prasseln so viele Plotlöcher in den nächsten Minuten ein, dass es mich nur den Kopf schütteln lässt.

Die Idee, einen Walker a la Michonne als Geruchsdeckung zu verwenden, ist ja keine Dumme – riskant ist allerdings dennoch eine Untertreibung. Immerhin war der von ihr im Zaum gehaltene Walker immer noch recht aggressiv, insbesondere wenn man Michonnes Gefährten aus den ersten Episoden der Staffel vergleicht. So ganz ist mir auch nicht klar, warum Andreas einer Walker ihr Schutz vor weiteren gewährt – Michonne konnte ja genau zwischen zwein gehen, Andrea hingegen hat lediglich einen Walker konstant einen Meter von sich entfernt gehalten. Wenn mehrere Zombies einen Menschen in der Serie attackieren, lassen sie ja auch nicht plötzlich von diesem ab, obwohl sie sich nur noch selber riechen sollten.

Dass dann aber Tyreese und seine Gruppe auftaucht, noch dazu mitten im Wald, ist ein Zufall sondergleichen. Meiner Ansicht nach ist das eine sehr coole und überraschende Entwicklung der Dinge, dass Tyreeses Gruppe dann mit Milton nach Woodbury zurückstapft, dennoch ist die Begegnung schon verdammt praktisch. Warum laufen sie denn eigentlich überhaupt im Wald, wo es auf der Straße doch viel sicherer ist und zudem noch die Chance besteht, Autos, Vorräte oder andere Menschen vorzufinden? Und warum stakst Andrea dann anschließend weiter im Wald voran, wo es nicht nur gefährlicher ist, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, das Gefängnis überhaupt zu finden, geringer ist? Wie weit sind Woodbury und Gefängnis überhaupt voneinander entfernt, wenn man bequem zu Fuß einander erreichen kann? Andrea kann ja kaum eine Pause gemacht haben, weil ihr sonst der Walker Probleme bereitet hätte.

Überläufer.

Tyreeses Anschluss an Woodbury ist mit Bestimmtheit die größte Überraschung der Folge, besonders für Comic-Fans – in diesem ist er von Anfang an auf Ricks Seite und sogar dessen bester Freund. Nach wie vor würde Tyreese äußerst gut zu Ricks Gruppe passen, aber da hat sich das Blatt nun scheinbar gewendet. Und anstatt zu vermuten, dass mit Woodbury irgendwas nicht stimmen könne, machen die vier den Eindruck, als würden sie sich dieser Fraktion aus Überzeugung anschließen. Dass Rick sie fortgeschickt hat hat nun echte Konsequenzen, und man muss sagen: Man nimmt ihnen diesen Überlauf gar nicht einmal übel. Zusätzlich erhöht das die Anzahl der Woodbury-Soldaten, die wir kennen, und Tyreeses Rolle in diesem Konflikt wird plötzlich zu einer wirklich interessanten: Einerseits weiß er, dass da echt gute Leute im Gefängnis sitzen, gegen die sie nun Krieg führen sollen, andererseits hat der Anführer dieser Gruppe Tyreeses Bande ein sicheres Zuhause verwehrt, nur weil Rick beim verrückt werden schien. Und auch wir bekommen einen neuen Blickwinkel – plötzlich sind da Figuren auf der Seite Woodburys, von denen wir sagen können, dass sie von Herzen gut sind, und denen wir auch die Daumen drücken können. Erstmals wird dieser aufbrausende Sturm damit auch für uns zu einem moralischen Dilemma.

Die nächste Figur, auf die sich der Episodentitel bezieht, ist Merle. Diesen hat man erstaunlich geschickt in die Gefängnis-Fraktion integriert. Glücklicherweise hat man eine Diskussion zu Beginn vermieden – da wären nur die selben Argumente gefallen, die wir ohnehin schon kennen. Und nun, da er da ist und auch da sein möchte, macht Merle plötzlich den Eindruck, sich in die Gruppe integrieren zu wollen. Ricks Anweisung an Daryl, dass dieser für seinen Bruder verantwortlich sein würde, spielt da natürlich eine Rolle, aber auch Merle selber scheint nun so etwas wie eine Persönlichkeit spendiert worden zu sein, die nicht ständig nur Unglück sät. Während die Konversion mit Michonne denkbar dämlich verlief – Michonne starrte schon wieder nur finster! – war das Gespräch zwischen den zwei Krüppeln, Merle und Hershel, bedachter. Obwohl ich fast lachen musste, als uns Merle erzählte, wie viel Zeit er in Woodburys Bibliothek verbrachte.

Nicht wirklich ein richtiger Verrat ist hingegen Carls Worte an seinen Vater, dass dieser nicht länger der Anführer der Gruppe sein solle. Auch Hershel, einmal mehr einer der stärksten Figuren der Rick-Fraktion, fordert dessen Handlungen ein, und das eigentlich genau jetzt, wo Rick ohnehin wieder „zurück“ ist – der Angriff von der letzten Woche hat ihn offensichtlich komplett wieder in die Realität katapultiert. Auch Michonne lässt er nun scheinbar, obwohl nicht explizit erwähnt, in den eigenen Räumen verweilen – immerhin ein erster Schritt, um auch diese Figur endlich mal näher zu beleuchten, und der Ausgang in der nächsten Episode wohl der nächste.

Trotzdem gibts, wie eigentlich in jeder Folge, einen Michonne betreffenden Grund, sich die Hände vor dem Gesicht zusammenzuschlagen – ihr Gespräch mit Andrea. Michonne ist also böse auf Andrea, weil diese die Beziehung mit dem Governor der Freundschaft mit ihr vorgezogen habe – bitte was? Weil Michonnes Verdächtigungen gegenüber den üblen Absichten des Governors damals aus der Luft gegriffen schienen machen ihre Vorwürfe hier noch weniger Sinn – Andreas Gefühle für den Governor haben nie den Eindruck gemacht, als wären sie entscheidend gewesen. Auf der anderen Seite ist die Freundschaft zwischen den beiden nie wirklich erforscht worden, wir haben nie den Eindruck bekommen, diese zwei Frauen wären sich in den Monaten, die sie zu zweit überlebt haben, tatsächlich näher gekommen. Das taten sie auch scheinbar nicht, da Andrea einmal erwähnte, sie wüsste beinah nichts über Michonne, und dennoch gibt diese dann so eine pathetische Ansprache, wie der Bund der Freundschaft Andrea hätte dazu bewegen müssen, Michonne zu folgen. Vielleicht sollte man sich daran gewöhnen, dass Michonne wegen allem eingeschnappt wird und große vorwurfsvolle Augen macht. Neben der Verwendung ihres Samurai-Schwertes ist das ja scheinbar das einzige, das sie auszeichnet.

Ein unwahrscheinlicher Plan.

Eigentlich passierte nicht besonders viel in „I ain’t a Judas„, zumindest gab es keine große Actionszene, an die man sich noch Episoden später erinnern könnte. Dennoch fand ich mich gut unterhalten, vor allem von Andreas Wiedersehen mit ihrer nicht mehr ganz vollständigen Atlanta-Crew. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hatte es etwas Beeindruckendes, beinah den gesamten Maincast im Gefängnis versammelt zu sehen, miteinander zu reden, sich einander auf den neuesten Stand zu bringen, und schließlich zu Andreas erneutem Abschied Spalier zu stehen. Erst zum Ende der Folge hin wird ersichtlich, warum gerade in jenem Moment die Musik einsetzt – womöglich war es ein Abschied für immer. Nicht, dass Andrea die interessanteste Figur wäre, aber die Mischung aus Misstrauen und Hoffnung, die Ricks Gruppe Andrea gegenüber empfinden, sorgte für eine sehr interessante Atmosphäre. Großteils zumindest.

Walking Dead 3.11 the group

Carols Idee, den Governor im Bett zu ermorden, hielt ich zuerst für eine ziemliche Schnappsidee – einerseits ist das nicht wirklich ihr Stil, und andererseits würde sich der Governor ja kaum darauf einlassen. Außerdem würde diese Entwicklung rein dramaturgisch überhaupt nicht passen, nachdem man den Governor schon die ganze Staffel über quasi als „Endgegner“ aufbaut. Umso verwunderlicher ist es dann aber, dass Andrea sich tatsächlich vornimmt, „Philipp“ zu verführen und anschließend hinterrücks zu ermorden.

Das passt beispielsweise überhaupt nicht zu der Szene, in der Milton dem Governor von Andreas bevorstehender Flucht berichtet, sowie dem Ausspruch des Governors, dass Andreas Loyalitäten womöglich nicht bei Woodbury lägen. Er hat sie ja verdächtigt – warum lässt er sie dann so nah an sich heran, nachdem sie entgegen seiner Befehle die Siedlung heimlich verlassen, das Gefängnis besucht und dort mit den Feinden des Governors geredet hat? Worin liegt dann die Signifikanz dessen, dass der Governor von Milton informiert wird, wenn er ihr dann doch wieder blind vertraut? Und nicht zuletzt sprühten die Funken zwischen Andrea und Philipp in den vorherigen Episoden ohnehin nicht – die Affäre in „Judas“ macht dadurch einen umso forcierteren Eindruck. Ich rechnete fest damit, dass der Governor Andrea eine Falle stellte (allein schon mit seiner Fragerei), aber dann ist es doch lediglich Andreas Gefühlswelt, die den Governor vor dem vorzeitigen Tod rettet.

Und das raubt dem Governor so viel an Präsenz, wenn er sich so leicht um den Finger wickeln lässt. Anstatt ständig auf der Hut zu sein erscheint er vielmehr als geradezu naiv, Andrea nach ihrem Besuch beim Gefängnis so blind zu vertrauen. Da fällt The Walking Dead wieder in seine alten Laster zurück, wenn es die Prota- und Antagonisten als dämlich zeichnet, nur um für Spannungsmomente zu sorgen. Warum nun Andrea den Governor nicht umbringt, das ist eine komplexere Frage. Vielleicht weil Rick und Co. sie nicht gerade willkommen hießen und sie ihren Platz nun doch in Woodbury sieht? Oder haben sich da etwa tatsächlich Gefühle für „Philipp“ entwickelt? Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Serie mit dieser Erklärung aufwartet, auch wenn die Chemie der beiden nicht die beste ist. Oder vielleicht handelt es sich einmal mehr einfach nur um einen „dummen Fehler“ – es wäre nicht Andreas erster.

Bla:

– Im Netz ist es schon fast Kult, die post mortem Erwähnungen T-Dogs zu bewundern – in „Judas“ fällt sein Name sogar zwei mal! Wirklich witzig, jetzt zu hören, was für ein Held T-Dog doch sei und wie sehr er vermisst wird, wo wir ihn schon kaum kennen lernen durften.

– Was ich noch in „3.10 Home“ kritisiert hatte, diesmal aber besser ist: Die Angst vor Scharfschützen von Woodbury. Nun verhält sich die Gefängnis-Bande, sobald sie draußen ist, nicht nur militärisch, sondern sucht auch stets Schutz. Warum nicht gleich so.

– Axel hingegen ist jetzt schon fast vergessen. Wenigstens Carol, so hätte ich gedacht, wäre da ein wenig gerührter gewesen, wo sie doch hinter seinem Leichnam sich verstecken musste.

– Bin ein großer Fan solch Lagerfeuerlieder, und ich fand besonders den Übergang von Beths Gesang zum Spielen des richtigen Songs mit Instrumenten recht gelungen: kaum merkbar hinter Ricks Worten versteckt.

– Die Flamme vor das zerschundene Auge zu halten war schon verdammt gruselig. Ich hab da nicht die Nerven dafür – ich muss mir da die Hand vor die Augen halten. Dennoch eine faszinierende Szene. Ich nehme mal an, dass er mit der Hitze die Wunde verschließen wollte, es aber nicht konnte (im Gegensatz zu Merle in Staffel 1). Vielleicht lockte ihn auch einfach die Gefahr und der Schmerz, die seine sadistische Ader in den Vordergrund rücken.

– Auch nicht ohne war die Zerstückelung des Walkers, mit dem Andrea gen Gefängnis „schlich“. Das Zerstören des Unterkiefers erinnerte mich frappierend an American History X, von dem ich damals fast Albträume bekam, genau aufgrund dieser Art von Gewalttat. The Walking Dead ist ja offensichtlich bemüht, in jeder Episode mindestens ein oder zwei möglichst grausige und gewaltsame Momente zu beinhalten, und ich finde das schon faszinierend, dass man es schafft, jede Woche neue Arten von Verstümmelung zu finden. (Das liest sich nun ungewollt morbide.)

– Dennoch gabs auch ein paar witzige Szenen, allen voran Miltons Art, einen Zombie auf sich aufmerksam zu machen: „Hey!“ Auch Andreas nonchalante Antwort „Nope, I’m good.“ auf Tyreeses Angebot, ob sie allein im Wald Hilfe brauchen würde, brachte mich zum schmunzeln, als ob sie täglich solche Spaziergänge unternehme. Ebenfalls einen Lacher wert, in einer erstaunlich realistischen Szene: In alter Cop-Manier drückt Rick Andrea gegen den Zaun, nur um sie Sekunden später davon wegzuziehen, weil sie dort beinah die Walker angeknabbert hätten.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Trotz Absenz von großen Actionszenen ist „I ain’t a Judas“ eine unterhaltsame Episode, die allerdings vor logischen Lücken nur so strotzt. Neben dem üblichen Mix aus guten und schwachen Momenten liefert uns die Folge ein paar tolle neue Entwicklungen für die Serie.

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3 Gedanken zu “Kritik – The Walking Dead 3.11 „I ain’t a Judas“ / „Judas“.

  1. Wie geil die Szene mit dem Governor und seinem Auge war. Erst hällt er sich das Streicholz vors linke Auge und deckt es mit der Augeklappe ab und als er aufsteht……linkes Auge wieder ganz und rechtes Auge mit Augeklappe!! xD

  2. Pingback: Kritik: The Walking Dead 3.14 “Prey” / “Der Fang”. | Blamayers TV Kritiken

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