Girls 1.01 „Pilot“: Kalter Entzug.

„NO MORE MO-NEY.“

Der vielleicht gefeiertste Serienneustart des Jahres 2012 war Girls, das zwar noch im selben Jahr in Deutschland seine Premiere fand, mich aber erst kürzlich erreichte. Kein Wunder: Mainstream-tauglich ist die Serie bestimmt nicht, eine Ausstrahlung im Free-TV wäre höchstens auf arte denkbar. Schade, denn Girls würde sich absolut ein größeres Publikum verdienen.

Girls 1.01 posterHannah ist eine junge New Yorkerin, hat Englisch studiert und arbeitet ehrenamtlich, mit der Aussicht, demnächst dafür bezahlt zu bekommen. Nun ist es aber schon zwei Jahre her, dass sie ihr Studium abgeschlossen hat, und die Eltern beschließen, den Geldhahn zuzudrehen. Hannah purzelt aus allen Wolken, denn zu den typischen Problemen, mit denen eine Frau in ihren Mittzwanzigern hadern muss (Freunde, Männer, Selbstwert), kommt nun auch ein eklatanter Geldmangel hinzu…

Vier junge Frauen in New York sind die Hauptprotagonisten dieser Serie – da liegt der Vergleich mit Sex and the City natürlich auf der Hand. Das ist der Serie natürlich bewusst, zeigt sie schon in diesem Piloten gleich ein Sex and the City-Poster an der Wand einer der Mädchen. Gleichzeitig befindet sich der Lifestyle der vier auf dem ganz anderen Spektrum – anstatt Glamour und Glitz gibts einen Einblick, wie es hinter der Fassade aussehen könnte. Schon mit „Kalter Entzug„, so der „Pilot“ im Deutschen betitelt, räumt Girls mit so einigen Illusionen auf, die Sex and the City schamlos projiziert.

Das bezieht sich auf eine Reihe von Themen, die in Girls scheinbar im Mittelpunkt stehen, wie zum Beispiel dem Sex. Lena Dunham, Autorin, Regisseurin, Erfinderin und Hauptdarstellerin der Serie, ist sich nicht zu schade, da in die Bresche zu springen. Sex wird sehr offen thematisiert, untypisch für amerikanische Serien eigentlich, und auch recht graphisch präsentiert. Die Sexszene zwischen Hannah und Adam etwa ist doch eine ziemlich intime, und selbstredend auch recht merkwürdig und so richtig schön awkward. Man muss diesen Stil schon mögen, um die Faszination von Girls wirklich zu begreifen, aber die Szene kann durchaus sehr komisch sein, wenn man die Peinlichkeit als solche begreifen kann.

Diese Sexszene, wie ich gelesen habe nur die erste von vielen in der Serie, verstärkt natürlich die Aussage, dass hier so gar nichts abläuft wie man es gerne hätte – bei diesem Geschlechtsakt hat man das Gefühl, dass sich keiner von beiden wirklich besser fühlt danach, insbesondere Hannah, die den untergeordneten Teil spielt. Ja, man hat fast das Gefühl, Adam würde sie benüzen, bis wir merken, dass Hannah auch gern mit ihm redet. (Allerdings scheinbar nicht sehr viel oder noch nicht besonders lange: Hier erfährt sie erstmals, wie Adam über die Runden kommt: Seine Großmutter zahlt ihm 850$ im Monat, einfach so.) So wenig wir von dieser Beziehung und von Adam wissen – romantisch ist die Beziehung nicht. Für Hannah scheint es eine Art Außenstelle zu sein, um Liebe geht es nicht unbedingt. Das mit Adam ist eine schwierige Geschichte und wird bestimmt in den weiteren Folgen noch näher beleuchtet.

Aber es geht nicht nur um Hannah, sondern auch um drei andere Mädchen: Hannahs Zimmerkollegin Marnie, die soeben zurückgekehrte Jessa sowie Shoshanna, die kindlichste der Clique. Jede hat so ihre kleinen oder größeren Problemchen: Marnie etwa verbringt die Nacht viel lieber in Hannahs Bett, weil ihr ihr gutmütiger Freund Charlie mächtig auf die Nerven geht. Charlie ist eine wahnsinnig peinliche Figur, die aber auch für viel Humor sorgt: Als dieser etwa Marnie vorschlägt, was „Verrücktes“ zu machen, möchte er möglichst maskulin wirken, aber eigentlich weiß er gar nicht, was er mit „verrückt“ meint – das soll lieber Marnie entscheiden. Natürlich muss ein Mann nicht immer der dominante Partner sein, aber Charlies Biederheit ist doch schwer zu toppen.

Während wir von Shoshanna noch wenig wissen haben wir schon ein klein wenig besseres Bild von ihrer Cousine Jessa. Diese ist scheinbar mächtig stolz auf ihre Weltkenntnisse, besitzt aber gleichzeitig wenig Feingefühl was zum Beispiel ihre Willkommensfeier betrifft – da ist sie erstmal ein paar Stunden zu spät. Und scheinbar ist sie auch die umtriebenste der Bande – vor ihrem Abgang hatte sie noch eine Affäre, und kaum ist sie wieder da offenbart sie Marnie, dass sie schwanger ist.

Doch „Pilot“ beschäftigt sich mehr mit Hannahs Dilemma mit dem Geld. Wirklich Hut ab vor den Dialogen, sie zeichnen so akkurate Bilder von den Figuren. Besonders das Gespräch zwischen Hannah und ihrem Boss kommt mir da in den Sinn – während Hannah, zugegeben leicht naiv, nach Bezahlung fragt, gibt ihr Boss nur ein „I’m sorry to see you go“ von sich, ohne lang zu überlegen, so, als ob er es schon lange hat kommen sehen. So, als ob er Hannah absichtlich über Monate lang im Glauben gelassen hat, sie könne später für diese Arbeit bezahlt bekommen. Er ist keine Karrikatur, und dennoch schafft Girls es, ihn innerhalb einer Minute zu einem äußerlich charismatischen, aber dennoch höchst verachtenswürdigen Figur auszubauen. Wow.

Und schließlich die Eltern, die denken, Hannahs Lebensstil wäre „groovy„, und ihr deshalb einen „final push“ geben wollen. In dieser Serie gibt es keine Figur ohne grundlegende Schwächen, am ehesten noch Hannahs Mutter – während ihr Vater, eigentlich ähnlich wie Charlie, nicht besonders entscheidungsfreudig ist, vermisst man an Hannahs Mutter die Gutmütigkeit. Nicht, dass die jahrelange Finanzierung von Hannahs schwierigen Jobaussichten nicht geschätzt würden, aber der Entzug des Geldes kommt dann doch recht plötzlich daher. Fünf Tage, um sich einen Job zu suchen, ist nicht besonders viel.

Girls 1.01 dinnerDie Pot-Storyline ist nicht die ausgefallenste, aber es bleibt dennoch stets das Gefühl einer ehrlichen Geschichte. Zum Schluss bekommt Hannah doch noch Geld zugesteckt, allerdings auf eine Weise, die ihr klar sagt: Du musst jetzt selber auf dich schauen. Die Eltern sind nicht mehr da, als Hannah aufwacht, für Essen ist ebenfalls nicht gesorgt. Dass Hannah das Trinkgeld für die Hotelangestellten stiehlt zeigt uns, dass sie im Grunde schon recht selbstgerecht ist, auch wenn sie ein wenig das Gefühl hat, nichts wert zu sein – auch einer der Gründe, warum sie sich von Adam so behandeln lässt. Summa sumarum will man es ihr nochmals durchgehen lassen, weil sie in größeren Schwierigkeiten steckt als es das Zimmermädchen sein könnte (immerhin hat es einen Job), obwohl wir wissen, dass es Diebstahl ist. Aber in Hannahs Welt sind die Grenzen nicht so klar ersichtlich, und diese Grenzen zu ertasten – ja, das ist auch Teil des Erwachsenwerdens, den Hannah in Girls noch vor sich hat.

Bla:

– Geradezu ironisch ist es, dass der deutsche Ausstrahler der Serie glitz* heißt, wo die Serie Glamour und Glitz absichtlich von sich fern hält.

„Do you mean like physically hungry or hungry for the job?“

– Persönliche Lieblingsszene: Hannah erzählt, wie sie zu ihren Tattoos gekommen ist – ein Moment mit viel Poesie. Spätestens hier muss man die Parallelen mit Lena Dunhams eigenem Leben erkennen, und man fragt sich, wie weit sie wohl gehen.

– Lena Dunham als Hannah ist mit Bestimmtheit nicht die Idealvorstellung einer Frau für viele Männer, aber ich persönlich habe einen mordsmäßigen Crush auf sie, und für mich selbstredend ein Mitgrund, die Serie weiter verfolgen zu müssen. Ich versuche natürlich dennoch, ganz neutral über ihre Figur zu schreiben, auch wenn ich deshalb ihr Gewichtsproblem nicht so recht nachvollziehen kann.

„Let’s play the quiet game…“

– Habe ja ein Faible für scharfe Beobachtungen über unser Leben. Girls scheinbar oder hoffentlich auch, die Hierarchie der Kommunikationsmittel (face-to-face, telefonieren, E-Mail, SMS, facebook) fand ich sehr gelungen.

„When I look at both of you, a Coldplay song plays in my heart.“ Wirklich jede Menge gute Zitate, und trotzdem hat man nicht wirklich das Gefühl, dass die Sprache gekünstelt wirke.

– „I think I may be the voice of my generation.“ In der Situation hat das zwar eine ironische Bedeutung, und von Hannahs Schreibkünsten wissen wir noch nicht genug, um sagen zu können, ob das stimmt – doch der Satz hat durchaus eine Meta-Bedeutung. Ich bin ja selber in dem Alter und in einer ähnlichen Lebenslage, zwar kein Mädchen, aber ich habe dennoch das Gefühl, dass mir die Serie aus der Seele spricht – etwa in Sachen Existenzangst, Selbstfindung oder Eigenverantwortung.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Girls fängt erstaunlich ehrlich und scharfsinnig die Ängste einer Generation ein. Der Humor ist nicht jedermanns Sache, und auch die Sexszenen mögen manchem bitter aufstoßen. Doch wer sich mit dem rohen Ton anfreunden kann, dem wird eine fantastische Serie geboten.

2 Gedanken zu “Girls 1.01 „Pilot“: Kalter Entzug.

  1. Pingback: Kritik: Girls 1.06 “The Return” / “Zu Hause”. | Blamayers TV Kritiken

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