The Walking Dead 3.10 „Home“: Zuflucht.

„You’re the one who’s leaving… again.“

Nach einer so ruhigen Episode wie „3.09 The Suicide King“ folgt nun das zuerst ebenso still stehende, nicht ganz so schöne „Home“ – bis dann in den letzten 10 Minuten unerwartet die Fetzen fliegen. Nur leider macht die Serie da mal wieder so gar keinen Sinn.

Walking Dead 3.10 Dixon bros

Rick ringt nach wie vor um seine Vernunft. Die anderen sind derweil sich selbst überlassen, einzig Glenn versucht in die Anführerfußstapfen zu steigen – mit mäßig Erfolg. Die Dixon-Brüder müssen einsehen, dass sie moralisch einfach auseinandergedriftet sind, und in Woodbury wird um Andreas Loyalität gehadert…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Rick.

Der Übergang von der Vorepisode zu dieser ist, milde gesagt, nicht besonders ausgereift. Schon allein aufgrund der völligen Abwesenheit von Tyreeses Gruppe – sind die nun etwa tatsächlich gegangen, oder hat man sie aus irgendeinem Grund bloß nicht gezeigt? Ersteres geht allerdings nicht wirklich aus dem Ende von „The Suicide King„/ „Kriegsrecht“ hervor – sollten sie jetzt wirklich auf den offensichtlich verrückt gewordenen Rick gehört haben? Hat da die Gruppe denn nichts gesagt? Hat man Ricks Entscheidung einfach so zur Kenntnis genommen, wo doch absolut jeder im Raum für eine Aufnahme von Tyreeses Gruppe war? Das Gespräch war noch nicht zu Ende, und dennoch scheint ein Entschluss gefallen zu sein.

Und dann lässt man Rick lebensmüde außerhalb des Zauns herumstreunen. Es macht ja durchaus Sinn, dass gerade der Gefängnis-Papa Hershel mit ihm reden will, die beiden verbindet so einiges: beide die einzig verbliebenen Eltern im Gefängnisblock, schon auf der Farm zusammengearbeitet, seit dem Scheunen-Massaker im Grunde auf der selben Linie, und auch schon der verständliche Draht, als Rick das Telefon entdeckt hat. Nur ist Hershel auch gerade der, der Rick tatsächlich allein in der Gefahrenzone herumirren lassen würde, wo er doch an Ricks müdem Gesicht sehen muss, dass er kurz davor steht, aus den Latschen zu kippen. Für Ricks Entwicklung ist dann der Angriff durch den Governor sicher sehr gut getimet – ein Warnsignal, dass er wieder in die Wirklichkeit zurücktreten und sich um die Lebenden kümmern muss.

Dass wir Sarah Wayne Callies (Lori) tatsächlich zu Gesicht bekamen hat mich  positiv überrascht, weil man sich zuerst noch geziert hat, sie von vorn zu zeigen – ganz so geizig war man dann also doch nicht. Ihr Erscheinen am Friedhof hatte durchaus was melancholisches, zum Teil auch aufgrund der fantastischen, durchaus nicht genug verwendeten Musikunterlegung. Andererseits spielte sich Loris Erscheinung beinah genau gleich ab wie in der Vorfolge, ohne neue Erkenntnisse oder Einblicke in Rick zu liefern. Rick gibt zwar erstmal zu, dass es wirklich Lori ist, die er sieht, aber das hätte Hershel nun wirklich selber rausfinden können, wenn er 2 und 2 zusammenzählt. Es hilft natürlich auch nicht gerade, dass Lori eine so schwache Figur war, dass sie kaum jemand vermisst und die Wiedersehensfreude sich in Grenzen hält, aber dennoch wird man das Gefühl nicht los: Irgendwie wäre da mehr drin gewesen.

Die Dixons.

Das beste Material wird den zwei Dixons geliefert. Ihr Zusammentreffen mit der Latino-Familie, die ohne die beiden wohl mit Bestimmtheit ausgelöscht worden wäre, ist sicher ein großer Zufall – immerhin ist laut Zeitlinie schon rund ein Jahr vergangen. Allzuoft darf die Serie sich nicht mehr auf solch streunende Gruppen verlassen, vor allem solch unbedarften wie diese. Das Auseinandergehen hingegen ist (für The Walking Dead) erstaunlich nuanciert – niemand wird den Zombies zum Fraß vorgeworfen, jeder kommt glimpflich davon. Kommunikation ist sprachlich nicht möglich, und von nonverbaler Kommunikation halten die Dixons eher weniger. Doch dass Daryl schließlich die Waffe auf den eigenen Bruder richtet, das verstehen sie schon.

Der anschließende Dialog zwischen den Gebrüdern gibt uns einen tiefen Einblick in die Dynamik der beiden sowie ihren Hintergrundgeschichten. Es ist schon eine Weile her, dass ich Staffel 1 gesehen habe, um einschätzen zu können, wie gut sich Merles Behauptung, die beiden hätten vorgehabt, die Gruppe zu überfallen, eingliedert – aber vom Gefühl her würde ich sagen, dass sich das mit dem damaligen Dixon-Ethos deckt. Die Idee stammte offensichtlich von Merle, und sie unterstreicht die Entwicklung, die Daryl unterzogen hat, im Gegensatz zu jener von Merle, bei dem sie nicht stattfand. Und dieser Stillstand wird zum Entscheidungspunkt, Merle zum Entscheidungsträger – das Plündern und das Übergreifen auf andere Menschen muss aufhören. Es ist natürlich dämlich, dass diese Figur diese Attribute auf solch extreme Weise besitzt, da sie (wie wir in Staffel 1 erfuhren) sich ja nicht erst nach dem Ausbruch der Zombieplage entwickelten. Aber die Serie muss mit dem arbeiten, was sie sich zu Beginn eingebrockt hat, und dafür geht sie mit Merle eigentlich recht geschickt um.

Aufgrund von Merles starkem Akzent ist die Serie im Original gar nicht so einfach zu verstehen, darum ist der Grund für Merles Überraschung über Daryls Narben vielleicht gar nicht so leicht zu sehen. Soweit ich verstanden habe stammen diese vom gemeinsamen Vater, weswegen Merle frühzeitig der Familie den Rücken kehrte. Wie bei der Enthüllung über den geplanten Überfall kommt diese Erkenntnis zwar aus dem Blauen heraus, aber man muss auch bedenken, dass dies erst die zweite Episode ist, in der die beiden miteinander zu sehen sind – von der mittelmäßigen Traumsequenz in Staffel 2 mal abgesehen. Merle bleibt, wohl entgegen vieler Erwartungen, eine der interessantesten Figuren der Staffel. Die Integration in Ricks Gruppe wird problematisch, vor allem die Paarung mit der nach wie vor unterentwickelten Michonne.

Governor und Angriff.

Manchmal wirft die Serie sehr gute Köder aus, in dieser Folge gleich zwei. Einer davon ist die vorgebliche Vernunft des Governors zu Beginn – als er Andrea erläutert, er würde nicht zum Gegenschlag ausholen, machte er erstaunlich viel Sinn. Bei seinem Lob für Andreas Führungsqualitäten steckt selbstredend die Versicherung ihrer Loyalität im Vordergrund, aber sonst hat man das Gefühl: Plötzlich hat er wirklich das Wohl Woodburys im Sinn. Solch einen Gesinnungswandel würde ich The Walking Dead abkaufen. Wohl oder übel bleibt die Serie allerdings seiner Figur treu und besteht auf dessen Irrationalität. Gut, ein Gegenschlag ist sicher nicht abwegig, doch wie dieser abläuft… nunja.

Axels Tod ist der zweite Köder, den man an Land zieht. Was zuerst wie der Aufbau einer Beziehung zwischen Carol und ihm aussieht stellt sich bloß als roter Hering heraus. Mir gefällt, wie undurchsichtig ihn seine letzte Folge gemacht hat – diesmal erzählt er Carol eine andere Geschichte, wieso er inhaftiert ist, aber so ganz glaubwürdig ist sie auch nicht wirklich – welcher Insaße behauptet schließlich nicht, unschuldig zu sein. Und irgendwie nahm ich den zwei Figuren das auch total ab, sich plötzlich einander anzuziehen: Axel wollte das ja ohnehin schon seit ein paar Folgen, und Carol stand nach dem vermeintlichen Abschied Daryls auch nichts mehr im Wege. Und dann so ein plötzliches Ableben, absolut unvorhersehbar, selbst für Comic-Fans (in dem Axel ebenfalls beim Angriff durch den Governor durch einen Kopfschuss stirbt). Dass Carol sich im Kugelhagel hinter Axels leblosen Körper verstecken muss erhöht nochmal die Dramatik; Ein furchtbares Schicksal für sie, eine fesselnde Sequenz für uns.

Die große Schießerei ist dann ziemlich episch inszeniert, macht im Großen und Ganzen allerdings kaum Sinn. Dass schon gegen Ende von Staffel 2 beinah alle Figuren richtige Heckenschützen waren war leicht unglaubwürdig, doch der plötzliche Umschwung in dieser Folge ist ein neuerlicher Bruch mit dem Realismus. Der Governor steht mitten auf dem Feld, bietet die größte Zielscheibe an – und trotz der mehrminütigen Schießerei trifft ihn nicht eine Kugel. Und da ist noch gar nicht mit einbezogen, warum sich dieser überhaupt so exponiert hinstellt und in die Luft ballert. Einzig möglicher Grund ist dessen Selbstüberschätzung und Tollkühnheit, die bis ans verrückt sein grenzt – aber wie glaubwürdig, wie gut funktioniert das in der Serie? Der Governor macht den Eindruck eines überlegten, intelligenten Mannes, und als solcher wäre er durchaus furchteinflößend. Doch leider entpuppt er sich als naiver Mann, zwar von Rache getrieben aber schlussendlich doch nicht sonderlich durchdacht. Anstatt seine Schachzüge zu fürchten muss man sich als Fernsehzuseher auf das Glück/ Pech verlassen, ob ihn eine Kugel trifft oder nicht.

BAM BAM BAM! Vögel schießen mit dem Governor.

BAM BAM! Vögel schießen mit dem Governor. Mit einer Hand zielt es sich eher schlecht.

Gut, einen cleveren Zug tätigt er schon: Die Zerstörung der Eingangstore. Das ist nicht nur recht cool in Szene gesetzt (die Kameraeinstellung vom aufgestoßenen Zaun aus erinnert fast schon an Breaking Bad), sondern hat weitrechendere psychologische und reale Konsequenzen für Rick und Co. Zum einen zeigt es, dass sie hinter den Zäunen längst nicht so sicher sind wie gedacht, der Governor kann diesen einfach niederrammen lassen. Zudem ist das ein erneuter Rückschlag für die Herberge des Gefängnisses – neben einem noch nicht identifizierten Sicherheitsloch irgendwo in den Katakomben steht nun auch der Haupteingang sperrangelweit offen. Hershels einstiges Vorhaben, Essen anzubauen, dürfte damit erstmal auf Eis gelegt sein, und generell ist die Bewegungsfreiheit der Gruppe damit mal wieder eingeschränkt. Die Walker aus der Ladeklappe waren das Sahnehäubchen Hohn, nie eine echte Bedrohung, aber ein Wink mit dem Zaunpfahl: Hier gibt es keinen Frieden zu finden. Darauf bezieht sich ja auch der Episodentitel und auch eine frühere Diskussion zwischen Glenn und Hershel, ob das Gefängnis wirklich noch ihre Heimat werden kann, wo die Nachbarn so eine Unruhe verbreiten.

Doch dann ziehen die Mannen des Governors ab, ohne einen ersichtlichen Grund. Scheinbar soll dies nur ein Warnfeuer gewesen sein, aber dennoch: Warum? Seine Mannen hatten die Oberhand, Ricks Gruppe war zerstreut, unvorbereitet, und hatte dann plötzlich mit dem Rudel Walker aus dem Lieferwagen zu tun. Munition wird es wohl kaum gewesen sein, die verschwendete man zuhauf recht gedankenlos. Und auch Ricks Gruppe verhält sich mehr als dämlich: Als der Governor davonzieht kriechen alle hervor und bekämpfen die Zombies im Offenen. Hätte der Governor noch einen Heckenschützen positioniert wären sie nun alle tot. Aber damit rechnet natürlich niemand, der Rückzug der Woodbury-Mannen ist absolut. Und wo sind eigentlich die Walker während des Schusswechsels? Rick wird glücklicherweise erst besucht, als die Woodbury-Soldaten von dannen gezogen sind, und die Woodbury-Leute werden überhaupt von Walkern ignoriert.

Der ganze Schusswechsel hätte wirklich gut sein können, doch ständig bricht die Serie den aufgebauten Realismus durch solche Goofs. „I think in time it will make sense„, meint Rick da optimistisch, aber so meta war dieser Satz sicher nicht gedacht. Es ist erstaunlich, wie Staffel 3 mit so guten Vorsätzen gestartet war, um dann doch die altbewährten Fehler wieder zu begehen – nur diesmal in anderem Gewand. Aber egal was die Serie macht – süchtig macht sie nach wie vor, und das belegen nicht nur die Zuschauerzahlen.

Bla:

– Ich wette, dass Merle am Ende der Staffel sterben wird. Ich bin mir nicht sicher, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass all seine Geschichten bis dahin erzählt worden sind, und er damit zum tragischen Held gemacht werden würde – zuerst der Wandel zum Guten (soweit das bei ihm möglich ist) und anschließend der Tod für die gute Sache. Zudem gäbe das dem Governor eine, in seinen Augen, gerechte Befriedigung.

– Bester Moment der Folge: „… that Chinese kid…“ – „He’s Korean.“ Nicht nur, dass diese Konversation Worte aus der ersten Staffel wiedergibt – in diesen wenigen Worten steckt genau das, was die Dixons ausmacht und unterscheidet: Merle ist es egal, während Daryl sich fast schon für seinen Freund verletzt gibt, für eine Unterscheidung, die ihm ein Jahr zuvor wohl selbst noch egal gewesen wäre.

– Wie kam eigentlich ein Woodbury-Soldat auf den Gefängnisturm? Das Tor war doch abgesperrt…?

– Michonne war mal wieder ein richtiger Non-Faktor in dieser Episode. Vor allem enttäuschend ist, dass sie nun doch wohl einfach so bleiben darf, obwohl Rick noch in der Episode davor klarstellte, dass es nicht so sein würde. Irgendwann muss sich The Walking Dead mal entscheiden, was mit ihrer Figur geschehen soll, und dann auch entsprechend in diese Richtung Handlungen setzen. Zumindest ihre Ninja-Schwertkunst kam sehr gut zur Geltung, aber das ist bislang auch das einzig Positive an ihr.

– Glenn und Maggie: Muss ich das verstehen? Hier hat sich die Serie meines Erachtens ein wenig selber übernommen. Da schwankt die Serie zwischen gefühlvoll und irrational: Warum etwa hat Maggie das Gefühl, sie müsse sich dafür entschuldigen und verteidigen?

– Glenns Versuch, zum Entscheidungsträger zu werden, ist ziemlich interessant, weil wir sehen, dass das gar nicht so einfach ist. Die Idee eines Gegenschlags bei Nacht stößt schon gleich auf Widerstand, sie sind schließlich keine Assassine, und so muss Glenn lernen, mit seiner Wut im Bauch umzugehen. Spannend.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Home“ arbeitet weiter daran, die Figuren dreidimensionaler zu machen, und besonders die Dixons und Carol profitieren davon. Knackpunkt der Episode ist allerdings die große Schießerei in den letzten 10 Minuten, die zwar spannend ist, bei genauerer Beleuchtung viele (Schuss-) Löcher aufweißt. Warum Tyreese und Co. aufgrund der Entscheidung des unter Halluzinationen leidenden Ricks das Gefängnis verlassen mussten ist allerdings nicht wirklich verständlich.

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