The Walking Dead 3.09 „The Suicide King“: Kriegsrecht.

„We started something last night.“

So wie BlamayerTV nun endgültig aus der Winterpause zurück ist, kehrt auch The Walking Dead wieder auf die deutschen und amerikanischen Mattscheiben zurück. Mit 12,3 Millionen bricht die Serie dabei erneut die von sich selbst aufgestellten Zuschauerrekorde, der Erfolgszug scheint kein Ende zu nehmen wollen. „The Suicide King“ (zu deutsch „Kriegsrecht“ betitelt) ist, wie viele der Folgen der dritten Staffel ein Testament dafür, dass die Serie sich wirklich bemüht, auch qualitativ zu wachsen. Aber irgendwo steckt dann doch immer ein kleiner Wurm drin.

Walking Dead 3.09 Brothers

Die Nacht in Woodbury hinterlässt vielerlei Spuren, und das nicht nur im Gesicht des Governors: Die Bewohner Woodburys verfallen in Panik und Zwist, und den Governor scheint das nicht sonderlich zu interessieren. Auch Ricks Gruppe ist lädiert und uneins, mit der ominösen Michonne und Tyreeses Bande als neu hinzugekommene Unsicherheitsfaktoren. Und natürlich Merle Dixon, der so gar nicht zur Gruppe passen will – da muss sich Daryl entscheiden, was für ihn nun Familie bedeutet…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Wichtige Worte.

The Suicide King“ ist die große „Der Tag danach“-Folge der ersten Konfrontation zwischen Woodbury und Ricks Gruppe – im Prinzip passiert über die 40 Minuten gesehen recht wenig. Bislang hatte Staffel 3 ja ein äußerst flottes Tempo zu Tage gelegt, und es tut der Serie gut, in dieser ersten Folge der zweiten Hälfte ein wenig auf das Bremspedal zu drücken. Zeit zu reflektieren hatten wir Zuseher dank der langen Pause zwar sicherlich, aber auch die Handlung selbst darf ruhig mal einen Gang zurückschalten, vor allem, wenn die Zeit so sinnvoll gefüllt werden kann wie in dieser Episode.

Von The Walking Dead kann man das leider ja eher selten sagen, aber diesmal waren die Dialoge wirklich ziemlich gut. Selten habe ich mich so schwer getan, mich für ein einleitendes Zitat zu entscheiden, in „The Suicide King“ gab es viele denkwürdige Aussagen. Und gerade für The Walking Dead ist es eher unüblich, dass der Großteil davon in den stillen Momenten getätigt werden, dass sie sehr bedacht getätigt werden, und es beschränkt sich nicht nur auf Worte: Beths Kuss auf Ricks Wange zum Beispiel war eine der subtilsten warmen Gesten, die die Serie zu Tage gebracht hat. Das ist wohl kaum Liebe, aber auch keine fahrige Handlung, vielmehr drückt sie eine sehr komplexe Mentor-/ Familienbeziehung aus, die auch Beths Rolle in der Serie deutlich festigt. Hut ab.

Zu diesen Dialogen zählen unter anderem die Gespräche zwischen Hershel und Maggie, Hershel und Glenn, Carol und Beth sowie Carol und Carl. Vor allem Carol kämpft sich schon in der gesamten 3. Staffel langsam in den Vordergrund, doch besonders in dieser Folge beweist sie ihren Wert für die Show – ihre Ausführungen über die Geräuschlosigkeit der Postapokalypse beispielsweise lassen ein pervertiertes Sehnsuchtsgefühl entstehen, das in seinem inversen Erscheinen die Welt von The Walking Dead durchdacht umschreibt und einfängt. Dieses Wahrnehmungsvermögen von Carol gliedert sich wahrlich wunderbar ein, vor allem, weil dadurch auch tatsächlich mal Themen angesprochen werden, anstatt sie hinter Actionszenen zu begraben. Ihre Beschreibung Merles beispielsweise, wie er die Gruppendynamik beeinflussen würde – er würde einen sich so fühlen lassen, als ob es gerecht wäre, von ihm misshandelt zu werden – hat mich sehr imponiert, nicht zuletzt, weil das mit der Diskussion bezüglich Geräuschearmut erstaunlich konsistent wirkt. Staffel 3 schafft, was die zweite nicht vermocht hatte, nämlich den Haupt- und sogar Nebenfiguren Kontur zu verleihen, sie zu charakterisieren. Ich habe nun endlich das Gefühl zu wissen, wer Carol ist und wie sie tickt.

Woodbury: Nach der Flut.

Während also im Gefängnis alles rund läuft, funktionieren die Woodbury-Szenen allesamt weniger reibungslos. Da wäre zum Beispiel die Eröffnungsszene, die eigentlich ziemlich cool inszeniert ist – und bis Rick und Co. erscheinen hängt da das Damoklesschwert schon sehr tief über den Köpfen der Dixen-Brüder, ohne Aussicht auf einen positiven Ausgang. Doch sobald Ricks Truppe auftaucht beginnen die Fragen ins Hirn einzuprasseln: Woher kommt der ganze plötzliche Rauch? Warum ist ein kleines Mädchen unter den Zuschauern, und warum rennt es nicht panisch davon? (Es heißt zwar, die Woodbury-Bewohner seien nicht für solche Gefahren konditioniert, aber es gibt immerhin noch so etwas wie Instinkt.) Und warum verhält sich der Governor so stoisch und robotisch?

Gerade letzteres klingt auf dem Papier ja recht gut und mysteriös, aber in der Realisierung wirkt es fast ein wenig zu Comic-artig. Die Immersion, die während des Grubenkampfes noch sehr stark war, verpufft bei der Schießerei schnell, weil sich das Mädchen und der Governor so unrealistisch verhalten. Überhaupt wird der Governor in dieser Episode als möglichst  undurchschaubar dargestellt (beispielsweise bei der kommentarlosen Hinrichtung des Gebissenen), was nicht gänzlich konsistent mit seinem vorherigen Verhalten ist – seit wann sind ihm die Bewohner Woodburys denn gänzlich egal? Die Wunden aus „3.08 Made to Suffer“ scheinen nur äußerlich physischer Natur zu sein, und es bleibt abzuwarten, ob die Serie mit seiner Figur da noch darauf näher eingehen will und kann.

So nahtlos wie die Episode allerdings an wirklich guten Cliffhänger der vorangegangenen Episode anschließt – nicht alle Geschehnisse werden wirklich aufgearbeitet. Insbesondere ist es nun doch recht merkwürdig, dass niemand die Köpfe im Glaskasten angesprochen hat, vor allem Andrea nicht – ihr Vertrauen in den Governor ist zwar gebrochen, allerdings mehr aufgrund der Tatsache, dass er ihre ehemaligen Freunde gefangen und gefoltert hat.  Auch Pennys Tod bleibt unerwähnt – zwar war das durchaus gefinkelt so inszeniert, dass Andrea glauben hätte können, dass Michonne ein Kind umgebracht hätte, aber irgendwie müsste sie ja feststellen, spätestens als der Governor beim Aufzählen der Toten Pennys Namen nicht erwähnt, dass niemand über das Mädchen Bescheid wusste.

Walking Dead 3.09 Governor

Andrea ist nun endlich auch im Bilde, dass Woodbury nicht ganz so das Paradies ist, für das sie es gehalten hat. Anstatt abzuhauen versucht sie, die Situation selbst in den Griff zu kriegen, indem sie eine Art Führerrolle beginnt anzunehmen. Es wirkt allerdings ein wenig gekünstelt, wie sie im Dorfplatz mit ihrer Ansprache die Lage beruhigt – schwer genug, sich in solch einer Meute Gehör zu verschaffen, schafft sie es, mit einer doch einigermaßen klischeehaften Ansprache, die Leute für sich zu gewinnen. Und gerade sie, die erst seit so kurzem in der Stadt ist, gerade auf sie hört man? Irgendwie war es enttäuschend, wie generisch ihr kleiner Monolog war, der sich gar nicht so sehr auf die derzeitige Woodbury-Situation konzentrierte, sondern mehr ein genereller „Wir müssen zusammenarbeiten“-Appell war. Nach wie vor überzeugt ihre Figur nicht gänzlich, aber zumindest wird hier eine Richtung ausgelegt, in die sie sich potentiell weiterentwickeln kann, anstatt wie bislang nur den Tatsachen hinterher zu rennen.

Gefängnis: Der Tag danach.

Nicht nur dialogtechnisch funktioniert „Kriegsrecht“ bei Ricks Gruppe besser, auch gruppendynamisch tun sich einige interessante Sachen. So langsam hat man das Gefühl, dass sich nun alle Mitspieler der 3. Staffel gesammelt haben, sodass erst die Konstellationen sich einpendeln werden und anschließend diese dem großen Woodbury-Gefängnis-Krieg gegenüberstehen. Tyreeses Gruppe fügt sich da sehr nahtlos ein, trotz der kurzzeitigen Meuterei-Gedanken der zwei weißen Mitstreiter – zweifelsohne die neuen „Redshirts“ (die Nebenfiguren in Actionszenen, die dem Kugelhagel zum Opfer fallen). Sascha und Tyreese hingegen haben Potential, sich fix in die Gruppe integrieren zu können, nicht zuletzt, weil Tyreese wohl einer der fähigsten und kooperationswilligsten Kämpfer ist, auf die sich Rick verlassen kann.

Viel konfliktbeladener ist hingegen Merles Flucht aus Woodbury, denn eines ist klar: DER kommt nicht mit nach Hause. Ich bewundere schon ein wenig, wie clever man Merles gemeinen Kommentare aneinanderreiht, ohne abgehakt zu wirken gibt er eine Widerlichkeit nach der nächsten von sich. Andererseits macht das klar, dass er nicht nur nie zur Gefängnisgruppe hinzugehen kann, sondern es scheinbar auch nicht will – vielleicht auch noch, obwohl er es nicht extra erwähnte, weil Rick es schließlich war, der ihm die Hand gekostet hat.

Jedenfalls ist das Zusammentreffen zwischen Rick, Merle, Maggie, Glenn, Michonne und Daryl fast schon ein witziger Moment, weil absolut jeder die Waffe zückt und damit herumfuchtelt. Und dass jeder herumschreit und Merle jeden gegen sich aufbringt hilft der Lage natürlich auch nicht. Einer der großen Stärken der Serie ist es, immer wieder tatsächlich überraschende Wendungen zu nehmen, beziehungsweise von vorneherein unberechenbar zu sein. Daryls Dilemma ist da eines davon – zum einen würde es nicht passen, seinen Bruder aufzugeben, zum anderen ist sich die Serie bewusst, dass Daryl zum Fan-Liebling geworden ist, den man kaum ohne weiteres in einen frühzeitigen Tod schicken will, auch weil er eine der ausgearbeitetsten Figuren ist. Merle ist so kompromisslos, dass für ihn nun weder Woodbury noch das Gefängnis in Frage kommen,  und dennoch: Die zwei auf ihr gänzlich eigenes Abenteuer schicken wird die Serie bestimmt auch nicht. Die zwei ein wenig miteinander agieren sehen ist sicherlich eine sehr interessante Nebengeschichte, die früher oder später aber unweigerlich in den Haupthandlungsbogen der Staffel münden muss.

Schwerer tut sich die Serie hingegen mit Michonne, bei der mir in jeder Episode nur ein Kopfschütteln bleibt. In „The Suicide King“ spricht sie kaum ein Wort, obwohl es um ihr Überleben geht – als Rick sie damit konfrontiert, dass sie nach der ärztlichen Behandlung verschwinden muss, funkelt sie nur düster (wie eigentlich immer), doch weiter nichts. Äußerst merkwürdig ist ihr Gesundheitszustand allerdings ohnehin – zuerst noch quietschlebendig, anschließend todkrank in Hershels Behandlung. Nach neun Folgen hat Michonne sich immer noch nicht dazu durchgerungen, sich zu integrieren, und so bleibt ihre Figur nur ein Schatten ihres deutlich besser ausgearbeiteten Comic-Gegenstücks.

Und dann ist da noch Rick, der schon im Sturm auf Woodbury plötzlich Geister sah, und dieser Trend setzt sich in dieser Episode fort. Es scheint, als würde die Ricktatur bald ein Ende finden, sein Aussetzer zu Ende der Folge ist ja nicht gerade subtil in Szene gesetzt. Auch vorher schon hören wir die Echos der schreienden Judith merkwürdig verzerrt, und für einen Moment dachte ich, er könne das Baby fallen lassen. Und nun diese dunkle Silhouette… Für mich eine der weniger überzeugenden Momente der Folge, Desorientierungseffekte habe ich schon bessere gesehen. Die Frau am Balkon hat definitiv etwas Mystisches, sieht meines Erachtens allerdings nicht wirklich wie Lori aus (und was für eine Frauengestalt würde er sonst sehen?). Trotz des enormen Erfolgs der Serie spart man sich hier erneut die Verpflichtung von Sarah Wayne Callies. Die Halluzinationen haben deutlich besser funktioniert, als Rick nur mit dem Telefon geredet hat, hier fällt die Illusion hingegen ein wenig flach.

Was „The Suicide King“ sehr schön illustriert sind die Parallelen zwischen Rick und dem Governor. Beide Männer haben kürzlich einen ihrer Liebsten verloren, Rick Lori und der Governor Penny. Auf beiden liegt die Bürde, ihren Gruppen Halt zu geben, während sie selber ihren eigenen langsam verlieren. Bei Rick ist allerdings jemand vorhanden, der ihn auffangen kann, auch wenn dafür erst einmal alle erfahren haben müssen, dass Rick überhaupt schon im Fallen ist. Der Governor hingegen ist ein Fass ohne Boden, der in seiner Depression zwar gleich wie Rick in einen Todesrausch verfällt, sein Mitgefühl für seine Freunde, seine Familie aber nicht beibehalten kann. Und darum drücken wir schlussendlich doch Rick die Daumen, obwohl er im Grunde ja auch ein sehr gefährlicher Mann geworden ist – weil er für Daryl zurückgegangen ist, obwohl er ihn nicht mit nach Hause nehmen konnte.

Bla:

– Bester Moment der Folge: Die Krippe von Lil Asskicker, mit einer Sonne verziert. Das hat schon fast sowas wie Poesie, vor allem, weil es wie beiläufig gezeigt wird, und dank der langen Winterpause hat man das Gefühl: Da hat sich die Serie aber weit zurückerinnert.

– Hershel bekommt hier wirklich sehr viel Zeit spendiert, seine Beziehungen zu den Gruppenmitgliedern (Beth, Maggie, Glenn, Rick, Tyreese) werden näher beleuchtet – und das, obwohl er nur Nebendarsteller ist. Das lässt Hershel Spitzenkandidat dafür werden, am Ende der Staffel zu sterben, nicht nur wegen seiner eingeschränkten Mobilität, sondern weil den Drehbuchautoren da am ehesten die Geschichten ausgehen könnten. Schade fast – denn das ist mit unter das beste Material, das wir bislang für ihn gesehen haben.

– „Don’t disappear on me.“

– Typisch sinnloser Schreckmoment: Als Glenn die Türe des Pickups öffnet, springt ein Zombie heraus. Wie haben sie sich bloß von dem überraschen lassen, den müssen sie doch durch die Tür gesehen haben!? Und warum ist in dem Auto überhaupt ein Zombie drin, er kann wohl kaum eingestiegen sein, und hat sich ganz sicher auch nicht ein ganzes Jahr darin versteckt gehabt.

– „My blood, my family is standing right here.“ – „And you’re part of this family… but he’s not. He’s not.“

– Wenn alle in Woodbury herumschreien, warum schafft es dann Andrea, nicht nur Gehör zu finden, sondern sogar fast alle von sich zu überzeugen?

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

The Suicide King“ ist die erste Episode der Staffel, in der sich The Walking Dead Zeit nimmt, sich selber einzuholen und die Figurenkonstellation genauer zu beleuchten. Das macht sie überraschend gut, mit deutlichen Verbesserungen gegenüber Season 2. Unglücklicherweise verfällt man dennoch den selben alten Lastern: Michonnes Charakterisierung und teils unlogische Entwicklungen. Immerhin: Wenn man weiterhin auf solch gut geschriebenen Dialoge verlassen könnte, sollte die Serie auch funktionieren, wenn man das frenetische Tempo der ersten acht Folgen der Staffel nicht durchhalten kann.

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3 Gedanken zu “The Walking Dead 3.09 „The Suicide King“: Kriegsrecht.

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