The Newsroom: Staffel 1

„What makes America the greatest Country in the world?“ „You do.“

Quelle: Simon's incoherent blog

Hinweis: Diese Zusammenfassung beinhaltet große Spoiler. Die Rezensionen zu den einzelnen Folgen finden Sie hier:

1.01 We Just Decided To
1.02 News Night 2.0
1.03 The 112th Congress
1.04 I’ll Try to Fix You
1.05 Amen
1.06 Bullies

Für Aaron-Sorkin-Kenner mag es keine Überraschung gewesen sein: The Newsroom war einer der besten Serienneustarts 2012. Ausgestattet mit den wohl ausgefeiltesten Monologen der Fernsehlandschaft macht sich die Serie auf, die wichtigsten Ereignisse in den Jahren 2010 und 2011 aus der Sicht eines ambitionierten Redaktionsteams neu zu beleuchten.

Cast.

Wie oben bereits an den Links zu den jeweiligen Rezensionen zu sehen ist, habe ich die Serie nicht bis zum Staffelfinale Folge für Folge verfolgt – und das, obwohl The Newsroom immer besser geworden ist. Ein Grund dafür ist die zunehmende Komplexität der Figurenkonstellation sowie den dazugekommenen Figuren. Zu Beginn etwa war Charlie eine ganz gesonderte Figur, zum Teil natürlich auch dem Realismus geschuldet – mit dem Boss haben nur die obersten Mitarbeiter zu tun. So ganz verschwindet das bis zum Schluss nicht – ich glaube, Charlie redet nicht ein einziges mal mit Maggie oder Jim – aber seine Gespräche mit Will, Mac und den zwei Lansings werden deutlich flotter eingebettet, sodass man sich nicht mehr fragen muss – was hat diese Figur, so gut sie auch gespielt sein mag, eigentlich für einen Zweck?

Die restlichen Teammitglieder haben sich hingegen deutlich schneller gefunden – und was für ein Team das ist, angeführt natürlich von Will. Will McAvoy fesselte von der ersten Minute an: Man kauft Jeff Daniels sofort ab, einer der gefragtesten Nachrichtensprecher Amerikas zu sein, aus seinem Mund klingen selbst die uninteressantesten Details spannend – nicht, dass es davon viele gegeben hätte. Die Kompetenz macht ihn aus – alle Figuren sind ja höchstintelligent, und so entstehen die wenigsten großen und kleinen Hindernisse der Serie wegen der Dummheit der Figuren, sondern mehr aus Interessenskonflikten. Und diese Kompetenz, die vor allem von Will, aber auch die meisten der anderen Figuren, in ihren Berufen ausstrahlen, lässt uns auch für die Figuren die Daumen drücken.

Die außerordentlichen Fähigkeiten der Hauptfiguren bedeuten natürlich nicht, dass sie vollkommen fehlerfrei sind. Vor allem bei Will spielt The Newsroom da seine Karten sehr geschickt aus: Innerhalb von nur 10 Episoden sehen wir in Will eine unglaubliche Transformation stattfinden, und die einzelnen Folgen sind dafür stets wichtige Etappen für ihn. Von der Entscheidung, die Nachrichten wirklich zu berichten („1.01 We Just Decided To„), der Realisierung, dass er der Bully sei („1.06 Bullies„), seinem Einsatz für eine ehrlichere Debattenkultur („1.09 The Blackout, Part II: Mock Debate„) bis hin zu seinem Entschluss, der größere Dummkopf zu sein („1.10 The Greater Fool„) – Will kommt viel herum in diesem Jahr. Gerade das Staffelfinale beinhaltet die exemplarischste aller Szenen für diesen Wandel: Die Einstellung der jungen Frau, die ihn im Serienauftakt die Frage gestellt hatte, warum Amerika die großartigste Nation der Welt sei. Natürlich, da steckt auch Pathos und Patriotismus dahinter, aber dennoch schließt sich hier wunderbar der Kreis, rahmt dieser Gesinnungswandel die gesamte Staffel unheimlich schön ein, und zwar, was sowohl die politische Botschaft (die Bereitschaft der Frau, genau wie Will ein größerer Dummkopf zu sein) als auch Wills persönliche Entwicklung betrifft.

Quelle: hbo.com

Ganz im Gegensatz dazu eigentlich MacKenzie, die keine besondere Entwicklung erfährt, was die berufliche Seite betrifft. Gut, sie war auch diejenige, die überhaupt für eine News Night 2.0 plädierte, dennoch fällt es schwer, sie als mehr zu sehen als eine Kontrastfigur zu Will. Das rührt vor allem daher, dass sie im Prinzip der „Comic relief“ war, die Person, die uns in humorvolle Situationen reiten soll. Das tat sie auch ständig (man denke nur an die gesendete Massen-SMS, bei der sie demonstrativ das Handy eines Mitarbeiters zerstörte), verlor dabei allerdings schon bald an Glaubwürdigkeit. In der ersten Episode wurde etabliert, dass sie eine äußerst erfahrene, professionelle Produzentin sei, und dennoch unterschied sie sich in ihrer Arbeitshaltung äußerst krass von z.B. Jim, der schon vorher mit an Bord war.

Ähnliche Problemfigur ist Don. Eine der größeren Schwächen der ersten paar Folgen war Dons Darstellung als ziemlichen Mistkerl, das den Zuseher erfolgreich ins Maggie-Jim-Camp drängt. Zur Staffelhälfte ging dann plötzlich der Knopf auf, man ließ Don auch einmal ein paar nette Dinge tun und sagen, und von da an gab es erst ein ernst zu nehmendes Liebesdreieck, das davor fast gänzlich Schein war. Ein weiteres Zeugnis davon, wie die Serie zunehmend gewachsen ist.

Die weiteren Hauptfiguren haben ziemlich gut in die Serie gefunden. Neal hatte zwar kurz aus unverständlichen Gründen die Bigfoot-Verschwörungstheorie-Mütze aufgesetzt, glänzte allerdings in der Rolle als Gesprächspartner für Jim oder Sloane. Neal ist sicher die Hauptfigur mit den wenigsten eigenständigen Storylines, hilft allerdings dabei, den Eindruck der Mitarbeiter als ein Team zu festigen. Mit Sloane wusste man zuerst nicht recht wohin, doch je länger sie sich im Team befand, umso besser fand sie Platz darin.

Zudem kamen jede Menge wiederkehrende Nebenfiguren dazu, die das Team ordentlich aufwühlten. Sei es Macs Ex-Freund, Wills Therapeut, Wills Bodyguard, die Klatschreporterin Nina Howard oder die zwei, drei Redaktionsmitglieder, die nicht zum Maincast gehören – die fabelhaften Hauptschauspieler wurden zunehmend von einem Zweitensemble unterstützt, das die Serie bereicherte und bunter machte.

Politik.

Mit dem Konzept, die wichtigsten News der Jahre 2010 und 2011 zu behandeln, geht man in einer Serie wie dieser natürlich ein ziemliches Risiko ein – man kommt nicht umhin, eine Position gegenüber der einzelnen Geschehnisse zu beziehen, und The Newsroom nimmt sich da kein Blatt vor den Mund.

Zu erst einmal ist zu sagen, dass die Wahl der behandelten Themen sehr abwechslungsreich war, und auch wie damit umgegangen wurde. Im Piloten ging man beispielsweise mit einem sehr hoch erhobenen Zeigefinger vor, in dem man die Berichterstattung über die Ölkatastrophe im Mexikanischen Golf kritisierte, die viel zu langsam über die Dimension des Unheils berichten konnte. Will McAvoy und sein Team hingegen stellten die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, zogen die Verantwortlichen schneller zu Rate, als es in der Wirklichkeit passiert war. Im Nachhinein ist es natürlich ein Leichtes, den Verantwortlichen von damals auf die Finger zu klopfen, und zudem basierte das in „We Just Decided To“ großteils auf Glück, weil ein Verwandter eines Redaktionsmitglieds bei BP arbeitete. Doch glücklicherweise verblieb The Newsroom nicht auf diesem Konzept und behielt es nicht bei, die Berichterstattung von damals zu kritisieren, sondern fokussierte sich vielmehr auf Konflikte in der Berichterstattung generell (etwa: Welcher Gefahr darf man Journalisten in Krisenregionen aussetzen?) oder ethischen Konflikten, die damals entstanden oder entstehen hätten sollen. The Newsroom behandelte dabei manche Konflikte mit viel Fingerspitzengefühl, manche mit weniger – doch einprägsam waren die meisten davon allemal.

Bei einigen Themen fühlte sich die Serie da sehr sicher – „A doctor pronounces a person dead, not the news“ etwa war ein Statement, das den fälschlich berichteten Tod von der Abgeordneten Gabriele Giffords kritisierte. Sloanes ständiger Versuch, die Finanzen prominenter in die Nachrichten zu bringen, obwohl das für die Einschaltquoten natürlich nicht besonders förderlich ist, spricht für sich. Und die übermäßige Berichterstattung über einen Kriminalfall, wie es sie hundertfach pro Jahr in den USA gibt, nur weil bei einem das Medieninteresse zufällig in die Höhe stieß, wurde ebenso kritsiert, da man anstelle dessen tatsächliche Nachrichten hätte bringen können.

Doch ein Thema stach hervor, das die gesamte Staffel über immer wieder zur Sprache kam, und bei dem Sorkin scheinbar eine besonders starke Position bezog: Die Tea-Party, eine republikanische Protestbewegung. Im Staffelfinale geht The Newsroom sogar soweit, sie die „amerikanische Taliban“ zu nennen. Ich bin nicht versiert genug in der amerikanischen Politik, das zu 100% akkurat zu beurteilen, aber es scheint mir, als ob Sorkin da einen Schritt zu weit geht, vor allem, weil die Serie den Anspruch erhebt, mit ihrem Inhalt die Realität abzubilden. Teil dieses Eindrucks entsteht, weil Will ja ein registrierter Republikaner ist und als solcher ein scheinbar objektive Sicht auf diese Bewegung hat. Dennoch kann man das Gefühl nicht abstreifen, dass Will womöglich ein Sprachrohr eines demokratischen Sorkins ist, sich allerdings aus Glaubwürdigkeitsgründen als Republikaner ausgibt. Denn in der gesamten Staffel kommen die Demokraten deutlich glimpflicher davon als die Republikaner, deren Beteiligung an der Tea-Party-Bewegung nur die Spitze des Eisbergs ist, der in The Newsroom kritisiert wird.

Andererseits ist man wohl auch bewusst provokativ, nicht nur, um das Interesse an der Serie zu vermehren, sondern auch, um generelle Diskussionen bezüglich der politischen Botschaften und Themen der Serie zu führen. Der Erfolg diesbezüglich hängt natürlich stark davon ab, ob man The Newsroom-Episoden kritisch und aufmerksam verfolgt oder die Serie bloß als Unterhaltung sieht. Für mich beispielsweise, der zu den einzelnen Episoden Kritiken verfasst, war die Serie eine interessante und intensive Lehrstunde in Sachen amerikanischer Politik sowie mehreren Aspekten in Sachen amerikanischer Journalismus – insbesondere das Problem, dass amerikanische Nachrichtensender möglichst publikumswirksam berichten müssen, weil das Gesetz es nicht vorgesehen hat, die Nachrichtenstunde verpflichtend werbefrei zu halten, hat mich sehr beschäftigt. Es ließ mich zum Beispiel reflektieren, wie gut wir Österreicher es mit der Zeit im Bild haben, eine Art News Night mit weniger Polemik. Die Tagesschau in Deutschland hingegen hat größere Konkurrenz von Privatsendern, die selbstverständlich um Einschaltquoten ringen.

Die Nachrichten.

The Newsroom ist eine an und für sich realistische Serie, die sich allerdings in den Interaktionen hinter den Kulissen einige Freiheiten nimmt. Ganz klar, so viele Romanzen und Intrigen wird ein durchschnittliches Redaktionsmitglied nicht durchmachen müssen, aber Sorkin findet da eine gute Balance zwischen Unterhaltung und Glaubwürdigkeit. Auf jeden Fall steht allerdings ein Grundoptimismus im Mittelpunkt, den The Newsroom von Episode 1 an stolz auf der Brust trägt. Und diesen weiß die Serie auch auszuspielen – meist unterstützt von wahrlich inspirierenden Ansprachen wird eine Vision von Fernsehen dargestellt, wie man sie sich nur wünschen kann: Dem Quotenkampf auf Kosten der Qualität wird der Kampf angesagt, und Politiker werden für ihre Falschaussagen an den Pranger gestellt.

Quelle: http://todoseries.com/review-the-newsroom-news-night-2-0/

Gerade letzteres ist allerdings eine der größten Schwächen der Serie: Will McAvoy macht dies auf eine Art, die in der Realität einfach inakzeptabel wäre. The Newsroom zeigt geradezu eine Dekonstruktion der Interviewpartner. Die Serie erkennt ihre eigene Schwäche, spricht sie auch zwei mal prominent an („Bullies„, „The Blackout, Part II: Mock Debate„), kann sie dann allerdings nicht lösen. Selbstverständlich behandelt man dabei ein tatsächlich vorhandenes Problem, nämlich die in The Newsroom in Wills Vergangenheit liegende zimperliche Behandlung der Politiker, was ihre vergangenen Aussagen betrifft. Will argumentiert, dass die von ihm in der „Mock Debate“ in Episode 9 losgefeuerten Befragungen zwar unangenehm seien, die Politiker jedoch dazu bringen würde, undurchdachte Aussagen von vorne herein nicht zu tätigen. Ist das allerdings tatsächlich realistisch? Es ist so schade, dass er und sein Team im Grunde zurecht die Debatte verlieren, wo sie doch ideologisch die ganz richtige Nase bewiesen hatten – aber mit McAvoys Verhörmethoden ist da nichts zu machen. Und wenn Sorkin für Staffel 2 da keinen Weg findet, davon abzurücken, wird The Newsroom da wieder und wieder an dieser Barriere sich den Kopf anstoßen. Und das wäre schade – denn dieser Kopf ist ein verdammt heller.

Ob man nun Fan der Serie ist oder nicht – Sorkins Vorstellung eines besseren Fernsehens, für das ACN ein Vorreiter sein soll, ist vorbildlich. Und schon während der ersten Episoden wird klar, dass The Newsroom auch auf einer Meta-Ebene operiert, und sich selbst als Vertreter des Qualitätsfernsehens sieht – quasi ein reales News Night, nur im Genre der TV-Serien anstatt Nachrichtenübertragung angesiedelt. Nicht umsonst befindet sich die Serie auf HBO, dem Inbegriff hochwertiger und anspruchsvoller Fernsehproduktionen, und selbstverständlich werbefrei – genau so also, wie McAvoy es fordert. Obwohl die Botschaft und die Themen im Vordergrund stehen zählen schlussendlich doch nur die Einschaltquoten – zum Glück einigermaßen stabil und gut, sodass Season 2 im Sommer 2013 anstehen wird. Sorkin ist McAvoy, stoischer Verteidiger anspruchsvollen Fernsehens – und dafür auch bereit, ins Feuer zu gehen, am besten mit einem dicken Monolog auf den Lippen.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

The Newsroom ist eine tolle Serie, die ihre erste Staffel dafür genützt hat, die Figuren und ihre Interaktionspartner vorzustellen. Allein schon sehenswert ist die Serie aufgrund ihrer packenden Mono- und gewieften Dialoge, da kann dem alleinigen Drehbuchautor Aaron Sorkin keiner das Wasser reichen. Ganz sicher sitzt die Darstellung der politischen Ereignisse nicht, und die romantischen Beziehungen sind auf Dauer leicht repitiv (dafür aber auch tatsächlich romantisch). Wenn die Serie ihren Kurs beibehält kann sie eigentlich nur noch besser werden.

Beste Folgen:  1.01 We Just Decided To, 1.10 The Greater Fool.

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3 Gedanken zu “The Newsroom: Staffel 1

  1. War wirklich eine gute erste Staffel – freue mich schon auf die nächste. Aaron Sorkin ist natürlich ein Demokrat mit Leib und Seele. Das hat er ja schon bei „West Wing“ ausreichend demonstrieren können. Die Angriffe auf die Tea Party stören in den USA wohl nur die Tea Party-Anhänger selber. Ich denke, selbst viele Republikaner würden der Argumentation von Will McAvoy zustimmen. Meine persönliche Entdeckung in dieser Serie war Emily Mortimer, die erfrischend frech gespielt hat und deren britischer Akzent einfach großartig ist.

    • Mortimer war mir erstmals beim Film „Lars and the real girl“ aufgefallen, in dem sie wirklich glänzt. Bei The Newsroom hat sie auch gut gespielt, wobei ihr da ihre Rolle ein gewisses Limit vorschrieb, meines Erachtens. Schon allein, weil Jeff Daniels nicht nur die markantesten Monologe und Szenen bekam, sondern diese auch souverän meisterte.

  2. Pingback: Kritik: The Newsroom 2.01 “First Thing We Do, Let’s Kill All the Lawyers”. | Blamayer TV

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