Schnell Ermittelt: Am Set von „Schuld“.

„Meine Lieben, und… bitte!“

Das lange Warten hat ein Ende: Schnell Ermittelts erster Spielfilm, „Schuld„, wird am 11.12. 2012 um 20:15 Uhr auf ORFeins seine Premiere feiern. Ich hatte das Privileg, ein wenig hinter die Kulissen der Serie schauen zu dürfen, als ich am 23. April diesen Jahres auf das Set von „Schuld“ nach Wien eingeladen wurde. Ich nützte die Gelegenheit, um nicht nur dem ganzen Team bei der Arbeit zuzusehen, sondern ihnen auch in Sachen Produktionsprozess, Kontinuität, Charakterentwicklung und so weiter auf den Zahn zu fühlen.

(c) ?

(c) Katharina Schenk

Zuerst war das einmal schon recht surreal, da plötzlich den Schauspielern gegenüberzustehen und mit ihnen während den Drehpausen, Umbauarbeiten und dem Mittagessen (Cateringservice) zu quatschen. Und das nicht unbedingt wegen der Prominenz, die am Werk war, sondern vielmehr, weil die Kostüme so unnatürlich wirkten.  Den Wolf Bachofner (Franitschek) traute ich mich kaum anfassen, so hochpoliert schimmerte dessen Lederjacke – und man will ja nicht etwa zufällig die dick aufgetragene Schminke ruinieren. Aber fürs Fernsehen brauchts die Makeup-Künstler nun mal, genauso wie die Beleuchtung: Trotz der verglasten Hausfront baute man draußen große Segel bzw. Schirme auf, die das Sonnenlicht in das Haus spiegelten.

Der Formatwechsel.

Ich will hier natürlich nichts spoilern, aber auf ein paar Änderungen durch den Wechsel vom Serien- auf das Filmformat möchte ich schon eingehen. Einstimmigst heißt man beispielsweise die größere Sorgfalt gut, mit der man die Spielfilme drehen kann. Während beim Dreh der Staffeln 1 bis 4 rund 6 Minuten fertiges Bildmaterial pro Drehtag entstehen mussten, leidet man für die Dreharbeiten von „Schuld“ und dem wohl noch ein paar Monate in der Zukunft liegenden zweiten Schnell Ermittelt-Film „Erinnern“ unter ein bisschen weniger Zeitdruck. Eigentlich ja erstaunlich, dass an einem ganzen Drehtag (oft länger als acht Stunden) gerade mal 5 Minuten Film herauskommen, doch die vielen Umbauarbeiten und Takes aus diversen Kameraperspektiven brauchen nunmal ihre Zeit – establishing shot, over shoulder (über die Schultern zweier Gesprächspartner) sowie ein paar Perspektiven aus mittlerer Distanz (Halbtotale, Halbnahe). Zudem mussten für die Staffeln stets mehrere Episoden auf einmal geschossen werden, sodass beispielsweise die Büroszenen verschiedener Folgen aus rein ökonomischen Gründen an aufeinanderfolgenden Tagen aufgenommen werden mussten. Das geschah natürlich auch bei den Dreharbeiten zu „Schuld„, allerdings in geringerem Maße.

Aber auch stilistisch möchte man den Schritt von Serienfolgen zu Filmen kennzeichnen. Das beginnt schon bei den Titeln, die sich nun nicht mehr stets nach dem Todesopfer der jeweiligen Episode richten. „Schuld“ und „Erinnern“ scheinen beide so eine Art Grundemotion der Menschen zu sein, und ich bin gespannt, wie die beiden ihre Titel ausspielen werden. Bei „Schuld“ war ich anfangs noch ob des generischen Titels skeptisch – immerhin dürfte dieser Titel bei fast jedem zweiten Krimi einigermaßen passen. Wenn man aber in Betracht zieht, dass sich Markus Hering (der Schuster) im Cast befindet, lässt einen das schon eher vermuten, dass der Titel mit Sorgfalt gewählt wurde.

Weiters verspricht man einen „neuen Look“, bleibt dabei allerdings recht vage. Ich würde vermuten, dass man die Serie, parallel zu den Dreharbeiten, „entschleunigt“ – das Erzähltempo ein wenig zurückschrauben, zumal das 90 Minuten lang doch recht schwierig aufrecht erhaltbar wäre. Dazu würde auch passen, dass Josef Mittendorfer, der Kameramann der Serie, nicht zur Verfügung stand und man deshalb einen neuen Kameramann mitsamt neuer Kamera („Zeitmaschine“) an „Schuld“ hat werkeln lassen. Unter anderem soll damit auch die „Wackelkamera“ der Vergangenheit angehören. Ich weiß, vielen stieß dieses stilistische Merkmal eher sauer auf, aber ich persönlich fand dieses Gefühl der Nähe und der Hektik nicht nur sehr passend, sondern auch tonangebend – ein Stilmittel, das der Serie Identität gibt. Natürlich, zu Schnell Ermittelt gehört vieles dazu, aber ich bin gespannt, wie die Serie ohne sie fahren wird.

Größte Veränderung ist aber sicherlich die Zeit, die die Serie hat, um einen Fall aufzubauen, Verdächtige vorzustellen, Ermittlungen anzustellen und schließlich den Täter zu fassen. Gerade so Episoden wie „3.09 Karl Esch“ und „3.10 Angelika Schnell„, die an den letzten beiden Dienstagen ausgestrahlt wurden und eigentlich ein Zweiteiler sind, weisen auf das Potential hin, aber solch große Entwicklungen wird die Serie kaum jedes mal durchmachen können. Überhaupt, Charakterentwicklung: Da bleibt ja wirklich zu sehen, wie und ob die noch stattfinden kann, wenn die zwei Filme so viele Monate zwischen sich liegen haben.

Was man für „Schuld“ wissen sollte/könnte.

Zuerst muss „Schuld“ allerdings einmal an die vergangen Ereignisse anknüpfen, und das ist komplizierter, als es sich anhört – denn was bedeutet für die Serie schon ‚vergangen‘? Nicht umsonst wurden in den vergangenen Wochen die letzten Episoden der dritten und nicht der vierten Staffel gezeigt, „Schuld“ soll sich stark auf die Geschehnisse in „Karl Esch“ und „Angelika Schnell“ beziehen. Zur Erinnerung, eine kurze Chronologie: Staffel 3 handelte von Angelikas Auseinandersetzung mit dem Oberst Schuster, der der Überzeugung ist, Angelika habe Peter Feiler am Ende der zweiten Staffel absichtlich umgebracht. Stur wie sie ist stellt sie sich quer, mit fatalen Folgen: Als plötzlich eine ehemalige Liebhaberin Feilers Angelika einen Mord anhängen möchte, und zusätzlich noch diverse Indizien dafür streut, wirft die Kooperationsunwilligkeit der Chefinspektorin kein gutes Licht mehr auf sie.

Feilers ehemalige Liebhaberin wird zwar überführt, doch die Folge endet damit, dass Oberst Schuster aus Schreck Angelika versehentlich anschießt. Sein Stammeln von Notwehr und Franitscheks Ohrfeige sind das letzte, was wir von ihm zu Gesicht bekommen haben – und ich bin gespannt, was Angelika ihm zu sagen hat. Angelikas Verletzung bekam hingegen deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt, eine ganze Staffel sozusagen. Das letzte Bild, das wir sehen, ist die schwerverletzte Chefinspektorin, die in der Bewusstlosigkeit in ein gleißendes Licht rollt – und im Gegensatz zu den üblichen Abspannen ist jener in „Angelika Schnell“ in weiß statt schwarz gehalten.

An dieser Stelle wollte man die Serie dann nicht einfach so weitermachen lassen, als wäre nichts passiert, ein paar Szenen Reha hätten dafür einfach nicht gereicht – was dann schließlich zur Entscheidung führte, die vierte Staffel als Traum zu konzipieren. Wenn man Staffel 4 als einziges Gleichnis für Angelikas Kampf mit dem Tod sieht wird ihrer Verletzung natürlich sehr viel Gravität zugesprochen – aber das ist schon eine sehr ambitionierte Betrachtungsweise einer Krimiserie. Klar, so passen einige Vorkommnisse der vierten Staffel besser ins Bild, und man bekommt ein besseres Verständnis, wie sich das Autorenteam das wohl gedacht haben muss: Ulrich etwa ist eine Engelsfigur, die aus heiterem Himmel in Angelikas Leben platzt, sie verführt und mit dem „weiterziehen“ lockt. Ein Todesengel quasi, morbider ausgedrückt, der Angelika vor die Wahl gestellt hat, mit ihm zu gehen oder aufzuwachen. Ein anderes Beispiel wäre ihr kurzzeitiger Missbrauch von Tabletten, der ihre gesundheitliche Besserung während des Komas symbolisieren soll. Ganz wasserdicht sind alle Erklärungen bezüglich der Traumerklärung zwar nicht, aber zumindest passen sie alle ins Gesamtbild.

Gleichzeitig ist aber auch schmerzlich, so eine lange Zeit dieser Staffel-spannenden Metapher aufgesessen zu sein. Man soll ja solch einen großen Twist nicht kommen sehen, aber ein paar mehr und konkretere Hinweise wären schon nicht ganz verkehrt gewesen. In „4.07 François Legrand“ beispielsweise gab es eine kurze Halluzination, als Angelika Lucy Haller sich über ihr Krankenbett beugen sieht – was ich damals für eine Rückblende an ihre Zeit im Krankenhaus hielt war aber in Wirklichkeit ein kurzes Aufwachen aus dem Koma Angelikas, das einzige bis zum endgültigen Erwachen im Staffelfinale. Mir wurde gesagt, dass man überrascht gewesen sei, dass ich bei dieser Szene nicht verdächtig geworden war, wo ich mich doch so intensiv mit der Serie auseinandersetzte – doch damit, dass die gesamte Staffel ein Traum ist, hätte ich im Traum nicht gerechnet.

Von meiner eigenen Meinung über dieses Experiment mal abgesehen bringt das Schnell Ermittelt in eine interessante Situation, was die Kontinuität betrifft. Es ergeben sich durch Staffel 4 nur wenig Veränderungen in der Figurenkonstellation, einzig die Trennung zwischen Stefan und Susi wurde kurz angeschnitten. Die Beziehung zwischen Stefan und Angelika ist dadurch derzeit wieder eher verspielterer Natur, nachdem sie sich in „Angelika Schnell“ ja doch.. intensiviert hatte. Doch interessanter ist, wo sich Angelika nun charakterlich befindet. In Staffel 4 machte sie ja (in ihrem Traum) einen ganz schönen Wandel hin – zu Beginn war sie außerordentlich freundlich zu Frani und Co., vertraute ihm sogar erstmals das Geheimnis ihrer Intuitionsgabe an, ehe sie wieder schroffer und „Schnell-esquer“ wurde. Auch der offizielle ORF-Pressetext zu „Schuld“ meint: „Wie sie allerdings zurück ist, das weiß sie selbst nicht so genau“, und spielt wohl direkt darauf an. Die Antwort erhalten wir dann ja am Dienstag.

Beweisfoto: Am Set mit Ursula Strauss und Regisseur Michi Riebl (c) Pedro Dominegg

Beweisfoto: Am Set mit Ursula Strauss und Regisseur Michi Riebl (c) Pedro Dominegg

Es wird ja oft die Frage gestellt, wie es mit der Marke Schnell Ermittelt weitergehen wird. Meinem Verständnis nach ist das noch ziemlich offen, hängt aber unter anderem stark von der Verfügbarkeit der Darsteller ab – und die sind ja gerade in den letzten Jahren gefragter geworden. Zudem glaube ich, dass man erst einmal abwartet, wie die Zuschauerquoten von „Schuld“ und „Erinnern“ ausschauen werden. Es lässt sich ja immer schwer im Voraus einschätzen, wie groß das Interesse sein wird. An mangelnder Werbung wird es jedenfalls nicht liegen können – anhand der Entscheidung, im Hauptabendprogramm des ORF drei Wochen lang Wiederholungen laufen zu lassen, um Zusehern einen besseren Kontext für „Schuld“ zu liefern, sieht man, dass dem ORF durchaus viel daran liegt. Hoffen wir, dass es sich ausgezahlt hat.

An dieser Stelle möchte ich mich nun auch recht herzlich beim Team bedanken, mich einen ganzen Tag ans Set eingeladen und mir dort Rede und Antwort gestanden zu haben. Das hat mir wirklich wahnsinnig viel bedeutet. Spezieller Dank auch der für Schnell ermittelt verantwortlichen Redakteurin, Katharina Schenk, die diesen Besuch in die Wege geleitet hat – vielen Dank für diesen außerordentlichen Tag.

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Ein Gedanke zu “Schnell Ermittelt: Am Set von „Schuld“.

  1. „Eigentlich ja erstaunlich, dass an einem ganzen Drehtag (oft länger als acht Stunden) gerade mal 5 Minuten Film herauskommen, “

    Nein ein Drehtag hat fast immer 12 Stunden manchmal auch mehr!

    „Zudem mussten für die Staffeln stets mehrere Episoden auf einmal geschossen werden, sodass beispielsweise die Büroszenen verschiedener Folgen aus rein ökonomischen Gründen an aufeinanderfolgenden Tagen aufgenommen werden mussten.“

    Es ist auch oft vorgekommen, (Büro, Wohnung Angelika, Pathologie) an einem Tag Szenen aus verschiedenen Folgen zu drehen.

    Lg SE

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