The Walking Dead 3.08 „Made to Suffer“: Penny.

„There’s no need for her to suffer…“

Halbzeit für die dritte The Walking Dead-Staffel, und das Resumee ist äußerst positiv: Beinah alle großen Schwächen der Serie hat man ausgemerzt, nur noch ein paar kleine Schönheitsmakel sind verblieben. Das irrsinnige Tempo, das die ersten paar Episoden vorgegeben haben, hat man über weite Strecken beibehalten können, und auch „Made to Suffer“ ist in Sachen Tempo erste Sahne.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead HomepageRicks A-Team steigt in Woodbury ein. Zuerst ist das noch eine stille Infiltrierungsmission, doch schon bald werden die Waffen gezückt und Rauchgranaten geworfen. Chaos bricht aus, und während Rick und Co. versuchen, Maggie und Glenn zu befreien, verfolgt Michonne ihre ganz eigenen Ziele…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Neuankömmlinge am Gefängnis.

Sicherlich ziemlich unerwartet beginnt die Folge mit der Einführung einer neuen Gruppe Überlebender, die auf das Gefängnis stößt – vor allem auch deshalb überraschend, weil diese Entwicklung dramaturgisch so gar nicht in ein „kleines“ Finale wie dieses passt. Dabei verrichtete die Episode ja in dieser B-Story einzig und allein Aufbauarbeit für etwaige Handlungsbögen in der zweiten Hälfte der Staffel, ohne „Made to Suffer“ nennenswert spannende oder außergewöhnliche Momente zu bringen. Als eine von ihnen etwa von einem Turm sprach, dachte ich sofort ans Gefängnis, und 30 Sekunden wurde das dann in einer nicht ganz so epischen oder überraschenden Kamerafahrt gezeigt – so ganz rund waren diese Szenen nicht.

Doch was die kurzweilige Sequenz einmal mehr vermittelt, ist, wie professionell sich Rick und Co. im Gegensatz zu allen anderen Überlebenden verhalten. Auch der Governor verlor ein paar lobende Worte darüber in „3.07 When the Dead Come Knocking„, doch diese Gruppe unterstreicht noch einmal: Ricks Gruppe ist außerordentlich gut organisiert. Und irgendwie fühlt es sich klasse an, das noch einmal am Bildschirm verdeutlicht zu bekommen, denn die alberne Tor einiger Akteure war ja einer meiner Hauptkritikpunkte der zweiten Staffel. Carl war einer von ihnen, und nun ist er wirklich Rick Junior geworden: Er rettet nicht nur drei oder vier Menschenleben unter Einsatz seines eigenen, er behält auch noch die Weitsicht, ihnen nicht sofort über den Weg zu trauen. Das Dazugelernthaben der dritten Staffel ist nicht nur erfreulich, sondern auch erfreulich konsistent.

Es ist allerdings geradezu witzig, dass ausgerechnet in jener Episode, in der der nächste schwarze Charakter stirbt (Oscar), dieser unmittelbar von einem weiteren Afro-Amerikaner (Tyreese) ersetzt wird. Ironischerweise wissen wir auch noch absolut nichts über diese neuen Figuren außer ihre Hautfarbe, aber sie machen auf jeden Fall einen kompetenten Eindruck. Und im schlimmsten Fall dienen sie als Kanonenfutter für den aufbrausenden Sturm. Denn der kommt bestimmt.

Angriff auf Woodbury.

Vielleicht am bewundernswertesten an „Made to Suffer“ ist, wie einerseits eine wirklich spannende Geschichte erzählt wird, gleichzeitig aber auch so viele Figurenkonstellationen verändert, bewegt und auf den Kopf gestellt werden. Zuerst ist da mal das Eindringen in die Stadt: Ich habe innerlich aufgeatmet, als Rick und Co. nicht zufällig auf Glenn und Maggie gestoßen sind, sondern erst durch deren Kampfgeräusche auf sie aufmerksam wurden. Doch während das Schleichen durch Woodbury noch gut funktioniert, ist die Ballerei am Hauptplatz deutlich weniger ausgefeilt – da mutiert dann die wie eine wie frisch geölte Maschine funktionierende Gruppe von Rick zur wild umherschießenden Meute, die Szene verliert jegliche Orientierung, und eine geschlagene Minute herrscht eine mords Schießerei. Schließlich wird doch jemand getroffen, und wenig überraschend ist es Oscar. Keine der anderen Figuren (Rick, Glenn, Maggie, Daryl, Michonne, Andrea) lief wirklich Gefahr, erschossen zu werden, weil so ein Tod doch ziemlich antiklimatisch gewesen wäre. All deren Geschichten müssen noch weiter erzählt werden.

Was nicht bedeuten soll, dass diese Figuren ständig in Sicherheit schweben, im Gegenteil – The Walking Dead versteht es wie keine zweite Serie, die Leben der Protagonisten glaubhaft in Gefahr schweben zu lassen. So beispielsweise beim doch sehr sehr gelungenen Cliffhänger: Obwohl Daryl als Publikumsliebling gilt und ich der Überzeugung bin, dass sich die Produzenten dessen bewusst sind, herrscht hier eine absolut realistische Gefahr, die Figur zu verlieren. Gleiches gilt für Merle: Der ist zwar meines Wissens nach nicht sonderlich beliebt, aber mit seinem Handlungsbogen ist man, soweit ich das sehen kann noch nicht ganz fertig. Und gerade weil die Rede des Governors sich ungewöhnlich in die Länge zieht, und auch die Enthüllung von Daryls Gefangennahme zeitlich ordentlich gemelkt wird, ergreift einen unweigerlich ein unheilvolles Gefühl. Vor meinem inneren Auge sah ich schon die wütenden Stimmen in den Foren, die Daryls Tod als ihren Ausstiegsgrund aus der Serie angeben würden, doch Fehlanzeige: Diese Entscheidung schiebt man auf die nächste Episode im Februar. Zweifelsohne ein guter Schachzug, denn da könnte alles passieren. Lasset die Spekulationen beginnen.

Auch Merle ist in akuter Gefahr, und das nicht nur in jener Situation am Ende der Episode, sondern vor allem auch, was seinen Platz in der Geschichte betrifft. In Ricks Gruppe wird er ja wohl kaum willkommen werden, nachdem was er Glenn und Maggie angetan hat, und der Governor verbannt ihn aus Woodbury – scheint so, als sei seine Lüge, Michonne sei tot, nicht so gut angekommen. Merle ist damit de facto gruppenlos, und ich kann mir kaum vorstellen, wie er in eine der zwei Gruppen zurückfinden könnte – aber dafür sind ja Cliffhänger da! Eine Option wäre natürlich, mit seinem Bruder durch die Lande zu ziehen, aber dafür müsste Daryl die Serie verlassen – auch eher unrealistisch. Einfachster Ausweg für die Serie wäre also, Merle sterben zu lassen, aber ich lass mich überraschen. Hervorragend fungierte auf jeden Fall die Überraschungsmomente der letzten Szene, u.a. als Merle als Verräter „enttarnt“ wird – das konnte man nun wirklich nicht sehen kommen! Interessanterweise eine der wenigen Szenen der Serie, in der man den Zuseher selbst seine Schlüsse ziehen lässt, warum der Governor ihn überhaupt verbannt.

Ebenfalls ziemlich clever positioniert für diese letzte Szene: Andrea. Es ist natürlich Zufall, dass den einzigen „Terroristen“, den sie sieht, ausgerechnet der ihr unbekannte Oscar ist, doch das kompensiert die Serie geschickt dadurch, dass der Governor dies als weiteres Argument benützt, um die Angreifer als Terroristen und Ex-Häftlinge abzustempeln. Und so verschiebt man auch Andreas notwendige Auseinandersetzung mit der Identität der Angreifer ins Jahr 2013 – in „Made to Suffer“ wäre dafür ohnehin kaum Zeit gewesen. Gleiches gilt für ihre Entdeckungen im Haus des Governors, was Penny und die Köpfe im Glaskasten betrifft. Der Governor versucht das zwar zu rationalisieren, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Andrea das unberührt lässt. (Wehe!)

Michonne vs. Governor.

Das Highlight der Folge ist eindeutig der Kampf zwischen Michonne und dem Governor. Dieser war einfach toll choreographiert, und das ist immer schwierig, wenn eine Partei ein Schwert zur Verfügung hat und die andere nicht. Klasse ist auch, wie toll hier Penny und die Aquarien mit den Köpfen in den Kampf miteingearbeitet sind und diese beiden Aspekte nicht nur im Hintergrund Zierde sind. Auch die Brutalität des Kampfs wurde der Situation gerecht. Als Comicleser sah ich beispielsweise die große Scherbe, die Michonne anvisierte, und konnte schon fünf Sekunden vor dem Einschlagen in das Auge des Governors kaum noch auf den Bildschirm schauen. Effektiv gruselig die Szene, und mit fantastischem Kampfverlauf.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Was mir allerdings fehlt ist eine bewegende Vorgeschichte zu diesem Kampf. Vor allem kann ich Michonnes Beweggründe, dem Governor aufzulauern, nicht gänzlich nachvollziehen – ist es etwa nur, weil dieser Michonne seine Soldaten nachgeschickt hat? Dummerweise existierte das Problem schon vor ein paar Episoden („3.06 Hounded„) und zieht sich nun in diese Episode hinein. Michonne hat mir auch nie den Eindruck gemacht, stets das Rechtschaffene zu tun, um hier plötzlich den „Bösen“ zur Strecke bringen zu wollen. Und schließlich war ihre Antipathie mit dem Governor selbst provoziert – erst ihre ständigen, ein wenig aus der Luft gegriffenen (wenn auch begründeten) Verdachtsmomente und schließlich das Bedrohen des Governors führten zum ihr nachgeschickten Tötungskommando. Es ist so schade, dass ihr Charakter bis zu diesem Zeitpunkt so wenig ausgearbeitet wurde, denn dadurch leiden beide Höhepunkte der Episode.

Der zweite ist nämlich der Standoff mit Andrea, als diese in letzter Sekunde den Governor findet. Der ist verdammt cool in Szene gesetzt, und das ist schwierig – in solch Situationen, in denen die Waffen aufeinander gerichtet sind, gibt es meist eine Partei, die doch einfach abdrücken sollte, doch diese Situation war darin sehr clever: Beide Parteien gehen in diesem Moment eine Vielzahl von Emotionen durch. Andrea ist verwirrt, geschockt von Michonnes Tat, aber gleichzeitig möchte sie ihre ehemalige Lebensretterin nicht töten. Michonne ist ebenfalls verwirrt, hin- und hergerissen zwischen der Vollendung ihrer Tat und diesem Dienst der Freundschaft, den Governor am Leben zu lassen. In dieser einen Szene bekommt man endlich ein wirkliches Gefühl dafür, dass die beiden acht Monate lang durch dick und dünn gegangen sein müssen, um sich so entgeistert anzusehen und dennoch nicht abzudrücken/ zuzustechen. Fantastisch, doch mit dem faden Beigeschmack: Wir haben nie erfahren, was die beiden alles verbindet, und bis zu diesem Zeitpunkt schien ihre Verbindung nie besonders tief zu gehen. Diese Begegnung ist einer der entscheidenden Momente ihrer Beziehung – schade, dass wir so wenig von dieser Beziehung wissen.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Die große Provokation.

Doch die Begegnung zwischen Michonne und dem Governor steht nicht nur für sich als großartige Szene, sondern ist vielmehr das ausschlaggebende Ereignis für den weiteren Woodbury-Gefängnis-Konflikt. Der Governor hatte zwar schon davor angekündigt, dass sie das Gefängnis säubern wollen würden, aber da war die Motivation noch nicht so groß, und sobald sie gesehen hätten, dass Rick und sein Team ganz schön widerstandsfähig sein können, wären sie vielleicht wieder abgerückt.

Das wird jetzt absolut unmöglich sein – der Governor wird, nach dem Verlust von Penny und seinem Auge, von Rache besessen sein, und kaum ruhen, bis das Gefängnis (und insbesondere Michonne) plattgewalzt ist. Weiters aber kann er den gesamten Vorfall dazu nützen, die Bewohner Woodburys für die Auslöschung der Gefängnisbewohner zu begeistern. Das ist der Clou an der gesamten Sache: Während Rick und Co. eigentlich gerechtfertigt handeln, sehen die Woodbury-Bewohner das ganz anders. Sie wissen ja nicht, dass Maggie und Glenn festgehalten wurden, und so ist alles, was sie sehen: Sie wurden von Terroristen angegriffen. Leute sind brutal (von Maggie) umgebracht worden. Der Governor wurde verstümmelt. Und das alles aus bloßer Eifersucht, weil die Terroristen Woodburys Wohlstand wollen.

Bla:

– Warum ist eigentlich jede Figur nicht nur verdammt treffsicher, sondern sich diesem Talent auch noch bewusst? Carl etwa schießt auf Walker, die kaum einen halben Meter neben Menschen stehen. Wenn da was schiefginge…

– Mir gefällt plötzlich Beths Rolle in diesem Apokalypse-Szenario. Sie ist der einzige Teenager der Serie, und für Carl ein interessanterer Gegenpol als eine gleichaltrige Sophia. Und nun, da Carl eine aktive Rolle im Gemeinschaftsleben eingenommen hat, ist Beth auch das einzig verbliebene Nesthäkchen.

– Axels Flirtversuche mit Beth und Carol heitern die Episode auf, you follow me? Irgendwie beängstigend, dass er Interesse an dem 17-jährigen Mädchen fände, aber gleichzeitig auch nachvollziehbar.

– Ich glaube, ich führe eine neue Rubrik für The Walking Dead-Kritiken ein: Die Makaberheit des Tages. Heute: Glenn wühlt in den Innereien des ihn attackiert habenden Zombies, um sich und Maggie mit dessen Knochen zu bewaffnen. Ugh.

– Vier der fünf im Gefängnis gefundenen Inhaftierten sind jetzt schon tot, einzig Axel hats überlebt. Das ging ja schnell!

– Kurios: Im Comic verliert der Governor sein anderes Auge. Wie man wohl zu solchen Änderungsentschlüssen kommt?

– „I need you – are you with me?“

– Rick sieht Shane? Darauf wird nicht sonderlich lang eingegangen, aber muss die Serie auch nicht – hier scheint sie eher langfristig etwas aufzubauen. Bestimmt nicht das letzte mal, dass wir Shane sehen.

– Als der Governor Penny Musik vorspielte, dachte ich für einen Augenblick tatsächlich, dass sie sie wiedererkannte, bis eine andere Kameraperspektive offenbarte, dass Penny nur den Essensteller wollte. Gute Täuschung mit idealem Timing.

– Man möchte meinen, das leise Knurren hätte Michonne darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei dem Kleinen um einen Zombie handelt. Oder der Hausverstand, der besagt, dass man zuerst nachschaut, ob es sich tatsächlich um einen Menschen handelt, bevor man ihn losschneidet.

– Bezüglich Penny, überhaupt: Ist es nicht merkwürdig, dass sie so deutlich weniger aggressiv war als alle anderen Zombies? Das war zwar bei Sophia ebenfalls der Fall, habe ich damals allerdings schlichtweg als Mittel gesehen, um die Szene dramatischer zu machen. Das kleine Mädchen in der Anfangsszene des Piloten von The Walking Dead rannte auf jeden Fall auf Rick zu. Ist Pennys Verhalten also absichtlich ein wenig inkonsistent mit dem anderer Walker? Ist Miltons Theorie etwa doch nicht so falsch?

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Made to Suffer“ ist eine weitere starke Folge. Ihre besten Szenen kränkeln ein wenig an der bislang schwachen Charakterisierung von Michonne, bilden allerdings eine gute Basis für weitere Entwicklungen der Serie, sowohl in charakterlicher als auch storytechnischer Hinsicht. Im Gegensatz zum Halbfinale der zweiten Staffel verbleiben wir diesmal auch mit einem richtig knackigen Cliffhänger.

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3 Gedanken zu “The Walking Dead 3.08 „Made to Suffer“: Penny.

  1. omg ich hoffe wirklich nicht dass tyreese ankunft daryls abschied bedeutet, da er ja so zusagen bisher seine Rolle an Ricks seite übernommen hat ?
    – Die Anmache vom Häftling sehe ich nicht ganz so harmlos da wird bestimmt noch was kommen ?
    – Mir ging Michonnes Gesichtsausdruch (als ob sie in eine saure Zitrone gebissen hat ) schon voll auf den sack, oh ha SIe kann auch Gefühle zeigen ?

  2. Pingback: The Walking Dead 3.09 “The Suicide King”: Kriegsrecht. | Blamayers TV Kritiken

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