The Walking Dead 3.07 „When the Dead Come Knocking“: Foltern.

„Bring ‚em back.“

Und so beginnt der Krieg. The Walking Dead hat schon viel Zeit damit verbracht, zu philosophieren, was man bereit ist zu tun, wenn es um das eigene Überleben geht, vor allem, wenn andere Menschen sich zwischen dieses Ziel stellen. Doch ums reine Überleben geht es Woodbury schon längst nicht mehr.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Maggie und Glenn sitzen, milde ausgedrückt, ganz schön in der Klemme: Merle möchte mit allen Mitteln herausfinden, wo sie ihr Hauptlager aufgeschlagen haben. Ihre einzige Rettung wäre wohl Michonne, die zielstrebig vor den Gefängnistoren landet. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt… (Das wollte ich schon immer mal schreiben.)

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Das Fürchten lehren.

When the Dead Come Knocking“ lässt die Horror-Elemente von The Walking Dead wieder hochleben. Die Zombies selbst sind ja schon fast Alltagsware in der Serie geworden, das liegt einfach in der Natur einer seriellen Ausstrahlung: Selbst die außergewöhnlichsten Elemente werden bei dauernder Exposition zur Normalsituation. Gutes Beispiel dafür ist der Zombie, der im Hintergrund, recht weit entfernt, auf Rick zusteuert, als er und drei seiner Freunde aus dem Auto springen, der komplett ignoriert wird – auch ein Zeichen dafür, dass man längst aufgegeben hat, die Welt eines Tages walkerfrei zu machen. Und so muss die Serie, wenn sie schockieren möchte, auf andere Mittel zurückgreifen. Meist versucht sie das durch Splatter-Effekte, möglichst blutige und detaillierte Aufnahmen von Innereien, die bei Mensch und Zombie zu sehen sind. Davon ist in „When the Dead Come Knocking“ dankenswerterweise wenig zu sehen, stattdessen greift man zurück auf eines der rohsten Emotionen des Menschen: Furcht.

Eben nicht jene entsensibilisierte Angst vor Walkern, sondern eine neuartige Furcht, nämlich jene vor der Gewalt von Menschen. Nicht, dass wir diese noch nie in dieser Serie gesehen hätten (siehe Randall zum Beispiel, der von Shane ermordete Bursche), aber erstmals fühlen wir dabei aktiv in der Rolle des Opfers mit. The Walking Dead, eh stets bemüht die bereits bestehende Misere zu toppen, greift da bewusst in besonders dunkle Gefilde, als sie Glenn und Maggie zuerst bedrohen und alsbald foltern beginnen.

Es ist schon immer erstaunlich, wie verschieden die Formen von Gewalt an Männern und Frauen in TV-Medien sind. Gegen Glenn hagelt es natürlich Faustschläge sowie eine etwas ungewöhnlich anmutende Konfrontation mit einem Walker – zwar ein durchaus origineller und spannender Kampf, aber im Endeffekt eher sinnlos: Warum würden sie es riskieren, einen ihrer Gefangenen zu töten, ohne ihn vorher als Druckmittel verwendet zu haben? Es ist gar fast so, dass die Serie darüber selbstironisch schmunzelt, als im Anschluss Glenn Merle überraschen möchte, der aber einfach einen Kollegen mit Maschinengewehr neben sich stehen hat und so Glenns Angriff/ Ausbruchsversuch antiklimatisch aber witzig verpuffen lässt.

Und dann ist da die Gewalt gegen Maggie, in rein psychologischer Form, und deshalb wohl schlimmer mit anzusehen – ich glaube, man kann emotionalen Schmerz generell einfach weit besser nachvollziehen als physischen. Es sind schon fesselnde Momente, als der Governor von ihr verlangt aufzustehen, ihren Widerstand testet, und schließlich bricht. Gleichzeitig ist das natürlich verdammt verstörend, ihn seine Macht so eiskalt über sie auszunützen, unter anderem auch deswegen, weil man das Gefühl nicht loswird, dass er mit ihr hier spielt, weil es ihm gefällt. Der Gürtel etwa, den er abnimmt, nicht um sie zu vergewaltigen, sondern um ihr zu demonstrieren, dass er es könnte. Ich bin froh, dass die Serie hier bei weitem nicht so verrückt vorgeht wie im Comic, in dem wirklich die unvorstellbarsten Grausamkeiten einander angetan wurden, trotzdem produziert man hier wirklich sehr düsteres, schwierig verdaubares Material. Und das, obwohl keiner der beiden einen permanenten Schaden davonträgt – physisch zumindest, denn die Angst und Demütigung sitzen bei Maggie schon extrem tief.

Woodbury gegen Gefängnis.

Bislang handelte es sich bei The Walking Dead stets um einen Konflikt zwischen Mensch und Zombie, oder Mensch gegen Chaos – es hat zwar schon immer gruppeninterne Zwists gegeben, doch im Grunde war die primäre Triebkraft der Selbsterhalt der Menschen. Seit Staffelbeginn hat sich aber der Konflikt Mensch gegen Mensch angekündigt, und nun ist er also endgültig hier: Ein Krieg zwischen Woodbury und Gefängnis-Überlebenden (für Ricks Gruppe müsste man wirklich einen guten Namen finden!) steht unmittelbar bevor. „When the Dead Come Knocking“ ist die vorletzte Folge vor der Halbzeitpause und lässt größenteils die Figuren für die erste große Konfrontation der zwei Fraktionen in die Startlöcher vorrücken, ist aber deutlich mehr als nur eine generische Überbrückungsfolge.

Zugegeben, wie jede The Walking Dead-Episode hat auch diese wieder einige schwächere Teile. Diesmal eindeutig (und leider wieder einmal) Andreas Nebengeschichte, jene über Herrn Coleman, der im Sterbebett Milton als Versuchskaninchen dient. Aber langweiligerweise wissen wir ja schon genauso wie Andrea, was passieren wird: Der Walker erhebt sich und besitzt keinerlei Wissen über seinen Wirt. Was ich nicht verstehe: Warum erwähnt Andrea denn etwa nicht, dass sie und ihre Freunde im CDC-Gebäude eingedrungen waren und sie dadurch einen exklusiven Einblick über die derzeitige Forschungssituation in Sachen Virus  besitzen? Das ganze ist jedenfalls nicht gerade spannend und verrät von Milton im Grunde auch nicht mehr, als wir ohnehin schon vermutet haben: Er ist einer der Guten, aber ziemlich naiv. Lebenserwartung: <1 Staffel.

Die Verhörszene des Governors macht auch deutlich, warum man ihn schon von der ersten Episode weg, in der er aufgetaucht ist, als Antagonisten gekennzeichnet hat – die Wendung wäre sonst wohl in dieser Folge zu krass gewesen. (Oder hätte sie dadurch vielleicht noch besser funktioniert?) Die Undurchschaubarkeit des Governors wäre also ohnehin nicht in Frage gekommen, stattdessen überlässt man ihm zu 100% die Bösewichtsrolle. Immer interessanter hingegen wird Merles Position in Woodbury: Zwar ist er eindeutig ebenfalls einer von den Bösen, aber so ganz auf einer Wellenlänge mit dem Governor ist er auch nicht. Und das nicht nur aufgrund des Interesses an seinem Bruder: Interessanterweise wusste der Governor beispielsweise schon von dem Gefängnis, doch hielt es aufgrund von falscher Aussagen oder Einschätzungen seitens Merles als uneinnehmbar, weil es doch in der sogenannten roten Zone stünde. The Walking Dead lässt Raum zum Spekulieren: Gibt es etwa eine Gefahr, die Rick und Co. noch nicht kennen? Hat sich Merle verschätzt? Oder gelogen? Wenn ja, warum? Aus Angst vor dem Governor? Oder weil er seinen ganz eigenen Plan verfolgt?

Ricks Plan.

Michonnes Ankunft bei Ricks Gruppe ist mühsam, vor allem die Dialoge sind ein wenig hölzern und uneins: Im einen Moment wandert Michonne aufs Gefängnis zu, im nächsten sagt sie ihnen, dass sie ihre Hilfe gar nicht erbeten hätte. Im einen Moment wünscht sich Rick, dass Michonne bald wieder verschwinden möge, im nächsten nimmt er sie schon halb in die Gruppe mit auf. Es ist ja verständlich, dass Michonne (vor allem nach dem Kurzbesuch in Woodbury) misstrauisch ist, aber diese offene Feindseligkeit ist auch hier wirklich fehl am Platz. Gelungen sind jedoch die subtil integrierten Momente, in denen sie erfährt, dass diese Gruppe von Menschen eine bessere ist als jene in Woodbury – zum einen beeinflusst sie die Begegnung zwischen Rick und der totgeglaubten Carol, zum anderen Ricks koordiniertes Vorgehen, als sie im Wald von Walkern geflankt werden.

When the Dead Come Knocking“ beinhaltet nur eine einzige Szene mit Carol, und doch habe ich das Gefühl, dass sie in dieser den entscheidenden Schritt weg von der unbedeutenden Nebenfigur hin zum vollständigen Teammitglied tätigt. Ihrem Überleben wird Bedeutung zugemessen, unter anderem, weil es sich um den glücklichsten der gesamten Episode handelt, vielleicht sogar dem einzigen. Ihre stumme Frage nach Lori war treffend – ein unforcierter Moment, um wieder kurz die Verarbeitung von Carls und Ricks Trauer aufzugreifen. Damit verfährt die Serie derzeit ziemlich gut, das Thema nicht überzustrapazieren, aber auch nicht unter den Teppich zu kehren.

Aber zurück zu Michonne: Auf deren Bericht von der Entführung von Glenn und Maggie hin beginnt eine neue Phase der Gefängnis-Saga: Während Woodbury selbst einen Spähtrupp zum Gefängnis schickt, brechen Rick, Oscar, Daryl und Michonne, quasi das A-Team der Gruppe, nach Woodbury auf. Es ist gut, Rick wieder zurück in der Führerrolle zu sehen – nach wie vor hat es nämlich nicht seinen Reiz verloren, die Gruppe koordiniert vorgehen zu sehen.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Weil sie mit dem Auto keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, pirschen Rick und Co im Wald voran – und erleben prompt eines dieser typisch-episodischen Abenteuer. Leider eines der absolut dämlichsten, wie ich finde: Mitten im Wald werden sie von einer ganzen Zombiehorde attackiert und entdecken bei der Hals-über-Kopf-Flucht eine Hütte, in der sie sich kurzerhand verbarrikadieren. Und in dieser finden sie einen verrückt gewordenen Einsiedler vor. Wie dieser ein ganzes Jahr in so einer heruntergekommenen Hütte überleben konnte, wo doch schon nach wenigen Sekunden die Türen einzubrechen drehen, wird nicht klar. Oder wie er sich am Leben erhalten haben soll.

Warum sie diesen aber nicht einfach bewusstlos schlagen sondern stattdessen einfach umbringen (!) ist mir komplett schleierhaft. Klar, dieser Mann war ein Risiko, aber ihn dafür gleich töten? Ich meine, sie brechen in sein Haus ein, haben jede Menge Zombies im Schlepptau, sind bis auf die Zähne bewaffnet – und töten dann diesen Überlebenskünstler, ders ein ganzes Jahr allein durchgebracht hat? Dass Michonne eigenständig reagiert hat macht die Sache nicht gerade besser, im Gegenteil: Damit werde ich bestimmt nicht zum Sympathisanten. Und Rick müsste sich eigentlich auch fragen: Wenn sie so gar nicht zögert, diesen Kerl zu erdolchen, der ihr gar nichts getan hat, wie können wir ihr dann vertrauen? Am meisten stört mich allerdings, in welch schlechtes Licht das Rick und Co. taucht. Den Mann den Zombies zum Fraß vorzuwerfen war purer Hohn (wenn auch zugegebenermaßen recht einfallsreich), ihn umzubringen hingegen reine Willkür. Was dem Einsiedler widerfährt entspricht nicht dem Gruppenethos, und dass das hier so blatant ignoriert wird ist erschreckend. Liebe Drehbuchautoren, ich möchte die Hauptfiguren nicht hassen!

Halbzeit.

Mit der nächsten Episode wird die erste Hälfte der dritten Staffel beendet, und ich muss sagen: Ich bin sehr zufrieden mit der unglaublichen Geschwindigkeit und der Zielstrebigkeit, die die Serie an den Tag legt. Es gibt zwar nach wie vor inkonsequente Kurzepisoden, in „When the Dead Come Knocking“ von eher schwächerer Natur, doch der Großteil der Zeit wird für die Weiterführung der Haupthandlung verwendet – und die bleibt zum Nägel beißen spannend. Nächste Woche also: Team Woodbury gegen Team Rick, Teil 1.

Bla:

– Schon ein wenig merkwürdig, wie penibel man in den USA darauf achtet, ja keinen nackten weiblichen Oberkörper von vorne zu zeigen, während man ohne weiteres Menschen und Zombies auf brutalste Art und Weise sterben sieht. ‚Merica.

– Was Rick dachte, als er Carol wiedergesehen hat: „Moment mal, wen haben wir denn da eigentlich begraben?“

– Warum man wohl T-Dog getötet hat, weniger als eine halbe Staffel vor dem Wiedersehen mit Merle? Andererseits hätte er die selbe Behandlung wie Carol nötig gehabt, um wirklich zum Kreis der Hauptfiguren dazu zu stoßen, und zwei totgeglaubte Figuren auf einmal wiederzufinden wäre zu unwahrscheinlich gewesen. Fehlt eigentlich nur noch Beth (Maggies kleine Schwester).

– Lil‘ Ass-Kicker heißt nun offiziell Judith. Man, was bin ich froh, dass sie es nicht Lori getauft haben…

– Letzte Woche habe ich an dieser Stelle darauf gewettet, dass Glenn zuerst brechen würde, um Maggie weitere Schmerzen zu ersparen – und die Serie dreht den Spieß prompt um. Gelungene Überraschung!

– Täusche ich mich, oder hat Michonne Rick angelogen, als sie ihm sagt, dass Glenn und Maggie ihr verraten hatten, wo das Gefängnis ist? Alles, was Michonne gehört hat, muss ja auch Merle mitbekommen haben, und der wusste es ja zu Beginn der Episode nicht. Es macht Sinn, dass sie dadurch das Vertrauen Ricks erlangen kann – ob diese Notlüge nochmal zur Sprache kommen wird?

– Warum schreit Maggie eigentlich nicht nach Glenn, als Merle hörbar auf Glenn eindrischt? Die Szene hat den Eindruck, als hätte man sich erst nach dem Filmen dazu entschlossen, dass Maggie Glenn hören kann. Oder sind die beiden Räume etwa weiter voneinander entfernt? Ich hätte schwören können, dass wir die Geräusche von Glenns Befragung in Maggies Raum hören konnten…

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

Es ist doppelt gut, dass The Walking Dead sich so in den Haupthandlungsbogen hineinsteigert – einerseits sind die Entwicklungen rund um Glenn, Maggie und Michonne ziemlich spannend, andererseits sind die episodischen Nebenhandlungen (Amy und Mr. Coleman, Team Rick und der Einsiedler) ziemlich uninspiriert und wenig durchdacht. Hoffentlich kann die Serie das Tempo auch halten, ohne das gesamte Material in einer Staffel zu verbraten. Selbst wenn die Serie das tut: Wir befinden uns gerade in genau dieser Staffel. Und sie ist die bislang beste der Serie.

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