The Walking Dead 3.06 „Hounded“: Kollision.

„I thought there would be time.“

Hounded“ ist für mich der beste Beweis dafür, dass die dritte Staffel von The Walking Dead trotz der ereignisreichen ersten fünf Folgen nach wie vor unzählige Pfeiler im Köcher stecken hat. Obwohl die Episode so einige parallele Handlungsbögen spannt, gelingt es ihr, ordentlich Vorwärtsmomentum aufzubauen.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Michonnes Abschied von Woodbury verläuft weniger friedlich als geplant: Der Governor schickt Merle und ein paar weitere Männer aus, um sie aufzuhalten. Schließlich gelingt es Michonne, Anhänger von Ricks Gruppe aufzuspüren – doch dann läuft alles schief…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Rrrring, rrrring!

Der Cliffhänger der letzten Folge, das klingelnde Telefon, lässt Rick vom stummen Rächer aus „Say the Word“ zurückschnappen in die Rolle des verantwortungsbewussten Gruppenführers, der er eigentlich sein sollte, und so wird die Episodentrennung zwischen diesen zwei Extremstadien zum Stilmittel erhoben. Das Telefon ist seit längerer Zeit wieder mal eine stärkere Metapher von The Walking Dead, und das wird in dieser Folge auch ordentlich ausgekostet. Beispielsweise gab sich Rick seit Loris Tod äußerst abgekapselt, er hat noch nicht einmal seinen Sohn getröstet oder sein Baby im Arm gehalten. Doch hier dringt endlich wieder jemand durch, stellt Kontakt mit ihm her – das heißt, eigentlich ist es sein Unterbewusstsein, das wieder aufnahmefähig ist.

Doch natürlich nicht gleich: Rick will es zuerst nicht zugeben, doch der Schock und die Trauer sitzen tief, tief drin. Also reden sie erst über andere Dinge, gerade jene, die sich Rick wünscht – ein sicherer Platz, weg von all dem Übel, weg von ihnen. We’ve been calling since it all started„, erzählt ihm die Frau gegenüber, von einer Welt aus also, in der die Gesellschaftsnormen noch nicht gekippt und anschließend aus dem Fenster geworfen worden sind. Bis sich schließlich sein Verstand durchdringt und Rick konfrontiert: Was ist mit Loris Tod?

Natürlich stellt es sich heraus, dass es sich bei der Person am anderen Ende um Lori handelt, d.h. Rick hat sich das alles nur eingebildet. Eigentlich ja logisch, wo sollte auch der Strom herkommen? Oder warum würde jemand ausgerechnet in einem Gefängnis anrufen? Oder warum sollte man es ein ganzes Jahr lang gemacht haben, obwohl nie eine Menschenseele zuvor abgehoben hat? Ich wünschte, es hätte noch eine Kamerafahrt gegeben, die gezeigt hätte, dass das Telefon gar nicht angeschlossen war – dann hätte die ohnehin schon sehr nette Geste von Hershel, Rick zuzuhören und ihm zu versprechen, den anderen nichts davon zu verraten, noch einmal besser gewirkt. Aber auch so hat die Doppeldeutigkeit dieses Versprechens eine gehörige Prise Charme – vor allem, wenn man erst später erfährt, dass Hershel Rick zuliebe mitgespielt hat.

Rick jedenfalls an seiner Trauer mittels dieses Plot-Devices arbeiten zu lassen geht voll auf – er hat ja sonst auch niemanden außer Carl, mit dem er darüber angebracht sprechen könnte, und Carls Umgang mit dem Tod seiner Mutter ist ebenso solitär. Die verschiedenen Anrufe geben ihm gezielt Momente, Loris Tod verschiedenartig zu beachten – zuerst gar nicht, dann leugnend, schließlich trauernd: „I loved you… I thought there would be time…“ Gerade weil Rick nicht die Gelegenheit hatte, sich mit Lori zu versöhnen, und so nun die letzte Erinnerung an Lori ein Streit war (vom kurzen Zunicken durch den Zaun mal abgesehen), erdrückt ihn sein schlechtes Gewissen, so sehr sogar, dass er beginnt, sich ihre Stimme einzubilden. Auch hier entpuppt sich das Telefon als Geniestreich – der Wahnsinn, dem Rick in „Say the Word“ verfallen war, wird ausgerechnet dadurch bekämpft, dass Rick wahnsinnig wird, auf eine andere, sanftere, persönlichere Art und Weise. Den Wahnsinn des Alltags lindert nur die Flucht in Wunschvorstellungen, und zwar einerseits die des idealen sicheren Hafens, andererseits durch Ricks Wunsch, seine Schuld vergeben zu bekommen – beides Dinge, die Rick nie bekommen wird.

Um all das wirken zu lassen, hat man sich entschieden, die Stimme noch gleich in dieser Folge als Loris zu identifizieren – gut so, sonst würden diese drei, vier Telefongespräche weit weniger metaphorisch betrachtet, und zudem ist die Illusion, jemand würde sie beobachten, nicht über Wochen hinweg aufrecht zu erhalten.

Zum Schluss bricht die Verbindung ab, und Rick verliert Lori diesmal wirklich – oder erneut. Die letzten paar Sätze sind nur noch teilweise zu hören – ich konnte mir da keinen Reim aus den letzten Satzfragmenten machen. Es ist natürlich eine gute Erklärung für die Serie, diesen Handlungsteil hier entweder zu begraben oder ruhen zu lassen, doch auch für Ricks Figur macht es durchaus Sinn: Er hat das gehört, was er hören musste, um sich wieder aufrichten zu können – jetzt braucht er die Stimme vorerst nicht mehr. Wollen hingegen ist eine andere Frage…

Michonne? Michonne wer?

Die Folge beginnt in medias res – Merle und drei verdächtig namenlose Woodbury-Soldaten pirschen durch den Wald, als Michonne ihnen auflauert. Die Szene vermittelt eindruchsvoll, warum Michonne im Comic so viel besser funktioniert als in der TV-Serie: Die Kampfszene zwischen den vier Soldaten und Michonne wirkt milde gesagt ziemlich unrealistisch. Mit einem Samuraischwert kämpft es sich nun einmal schwer gegen vier Männer mit Pistolen, und man musste mit den Schnitten schon ordentlich schummeln, um Michonne aus den Bäumen ungesehen herunterspringen, zwei Männer in Sekundenbruchteile umbringen, und anschließend lebendig flüchten zu lassen. Selbiges gilt für die Begegnung zwischen Merle und Ricks Gruppe: Warum ziehen so viele Menschen eine Waffe, während eine Pistole auf sie gerichtet ist? Warum würde man dieses Risiko eingehen?

Doch zurück zu Michonne: Zuerst lässt die Episode vermuten, dass sie noch erklären würde, warum Michonne im Wald auf der Flucht vor den Woodbury-Soldaten ist, doch Fehlanzeige – und ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass das in den nächsten Folgen per Flashback nachgeholt wird. Das wirft viele weitere Fragen auf: Wie können die vier Männer Michonne folgen? Warum riskieren sie so leichtfertig ihr Leben? Aber noch wichtiger: Warum sucht dann Michonne die Konfrontation, wo sie ohne Pistole doch so verwundbar ist? Wenn sie so eine Meisterin des Versteckens ist, hätte sie ja fliehen können, oder die Männer einfach weiterwandern. Und warum sollte sie dieses „Beißergramm“ (sehr cooler Name übrigens) in nicht nur sehr makaberer, sondern eigentlich auch aufwendiger Art hinterlassen – dazu mitten im Wald? Da hätte sie doch genauso gut fliehen können.

Nach nun schon vier Folgen ist Michonne nicht nur nach wie vor eine unbekannte Entität, sondern durch das Erstellen des Beißergramms auch noch durchaus unsympathisch geworden – und Maggie und Glenn Merle einfach zu überlassen gehört auch nicht gerade zu ihren lichtesten Momenten. Es ist fast schon ironisch – die spannungsverheißendste Figur des Finales der zweiten Staffel, die verhüllte Schwertkämpferin, entpuppt sich neben ihren Schwertkünsten als ziemlich fad, während die größte Problemfigur der Serie (Lori) zum bislang stärksten Teil von Staffel 3 geführt hat.

Kollision.

Wichtigste Folge dieser Episode allerdings: Der schon seit der ersten Folge in der Luft hängende Zusammenstoß der Gefängnis- und Woodbury-Gruppen. Denn gerade, als es so aussieht, als ob Michonne Kontakt mit Ricks Gruppe aufnimmt, kommt Merle ins Spiel. Es gefiel mir, wirklich nicht einschätzen zu können, was Merle machen würde. Aber scheinbar spekulierte er darauf, dass Glenn nicht den Nerv haben würde, ihn blitzschnell zu erschießen, als er seine Waffe zieht, und so zieht er mit Glenn und Maggie im Schlepptau von dannen. Und Michonne läuft zum Gefängnis. (Wie findet sie das eigentlich?)

Für die Serie bedeutet diese Entwicklung eine starke Triebkraft – beide Gruppen haben nun aktiv das Interesse, einander zu suchen. Gleichzeitig weiß „Hounded“ aber auch, damit zu schockieren: Es hat nicht den Anschein, als ob der Governor ein friedliches Gespräch mit den beiden zu führen gedenkt. Stattdessen wird er wohl kein Mittel unversucht lassen, um aus ihnen herauszuquetschen, wo sich das Gefängnis befindet, wie sicher es befestigt ist, und so weiter. Und das ist wirklich beängstigend – vor allem, wenn man die Comics kennt. Es ist das erste mal, dass mit direkter Gewalt gegen Menschen gedroht wird, und das beinhaltet nach wie vor ein großes Horrorpotential (ohne jetzt dabei Gewalt verherrlichen zu wollen).

Und sonst so?

Und der Rest: Dass Carol noch am Leben ist ist wirklich keine große Überraschung. Ich frage mich natürlich, warum sie nicht nach Hilfe geschrien hat, oder zumindest warum die Überlebenden nicht aktiv nach ihr gesucht haben – Lärm hätte ja nicht geschadet, nachdem die Tore wieder geschlossen wurden. Aber egal, denn ich muss sagen, dass die Carol-Daryl-Beziehung hier wirklich aufgegangen ist, zum Glück ohne große Tränen oder Küsse, sondern durch pure Körperhaltung (und durch die gute alte Zeitlupe).

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Nach ein paar Folgen im Hintergrund erkämpft sich Daryl (Norman Reedus) schön langsam wieder den Platz des MVP. Heldentat des Tages: Carol (Melissa McBride) retten.

Der Governor ist jetzt mit Andrea im Bett – die hat aber auch kein Glück mit Männern. Während die Whiskey-Szene sehr repitiv wirkte – hatten sie nicht schon ein, zwei mal den Alkohol hoch leben lassen? – fand ich ganz gut, dass Andrea in Wirklichkeit doch nichts gegen die Gladiatorenkämpfe hat, auch wenn das bedeutet, dass die letztwöchige „böse Überraschung“ komplett an Bedeutung verliert (zumindest vorerst).

Bezüglich Merle: Ich finde es unheimlich interessant, wie so ein selbstsicherer, überheblicher Kerl wie Merle zweite Geige spielen muss, und mehr noch: richtig Angst hat vor dem Governor. Das geht sogar so weit, dass ihm lieber ist, er tötet einen befreundeten Soldaten, anstatt zuzugeben, dass Michonne davongekommen ist. Aber wer sah bitte nicht kommen, dass Merle seinen letzten verbliebenen Kamerad umbringen würde?

Insgesamt handelt es sich bei „Hounded“ um eine Folge, die in einem sehr balancierten Tempo vorüberzieht. Ich habe das Gefühl, dass so gut wie jede Figur, auf der diese Fokus gelegt wurde, eine Entwicklung durchgemacht hat – sei es in charakterlicher oder storytechnischer Hinsicht. Im Vergleich zur zweiten Staffel liegen nun wirklich Welten, weil „Hounded“ beweist: Staffel 3 kann selbst im Mittelteil das Tempo aufrecht erhalten. Und so wies aussieht wird auch die nächste Episode diesbezüglich nicht enttäuschen.

Bla:

– Wohlwissend, dass Lori am anderen Ende des Hörers ist, habe ich versucht, die Stimme wiederzuerkennen – aber ich glaube, es war eine andere.

– Mir gefiel auch, wie Rick die vier Person aufzählte, die er schon umgebracht hat – ebenfalls zum Thema „sich Schuld eingestehen“. Wer mitgezählt hat: Die zwei Männer in der Bar aus „Nebraska„, Shane, und Tomas.

– Ist es nicht zum Schreien komisch, wie Oscar genau in den freigewordenen Platz von T-Dog hineingestapft ist? Ich frage mich ernsthaft, ob die Drehbuchautoren da bewusst die Rassen-Karte ausspielen. Aber fürs Protokoll: Ich finde das nicht bösartig rassistisch, sondern sehe das eher als ungewollten Slapstick-Humor.

– „We’re dying… we’re dying here.“

– Diesmal in Woodbury: Mehr Statisten als je zuvor. Da haben sie sich ganz schön vertan, in der dritten Folge eine Bevölkerung von unter 100 Menschen anzugeben. Mindestens die Hälfte davon sieht man vergnügt im Hintergrund gehen/ spielen/ reden, aber kaum jemand scheint zu arbeiten.

– Lustigerweise hat endlich mal jemand eine Erklärung dafür, wo all diese tollen Sportbogen herkommen: Der Vater war Olympionike.

– Falls der Governor Maggie und Glenn tatsächlich foltert: Jede Wette, dass Glenn es zuerst ausspuckt.

– Für Comic-Leser: Haben wir in dieser Folge das erste mal Lilly gesehen?

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Hounded“ ist streckenweise eine großartige Folge – vor allem Ricks Dialog mit dem Telefon (sic!) und die Entwicklung rund um die entführten Maggie und Glenn sind stark. Andererseits nagt die Serie an mangelnder Charakterentwicklung Michonnes sowie eher ungeschickt geschriebenen Actionszenen.

Advertisements

7 Gedanken zu “The Walking Dead 3.06 „Hounded“: Kollision.

  1. Wieder eine sehr gute Zusammenfassung. Was mich gestört hat, das war ganz klar, dass Glenn nicht auf Merle geschossen hat. Was am Ende dabei herumkommt, mag ja okay und durchaus interessant sein, aber das hätte man anders lösen sollen/müssen.

    Selbst für Glenn wäre es, da er Merle kannte und nach allem was er durchgemacht hat, einfach nur logisch, irgendwann die letzte Warnung auszusprechen und beim nächsten Schritt von Merle auf ihn zu schießen. Er hätte ihn ja nicht gleich umbringen müssen, aber selbst ich als Pazifist hätte ihm irgendwann eine Kugel in die Schulter verpasst 😉

    • Ja, das finde ich auch. Die Serie hat Schwierigkeiten damit, plausible Szenarien zu entwerfen, in denen die Leute Pistolen aufeinander richten, ohne sich umzubringen.

  2. Sicher dass Lori tot ist? Der Junge sagt es (sagen kann er viel)
    Keine Leiche wurde gefunden. Und der fette Zombie soll sie mit Klamotten und Knochen gefressen haben? Die Leiche ist weg.
    2 Erklärungen:
    Lori war bewusstlos, kam zu sich und hat sich irgendwo versteckt und wird sterbend gefunden und gerettet.
    Oder sie ist zu einem Zombie geworden weil sie doch keinen Kopfschuss bekommen hat und Carl daneben geschossen hat.
    Also irgendwas an den fehlenden Leichen Resten passt da nicht.
    Klar hat die Schauspielerin von ihrem Abschied vom Set geredet… aber auch das kann gestellt sein und bald kommt „ich bin wieder daaahaaa“.
    Also bis ich keine Leiche gesehen habe, bin ich noch skeptisch.

    • Es stimmt schon, irgendwas ist da faul an der Geschichte. Aber ich kann mir beim allerbesten Willen nicht vorstellen, dass sie Lori einfach so schnell aufgegeben hätten, also einfach an ihrer Gebärstelle liegen gelassen hätten, wenn sie nur eine Überlebenschance besäßen hätte. Und das Herausschneiden eines Kindes überlebt man nun einmal ohne ärztliche Hilfe nicht.

      Darum finde ich es am wahrscheinlichsten, dass man sich einfach ein wenig Gage für Sarah Wayne Callies sparen wollte.

  3. Äh einige Verständnisfragen hätt ich da:
    1. Wo ist der andere Häftling abgeblieben ?
    2. Das war doch nicht nur Lorys stimme am Anfang war es amys (Andreas Schwester) dann jim dann diese schwarze Frau die im Seuchenzentrum geblieben ist ?
    3. Wie konnte Merle so schnell rüberlaufen Maggy entwaffnen und sich auf sie schmeißen und die Waffe auf sie richten.
    4. Michonne hätte schnell mit einem pfiff oder Schrei eine kurze ablenkung schaffen können warum hat sie es nicht gemacht ?

    Anmerkungen
    – ja Glenn wird es zuerst auspucken aber nicht weil er ein schwacher charakter ist sondern weil Sie Ihn bestimmt mit Maggy erpressen werden ( ihm drohen ihr weh zu tun ….)

    • 1. Axel war in dieser Folge nicht zu sehen.
      2. Hab mit ein wenig Recherche nun auch herausgefunden, dass da die diversen Toten der Atlanta-Gruppe die Stimmen dafür geliefert haben.
      4. Wohl weil sie die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen wollte – Merle möchte sie ja umbringen.

      Und seit dem Zeitsprung gibt es eigentlich so gut wie keine „schwachen“ Charaktere mehr, im Sinne von Belastbarkeit. Das mit dem erpressen wird sicher stimmen, aber Maggie ist auch tougher als Glenn.

      lg Blamayer

  4. Pingback: The Walking Dead 3.08 “Made to Suffer”: Penny. | Blamayers TV Kritiken

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s