The Walking Dead 3.05 „Say the Word“: Notruf.

„This place is not what they say it is.“

Es ist natürlich schwierig, auf einer solch monumentalen und dramatischen Episode wie „Killer Within“ folgend die Spannung und das Momentum aufrecht zu erhalten. Mit „Say the Word„/ „Notruf“ versucht das The Walking Dead allerdings gar nicht erst, sondern lässt die Konsequenzen lieber in einer Überbrückungsfolge einsickern. Diese ist zwar nicht schlecht per se, doch bei dem bisher herrschenden Sturm an Geschehnissen ein bisschen eine Enttäuschung – oder eine Verschnaufspause.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Rick braucht Zeit, den Tod seiner Frau zu verkraften. Daryl und Maggie holen Muttermilchersatz in der Stadt. Und Michonne und Andrea möchten nach wie vor Woodbury verlassen, zögern aber immer noch. Zumindest für eine kleine Feier können sie noch einen Abend bleiben, doch dieser birgt eine merkwürdige Überraschung…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Schöner, ruhiger Friedhof.

Während (zeitlich gesehen) das Hauptaugenmerk der Episode definitiv auf den Vorkommnissen in Woodbury liegt, bekommen wir auch diverse Gespräche und Eindrücke von Ricks Gruppe zu sehen, inklusive dem wohl schönsten The Walking Dead-Moment der jüngeren Zeit: Sonnenaufgang hinter dem Stacheldrahtzaun und Daryls Cherokee-Rose an Carols vermeintlichen Grab. Gleichzeitig ist das eine Erinnerung der Serie an sich selber, ab und zu auch mal hübscher zu sein – gerade in aussichts- und trostlosen Lebenslagen sind die Momente der Schönheit besonders hervorhebenswert. Das machte ja schon die Vorfolge deutlich, als das Leben des Kleingeborenen mit Loris Leben bezahlt werden musste, nur gilt das aber auch visuell – da dürfte die Serie ruhig experimentierfreudiger werden. In „Say the Word“ tut sie das jedenfalls, aber nach wie vor ohne an die Ästhetik von „1.01 Days Gone Bye“ heranreichen zu können.

Doch zurück zum Grab – nanu, haben wir da etwa schon das Begräbnis verpasst? Die drei Gräber werden ja kaum für Tomas, Andrew und Big Tiny gewesen sein. Das lässt aber ganz unbeantwortet: Haben sie tatsächlich die drei Körper vergraben? Wer hat Loris Körper bewegt, und hat Rick ihn gesehen? Ich habe das Gefühl, man habe hier sehr sehr viel Material einfach ausgelassen, und das geht über eine bewegende Grabesrede hinaus: Die Gruppe braucht Zeit, um um Lori, T-Dog und Carol zu trauern, und wir tun das auch. Lori war zwar schon in der letzten Folge gestorben und beweint worden, doch die Auswirkungen müssen erst langsam in die Serie sickern – doch „Notruf“ bleibt da ungewöhnlich trocken. Ich habe nicht umsonst im letzten Artikel darauf verzichtet, den Effekt von Loris Tod zu behandeln, und dann muss ich ernüchtert feststellen: Allzu schwer nimmt es die Serie auch (noch) nicht.

Klar, Rick geht auf Amoklauf durch die Hallen des Gefängnisses, damit er nicht darüber nachdenken muss, was geschehen ist. Apathisch sehen wir ihn herumstehen, wenn er nicht gerade Zombies niedermäht oder Glenn von sich stößt – leer, weil so vieles, für das er gekämpft hat, und für das er seinen besten Freund umgebracht hatte, verloren gegangen ist. Weil er mit Lori nicht mehr Frieden hat schließen können, sich nicht von ihr verabschieden hat können, und wahrscheinlich denkt, dass er sie retten habe können. Die Szenen strotzen vor Kraft und Blut sowie einer guten Portion Irrsinn. Gut, dass er diese Aggressionen an Walkern auslebt, und es stellt sich sofort die Frage: Wie viel wird er davon noch übrig haben, wenn er wieder der Gruppe entgegentritt und wenn er wieder als Führer gefragt wird? Derzeit befindet sich Rick noch in einer ganz eigenen Kapsel, um Lori trauern wird er später noch – doch was ist mit den anderen?

Daryls dezentes Tribut an Carol passte absolut zu seiner Figur, es ist ein stilles Trauern und Respekt zollen. Auch Carls Szene war sehr schön, als er sich einen Namen für das Baby überlegen soll, und er sämtliche Namen der verstorbenen weiblichen Gruppenangehörigen aufzählt – doch wirklich trauern sehen wir keinen mehr. Das mag dafür sprechen, wie hartgesotten die Gruppe schon geworden ist, und wie schwer es ihnen fällt, noch Emotionen bei dem Thema Tod zu spüren. Andererseits ist es schon ein wenig enttäuschend, Glenn zwar seine Freunde Familienmitglieder nennen zu hören, dann allerdings ein schwachbrüstiges „I need to mourn“ von ihm zu hören – und dies tut er anscheinend, indem er mit Hershel über Reue spricht, die Insassen nicht sofort getötet zu haben. Schlimmerweise gibt er dafür auf, die Gräber selbst zu buddeln, und überlässt das lieber Axel und Oscar. Es hat zwar jeder etwas zu tun, doch was sie sagen ist so… belanglos. Nicht ohne Relevanz, aber ohne Nachdruck, ohne Tiefe.

Großer Lichtblick in dieser Folge, erstmals in dieser Staffel eigentlich wieder mal im Vordergrund: der ewig verlässliche Daryl. Mir gefällt, wie hier die Gruppendynamik 2.0 wortlos erklärt wird – Daryl scheint Ricks erster Offizier zu sein, und wenn Rick „verhindert“ ist übernimmt Daryl. Die „harte Schale, weicher Kern“-Nummer, in „Notruf“ besonders prominent, mag zwar leicht klischeehaft sein, aber Daryls Figur bringt sie überzeugender rüber denn je. Das beginnt bei der Entschlossenheit, mit der Daryl sich sofort auf die Suche nach Muttermilchersatz macht, geht über die Cherokee-Rose und endet bei der glücklichsten Grimasse, die er je gemacht hat – als er das Baby füttert. Sein kleiner Ausflug mit Maggie war nicht sonderlich spektakulär (wie auch), musste allerdings nun einmal sein – sonst läge das Baby ja auf dem Trockenen.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Drüben in Woodbury.

Ich finde es ein wenig schade, dass es so wenige Parallelen in der Handlung zwischen Woodbury und dem Gefängnis gibt. Der Rick/ Governor-Vergleich zieht nach wie vor, nimmt jedoch an Stärke ab. Ursprünglich urteilte ich noch, dass der Governor eine Art ungute mögliche Zukunftsversion von Rick sei, doch davon scheint man sich wegzubewegen. Anstatt den Governor in einem moralischen Graubereich anzusiedeln, scheint er mit jeder Episode noch deutlicher zu einem Bösewicht zu werden – und umso mehr ärgert man sich über Andrea, die blauäugig Schritt für Schritt in die Falle tappt. Die Aquarien mit Köpfen und der Überfall der Soldaten waren schon Anzeichen genug, aber in „Say the Word“ toppt man das noch einmal, indem man den Governor endgültig zum Verrückten erklärt: Er kümmert sich nach wie vor um seine Zombie-Tochter.

Was indes zwischen Michonne und Andrea passiert könnte man fast schon als Schmierenkomödie bezeichnen – die beiden scheinen das exakt selbe Gespräch zu führen wie in der vorherigen Folge, nämlich, ob sie von hier abhauen sollten. Im Nachhinein finde ich, dass die drei-episodige Detektivarbeit Michonnes nicht besonders ausgefeilt geschehen war – anstatt zuerst ein paar Hinweise zu finden, die ihren Verdacht begründen würden, war sie von Anfang an argwöhnisch, und anstatt geschickt mit ihren Clous umzugehen oder sie mit Andrea zu diskutieren, scheint sie zu versuchen, sich in so viel Ärger wie nur möglich zu verheddern. Wie oft möchte sie noch nicht nur den Governor provozieren, sondern auch dessen Stellung mit ihrem Wissen gefährden – Wissen, das sie exklusiv ihm gesteht? An dieser Stelle frage ich mich tatsächlich, wie sie solch eine Lebenskünstlerin in den Monaten zuvor gewesen sein soll, Schwert hin oder her. (Aber fürs Protokoll: Schwert ist nach wie vor sehr sehr cool, immer gern in Action gesehen.)

Da wäre zum Beispiel die Szene, in der sie den Governor mit ihrer Waffe bedroht – absolut unnötig, und nur mit dem Effekt, dass er sie von diesem Moment an sie noch stärker auf dem Radar hat. Es ist wohl auch, weil wir genau nichts über Michonne wissen, dass ich ihr Handeln hier absolut nicht nachvollziehen kann. Klar, sie hat mit ihren Verdachtsmomenten recht, und wir Zuseher wissen auch, dass der Governor früher oder später wohl auch seinen Tod verdienen wird, doch für Michonne ist das keinesfalls ein Grund. Sie verlässt die Stadt und dürfte sich damit wohl auf den Weg zum Gefängnis machen – gut denkbar, dass der Governor ihr Kundschafter nachschickt. Hoffentlich wird es dann auch ein paar weniger mürrische Momente Michonnes geben, denn bisweilen wirkt sie nicht besonders sympathisch. Und das ist schade für eine Figur, die offensichtlich mit dem Adjektiv „cool“ konzipiert wurde.

Andrea ist hingegen auf dem anderen Spektrum als Michonne – nicht zu misstrauisch, sondern viel zu gutgläubig. Natürlich ist so eine Sicherheitszone wie Woodbury genau das, wovon die Menschheit träumt, aber wie Michonne herausgefunden hat ist nichts, wie es scheint. Da ist es fast ein wenig antiklimatisch, dass gerade die gestellten Arenakämpfe Anlass für den Beginn von Andreas Unwohlsein in Woodbury sind. Ganz im ernst: Die Idee ist zwar beknackt, doch im Vergleich zu den anderen Dingen, die wir (und teilweise auch Michonne) schon von Woodbury wissen, eher banal. Was hier so enttäuschend ist ist die mangelnde Kommunikation zwischen den beiden Frauen, von denen wir eigentlich glauben sollten, dass sich in den rund sieben Monaten Aufenthalt in der Wildnis so etwas wie Freundschaft und Vertrauen zwischen ihnen gebildet haben soll. Doch davon ist nichts zu spüren. Es ist okay, dass sie getrennte Wege gehen, aber nicht, dass sie das nur dadurch begründen können, ihre Entscheidung „fühle“ sich einfach richtig an.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Vielleicht makaber, aber nicht das Ende der Welt: Merle (Michael Rooker) als Gladiator.

 „Say the Word“ ist die bislang schwächste Episode der Staffel, weil sie die erste ist, in der keine große dramatische Handlung die Schwächen der Serie überschattet. Nach wie vor profitiert die Serie von den guten Änderungen seit Staffel 2, doch man merkt: Nimmt die Action ab, können das Alltagsdrama und die Interaktionen der Figuren die Serie nicht allzu stabil halten. Es ist keine schlechte Folge per se, sie hat durchaus ein paar echt gute Momente – doch letztendlich fehlt ihr ein Grundthema oder ein Hauptfokus, der der Folge ein wenig Richtung und Triebkraft geben könnte, und so fühlt sie sich an wie eine Brücke über Ereignisse, die weniger folgenreich sind. Wohin diese Brücke führen wird ist noch nicht ganz klar, doch das Telefon (übrigens eins der stärksten wiederkehrenden Motive der Serie, dazu nächste Woche mehr) dürfte schon zumindest in eine Richtung deuten.

Bla:

– Daryl steht sein Poncho ja urgut. Wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass das zusammenpassen würde.

– In den ersten Sekunden dachte ich, es müsse sich um einen Flashback handeln, und nach dem Ableben Loris wäre das auch kein Wunder gewesen (quasi als schmerzvolle Erinnerung Ricks).

– Ich habe letzte Woche die erste Staffel von Dollhouse geschaut, und muss meine Aussage von der Vorwoche revidieren: „Killer Within“ mag zwar eine Hauptfigur getötet haben, ein Gamechanger war es aber lange nicht – das ist ein Begriff, der das Konzept einer Serie tatsächlich auf den Kopf stellt.

– Was hat das Tagebuch des Governors zu bedeuten? Die vielen Striche? Die Namen, deren letzter Penny ist?

– Was wirklich aufgefallen ist und doof gewirkt hat: Michonne möchte mit Andrea fliehen, wartet mit dem Packen jedoch bis sie eintritt, und sobald sie das tut hat sie plötzlich die größte Eile. Das wirkte sehr gestellt.

– Ich hatte es im Artikel letzte Woche vergessen zu erwähnen: Der Governor hat Andrea verraten, dass er Philipp heiße. In dieser Folge spricht ihn sogar einer seiner Männer mit diesem Namen an. Sehr sehr schade – zuerst hat es doch den Anblick gehabt, sein Name sei so ein Geheimnis, und nun hat man diesen Handlungsstrang scheinbar einfach fallen gelassen.

„People with nothing to hide don’t usually feel the need to say so.”

– Warum denkt die Rick-Gruppe eigentlich, dass Carol mit Gewissheit tot sei, nur weil sie ihren Schal gefunden haben? Zugegeben, ich kann mir nicht erklären, warum Carol sich nicht melden würde, dennoch ist ein Begräbnis schon ein bisschen gewagt.

– Toller Aspekt von Maggies und Daryls Einbruch in ein Haus war auf jeden Fall das Kinderzimmer und die trostlosen Handabdrücke auf der Wand, das ein wenig an das Haus erinnerte, bei dem Rick im Piloten das Pferd geholt hatte.

– Ich mag den deutschen Titel der Episode sehr, auch wenn er sich arg spezifisch auf die letzten fünf Sekunden der Folge konzentriert – und er passt eben dann so gut, wenn man weiß, wer ihn da anruft.

– Comicleser werden wissen, wer am anderen Ende des Telefons ist – wie schauts mit den Uneingeweihten aus?

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Say the Word„, dt. „Notruf„, kann qualitativ nicht ganz an die bisherigen Folgen der dritten Staffel anknüpfen – in Woodbury tun die Figuren das gleiche wie zuvor, und im Gefängnis wird Loris Tod nicht von allen allzu ernst betrauert. Ricks Wutrausch und Daryls überraschendes Kümmern um das Baby sind die Highlights einer sonst recht ereignislosen Episode – The Walking Dead tut sich nach wie vor schwer damit, interessant zu sein, wenn kaum etwas passiert.

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2 Gedanken zu “The Walking Dead 3.05 „Say the Word“: Notruf.

  1. So archaisch das Zombie Wrestling auch ist, es war doch irgendwie ziemlich cool 😀 Mit deiner Kritik liegst du sonst vollkommen richtig, wie in den allermeisten Fällen 😉

    Es ist übrigens Lory. Es muss Lory sein, vielleicht ist sie doch nicht tot? (Man hat ja nicht gesehen wie Karl geschossen hat, nur den Knall). Vielleicht aber bildet er sich das auch nur ein, immerhin müssten alle Telefonnetze komplett weg sein. Das würde auch Sinn geben und würde Rick die Möglichkeit geben Abschied zu nehmen von Lory.

    Hast du eigentlich vor Boardwalk Empire, The Borgias oder Downton Abbey in deine Liste aufzunehmen?

    • Lori ist ziemlicher Sicherheit tot. Ich finde, dass die Serie das nicht ganz klar rübergebracht hat, aber ich bin nun bei der folgenden Theorie angelangt: Die Macher wollten es sich wohl sparen, die Schauspielerin für eine weitere Episode zu bezahlen – deshalb gab es sie nicht zu sehen. Rick sieht ja eine Blutlache – dort, wo Lori der Bauch aufgeschlitzt wurde. Rick folgt ihr und findet nur einen äußerst dicken Zombie – der wohl Lori gefressen haben soll (deshalb ist er auch so schwerfällig und kann sich kaum bewegen). Das macht nicht wirklich Sinn, weil Lori ja viel zu groß war, um von einem einzigen Walker gefressen zu werden, aber naja. Das ist jedenfalls die wackelige Erklärung, warum Loris Leiche nicht in der Folge war. Aber den Magen aufgeschlitzt zu bekommen kann man keinesfalls überleben.

      Ich muss gestehen, keine der von dir genannten Serien je gesehen zu haben. (Die Namen sagen mir allerdings durchaus was.) Boardwalk Empire würde ich am ehesten mit aufnehmen, Die Borgias gefallen mir von der Epoche her nicht so gut. Ich versuche allerdings, einen Kompromiss aus aktuellen Serien und einigermaßen beliebten Serien zu finden – meine Artikel zu The Newsroom z.B. hat kaum jemand je gelesen – und um ehrlich zu sein werde ich gerne gelesen.

      Serien, die ich derzeit im Visier habe, sind Homeland, so es denn endlich auf Pro7 gezeigt wird, die im Frühjahr 2013 gezeigten Spielfilme von Schnell ermittelt, die zweite Staffel von Game of Thrones (derzeit auf TNT Serie) sowie Staffelreviews von Dollhouse und Person of Interest (das erstaunlich gut wird nach den ersten 10 Episoden).

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