South Park 16.13 „A Scause for Applause“: Ein toller Applaus.

„Be sure to give each other lots of applause!“

A Scause for Applause” ist bis 7.11.2012 und ab Februar 2013 wieder HIER legal und kostenlos auf der offiziellen South Park Homepage verfügbar.

Popkulturreferenzen in South Park-Episoden beinhalten immer ein gewisses Risiko – sie funktionieren meist klasse, wenn die Zuseher damit vertraut sind, was gemeint ist, wirken allerdings oftmals dröge, wenn man sie nicht versteht. „A Scause for Applause“ ist eine absolut fantastische Episode, deren Anspielungen auf Lance Armstrong, die LIVESTRONG-Armbänder und Dr. Seuss auch ohne Kenntnisse darüber aufgehen.

Inspirierend: Stan steht dafür, dass man für Dinge stehen soll. Und wofür stehst du?

Es stellt sich heraus, dass Jesus bei all seinen verbrachten Wundern gedopet war. Enttäuscht geben sämtliche Bewohner South Parks ihre „What would Jesus do?“-Armbänder ab. Einzig Stan behält es an – und wird über Nacht zum Star, weil er standhaft bleibt. Bald bekommt die Öffentlichkeit allerdings Zweifel: Hat Stan etwa gelogen und das Armband wirklich einmal abgelegt?

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Armbänder für eine bessere Welt.

Die Handlung von „A Scause for Applause“ ist erstaunlich komplex für eine South Park-Folge, und durch die vielen Ereignisse entsteht kaum Zeit für Leerlauf. Die Folge beginnt mit dem kollektiven Entfernen der WWJD-Armbänder, weil eine Art Dopingagentur Jesus die Verwendung von HGH (einem Wachstumshormon) bei der Kreuzung nachgewiesen wurde. Schon in den ersten Minuten gibt es also einen Rundumschlag gegen die Dopingagentur und der hypokritischen Bevölkerung, versetzt mit einem kleinen Seitenhieb gegen die Kirche. Besonders der Umgang mit der katholischen Kirche war gelungen, (dankenswerterweise) nicht hämisch. Zwar trug die Einspielung des Papstes mit falschen Untertiteln nicht viel bei, doch die Reaktion der Kirche, nämlich Jesus aus all ihren Geschichtsbüchern zu streichen, anstatt Jesus zu verteidigen, war äußerst köstlich.

Deutlich mehr Fett bekommen die LIVESTRONG-Armbänder ab. Auch ohne zu wissen, dass diese von Lance Armstrong, dem ehemaligen siebenfachen Tour de France-Champion, ins Leben gerufen wurden, erreicht die Botschaft der Folge die Zuseher: Ich weiß nicht, wie populär diese Dinger heutzutage noch sind, aber vor vielen Jahren waren sie der absolute Renner. Ich konnte das damals schon nicht so recht verstehen, außer, wenn jemand, wie Stan, sie mag, weil sie hübsch aussehen. Wenn es darum geht, die Erzeuger zu unterstützen, in diesem Fall Arbeiter aus Weißrussland, gäbe es doch viel bessere Wege. Auch darauf wird in dieser Folge direkt Bezug genommen: Obwohl in einer Phase die Bevölkerung Weißrusslands tatsächlich durch den Kauf von Armbändern wissentlich unterstützt wird, bringt das der Bevölkerung herzlich wenig. Einzig Jesus ist vor Ort, doch dem sind ohne tatsächliche Unterstützung die Hände gebunden. Die Medien hingegen sehen einfach nur zu, wie die Einwohner vom Militär überrollt wird (in Weißrussland durchaus vorstellbar). Die große Kunst von „A Scause for Applause“ ist es, diese Botschaften nicht mit dem Holzhammer eintruchtern zu wollen, sondern diese Botschaften im Subtext zu verstecken. Keine Frage: Storymäßig handelt es sich bei dieser Folge um eine der stärksten seit Jahren.

Weiteres Opfer South Parks Humors sind die Träger dieser Armbänder. Cartman stellt hier den Extremfall dar: Er hat unzählige Armbänder, großteils weil er damit „hip“ ist, und ihm sind die Botschaften eigentlich gar nicht so wichtig. Einerseits ist er bereit, alte Armbänder kostengünstig für neue einzutauschen, andererseits verliert er den Überblick über die Dinge, für die er einstehen will. „I don’t give a crap about recycling plastic!“, schreit er, bis Craig auf eines von Cartmans Armbändern zeigt: „Yes you do.“ Aber auch die anderen Einwohner nehmen es nicht so ernst mit den Worten auf ihren Armbändern: Anstatt immer noch an Jesus zu glauben geben sie, genau wie der Vatikan, einfach auf.

Stars und Doping.

Stans Verweigerung, das Armband abzulegen, bringt ihm nicht nur einen Auftritt in einer Talkshow, sondern auch ein Vertrag mit Nike. Es ist nicht das erste mal, dass die Serie solch einen falschen Werbeclip präsentiert, dennoch fühlt sich der kurze Clip sehr originell und verdammt witzig an – ich musste laut auflachen. Auch ohne die neuesten Werbespots des Konzerns zu kennen – Nikes Clips sind häufig nach dem selben Muster aufgebaut: Ein paar motivierende Sprüche, ein paar echt tolle Kameraeinstellungen, und das rund um einen Shootingstar des Sports oder der Menschenrechtsbewegung. Auch die Slogan-Kreierung mit den Sprüchen „Stand up for what’s right“ und „Stand your ground“ und schließlich „Stan ground“ passt herrlich dazu. South Park fängt das alles ein, zieht es nicht ins Lächerliche und ist dabei dennoch absurd und witzig – alles Anzeichen für die hochwertigeren Episoden.

Die Verbindung der Folge mit der Aberkennung von Lance Armstrongs Tour-Titeln ist zwar offensichtlich, trotzdem machte es bei mir erst „click“, als nun auch Stan verdächtigt wird, gelogen und seinen Ruhm erschwindelt zu haben. Man will damit sicher nicht ausdrücken, dass man alles glauben soll, aber vielleicht gehen die Zweifel manchmal zu weit. Im deutschsprachigen Raum ging das kürzlich ebenfalls um – als man eine Jagd veranstaltete, welchen Politikern man wohl in ihrer Doktorarbeiten Plagiarismus vorwerfen kann. Doch auf jeden Fall stellt die Episode die Relevanz solcher Anzweifelungen in Frage: Bei Jesus und Lance mögen sie gerechtfertigt gewesen sein, aber ist es wirklich so wichtig, ob Stan sein Armband abgelegt hat? Zählt nicht die Idee?

Die kurze Erwähnung des Chefs der Dopingagentur, anscheinend ein Franzose, ist eine der Schwächen der Folgen – zuerst wird er quasi als Antagonist eingeführt, dann aber zur Halbzeit der Folge vergessen. Auch macht hier die Folge kurzzeitig keinen Sinn (selbst mit South Park-Logik): Stans Treffen mit Jesus in der Villa ist zwar witzig (weil vor allem durch die Papst-Einspielung vergessen macht, dass Jesus eine in South Park lebende oder zumindest verweilende Figur ist), dass sie dann aber auf Brot und Würstchen eingeladen werden ist vollkommen unverständlich. Es ist mir bewusst, dass das nicht unbedingt im Hauptaugenmerk der Serie liegt, doch mir, der ich doch gerade die ausgefuchsten Geschichten mag, ist das ein Dorn im Auge.

Jesus und die Scauses-Fabrik.

Im dritten Akt macht die Geschichte dann noch einmal eine komplette Wende und bringt Jesus und Stan zur Scause-Fabrik, die die Armbänder produzieren. Diese ist in einem sehr ungewöhnlichen, South Park-untypischen Zeichenstil gehalten – und man muss Dr. Seuss‘ Werke nicht kennen, um diese Sequenz zu schätzen.

Der Besitzer der Fabrik erklärt in Reimen, um was es bei den Scauses geht: Nämlich darum, möglichst viel Geld zu scheffeln, und dafür fertigen sie gerade jene Armbänder an, für die die Menschen gerade einstehen wollen – wie zum Beispiel die Bänder für Weißrussland, für Stan Ground oder zu Beginn ganz generell: What would Jesus do? Sein Monolog hätte äußerst moralisierend klingen können, aber die Serie beweist, dass sie einfach ein Händchen dafür hat, die Moral ihrer Geschichte amüsant rüberzubringen. Allein die Vorstellung, dass es ein Bändchen mit der Aufschrift „Proud to be fat“ gäbe, bringt mich zum Lachen. Besonders treffend auch die eingangs erwähnte Aufforderung, dass sich die Menschen gegenseitig für ihre tollen Einstellungen applaudieren sollten – dieser Selbstdarstellungswunsch ist sicher mit ein Kaufgrund für meisten, wenn auch unbewusst. Und verstärkt durch den ungewöhnlichen Zeichenstil mit unzähligen Details herrscht eine fröhlich-naive Stimmung während des ganzen Monologs, der den Zynismus zu einem Spiel macht.

Der Armband-Verkäufer hinterlässt South Park gefesselt und geknebelt von Armbändern.

Und zu alledem kommt noch ein wirklich gutes Ende der Folge, in der viele Elemente der Episode noch einmal kurz aufgegriffen werden. Nachdem der Chef der Scauses-Firma die halbe Stadt mit Armbändern quasi gefesselt hat – auch dargestellt durch die Cartoonisierung der Stadt, wenn man von so etwas in South Park überhaupt sprechen kann – fragen sich Jesus und Stan: What would Jesus do? Witzigerweise ist die Antwort Drogen, und so verwandelt sich Jesus mittels HGH in Hulk und zerstört die Fabrik. Der Endmonolog mit der tatsächlichen Moral der Geschichte rundet „A Scause for Applause“ rundet die Episode nicht nur ab, sondern gibt auch eine dieser genialen falschen Lösungswege vor: Anstatt Armbänder solle man doch einfach wieder T-Shirts mit Botschaften kaufen. Irgendwie hat Jesus damit nicht ganz unrecht – wenigstens sind T-Shirts tatsächlich nützlich. Doch im Grunde geht es wieder auf Stans ursprünglichen Grund zurück, warum er sein WWJD-Band nicht abgelegt hat und warum man Armbänder nicht schlecht finden muss: „I just like it.“

Bla:

– Dass die Armbänder eine direkte Verbindung zu Lance Armstrong hatten wusste ich gar nicht, sondern lernte ich erst bei der Recherche für diesen Artikel.

– Butters in der Schule „Wow, look at him go – standing his ground!“ Herrlich, wie schnell bei sowas die Leute immer schnell aufspringen.

– Mein Lieblingsarmband ist jenes gegen Gewalt gegen Frauen. Cartman wäre doch der letzte, der solch eines tragen würde.

– Auch einfach klasse: Jesus übernimmt einen Nike-artigen Spruch („What am I on?“), um werbewirksamer für die Notlage der Weißrussen zu werben.

– Stan zu Jesus: „It all went so fast – next thing I know I had a Nike commercial!“

– „In the modern age // There are those who believe // That a cause is a thing to be worn on one’s sleeve.“ Den gesamten Reim gibts nachzulesen auf der Wikipedia-Seite der Folge. Empfehlenswert!

– „Would you like to be seated?“ – „No thanks, I’ll Stan.“

– Kontinuitätfans aufgepasst: Im Fernseher der Frau des französischen Dopingagenturchefs läuft Jewelry Bonanza, welche in „Cash for Gold“ erwähnt wurde.

– Das Talkshow-Segment der Folge scheint wohl eine Anspielung oder Verballhornung einer amerikanischen Sendung sein. Steve Martin sagt mir nichts, und so fand ich diesen kurzen Teil der Folge weniger unterhaltend. Den behinderten Fisch lese ich als Metapher für einen Talkshowgast, der nur eingeladen wird, um sich über dessen Einstellung oder inkompetente Meinung lustig zu machen.

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

A Scause for Applause“ ist die bislang beste Folge der 16. South Park-Staffel: Mit einem ausgefeilten Plot und ein paar echt guten Gags wie die Nike-Werbung oder die Heuchelei der Bewohner weiß die Folge zu überzeugen. Gerade letztere wird kreativ aufgerollt und originell behandelt – inklusive einer originellen animierten Sequenz, unterlegt mit einem zynischen, treffenden Reim.

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