The Walking Dead 3.03 „Walk With Me“: Zeit der Ernte.

„Welcome to Woodbury!“

Walk With Me“ macht deutlich, dass The Walking Dead in seiner dritten Staffel komplett expandiert und von der alten Serienstruktur abweicht – die ständige Flucht und der tägliche Kampf ums Überleben scheinem der Gegenüberstellung zweier Überlebenskulturen zu weichen. Die „Ricktatur“ kennen wir ja schon zu Genüge – „Walk With Me“ stellt die andere Seite vor. Wie der Governor schon so schön sagt: „Willkommen in Woodbury!“

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Der Governor (David Morissey) ist der Anführer der kleinen Menschensiedlung.

Andrea und ihre geheimnisvolle Gefährtin Michonne (ausgesprochen: „Mischonn“) entdecken die erste uns bekannte Menschensiedlung seit dem Ausbruch des Virus‘: Woodbury. Klingt doch eigentlich verlockend: Warmes Essen, frische Klamotten, und Sicherheit innerhalb der Barrieren. Doch irgendwas ist da gehörig faul…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Eine Geschichte aus zwei Städten.

Walk With Me“ ist die erste Episode der Serie, in der die Grimes-Familie nicht mitspielt (aber zumindest Erwähnung findet). Stattdessen dreht sich die Folge gänzlich um Andrea und die zwei neuen Hauptfiguren Michonne und den Governor und gewährt uns einen tiefen Einblick, wie Woodbury aufgebaut ist und wie das Leben dort abläuft. Augenscheinlich wurde das Budget für die dritte The Walking Dead-Staffel ziemlich angehoben – Woodbury versprüht zwar bis auf Miltons Versuchslabor derzeit noch sehr wenig Charme, ist aber ziemlich groß. Das Produktionsteam hat zwei ganze Kleinstädte aufgebaut, Woodbury und das Gefängnis, und beide sind deutlich interessantere Schauplätze als Hershels Bauernhof.

Es ist wirklich ungewohnt, die Figuren so zivilisiert aussehen zu sehen. Ricks Gruppe ist rein optisch komplett durchgebeutelt, verdreckt, müde, und ihre Mittel sind höchstens notdürftig. Ganz anders Woodbury: Zwar merkt man auch hier ganz deutlich, dass das Leben nach dem Ausbruch kein einfaches ist, doch ansonsten ist der Lebensstil erhalten geblieben. Es bleibt abzuwarten, wie viel Zivilisiertheit in der Bevölkerung der Stadt noch am Leben ist: Der Governor ist da ja natürlich kein gutes Beispiel für Otto Normalbürger, und der wieder aufgetauchte Merle ebenso wenig. Doch die anderen, wie denken die über Regeln des Zusammenlebens? Von einer Einwohnerin erfahren wir, dass es ein strenges Ausgehverbot bei Nacht gibt, und damit scheinen sich die Bewohner arrangiert zu haben. Wie sehr sie die dreckigen Methoden des Governor unterstützen, oder es tun würden, wenn sie von seinen Taten wüssten, ist aber eine andere Frage. Andererseits: Ricks Entscheidungen sind auch schon öfters hart ausgefallen, unter anderem auch welche, die in einer normalen Welt wie der unseren moralisch vollkommen unkorrekt waren.

Gestatten, der Statthalter.

Ganz klar: Der Governor wird uns als Bösewicht präsentiert. Doch im Gegensatz zur Comic-Variante ist der Governor in der TV-Serie eine ernstzunehmende Figur, die Fragen aufwirft, wie oben schon erwähnt: Wie weit darf man gehen, um seine eigene Gruppe zu schützen. In gewissen Sinne ist der Governor, so viel kann man schon nach dieser einen Episode sagen, eine Art engleiste Version Ricks, zu der Rick auch tatsächlich werden könnte, wenn er seinen Weg beharrlich weitergeht. Der Governor schützt seine Stadt proaktiver als Rick, sogar so weit gehend, dass er das (eigentlich gar nicht verfeindete) Militärteam umbringen lässt und ihre Vorräte stiehlt, anstatt sie aufzunehmen. Ich glaube, Rick hätte ihnen gesagt, sie müssen weiterziehen, und hätte erst gefeuert, wenn diese sich das nicht gefallen ließen. Wie bei Tomas hätte er selber sicher zuerst gezogen, nachdem er ihnen eine Chance gegeben hätte, doch der Governor ist da weniger zimperlich.

Ich bin überrascht, dass The Walking Dead so offen damit umgeht, dass der Governor ein Bösewicht ist, anstatt dieses Geheimnis erst nach und nach zu lüften. So erhalten wir aber dafür ein besseres Gefühl dafür, wie er die Stadt reagiert – seine Männer mit eiserner Faust, die Zivilbevölkerung mit Lügen. Die Charakterisierung gelingt der Serie wie selten zuvor, denn der Governor lässt seine Taten sprechen, anstatt seine Gefühlswelt artikulieren müssen. Allein zu sehen, wie er Merle herumkommandiert und dieser ihn mit größtem Respekt behandelt, lässt erkennen, was für eine Autoritätsperson der Governor ist. Gleichzeitig hat er aber eine umwerfende Art, seinen Gesprächspartnern zu schmeicheln. Bei Andrea gelingt das von Anfang an, erst bei seiner grandiosen Antwort, wie er wirklich heiße, wird sie ein klein wenig stutzig: „So, what’s your real name?“ „I never tell.“ „Never say never“, antwortet Andrea mit einem Lacheln, doch der Governor verwirft ihren Scherz: „Never.“

Die Bewohner Woodburys.

Immun gegen sein falsches Getue hingegen: Michonne. Es ist schwer, nicht von dieser neuen Figur begeistert zu sein. Mysteriöse Vergangenheit? Check. Hart im Nehmen? Check. Unglaublich hohe Überlebenskünste? Check. Zombie-enthauptende Samurai-Schwertkämpferin? Doppel Check. Ganz klar, diese Frau ist schon auf Anhieb eine der interessantesten Figuren der Serie, und jedes mal, wenn sie fragt, ob sie denn ihre Waffen wieder haben dürfen, hofft man innerlich auf eine baldige Vereinigung von Waffe und Trägerin. Dass selbst Andrea nach 6-7 gemeinsamen Monaten so gut wie gar nichts über Michonne weiß ist zwar ein wenig unplausibel – die beiden machen mir den Eindruck, als seien sie echt gute Freundinnen geworden – aber passt natürlich ideal, wenn man Michonne erst nach und nach auf den Zahl fühlt.

Quelle: offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Auch neue Hauptfigur: die mysteriöse, Katana schwingende, Michonne (Danai Gurira).

Merle taucht erstmals seit der ersten Staffel in Person wieder auf – die im Nachhinein verdammt überflüssige Erscheinung als Halluzination in der zweiten Staffel zähle ich da nicht mit. Eigentlich hatte ich das Wiedersehen befürchtet, da sich die Autoren mit den vielen Klischees, mit denen er behaftet ist (rassistisch, sexistisch, egoistisch, usw.), in der ersten Staffel ein ganz schönes Kuckucksei selbst eingelegt hatten. Doch siehe da, nichts dergleichen. Diese Inkonsistenz mit seinem Verhalten aus der ersten Staffel – damals hätte er Witze über die Frauen gerissen, Michonne wegen ihrer Hautfarbe dumm angemacht, und wäre generell viel uneinsichtiger als in dieser Episode – ist ein großer großer Pluspunkt der Episode, und zeigt einmal mehr, wie sich die Köpfe hinter der Serie dazu durchgerungen haben, die Kritik ernst zu nehmen.

Tatsächlich entpuppt sich Merle in „Walk With Me“ als mehr als bloßer Soldat der Stadt oder Gastdarsteller der Woche. Merle hat ein paar wirklich interessante Wortwechsel mit Andrea in dieser Episode – wer hätte beispielsweise gedacht, dass Merle sich tatsächlich über das Schicksal von Jim, Jacqui, Sophia, Dale oder Amy Gedanken macht? Das fand ich einen sehr schönen Touch, sich hier ein wenig an alte Figuren zu erinnern, vor allem so mindere Figuren wie Jim oder Jacqui. Ebenso humanisierend wirkt es, als sich Merle ein „Dankeschön“ wünscht, Andrea es ihm gibt, und er daraufhin wirklich fröhlich darüber ist. Das ist eine ganz starke Neuorientierung der Figur, die sich echt bezahlt macht: aus einer der größten Schwächen der ersten Staffel wurde binnen einer einzigen Episode eine mehrdimensionale Figur geschaffen, ohne die interessanteren Aspekte seiner Geschichte (Hass auf Rick) über Bord zu werfen. Zusätzlich wurden dem Merle spielenden Michael Rooker ein paar absolut zitatwürdige gegönnt, beispielsweise seine mit lachendem Schmerz gegebene Antwort auf Andreas „I got left behind. I know what it feels like.“: „I doubt that.“ So langsam lernt The Walking Dead, dass man mit wenig Worten auch viel sagen kann.

Einziger Kritikpunkt meinerseits ist, wie lächerlich es wirkt, als Andrea beim Anblick Merles ohnmächtig wird. Klar, seine Messerhand wirkt nicht gerade einladend, aber Andrea hat doch nun schon knapp zehn Monate in der Apokalypse überlebt – sie hat bereits viel Schlimmeres gesehen! Davon abgesehen ist ein das vor Schock in Ohnmacht fallen ohnehin eine sehr billige Erklärung dafür, um eine Frau kurzzeitig auszuschalten.

Schließlich ist da noch Milton, der Wissenschaftler Woodburys, und trotz seines nerdigen Auftretens einer der wenigen Männer, die der Governor wirklich respektiert. Ich hoffe, wir begeben uns noch öfter in sein Labor – besonders hat es mir das Woodbury-Model angetan, mit dem der Governor (selbstverliebt?) spielt – erinnert ein wenig an Zurück in die Zukunft. Im Labor erfahren wir aber zumindest wieder ein paar neue Details über die Walker, die sich Michonne zu Nutzen gemacht hatte: Fehlt ihnen ihr Beißwerkzeug, so verlieren sie ihren Beißtrieb – darum blieben Michonnes Zombies also stets so ruhig. Aus welchem Grund sie dann aber beim Helikopter unruhig geworden sind erschließt sich mir nicht ganz.

Ausblick.

Ich glaube, auch ohne Comic-Vorwissen kann man schon erkennen, dass sich früher oder später die Bahnen von Rick und dem Governor kreuzen werden, und dass keiner von beiden auch nur einen Zentimeter davon abweichen wollen wird, was immer auch Zentrum eines Konflikts sein wird. Es ist eine tolle Entscheidung, den Konflikt von beiden Seiten aufzurollen, in beide Camps Blicke zu werfen, anstatt immer nur Ricks Seite der Dinge zu sehen. Derzeit sieht es noch nicht so aus, als würden die zwei Gruppen demnächst aufeinander treffen – doch bis spätestens zur Hälfte der Staffel wird es dazu kommen. Ich mache mir allerdings keine Sorgen mit dem Pacing – bislang ist Staffel 3 ein ausgezeichneter Balance-Akt.

Bla:

– Auf deutsch schreibt man es Gouverneur, auf Englisch Governor. Da ich die Serie auf Englisch verfolge, bleibe ich bei der englischen Schreibweise.

– Ich habe zuerst gar nicht verstanden, warum Michonne und Andrea so sauer waren, wie sie Merle begegnet sind. Einerseits habe ich gar nicht realisiert, dass die beiden ja noch nicht wussten, dass jeder infiziert ist, und andererseits finde ich es überspitzt, Merle wegen seiner gerichteten Waffe zu schelten. Sicherheit geht nunmal vor.

– Badass-Moment der Episode: Der Governor steckt seinen Finger in das offene aber unterkieferlose Maul eines noch „lebenden“ Walkers. Dieser Mann hat einer aus Stahl, uaaah!

– Bad ass-Moment der Episode: In einer Einstellung während des Kampfes zwischen dem Governor und seinen Leuten mit dem Militärtrupp sterben mehrere Soldaten gleichzeitig, die dann leicht überdramatisch zu Boden gehen – unfreiwillig komisch. Überhaupt diese Szene: Warum begibt sich der Governor in solch große Gefahr? Warum tun sie sich so einfach, ein so gutes Team auseinanderzunehmen? (Immerhin hatten sie auch schon 10 Monate überlebt.)

– “ We’re going back out there and we’re taking back what’s ours: civilization. We will rise again, only this time we won’t be eating each other.“ Bester Monolog der The Walking Dead-Geschichte.

– Angeblich leben 73 Einwohner in Woodbury. Irgendwie fand ich es merkwürdig, dass so viele Leute kreuz und quer über die Straße liefen, bestimmt 20 – haben die den ganzen Tag sonst gar nichts zu tun? Ironischerweise erweist es sich, dass The Walking Dead besser mit untoten Statisten umgehen kann als mit lebenden.

– Jedes mal, wenn ich den Episodentitel lese oder höre, muss ich sofort an Twin Peaks denken, dessen Spielfilm einen ähnlichen Titel hatte: Fire, Walk With Me.

– Ich habe das akustisch nicht verstanden: Was antwortet Michonne, als Andrea sie fragt, wie es sein kann, dass es für sie so einfach gewesen sei, ihre zwei Haustier-Zombies zu köpfen?

– Richtig tolles Ende der Folge. Es gelingt der Serie erstaunlich häufig, ein neues Level von makaber zu finden, mit dem man die Zuseher gruseln kann. Die private Köpfe-Sammlung des Governors, inklusive dem neu erworbenen Kopf des Hubschrauberpiloten, rangiert da mit ganz oben auf der Liste.

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Walk With Me“ leitet ein gänzlich neues Kapitel der The Walking Dead-Saga ein: Woodbury, die erste Siedlung. Die Folge macht fast alles richtig: Gleich mehrere sehr interessante Figuren werden eingeführt, alte Figuren interessanter gemacht, gänzlich neue Handlungsstränge tun sich auf. „Walk With Me“ ist nicht nur das Gegenteil von langweilig, sondern auch noch ziemlich gut gemacht. Weiter so.

Advertisements

5 Gedanken zu “The Walking Dead 3.03 „Walk With Me“: Zeit der Ernte.

    • Ah ja, das glaubte ich auch zu verstehen, konnte mir aber keinen Reim daraus machen – vor allem weil, unabhängig von ihrer Beziehung zu den beiden, diese zwei Haustierzombies enorm hilfreich für das Überleben waren.

    • Ich vermute, das war auf ihre zwielichtige Vergangenheit bezogen. Vielleicht fällt ihr das „Töten“ aus irgendeinem Grund nicht schwer? Wir werden ja sehen…

  1. ich habe die dritte episode zwar noch nicht gesehen, aber ich gehe mal stark davon aus, dass der governor in der serie nicht halb so grausam agieren wird wie im comic. das würden die meisten zuschauer wohl einfach nicht ertragen… oder?

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s