The Walking Dead 3.02 „Sick“: Gefängnisinsassen.

„Well, what are your options?“ – „… Kill them.“

Auch die zweite Episode der dritten Staffel von The Walking Dead versucht beharrlich, alles besser zu machen als in Staffel 2. Es ist richtig (großteils positiv) auffallend, wie sehr sich die Drehbuchautoren die Kritik zu Herzen genommen zu haben scheinen – „Sick“ ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Neuorientierung der Serie ihr neuen Wind verliehen hat.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Rick verbündet sich vorübergehend mit den gefundenen Insassen (u.a. Vincent Ward, Lew Temple, Nick Gomez): Gemeinsam räumen sie einen Gefängnistrakt leer.

Die im Gefängnis lebenden Insassen machen Ricks Gruppe das Leben schwer – sie können zwar große Essensvorräte zum Tausch anbieten, verlangen aber im Gegenzug Bleiberecht im Gefängnis. Es bildet sich eine schwierige Allianz – denn trauen will Rick ihnen natürlich nicht. Inzwischen kämpft der nun einbeinige Hershel ums Überleben.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Das Gefängnis leeren.

Wie auch schon im Staffelauftakt gelingt es dieser zweiten Episode, eindrucksvoll zu vermitteln, wie welterfahrener Rick und Co. schon geworden sind. Manchmal erscheint das zugegebenermaßen ein wenig zu bemüht: Carls „No big deal, I killed two walkers.“ etwa ist begrüßenswert, weil er nun endlich allein solche Entscheidungen treffen kann, andererseits ein Satz, der offensichtlich extra dafür geschrieben wurde. Im Großen und Ganzen geht allerdings diese Professionalität der Gruppe voll auf, erinnert des Öfteren sogar an reine Kaltblütigkeit (Carols Obduktion beispielsweise, um herauszufinden, wie eine Geburt anatomisch funktioniert). Das ist nun schon die zweite Episode, in der man sich fast nie fragen muss, was die Gruppenmitglieder da jetzt schon wieder anstellen. Einzige Ausnahme ist vielleicht Glens Versuch, die Zombies von Carol abzulenken – es sind ja nur drei, da kann er sie ja genauso gut von hinter dem Zaun aus niederstechen.

Bevor sich die Zuseher an die intelligente Vorgehensweise der Figuren gänzlich gewöhnt, stellt sie „Sick“ der naiveren Einstellung der isoliert gelebt habenden Insassen gegenüber. Der Unterschied hebt noch einmal deutlich hervor, wie sich Rick und Co. zwischen den Staffeln entwickelt haben und wie sehr die Qualität der Serie davon profitiert – anstatt kopflos hineinzustürmen bilden die Männer auf Ricks Kommando Flanken, decken einander, gehen organisiert vor. So, wie man es sich von einer zehn Monate lang auf der Flucht befindlichen Kleingruppe vorstellt.

In einem der wenigen humorvollen Momente stellt The Walking Dead dies dem Verhalten der fünf Insassen gegenüber, die gar nicht gut aussehen, als sie ihre ersten Walker selbst erlegen. Und das macht mehr, als uns ein wenig kichern zu lassen – es lässt einen nochmal reflektieren, wie Tode in früheren Staffeln aus schierer Dummheit passierten (Dale, und einmal fast Daryl), und einen Hoffnung schöpfen, dass in Season 3 da mehr Bedacht dafür herrscht.

Nun, die fünf Insassen sind bis auf den „netten“ Weißen, Axel, nicht besonders interessant, doch zumindest der Kampf zwischen Rick und deren Anführer Tomas, wer denn nun das Alpha-Männchen ihrer kleinen Bande sei, war sehr unterhaltsam. Es war ein enormer Befreiungsschlag, zu sehen, dass Rick ihnen nicht blind vertraute – Tomas Geschichte beispielsweise, dass ein Wachmann ihm die Pistole freiwillig in die Hand gedrückt habe, ist äußerst unglaubwürdig. Wie auch gleich schon in „Sick“ aufgelöst liegt Rick damit absolut richtig, immer ein wachsames Auge auf Tomas zu werfen – als dieser einen Tumult nützt, um einen Zombie auf Rick zu werfen, kennt dieser kein Pardon mehr und spaltet Tomas den Schädel.

Ich hatte fast schon erwartet, dass es sich Rick noch einmal gefallen ließe – doch zum Glück holt sich die Serie hier nicht eine tickende Zeitbombe ins Team. Es verstärkt das Thema, dass die Grenzen von dem, was Rick bereit ist für die Gruppe zu tun, sich immer weiter verschieben. Rick hat in dieser Folge ja allerhand zu entscheiden – hartes Verhandeln der Vorräte mit Tomas, Vertrauen in diesen zu setzen und anschließend ihn und seinen Handlanger zu töten, weil sie eine zu große Gefahr für die Gruppe darstellen. Gleichzeitig lässt er aber Axel und Oscar(?) am Leben, wenn auch sicherheitshalber in einem anderen Trakt des Gefängnisses. Die Show etabliert damit eine gute Balance zwischen der harten Realität und der verschwindenden Menschlichkeit, vor allem in Rick. Natürlich ist ihm klar, dass die sicherste Lösung sei, alle fünf sofort umzubringen, aber wo liegt die Grenze? Und was gibt ihm das Recht?

Hauptcharaktere, Episode 2.

Generell hebt diese Episode erneut vor, dass Rick der alleinige Entscheidungsträger der Gruppe geworden ist, und das nicht nur im moralischen Sinne. Und er macht seine Sache gut – gleich zu Beginn des Aufeinandertreffens mit Tomas macht er klar: „This prison is ours!“ Recht amüsant fand ich auch seine Antwort auf die Behauptung, dass die Insassen nur noch geringe Mengen Essen zur Verfügung hätten: „More than you have options.“

Lori hat sich wirklich zu einem ansehnlichen Charakter gemausert. Ihre Veränderung zwischen den Staffeln, und insbesondere die zerbröckelte Ehe mit Rick, war äußerst schnell in die Serie integriert, fast ein wenig zu schnell – so ganz ist Ricks Distanziertheit nicht erklärbar. Ist in den Wintermonaten denn etwas zwischen den beiden passiert? Oder ist Rick nun doch sauer wegen Loris Beziehung mit Shane? Oder kommt es einfach daher, dass Rick die Verantwortung für eine so große Anzahl an Menschen über den Kopf wächst?

Es fällt jedenfalls auf, dass man unzufrieden mit ihrer Rolle in der zweiten Staffel war – das selbstironische „Look, I know I’m not winning any mother-of-the-year awards“ ist da nur die Spitze des Eisbergs. Die Rechnung geht allerdings auf: Lori ist tatsächlich eine interessantere Figur geworden, und das obwohl sie nun wegen der Schwangerschaft noch nutzloser für die Gruppe ist als vorher. (Diesbezüglich ist die Frischzellenkur, die über Carol gegangen ist, ein großer Erfolg – ihre Obduktionsversuche sind zwar makaber, sie erweist sich allerdings nun als jemand, die ihren Beitrag zum Gruppenwohl beisteuert.)

Vor allem die letzte Szene der Episode, die auch den letzten Zuseher auf den neuesten Stand in ihrer Ehe bringen sollte, war ausgezeichnet. Ricks emotionale Distanziertheit spiegelte sich in vielerlei Dingen dieser Einstellung wieder – sei es der Blutfleck auf seiner Stirn, die starre Kamera, die trostlose Einzäunung oder Loris Kuschelversuche mit ihrer eigenen Schulter, dort, wo Rick sie zuletzt berührt hat.

Die Herschels.

Herschel Senior überlebt die Beinamputation – das ist eine Überraschung, vor allem für jene, die den Comic kennen. Sehr gut gemacht war seine Sprachlosigkeit nach dem Erwachen – es war zwar zu erwarten, dass die Serie damit spielen würde, sobald Lori zur Mund-zu-Mund-Beatmung ansetzte, doch selbst nachdem klar gemacht wurde, dass Herschel noch lebt, blieb dieser stumm wie ein Fisch, fast darauf wartend, doch noch Zombie-esque Geräusche von sich zu geben. Die Gruppe braucht Hershel, allein wegen seiner landwirtschaftlichen Fertigkeiten, und sein fehlendes Bein sollte organisch (haha) die Gruppe vor neue Probleme stellen.

Quelle: Offizielle AMC The Walking Dead Homepage

Hershels (Scott Wilson) Leben steht auf dem Spiel, und alle (u.a. Steven Yeun, Andrew Lincoln, Chandler Riggs, Lauren Cohen, Emily Kinney) ziehen an einem Stramm. Schön.

Zuletzt ist da noch Maggie zu erwähnen, die ja für die dritte Staffel zu den Hauptfiguren hinzugestoßen ist (im Gegensatz zu T-Dog, Carol, Beth und Herschel, die nach wie vor Nebenfigurenstatus besitzen). „Go ahead, dad. Be peaceful“, flüstert sie ihrem Vater auf dem vermeintlichen Sterbebett zu. Im Prinzip ist es die gleiche Diskussion wie eh und je in The Walking Dead – Wann ist ein Leben noch lebenswert, wie viel Schmerz (und hier auch Weltschmerz) kann ein Mensch ertragen? Im Gegensatz zur Beth-Storyline aus der zweiten Staffel ist es diesmal auch tatsächlich von Belangen, weil wir Hershel kennen, weil wir Maggie kennen, und weil wir beide nicht verlieren wollen. Lauren Cohan macht ihre Sache gut – ihr Tränenausbruch ist fantastisch, und die Art, wie sie sich anschließend an der Seite ihres Vaters einringelt, einfühlsam eingefangen. Ich habe das Gefühl, dass die Serie emotional noch nicht ganz dort ist, wo sie sein möchte – doch gefühlsmäßig ist sie ihrem Ziel deutlich näher als zuvor.

Bla:

– Im Comic endet die Entscheidung, alle Insassen am Leben zu lassen, übrigens in einer Katastrophe. Das ist kein Spoiler – die Charaktere der Männer sind grundverschieden. Ich tippe stark darauf, dass Axel ein nützliches Gruppenmitglied werden könnte, der andere (Oscar?) ist hingegen gänzlich unterschiedlich.

– Ich liebe Ricks Einschätzung, wieviele Menschen wohl schon gestorben sind: Die Hälfte, vielleicht ein bisschen mehr. Dass ich nicht lache, ich schätze die Todesrate auf mindestens 99%! Rick und Co haben noch keine einzige bewohnte Stadt oder einen Zufluchtsort gefunden.

– Ich mag, wie tough Maggies Gesicht aussieht

– T-Dog Zeile der Woche: „They ain’t men – they’re something else.“ Im Ernst aber: T-Dog hat eine tatsächliche Rolle, nämlich als kompetenter Kämpfer und Träger des Polizei-Schildes.

– Nach einem weiteren mal das Intro sehen muss ich sagen, dass ich das Original besser fand. Ein paar der neuen Szenen gefallen mir sehr gut, besonders die unscharfen Gegenstände gegen Ende sowie die Fotos von den leerstehenden Automobilen, doch allein der kurze Blick auf die Farm ärgert mich sofort. Auch cool: Die Pfeile, die im Baum stecken.

– Ich wünschte, die Episode wäre noch spannender gewesen. Tomas hat viel zu häufig die Pistole gezogen und auf Rick gerichtet, ohne dass Daryl geschossen hat. Daraus ließ sich schließen, dass er nicht feuern würde. Ich wünschte, man hätte Tomas subtiler eine Gefahr darstellen lassen.

– Ich frage mich immer noch, wie es möglich wäre, die Gesellschaft je wieder aufzubauen. Die Tatsache, dass jeder infiziert ist, macht ein friedvolles Zusammenleben schlichtweg unmöglich – ab einem gewissen Alter könnte man jederzeit sterben, und was soll man gegen einen Herzinfarkt bei Nacht schon tun?

– „He can’t even walk – all we do is run!“

– Ich glaube, der Episodentitel bezieht sich teilweise auch auf die Lebenden. Misstrauen scheint gezwungenermaßen selbstverständlich geworden zu sein, und ist es nicht auch irgendwie „krank“, dass Rick den weggelaufenen Häftling den Zombies als Fraß vorwirft?

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

The Walking Deads dritte Staffel beginnt stark – „Sick“ ist nicht ganz so eindrucksvoll wie der Vorgänger, dennoch kann die Episode jede Menge neues Material bieten, das glücklicherweise auch nicht wieder in die Länge gezogen wird. Mit der unbehaglichen Allianz mit den zwei verbliebenen Gefängnisinsassen sowie dem Fund von großen Mengen an Essensvorräten rückt die Gesamtgeschichte in eine positive Richtung.

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3 Gedanken zu “The Walking Dead 3.02 „Sick“: Gefängnisinsassen.

  1. Gute Zusammenfassung einer Folge, die mir wiederum auch wirklich gut gefiel. Dieses Mal habe ich sogar zwei, dreimal mehr als geschmunzelt. Wäre schön, wenn das öfter der Fall wäre.

    Diesen Tomas hätte ich gerne noch ein, zwei Folgen „behalten“, aber es ist absolut nachvollziehbar, warum er so schnell „gehen“ musste.

    Habe ihren Blog übrigens heute mal lobend in meinem erwähnt und zwar hier:
    http://ziegenhodensuppe.wordpress.com/2012/10/23/ein-paar-schnipsel-am-dienstag/

    • Ich fand die Entscheidung, Tomas gleich abzusägen, die richtige. Das symbolisiert für mich die Shane-Seite von Rick, die in dieser Staffel nun doch oft zum Vorschein kommt: Er ist bereit, die harten Entscheidungen zu treffen, ohne davor erst ewig darüber zu überlegen – einfach weil es in dieser postapokalyptischen Welt keine Zeit zum Warten ist. Fressen oder gefressen werden.

      Ich bedanke mich für die Verlinkung! (In beide Richtungen.)

    • Das sehe ich ja auch so. Ich hätte den trotzdem gerne noch ein, zwei Folgen gesehen. Die beiden anderen kann ich mehr als „richtige Verstärkungen“ für die Serie momentan nicht vorstellen.

      Gern geschehen.

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