The Walking Dead 3.01 „Seed“: Sturm.

„I know we’re all exhausted… but we gotta push just a little bit more.“

Die reichweitenstärkste Serie aus dem amerikanischen Kabelfernsehen ist zurück: The Walking Dead startet in die nächste Runde. Es ist wohl einer der entscheidensten Momente der Serie: Die zweite Staffel war trotz des großen Hypes nicht gerade das Gelbe vom Ei und konnte die hohen Erwartungen gerade zur Staffelhälfte nicht erfüllen. „Seed“ ist ein klares Signal der Schöpfer: Das wird uns nicht mehr passieren.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Das Motto der dritten Staffel: Bekämpfe die Toten, doch fürchte die Lebenden.

Mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate scheinen seit den Geschehnissen der zweiten Staffel vergangen zu sein. Während sich Andrea mit der geheimnisvollen Schwertkämpferin durchschlägt, streunen Rick und Co. in der Umgebung herum, immer auf der Suche nach Essen, Medikamente, Unterkunft. Schließlich finden sie auf der Suche nach einer Bleibe ein ausrangiertes Gefängnis…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Zeitsprung.

Zuerst kommt einem der Zeitsprung ein wenig merkwürdig vor – die zweite Staffel hörte mit dem Auftauchen des Gefängnisses auf, das ganz in der Nähe von Ricks Gruppe war. Es hat ganz den Eindruck, als hätte man ursprünglich geplant gehabt, direkt an die Geschehnisse auf der Farm anzuknüpfen, und dies in der Planungsphase für Season 3 verworfen – daher auch die merkwürdige Erklärung, sie wären im Kreis gelaufen bzw. wieder an einen alten Art zurückgekehrt (aber warum sollten sie das tun, wenn sie überall Häuser plündern?)

Doch der Zeitsprung bringt etliche Vorteile mit sich, die diese kleine Inkonsistenz locker bereinigen. Das beginnt schon allein mit der Maske: Vor allem Chandler Riggs (Carl) und Scott Wilson (Hershel) haben sich sichtlich verändert, beim Jungen natürlich auch wegen des fortschreitenden Alters des Schauspielers. Beide Veränderungen gefallen mir gut: Hershel steht sein Bart wirklich hervorragend, und Carl sieht mittlerweile deutlich welterfahrener und weniger kindhaft als zuvor aus.

Generell scheinen sich die Autoren die Kritik zu Herzen genommen zu haben – viele kleine Verbesserungen scheinen aufgetreten zu sein. Carl ist nun nicht mehr der kleine weinerliche Junge – die Monate zwischen den zwei Staffeln scheinen ihn kühler gemacht zu haben, mittlerweile verwendet er seine Schusswaffe wie ein Mann. Einerseits ist ja schade, dass wir diese Entwicklung nicht mit ihm mitgemacht haben, andererseits ist er damit schlagartig zu einer tollen Figur mit Potential für die Zukunft geworden. Auch physisch macht es durchaus Sinn: Riggs scheint in den Stimmbruch gekommen zu sein und klingt auch wesentlich reifer.

Auch Lori hat sich die Monate über stark verändert, vor allem: Sie ist hochschwanger geworden, und damit hat ihr geringer Nutzen für die Gruppe endlich auch eine legitime Entschuldigung. Allein die Rückblende auf ihre Szenen in der zweiten Staffel ließen mich schaudern, doch nun scheinen die Dinge anders zu stehen: Nun ist es nicht mehr Lori, die ständig was an ihrem Ehepartner auszusetzen hat, sondern Rick. Irgendwie spiegelt Ricks Verhalten hier auch die Reaktionen der Fans wieder, und ein gewisses zufriedenstellendes Gefühl kann man dabei nicht leugnen. Derzeit fühlt sich das allerdings noch sehr abrupt an, und es bleibt abzuwarten, ob sich diese Veränderung auszahlen wird.

Arbeiten als Team.

Die wichtigste Neuerung ist jedoch, dass die Gruppe gelernt zu haben scheint, effektiv zusammen zu arbeiten. Es ist wirklich ein Genuss, die Truppe die ganze Folge über an einem Stramm ziehen zu sehen – die sogenannte „Ricktatorship“ scheint bestens zu funktionieren. „Seed“ lässt vermuten, dass die Tage, an denen man sich über die blatante Dummheit so mancher Aktionen unserer Protagonisten, hoffentlich gezählt sind. In dieser Folge kommen jedenfalls keine vor, und wenn man dem Verhalten der nun erfahreneren Gruppe vertrauen kann, gehören sie der Vergangenheit an.

Fast hat sich schon so etwas wie Professionalität im Verhalten in der postapokalyptischen Welt entwickelt. Die Eröffnungssequenz macht dies deutlich, indem sie völlig ohne Dialog operiert – doch weil die Gruppe schon vor Stürmen des Hauses alles genau besprochen hat, verstehen sie sich während der Operation blind. Das positive Gesamtgefühl aus der ersten Episode der dritten Staffel stammt von der Erkenntnis, dass die Gruppe nun meist einen Plan hat, womöglich auch einen Plan B auf Lager hat.

Das Paradebeispiel für diesen neu gewonnen Teamgeist in „Seed“ ist die Eroberung des Gefängnisses. Die Gruppenmitglieder sind nicht mehr Opfer ihres Schicksals, sondern nehmen es nun selbst in die Hand – selbst Nebenfiguren wie Carol oder Beth greifen zur Waffe, oder stehen zumindest am Zaun und lenken die Zombies ab, oder geben der klugerweise sich im Pulk bewegenden Hauptgruppe Rückendeckung.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Die Überlebenden (Norman Reedus, IronE Singleton, Andrew Lincoln, Lauren Cohen, Steven Yeun) im Teamwork-Modus: Kein Rücken bleibt ungedeckt, keine Hand unbewaffnet. Wo T-Dog eigentlich hinschaut bleibt allerdings ein Mysterium.

Das Infiltrieren des Gefängnisses ist eine äußerst gelungene Actionsequenz, und wie auch schon zu Beginn der ersten Staffel entscheidet man sich dazu, sie recht lang zu gestalten. Das funktioniert, nicht zuletzt, weil das Erobern mehrere Schritte brauchte. Besonders Ricks Sprint querfeldein war spannend und schön eingefangen. Auch der Kampf gegen die gepanzerten Zombies war eine gute Idee, ist es doch eine neue und ungewöhnliche Art von Gegner für das Team gewesen – schlichtes Einschlagen auf die von Helmen geschützten Köpfe ging nicht.

Ein neues Zuhause.

Das Gefängnis wird also das neue Hauptquartier für unsere Figuren. Die Autoren versprechen, dass es kein sicherer Hafen für Rick und Co. sein würde, so wie die Farm es war – quasi abgeschirmt von der Außenwelt und fast vollkommen ohne Zombiegefahr. Die Illusion lebt vorerst noch: Hershels Idee, den Vorhof des Gefängnisses als Anbaufläche und Garten zu verwenden (siehe Episodentitel), klingt ausgezeichnet – und irgendwo müssen sie ja ihr Essen herbekommen. Wie wir gesehen haben wird das nun schon langsam schwieriger: Mittlerweile dürfte ein Jahr seit dem Ausbruch des Viruses vergangen sein, und so langsam geht das Dosenfutter zu Neige.

Ein von Walkern überlaufenes Gefängnis als Schauplatz zu wählen ist zweifelsohne eine tolle Idee. Es gibt unzählige Storylines, die die Serie damit verfolgen kann, und manche werden direkt in dieser ersten Folge angerissen. Das beginnt bei dem ganzen Equipment, das dem Wachpersonal zur Verfügung gestanden ist: Essen, Waffen, Rüstung, vielleicht auch gepanzerte Fahrzeuge, und vor allem: einen sicheren Schlafplatz. Hier spielt das Gefängnis all seine Facetten aus: Der Zellblock, in dem sie Lager aufschlagen, ist furchtbar unheimlich, und wegen der fehlenden Elektrizität sehr spärlich beleuchtet. Überall liegen Leichen, ab und zu sieht man eingetrocknetes Blut, und obwohl sie wissen, dass hier kein Zombie mehr ist: In Sicherheit kann man sich an so einem Platz wohl nie. Das ist irrsinnig atmosphärisch.

Und es tun sich natürlich auch weitere Konflikte auf. Bei ihrem Vormarsch tiefer in das Gefängnis werden sie in den düsteren Gemäuern von einer Horde Zombies überrascht. Überraschend abwechslungsreich präsentiert sich hier die erste Folge dieser Staffel – hoffentlich bleibt da noch genug Stoff für den Rest der Season übrig! Hershel wird von einem schlafenden Zombie erwischt, und kurzerhand greift Rick zur Axt – scheinbar ist auch diese Prozedur schon vorher abgesprochen gewesen. The Walking Dead hat sich noch nie vor Gewaltdarstellung gescheut, und die Abtrennung von Hershels Bein zählt da sicher wieder zu einer der härteren. Ein eigenartiges Phänomen ist hierbei kürzlich in der Serie aufgetreten: Man verstumpft mehr und mehr, mittlerweile ist das brutale Töten von Walkern zum Alltag in der Serie geworden.

Und dann noch der große Cliffhänger der Episode: Inmitten des Gefängnisses haben fünf Insassen überlebt!? Das kann natürlich nichts Gutes für Rick und Co. bedeuten – die sind natürlich aus gutem Grund hinter Gittern, selbst in ihrer ungewöhnlichen Situation (Stichwort: Zombieapokalypse) werden sich unsere Hauptfiguren schwer tun, den Insassen zu vertrauen. Und wer kann ihnen das verübeln? Wie ein paar Freunde von mir immer sagen: „Trust no one.“

Bla:

– Seit Ende der zweiten Staffel habe ich sämtliche The Walking Dead-Comics gelesen, und habe so natürlich so einige neue Erfahrungen und Erwartungen gemacht. Keine Angst, es wird von mir keine Spoiler geben – außerdem weichen die zwei Medien ohnehin voneinander ab.

– Es gibt ein gänzlich neues Intro! Ich finde es schade, dass die zersplitterten Fotos von Rick und Lori nicht mehr auftauchen – ich fand das in jeder Episode eine schöne neuerliche Erinnerung, wie zerbrochen doch alles war. Dafür finde ich den Austausch der Atlanta-Szenerie positiv. Die Schnitte sind so schnell, dass ich beim ersten Sehen noch lang nicht alle Einzelheiten beobachten hab können. Ein Grund mehr, mich auf die nächste Episode zu freuen.

– Loris Sorgen, eine Fehlgeburt zu haben oder gar schon ein totes Baby in ihr zu tragen, das nur darauf wartet, in ihr zu reanimieren, sind wirklich äußerst beängstigend. Umso mehr verwundert es mich, dass Rick kein Gehör für sie hat.

– Hey, Beth hat auch einen Charakter spendiert bekommen. Diese konnte ich in Staffel 2 noch gar nicht leiden, aber nach dieser Episode ist sie mir plötzlich sehr sympathisch. Bitte nicht sterben lassen!

– „Oh all the money that e’er I had I spent it in good company…“ Das war schön gesungen. Ansonsten fand ich den Dialog am Lagerfeuer ein wenig hölzern, wie zum Beispiel Carols Bedürfnis nach einer Massage.

– Mir gefällt auf Anhieb Beths Interaktion mit Carl. Der Altersunterschied ist ein bisschen zu groß, doch es scheint sich eine gewisse Geschwister-artige Freundschaft zwischen den beiden entwickelt zu haben. Die Chemie zwischen den beiden ist überraschend gut – Kudos an die Schreiberlinge für diese interessante neue Konstellation alter Variablen.

– Wenn sie so wenig Munition haben, warum stechen sie die Zombies nicht einzeln durchs Gitter ab?

– „Seed“ hatte unvorstellbare 10,9 Millionen Zuseher in den USA, und das obwohl, wie amüsanterweise auch auf jeder Walking Dead-Werbung vermerkt ist, das DISH-Kabelnetzwerk AMC nicht mehr im Programm führt. Diese Serie ist wirklich ein Phänomen.

– Jemand, der raten möchte, ob Hershel überlebt? Ich kann es so gar nicht einschätzen. Im Comic gibt es diese Situation ebenfalls – einmal überlebt diejenige Person (Dale), einmal haben sie den Fuß nicht schnell genug abtrennen können (eine in der Serie ausgelassene Figur).

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

The Walking Dead gibt sich Mühe, die Schwächen seiner vorherigen Staffel auszumerzen. „Seed“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Serie ihre Figuren schnell in eine bessere, sympathischere Richtung lenken kann, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Auch abseits davon ist „Seed“ eine tolle Folge mit jeder Menge Action und Story-Entwicklung.

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2 Gedanken zu “The Walking Dead 3.01 „Seed“: Sturm.

  1. Sehr gut geschrieben. Mir hat die Folge auch wirklich gefallen. Gefragt habe ich mich, wie groß der Altersunterschied zwischen Carl und Beth in der Serie sein soll?

    Ansonsten muss ich sagen, dass ich Montagabende momentan sehr sympathisch finde. Derzeit gibt es fünf oder sechs aktuelle Serien, die ich sehr mag und drei davon werden mit Dexter, Homeland und The Walking Dead nun sonntags in Nordamerika ausgestrahlt…

    • Vom Altersunterschied hätte ich geschätzt, dass er groß genug ist, um eine tatsächliche Beziehung unmöglich zu machen, aber klein genug, um einen jungen Burschen träumen zu lassen.

      Ja, die Montagabende sind derzeit sehr gestopft (hurra!). Bei mir laufen da TWD und Revolution, und zu beiden soll ich auch noch zum Schreiben kommen. Bei Homeland hatte ich mich dazu entschieden, auf die Pro7-Ausstrahlung zu warten, doch die lässt mal wieder ewig auf sich warten… Ist bei mir selbstredend ganz oben auf der To-Do-Liste.

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