Person of Interest 1.07 „Witness“: Es gibt einen Zeugen.

„Es ist beendet.“ – „Nein, es fängt grade erst an.“

„Veni vidi vici.“ Ich kam, sah und siegte – ein geradezu treffendes Zitat für die mit Abstand beste Person of Interest-Episode. In „Witness„, „Es gibt einen Zeugen“ in der deutschen Fassung, stimmt einfach alles – die Episode ist durchwegs spannend, bietet eine außerordentliche Dynamik und schleudert die Serie kopfüber in einen interessanten, brandheißen Handlungsstrang.

Quelle: offizielle CBS Person of Interest Homepage

Reese (Jim Caviezel) wird beauftragt, den unschuldigen Lehrer Charlie (Enrico Colantoni) zu beschützen – und erlebt dabei die eine oder andere große Überraschung…

Die Russenmafia ermordet einen Mann in einem Supermarkt. In seinen letzten Sekunden flüstert er einem anwesenden Zeugen etwas zu. Nun suchen sowohl die Maulwurf-unterwanderte Polizei als auch die Russenmafia nach ihm. Reese und Finch kommen beiden zuvor, doch dann gilt es, das Überleben des Zeugen auch langfristig zu garantieren…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Der große Coup.

Bereits vor der großen, überraschenden Wendung der Episode wird klar, dass es sich um eine außergewöhnlich gute Folge handelt. „Es gibt einen Zeugen“ beginnt originell, indem man bei der Frage „Wer ist der Zeuge?“ direkt zu Reeses Beschattung der jeweiligen Person überblendet – wir sind schon in der 7ten Folge angelangt, und immer noch gelingt es der Serie, einerseits eine jede Folge kreativ starten zu lassen, andererseits aber auch häufig so in sie einzusteigen, dass man die Prämisse, dass Reese und Finch die Nummer einer beteiligten Person bekommen, geschickt ausspielt.

Und auch für ein weiteres Person of Interest-Markenzeichen findet sich in „Witness“ ein äußerst denkwürdiges Beispiel: Zum ersten mal gelingt es der Serie, ein wahres Verwirrspiel an Rollen auch durch zu ziehen. Oft war es nur mäßig überraschend gewesen, dass sich beispielsweise eine Strafanwältin als die Böse herausstellte, oder die Ärztin in Wirklichkeit den Vergewaltiger umbringen wollte. Vielleicht konnte man diese nicht kommen sehen, doch ein extrem überraschtes Aha-Erlebnis konnten diese nicht bieten, schon gar nicht mit dem großen Schocker dieser Folge – dass der Zeuge in Wirklichkeit der mysteriöse Elias ist. Es ist die Episode, auf die ich eigentlich schon seit der zweiten Folge gewartet habe – der Hauptantagonist ist schließlich erschienen.

Und da haben die Drehbuchautoren wirklich gute Arbeit geleistet, seine Identität so gut zu verstecken. Ich wäre nie darauf gekommen, dass dieser langjährige Lehrer, der offensichtlich seine Schüler tief bewegte und guten Kontakt mit ihnen unterhielt, der eigentliche Verbrecher-Zar der Serie werden würde. Und dann macht es auch noch so viel Sinn, dass er dadurch einen tiefen Einblick in das Leben der Einwandererfamilien nehmen und sich so einen entscheidenden Vorteil im Bandenkrieg verschaffen konnte.

Dass ein Schüler von Charlie Burton sie vor den Männern versteckte fand ich eine absolut fantastische Szene. Eine definitive Stärke dieser Folge war, wie viel Zeit sie für die Portraitierung von Elias‘ Figur und seinem Verhältnis zu Reese investierte. Burtons Gespräch mit dem Jungen funktionierte unter anderem auch deshalb so gut, weil wir Reese dazu melancholisch-fröhlich nicken sahen, eine der wenigen großen Stärken von Jim Caviezel – das traf seine Figur einfach so verdammt gut.

PoI-Alltag.

Von dieser großen Wende und Enthüllung abgesehen tauchten die üblichen Person of Interest-Elemente auf, die quasi rundum gut eingesetzt wurden. Da ist beispielsweise der Humor, der in dieser Folge nicht zu kurz kam, und trug auch noch häufig direkt zur Handlung bei. „He, das ist nicht meiner“, meint Burton zu Reese, als dieser mit dem Auto flüchten möchte. „Meins auch nicht, steigen Sie ein“ antwortet Reese da nonchalant. Und auch die Szene mit den Drogenjunkies war überraschend amüsant, und das nicht nur wegen der grandiosen Idee, Burtons Wunde mit Kokain zu behandeln, sondern auch, weil man schon beim Betreten des Raumes weiß, dass Reese sie problemlos und  dabei hochnäsig vermöbeln wird.

Auch das Verstecken und Bekämpfen der Russenmafia ist überlegter als von Person of Interest. Diesmal stellt sich Reese nicht einem aussichtslosen weil offenen Kampf gegen die Bösewichte (so wie in „Familiäres Druckmittel„), sondern versteckt sich gemeinsam mit Charlie im Wohnhaus und initiiert ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Verbrechern. Diese sind wieder einmal eher generischerer Natur, dient aber in diesem Fall auch der Handlung, weil Elias sie ohnehin am Ende alle umbringen lässt – außer den Sohn des Don, Ivan Yogorov (oder so). Jedenfalls nimmt die Serie in „Witness“ deutlich Abstand von den unsinnigeren Dingen, die sie John schon hat machen lassen, und gibt Charlie ihm gleich mehrere nachvollziehbare Dinge auf der Flucht zu tun (Wunde versorgen, telefonieren, mehrmals verstecken). So betrachtet ist „Es gibt einen Zeugen“ bestimt auch die spannendste Episode der Serie – bislang.

Auswirkung und Ausblick.

Kein Bestandteil der Episode fällt ab, und auch das Ende der Episode, nachdem Elias seine Identität Preis gegeben hat, enttäuscht nicht. Elias äußert beispielsweise mehrere Dinge, die interessant für den Verlauf dieser ersten Staffel werden dürften – sein Plan ist es, nicht nur Brighton Beach zu erobern, sondern bald darauf auch den Rest der Stadt. Die Polizei hat er ja schon unterwandert – doch was meint er wohl damit, dass auch John ihm bald gehören würde? Es ist wohl zu viel verlangt, The Dark Knight Rises-esquen Bürgerkrieg zu erwarten, aber wer weiß? Immer hin sind die Männer hinter dem Film/der Serie Brüder…

Auch faszinierend finde ich die Beziehung zwischen Elias und Reese. Schon bei der Episode mit der Ärztin („Cura Te Ipsum„) bemerkte ich Reeses Rolle als Engel, und diese wird hier zwar wieder nicht angesprochen, kommt allerdings zu tragen – wenn auch auf kuriose Weise, weil er diesmal Schutzengel für den Teufel gespielt hat. Dabei ist die große Frage: Kennt Elias die Hintergründe von Reese und Finchs Organisation? Und weiß er etwas von der Maschine? Auf jeden Fall ist es interessant, gleich mehrere Fraktionen im Spiel zu haben, hoffentlich demnächst erneut mit einer verfeindeten Mafiagruppe! In dieser Folge klappte das ja schon ziemlich gut: die Polizei wollte den Zeugen befragen, die Russen wollten den Zeugen töten, Elias wollte sich selbst retten lassen, und Reese und Finch ebenfalls. Und diese vielen Interaktionen machen „Witness“ unheimlich dynamisch und unvorhersehbar – ein Erfolg, den Person of Interest gerne wiederholen darf.

Bla:

– Ebenfalls kleine wichtige Veränderung für die Serie: Fusco weiß jetzt, wie Finch aussieht.

– Es ist jetzt schon eine ganze Weile her, dass wir mehr über die Vergangenheit der beiden Partner erfahren haben, aber in dieser Episode wäre es ohnehin fehl am Platz gewesen – da passierte schon genug, Person of Interest sollte besser die vielen Füllerepisoden mit ihnen frequentieren.

– „Glauben Sie wirklich wir würden so einen Aufstand machen für einen Zeugen?“

– Die Synchronstimme von Elias gefällt mir gar nicht! Ich kann dieser Stimme jetzt nicht genau ihre Stammfigur zuordnen, doch die Stimme ist definitiv bekannt. Mich stört es, eine  auffallende Stimme mehrere Schauspieler synchronisieren zu hören, und bei Elias fällt sie auf jeden Fall auf.

– Meist musste ich den Episoden ein wenig suchen, um gute Zitate zu finden – diesmal konnte ich mich gar nicht entscheiden, welchen ich ganz oben hinpacken würde.

– Ich nehme an, dass die Serie nun einige Episoden einlegen wird, in denen storytechnisch wenig passieren wird, was das Aufdecken der Vergangenheit der zwei Hauptfiguren oder Elias‘  großen Plan betrifft. Womöglich werde ich deshalb PoI vorübergehend aussetzen, bis wieder eine Episode kommt, die mich besonders zum Schreiben motiviert (meist sind solche Folgen überwiegend gut oder überwiegend schlecht). Von all den Serien, die ich derzeit im Programm habe (South ParkPerson of InterestRevolution sowie bald auch noch The Walking Dead und Game of Thrones) ist PoI die entbehrlichste, weil prozeduralste.

– „Wieviele Nummern werden wir bekommen, weil wir diesem Mann das Leben gerettet haben?“

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Mit „Es gibt einen Zeugen“ gelingt Person of Interest endlich ein Befreiungsschlag aus dem Mittelmaß – und was für einer! Ein großes Täuschungsmanöver krönt eine Folge mit guten Dialogen und einer spannenden Jagd. Es sieht zwar nicht danach aus, als könne die Serie dieses Niveau halten, aber zumindest hat diese Episode der Serie eine Orientierung in der Form eines Erzfeindes gebracht.

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2 Gedanken zu “Person of Interest 1.07 „Witness“: Es gibt einen Zeugen.

  1. Hast du Person of Interest weiter verfolgt? Es lohnt sich. Die Serie wird ab dem letzten Drittel der ersten Staffel immer besser. 🙂

    • Ja habe ich! Allerdings erst ein, zwei Jahre später. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich die Episoden nicht weiter per Blog verfolgt habe, weil Staffeln 1 und 2 aus viel Füllmaterial bestehen (case of the week Episoden), während die Haupthandlung zu selten Schritte vorangeht.
      Richtig gut wird die Serie ab Staffel 3, und ab Staffel 4 (die qualitativ ein wenig schwächer ist als ihr Vorgänger) so richtig interessant. Da geht es dann nicht mehr so sehr um Einzelschicksale, sondern vielmehr um das Schicksal unserer Gesellschaft.

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