Person of Interest 1.05 „Judgement“: Familiäres Druckmittel.

„Sie sind ja paranoid.“ – „Aus gutem Grund.“

Person of Interest mag mit einem großen Handlungsbogen einfach so gar nicht in die Gänge kommen. In „Familiäres Druckmittel„, im Original „Judgement„, herrscht diesbezüglich Stillstand, doch die Episode krankt auch an anderen Problemen.

Quelle: tvequals.com

Reese (Jim Caviezel) jagt Gates‘ ( David Costabile) entführten Sohn.

Der Sohn von Samuel Gates, von Beruf Richter, wird entführt, um einen Freispruch einer Angeklagten zu erzwingen. Doch wer steckt dahinter, und warum ist dieser Freispruch so wichtig? Und warum ist dennoch die Nummer von Gates von Finchs Maschine ausgespuckt wurden, und nicht sein Sohn? Für Reese beginnt ein Wettlauf mit der Zeit…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Prinzipell hat „Familiäres Druckmittel“ ja eine ganz nette Geschichte – und insbesondere der Twist, dass sowohl Vater und Sohn „Samuel Gates“ heißen und so kurz die Frage im Raum steht, welchen er zwei die Maschine wohl gemeint hat, ist sehr gelungen. Man sieht förmlich, wie die Serie sich bemüht, jede Woche aufs Neue eine berührende Geschichte zu spinnen, in diesem Fall vom alleinstehenden Familienvater, dessen Frau verstorben war und dessen einziger Sohn nun auch noch in Lebensgefahr schwebt. Das Problem ist allerdings, im Grunde wie bei Touch, dass eine einzelne Episode nur in den seltensten Fällen dazu ausreicht, um uns genügend mit der Hintergrundgeschichte einer Person-der-Woche zu identifizieren. Das benötigt entweder mehr Zeit, oder eine intensivere Charakterisierung.

In „1.04 Cura Te Ipsum“ klappte das deshalb so gut, weil Dr. Tilman eine außerordentlich schöne Szene mit Reese im Café spendiert bekam. In „Familiäres Druckmitel“ sind die Dialoge hingegen eher hölzern, und werden auch dadurch nicht aufgebessert, dass Reese öfters das Offensichtliche noch einmal verdeutlichen muss, anstatt die Bilder sprechen zu lassen – als das Telefon in Gates‘ Wohnung klingelt, erklärt Reese beispielsweise bereitwillig: „Das sind sie.

Auch hilft es nicht, dass das tragischste Ereignis der Episode, der Tod des Kindermädchens Christina, so eine geringe Rolle spielt. Schließlich war diese doch wie eine Mutter für Samuel Junior geworden, so ließ man uns glauben, und dennoch herrschte am Ende der Folge eine Happy-End-Stimmung. Trotzdem: Wer zumindest selber mitfühlt, wenn es die Figuren schon nicht tun, der muss den Tod des Kindermädchens als starken tragischen Moment empfinden.

Die Episode hat durchaus mehrere gute Ansätze, zum Beispiel bringt sie Reeses spielerische Natur gut zum Ausdruck – anstatt die Foltermethode klassisch auf Jack-Bauer-Art (24) ausarten zu lassen, versucht sich Person of Interest an einer kreativen und humorvollen Art: Die Verbrecher gefesselt in den Koferraum zu schmeißen, dann Reese ein paar Runden im Matsch driften zu lassen, sodass die Verbrecher im Koferraum ordentliche Beulen davontragen. Da hat die Serie Spaß, und das tut in solchen Situationen gut. Klar, die Verbrecher geben dann die Informationen, die Reese wissen möchte, sehr bereitwillig heraus, aber insgesamt sicher einer der gelungeren Szenen der Episode.

Was in „Judgement“ jedoch gar nicht funktioniert, und wofür ich das Drehbuch verantwortlich mache, sind die unlogischen Actionszenen. Beispielsweise möchte ich darauf hinweisen, dass Reese natürlich nur mit einer Betäubungspistole angeschossen wird, während man das Kindermädchen skrupellos ermordet. Beide wissen über die Entführer gleich viel, nämlich deren Gesichter, und so sehe ich keinen logischen Grund, warum die Verbrecher hier mit verschiedenen Mitteln vorgehen. Das heißt, ich sehe schon einen: Das Kindermädchen ist entbehrlich, Reese nicht. Bis dahin war es allerdings ein ordentlicher und ansehnlicher Faustkampf.

Ganz schlimm fand ich allerdings das Duell zwischen Reese und dem Oberfiesling der Woche, Kosca. Nicht nur, dass Reese die Gates-Familie überflüssigerweise in absolut allerletzter Sekunde rettet, nein, er hat auch im Grunde keinen Plan. Stattdessen verfährt er nach Person of Interest-Schema F: drohen. Und als die Verbrecher darauf nicht hereinfallen, hätte Reese eigentlich den Kampf verlieren müssen: Er war in der Unterzahl, er hatte sich keinerlei Deckung gesucht – eigentlich Sebstmord. Trotzdem geht die Schießerei so aus, dass er und die Gates unverwundet davonkommen, während mehrere Verbrecher zu Boden gehen. Das ist nicht nur uninspiriert, sondern auch unlogisch. Ich habe das Gefühl, dass die Serie hier mit ihrer spielerischen Natur herangeht, dieser Schuss allerdings nach hinten losgeht.

Zumindest das, was nebenher läuft, klappt einigermaßen gut. Die Ambivalenz von Fuscos Motiven ist beispielsweise sehr gelungen – man weiß nicht genau, ob er durch seine Hilfestellungen an Carter einfach nur die Verbrecher schnappen möchte, oder heimlich auch Reese. Und auch die sich langsam zur Freundschaft verwandelnden Beziehung zwischen den zwei Hauptakteuren bekam einen tollen Moment geschenkt, den man gar nicht kommen sah und der die Folge schön umrahmte: Anfangs steckt Finch Reese einfach einen Arbeitsauftrag in das Menü, und am Ende der Episode öffnet ein skeptischer Reese wieder das Menü, nur um tatsächlich jenes dort vorzufinden. Schön und süß – würde die Serie bloß öfter so subtil arbeiten.

Bla:

– Verbrecher der Woche: etliche Handlanger, der oberböse Kosca, sowie die anfangs unschuldig aussehende aber geldwaschende Angela.

– Highlight war für mich der Burger, den Reese den gefesselten Verbrechern als Belohnung anbot. Das war unglaublich random, deshalb witzig, und passt sehr gut zu Reeses Persönlichkeit – ich möchte mehr davon sehen.

– Auch sehr cool finde ich, wie Reese immer wieder ein paar Geldscheinbündel, die er bei Verbrechern herumliegen sieht, selber einsteckt. Es ist zwar nicht klar, ob er sie in dieser Episode behält oder anschließend gemeinsam mit den gefesselten Verbrechern zurücklässt, doch prinzipell finde ich es sehr passend zu seiner Figur, zu denken, er hätte sich diese Geldbündel durch seine gute Tat verdient.

– Äußerst nachlässig von den Verbrechern: Anstatt den Jungen irgendwo einzusperren, lassen sie ihn einfach in ihrem Hauptquartier herumsitzen und alle Gespräche mitanhören. Selbst wenn sie ihn sowieso umbringen wollten.

– Wohl ungewollt humorvoll: Reese und Gates sitzen an verschiedenen Tischen in einem Café. Das Drehbuch muss wohl gesagt haben, sie würden „heimlich“ Informationen austauschen, doch in Wirklichkeit waren sie extrem auffällig und verdächtig.

– Lied am Ende der Episode: The xx – Intro. Da ich das Lied bereits vor dieser Episode hunderte male gehört habe, kann ich schlecht beurteilen, wie episch es die letzten Minuten machte.

„Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen für diesen Job.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Judgement“ / „Familiäres Druckmittel“ versucht mit allen Mitteln, eine berührende Geschichte zu sein, doch nachlässige Erzählweise und teils unlogische Entwicklungen in der Handlung trüben den Gesamteindruck. Wie für die meisten Person of Interest-Episoden gilt: besser nicht so viel darüber nachdenken. Das allerdings ist nunmal mein Job hier.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Person of Interest 1.05 „Judgement“: Familiäres Druckmittel.

  1. Pingback: Person of Interest 1.07 “Witness”: Es gibt einen Zeugen. | Blamayers TV Kritiken

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s