Person of Interest 1.04 „Cura Te Ipsum“: Blutrache.

„Jeder braucht jemanden, mit dem er reden kann.“

Cure Te Ipsum„, in Deutsch weniger schnörkelig „Blutrache“ benannt, ist nicht der von mir erhoffte Sprung in die kontinuierliche Story-Fortsetzung von Person of Interest, im Gegenteil: So episodisch hat sie sich davor noch nie gegeben. Dennoch bleibt die Serie interessant zu verfolgen, denn selten liegen in einer Fernseh-Episode Schmerz und Glück so nah.

Quelle: http://seriable.com/wp-content/gallery/poi-cura-te-ipsum/cura6.jpg

Reese (Jim Caviezel) spricht mit Tilman (Linda Cardellini) darüber, was es bedeutet, Leben zu nehmen – in einer emotional absolut überzeugenden Szene.

Die dieswöchige Nummer, die die Maschine ausgespuckt hat, gehört zu Dr. Megan Tilman, einer auf den ersten Blick tadellosen, arbeitssüchtigen jungen Ärztin. Doch der Schein trügt: Sie führt ein Doppelleben, nach dem Dienst begiebt sie sich auf Männerfang, und ausgerechnet der ehemalige Sexualstraftäter Andrew Benton…

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Doch der Schein trügt, und in Wirklichkeit möchte Dr. Tilman Benton umbringen, weil dieser ihre Schwester nach einer Vergewaltigung in den Selbstmord getrieben hatte. Die Story ist recht nett, lebt aber vor allem dank der exzellenten Schauspielerin, der von mir sehr sehr geschätzten Linda Cardellini (Freaks and Geeks) – ich fand mich ein gutes Stück involvierter als in den bisherigen Fällen der Woche. Leider ist die deutsche Synchronstimme äußerst piepsig und ist, ich nenne es jetzt einfach mal so, eine typische Frauen-Opferrollenstimme. Ich kenne nur die Originalstimme von Cardellini von vor 12 Jahren (aus der oben genannten Serie), aber schon damals hörte sie sich deutlich tiefer an.

Da es so gut wie keinerlei seriellen Entwicklungen gab und auch auf die Hintergrundgeschichten von Reese und Finch nicht weiter eingegangen wurde, muss „Blutrache“ seine guten Szenen aus der wöchentlichen Geschichte ziehen, und zum Glück gibt es da auch welche. Persönliches Highlight war das Gespräch zwischen Tilman und Reese im Café, als er sie überführt und ihr dann ihre Tat ausreden versucht. „Ich versteh das nicht, wer sind Sie, warum sind Sie hier?“ fragt Tilman verwirrt – ausgezeichnet, dass die Serie hier darauf eingeht, dass Reese für die Ärztin ja im Grunde aus heiterem Himmel auftaucht. Und diese Himmel-Metapher hätte man hier ruhig noch ein wenig weiter ausbauen können – Reese verkörpert hier durchaus einen Schutzengel, der sie vor Unglück bewahrt. Doch auch wenn hier noch mehr drin gewesen wäre: Cardellini kann mit ihrem Tränenausbruch dennoch für eine fantastische Szene sorgen, und auch das Drehbuch und die deutsche Übersetzung finde ich sehr gelungen: „Ich weiß, wie es ist, ein Leben zu nehmen. Dabei verliert man einen Teil seiner selbst. Nicht alles… aber den Teil, der uns am Wichtigsten ist.“

Das Problem hierbei ist allerdings jenes: Man versucht Reese als einen Mann zu charakterisieren, der zwar ein selbstbewusstes und flamboyantes Äußeres hat, aber tief drinnen sich doch um Menschen kümmert, was sich auch darin widerspiegelt, dass er in mehreren Episoden Menschen vor sich selbst retten möchte. Und ja, die Serie bleibt soweit recht konsequent darin, ihn möglichst wenig Menschen umbringen zu lassen. Doch gleichzeitig setzt die Serie so viel Action ein, dass so eine geringe Todeszahl verdammt unrealistisch erscheint – und Person of Interest setzt ja nicht direkt auf einen Charme a la Das A-Team, das dies ja als humorvolles Element verwendete. Stattdessen weicht man in Person of Interest auf äußerst hohle Gegenspieler von Reese aus, die sich nicht nur einfach vermöbeln lassen, sondern mit nur einer simplen Drohung für immer in Schacht halten lassen. Und ein Balanceakt zwischen sensiblem Umgang mit dem Thema Töten und der Verwendung von Actionszenen scheint der Serie bislang nicht zu gelingen.

Ebenfalls ziemlich gelungen fand ich die doch recht ungewöhnliche Endszene, in der Reese Benton im leeren Haus am Meer ein besseres Leben eintrichtern möchte. Ich fand hier das Setting angenehm kathartisch, und auch die Positionierung in der Folge – nämlich so, dass das Ende der Episode recht abrupt kommt – erinnert an eine typische „Bin ich tot?“-Szene eines Films – klasse. Das offene Ende war ein gutes Stück gedankenvoller, als die Serie es hätte erwarten lassen; hier schöpft man das Potential, Reeses moralisches Dilemma Leben zu nehmen, auch von „bösen“ Menschen, ordentlich aus.

Quelle: http://billiedoux.blogspot.co.at/2011/10/person-of-interest-cura-te-ipsum.html

In sehr atmosphärischer Umgebung besprechen Reese und Benton (Adam Rothenberg), was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein, und ob man des Lebens wert ist, wenn man es nicht ist. Das Ende bleibt offen – und was glauben Sie?

All dies steht im krassen Gegensatz zur absolut desaströsen B-Storyline der Episode, nämlich Fuscos Mätzchen mit dem „Kartell“. Hier taumelt Person of Interest blindlings von einer unglaubwürdigen Situation in die nächste. Das beginnt ja schonmal bei dem Namen „Kartell“, bei dem ich mir so eine richtig große Verbrecherorganisation vorstelle. Stattdessen bekommen wir nur drei stereotype Gangster zu Gesicht, die sich leichtens von Reese vermöbeln lassen. Selbst als sie ihn gefangen und ausgeknockt haben, schaffen sie es nicht,  ihn umzubringen, weil sich Reese unglaubwürdigerweise da herausboxt – unter anderem, weil niemand zu wissen scheint, wie man eine Schusswaffe abfeuert.

Ärgerlich ist dann auch, wie leichtfertig dieser Handlungsbogen geschlossen wird. Reese bringt die drei Gangster nicht etwa um, nein, er bedroht sie einfach, dass sie das bloß nie wieder machen sollen, und schon hat sich das erledigt. Völlig außer Acht lassend, dass diese erstens ja immer noch die Drogen oder das Geld benötigen, zweitens Fusco deshalb nicht einfach in Ruhe lassen würden, und drittens, dass er damit ein riesengroßes Ziel für das „Kartell“ werden würde, vor allem auch (viertens) für die drei selber – solche Typen lassen sich das doch nicht einfach gefallen, dass sie von so einem Typen vermöbelt werden, die packen ihre Kanonen aus und schon ists um Reese geschehen. Ach, und Reese nimmt es einfach ganz locker hin, dass Fusco ihn gerade hat umbringen wollen? Aber nein, Person of Interest beschäftigt sich keineswegs mit all diesen Punkten, aus dem ganz einfachen Grund, weil man diesen Handlungsstrang nicht ernst nimmt, sondern schlichtweg für ein paar Plotpunkte sowie ein paar Actionszenen (denn sonst gäb es eigentlich fast keine in dieser Folge) missbraucht. Wirklich schlampig geschrieben, und auch absolut unpassend zum Rest der Episode, was das Erzähltempo anbelangt.

Ein paar Entwicklungen gibt es dann doch in „Cura Te Ipsum„, die aber gern ein wenig glaubhafter eingeführt hätten werden können: Aufgrund von Carters schnellen Fortschritten in Sachen Reese veranlasst Reese, dass Fusco ihr neuer Partner wird, um ihre zukünftigen Ermittlungen in seiner Sache zu behindern. Irgendwie hatte ich angenommen, dass dies ohnehin schon so sei, aber bei genauerem Nachdenken wird mir klar: Ein wirklich raffinierter Schachzug der Serie, die vier seriellen Figuren (Reese, Finch, Fusco, Carter) enger aneinander zu binden. Auf jeden Fall gut, dass der Fall „Elias“ aus „1.03 Mission Creep“ nicht nur Erwähnung fand, sondern auch aktiv weiter untersucht wurde – und irgendwie habe ich schon das Gefühl, dass dies die Serie in eine bessere Richtung steuert.

Bla:

– Im Artikel zur Pilotfolge habe ich die Serie noch mit Alarm für Cobra 11 verglichen, und siehe da – RTL programmiert die Serie direkt nach Cobra 11 ein. Clever, tonal passen die beiden Serien wirklich gut zueinander.

– Ach war ich enttäuscht, als ich in der Episode gemerkt habe, dass Cardellini wohl nur einen ein-episodigen Auftritt hinlegen wird. Wäre schön gewesen, sie öfter in der Serie zu sehen, vielleicht als Ärztin für die diversen Verletzungen von Reese, die er sich wahrscheinlich noch in weiteren Episoden zuziehen wird.

– Sehr gut gefallen hat mir Bentons Wohnung, insbesondere das Gemälde, das mit seinem Namen versehen war. Schnell, effektiv und erfinderisch charakterisiert, so gefällt das.

– Auch eine raffinierte Szene, die die schnellspurige Seite der Serie sehr gut ausspielt: Um an die Identität des Mannes zu gelangen, mit dem Tilman geflirtet hat, stiehlt Reese kurzentschlossen einfach schnell die Brieftasche des Mannes. Das hat Witz und passt ausgezeichnet zu seinem Charakter.

– Jedes mal, wenn Reese jemanden beschattet und mit Finch via Handy kommuniziert, redet er so laut, als müsse er überhaupt nicht beachten, von seiner Zielperson gehört zu werden. Ist das in der Originalversion auch so, dass er nicht einmal versucht, mit Finch zu flüstern?

– Ich liebe es, wie die Übersetzer dem deutschen Publikum scheinbar nicht zutrauen, das lateinische „cura te ipsum“ zu verstehen oder sich die Mühe die Phrase zu übersetzen, und deshalb der Titel nicht übernommen wurde. Ich frage mich, ob das Übersetzungsstudio bereits während der Arbeit weiß, for welchen Sender (insofern auch für welches Publikum) man arbeitet.

– Carter unheilvoll zu Finch über Reese: „Ich verspreche Ihnen, wir kriegen diesen Mann.

– Sorry, dass es mal wieder so lange gedauert hat mit der Review. Eigentlich wollte ich doch schneller werden mit dem Schreiben…

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

Blutrache“ / „Cura Te Ipsum“ hat durchaus gute Ideen und Schauspieler und kann diese auch gut in die bislang beste Geschichte-der-Woche umsetzen, doch die Haupthandlung wird von einer wirklich absurden und naiven Nebengeschichte heruntergezogen. Zudem bringt die Episode die Serie kaum einen Schritt weiter, was eine etwaige Haupthandlung betreffen würde.

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2 Gedanken zu “Person of Interest 1.04 „Cura Te Ipsum“: Blutrache.

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