Breaking Bad 5.08 „Gliding Over All“: Monster.

„There was no other option. It had to be done.“

Mit „Gliding Over All“ verabschiedet sich Breaking Bad also nun in die unerträglich lange, zehnmonatige Halbzeitpause der letzten Staffel – und fasziniert einmal mehr mit wunderschönen Sequenzen und einem bärenstarken Cliffhanger, kommt im Erzähltempo und auch Charakterisierung allerdings ein wenig ins Straucheln.

Quelle: offizielle AMC Breaking Bad-Homepage

Walt (Bryan Cranston) und Sky (Anna Gunn) stehen ratos vor ihrem Vermögensberg.

Mike ist weg, doch seine neun Männer wissen nach wie vor zu viel. Wenn es darum geht, sie entweder ihr Leben lang zu bezahlen oder sie besser für immer zum Schweigen zu bringen, fällt Heisenberg die Entscheidung nicht schwer. Indes geht die Drogenmanufaktur fröhlich weiter, bis Walt feststellen muss, dass weder das Geld noch die Anerkennung ihn wirklich glücklich machen.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Mikes Vermächtnis.

Diesmal ist die Eröffnungsszene der Folge nicht ganz so herausragend wie sonst, nicht zuletzt deshalb, weil das typische Problem der Vorgänger-Episode, in diesem Fall Mikes Tod in „Say My Name„, in dieser Episode so leicht gelöst werden kann – einfach Mikes Körper auf altbewährte Weise verflüssigen, seinen Wagen Joe verschrotten lassen – und schon ist die Sache geritzt. Ich hatte mehr erwartet, Walt würde Jesse eine Lügengeschichte über den Verlauf des „Abschieds“ von Mike auftischen, die dann langfristig noch auf die Probe gestellt würde, doch stattdessen wirft er Jesse mit den Worten „He’s gone“ vor die Tür. Einerseits wurde Mike schon gebührend in seiner Todesepisode verabschiedet, andererseits hätte ich mir gewünscht, sein Tod hätte ein bisschen mehr Gewichtung erhalten – denn in „Gliding Over All“ ist im Grunde nichts mehr zu spüren von Mikes Geist, im Gegenteil: Alle Mike-Kontakte werden systematisch ausgeschalten, sodass Mikes Vermächtnis gänzlich verfällt. Und das scheint recht unehrenhaft vonstatten zu gehen, schließlich war Mike jahrelang Teil des Teams.

Auch Walters großer Fehler, Mike im Prinzip umsonst erschossen zu haben, findet einzig in Walts starrem Blick im Teaser wieder, in „Gliding Over All“ ist er wieder ganz Heisenberg. Das trägt er auch offen zur Schau, als er sich (zum Schreien komisch) übertrieben lässig mit Sonnenbrille und Hut mit Lydia trifft. Wenigstens hier fällt einem auf, dass Mike nicht da ist – mit dessen Vorsicht und Ehrgefühl aus dem Weg fällt es den beiden leicht, den Drogenmarkt großflächig zu erweitern (nach Tschechien) und Mikes neun Männer und Mitwisser von Gus‘ ehemaliger Operation sowie den in der vorherigen Episode frisch ertappten Anwalt permanent aus dem Weg zu räumen. Gruselig: Hätte Lydia die Markterweiterung nicht angeboten, hätte Heisenberg sie wie die elfte Person behandelt (und ihr Ricin eingeflößt).

Monster.

Und immer wieder redet sich Heisenberg ein: „It had to be done.“ Selbst Todd erzählt er das über Mikes Tod, und später Jesse über die von ihm veranlassten zehn Morde im Gefängnis. Hier agiert Breaking Bad sicher eher prozedural und überraschend hastig: Heisenberg trifft sich mit Todds Onkel und seinen Kollegen, sie sagen es sei nicht möglich, er sagt ihnen „It can be done exactly the way I want it“, und genau so passiert es dann auch. Vielleicht hat man sich da auch ein klein wenig in eine Ecke geschrieben, immerhin zehn Männer gleichzeitig in Gefängnissen umbringen zu lassen, sodass man keinen glaubhaften Ablauf schnüren konnte. Vielleicht möchte man allerdings auch zeigen, was jedoch dem tölperhaften Verhalten Walts am Ende der vorherigen Episode komplett widerspricht, dass nun wieder alles nach Plan verläuft, er diese typischen Heisenberg-Reden schwingt, und nun wieder komplett Herr der Lage ist.

Ich bin geneigt dazu, hier der Serie ein wenig Inkonsequenz vorzuwerfen, wenn es darum geht, wie weit Walter White für seine Berufung als Meth-Koch zu gehen. Zuerst erschießt er Mike, legt schon einmal das Ricin für Lydia bereit, und lässt anschließend zehn Menschen ermorden, nur um dann (zugegeben drei Monate später) doch noch einfach so aussteigen zu wollen? Dabei vermittelt doch gerade die „crystal blue persuasion“-Sequenz – wirklich eine der allerbesten Montagen, die die Serie je gemacht hat, diese vielen Schnitte mit nahtlos übergehenden Bewegungen sind einfach fantastisch, und dann auch noch so viele! – dass das Geschäft nicht nur gut läuft, sondern auch noch alle Beteiligten einigermaßen enthusiastisch mitspielen.

Möglicherweise sorgt auch der Anblick seines erwirtschafteten Geldes diese Reaktion in Walt – auch wenn das nicht wirklich diese 180°-Wende in Walters Berufwunsch (Vollzeit-Vater statt Meth-Koch) erklärt. Eine starke Szene, die verdeutlichen soll, dass Geld allein nicht glücklich macht. Die Whites sitzen auf dem Geld, können es nicht waschen, können es nicht ausgeben, und wissen nicht wohin damit. Walter wird hier bewusst, dass ihm seine Arbeit nicht wirklich etwas bringt – dass er der größte Meth-Koch des Landes ist, hat er ja schon bewiesen. Das ist zwar der Ansatz einer Erklärung für Walters Ausstiegswunsch, doch nicht wirklich für die Serie, die einerseits auf ein großes Finale hinbauen wollte, und andererseits der Walter White-Figur keine Vergebung erlauben wollte.

Vielleicht zweifle ich hier an dieser Stelle deshalb, weil ich enttäuscht bin, dass Walter nun genauso wie Jesse den Wunsch verspürt, aus dem Geschäft auszusteigen, anstatt seinen begonnen Weg zu vollenden. Vielleicht, wenn man sich das genauer überlegt, ist aber Walter genau deshalb ein Monster, weil er das Geschäft nicht etwa wegen der Gefahren oder vielen Leichen aufgibt, sondern schlichtweg seine Kinder wichtiger sind. Vielleicht eilt Breaking Bad deshalb so an den zehn ermordeten Männern von Mike vorbei, weil Walt sich schlichtweg nicht wirklich viele Gedanken darüber macht. Und deshalb ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet in dieser Episode Hank Walt mitteilt, dass er nach einem „Monster“ jage – allerdings muss man sich den weiten Zusammenhang der Folge und ihrer einzelnen Szenen wie dieser selbst zusammenpuzzlen.

Spekulationen.

Ebenfalls ein Puzzle ist wohl die Szene mit Walt und Jesse. Es war schön, die beiden über ihren RV zu sinnieren, und auch hier geht Breaking Bad sicher nicht den erwarteten Weg: Walter ist nicht vorbeizukommen, um wieder Freunde mit Jesse zu werden, egal ob sie gemeinsam kochen oder nicht – denn gerade die Einsamkeit macht ihm ja zu schaffen, häufig sehen wir ihn in dieser Episode allein irgendwo hinstarren (beispielsweise in den malerischen Pool, der bei genauerer Überlegung kristallblau ist). Ist er mit Skyler möchte er mit ihr reden, und mit seiner kleinen Tochter geht er nicht nur liebevoll um, er ist sogar glücklich. In der vierten Staffel wird ja verdeutlicht, dass Jesse wie ein Sohn für Walt ist – also warum können die beiden nicht wieder gemeinsam Spaß haben? Deshalb war ich mir fast sicher, Walt hätte Jesse einen RV gekauft, anstatt ihm nur das Geld vorbeizubringen. (Soweit ich das verstanden habe sollten das die fünf Millionen $ gewesen sein.)

Dann darf jedoch spekuliert werden: Warum nimmt Jesse dieses Gespräch und/oder das Geld so mit? Und warum trägt er eine Pistole bei sich? Daran erkennt man sicherlich, dass es sich nicht um ein wirkliches Staffelfinale handelt, da uns nicht wirklich ein Hinweis präsentiert wird. Ist Jesse etwa depressiv geworden, oder paranoid? Hat er Angst vor Walt? Was ist eigentlich mit seiner Freundin los, ist er glücklich, hat er ein Leben abseits des Drogengeschäfts? „Gliding Over All“ bleibt uns all diese Antworten schuldig, und ich finde es sehr schade, dass Jesse in dieser Staffel noch immer solch eine passive Rolle spielt, und es derzeit nicht danach aussieht, als könne sich das in den letzten acht Folgen noch ändern.

Quelle: offizielle AMC Breaking Bad-Homepage

Hank (Dean Norris) geht am stillen Örtchen ein großtes Lichtlein auf – Walt hat damals sein „You got me!“ vielleicht ironischer gemeint als gedacht. Der Anfang vom Ende für Heisenberg, und ein großartiger Cliffhanger für Breaking Bads lange Unterbrechung.

Und dann ist da natürlich der große Cliffhanger: Hank erkennt die wahre Identität von Heisenberg. Das kommt zwar recht abrupt – es ist ja nicht so, als würde er plötzlich alle Puzzleteilchen zusammenfügen, sondern findet hier einfach das große Teilchen, auf dem allein alles zu finden ist – doch trotzdem fühlt es sich genau richtig platziert an, und das in mehrerlei Hinsicht. Einerseits wird es sicher sehr interessant, Hank dabei zuzuschauen, wie er Walt im letzten Akt der Geschichte überführen wird, andererseits ist es nur stimmig, dass Walt so einen dummen Fehler macht und Gales Geschenk in seinem eigenen Haus herumliegen lässt, verschuldet durch seine größte, auch schon von Mike identifizierte Schwäche: Stolz. Wir haben ja schon oft gesehen, dass Walter Anerkennung sucht, und von Gale bekam er sie damals in Mengen. Unter anderem auch schriftlich, und das konnte Walt natürlich nicht wegwerfen.

Weitere Spekulationen: Walt hat womöglich wieder Krebs, immerhin gibt es zum ersten mal seit mehreren Staffeln eine Strahlentherapie-Untersuchung (oder so). Ist das Mitgrund, wieder mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen? Es würde auch ein wenig erklären, warum er mehrere male fast schon reflektierend vor sich hinstarrt. Und darüber dürfte jetzt wohl zehn Monate spekuliert werden.

Bla:

– „To my other favorite W.W.
It’s an honour working with you.
Fondly, G.B.“

– Typo? „favorite“ ist amerikanisches Englisch, „honour“ britisches.

– Ich dürfte nicht der einzige sein, der in der Eröffnungssekunde an „3.10 Fly“ erinnert wurde, zum Glück beinhaltete die Episode jedoch keinerlei Parallelen zu dieser minimalistischen Episode.

– Die „crystal blue persuasion“-Montage sei hier noch einmal extra erwähnt – gerade als Breaking Bad Gefahr lief, diese Sequenzen mit zu viel Routine und Regelmäßigkeit zu verwenden, kann man hier groß punkten. Die tollen Schnitte waren nicht die einzige Stärke, sie vermittelte außerdem noch ungeheuer viel Information über die Geschehnisse der übersprungenen paar Monate und ist schlichtweg eine Freude anzuschauen. Besonders gelungen war deren Ende, als die Helikopteraufnahmen vermittelten, wo und wie oft überall „Vermanos Pest“ schon Häuser gesäubert hat. Visuell spielt die Serie nach wie vor in ihrer eigenen Liga.

– Ganz schön beunruhigend, zu welchen Mitteln Gefängnisinsassen Zugriff haben, vor allem die Flüssigkeit, mit der der Anwalt verbrannt wurde. Witzig fand ich allerdings, dass ein Insasse mit Zahnbürsten erstochen wurde.

„There is no we. I’m the only vote left.“

– Schön, mal wieder Saul zu sehen! Schade, dass er bislang so wenig aufgetaucht ist, und auch diesmal taucht er nur in der Montage auf.

– Wenn man schon Walter bezichtigt, sich zu aufmerksam im Cafe zu verhalten, darf man aber Lydia sicher auch nicht in Schutz nehmen. Auch diese verhält sich äußerst verdächtig, beispielsweise wenn sie sich die Sonnenbrille mit eiiner Geste aufsetzt, die verdeutlicht, dass sie sich durch die Brille anonymisieren möchte. Oder: Sie treffen sich, Walter setzt sich nieder, Lydia schiebt ihm die Tasche rüber und verlässt augenblicklich das Cafe. Genau wie mit Walts auffälliges Verhalten springt einem Breaking Bad damit jedoch nicht entgegen, sondern lässt das schön subtil im Hintergrund schweben. Klasse!

– Ich habe das Gefühl, dass uns nicht umsonst gezeigt wurde, dass das Ricin wieder an seinem bewährten Platz hinter der Steckdose angebracht wurde. Obwohl es wieder deutlich unwahrscheinlicher geworden ist, dass sie für Sky gedacht wird (wie von mir ursprünglich vermutet).

„Maybe the best way to repair the family… is to repair the family, you know.“

– Tolles Gefühl in der letzten Szene, als alle Whites und Schraders glücklich beisammensitzen – kurz hat man das Gefühl, der Wolf im Schafspelz hätte überlebt. Dass dadurch Hanks Entdeckung von Walts Machenschaften voraussehbar wurde – es muss ja irgendeinen Cliffhanger geben, und dies war das naheliegendste – ist gar nicht mal so schlecht – dadurch stach Norris‘ Darstellung von Hanks Realisierung nur noch deutlicher hervor.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Es ist sicher nicht die großartigste Episode der Serie, doch wie jede Breaking Bad-Episode beinhaltet auch „Gliding Over All“ einige denkwürdige Szenen, die die Serie artistisch in ihrer eigenen Liga spielen (und meine Ratings nach oben schießen) lässt. Der Gefängnis-Handlungsbogen war ein wenig gehetzt, zu schnell möchte die Serie manchmal von Punkt A zu Punkt B gehen. Der Cliffhanger verspricht allerdings eine harte, harte Wartezeit…

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7 Gedanken zu “Breaking Bad 5.08 „Gliding Over All“: Monster.

  1. Gute Kritik! Dass der Krebs zurück ist wäre auch eine Cliffhanger-Option gewesen. Jedoch ist der jetzige bei weiten spannender.
    Aja, was ich mich erinnern kann, hat sich ja Jessie von seiner Freundin getrennt. Wurde kurz in einer der ersten Folgen dieser Staffel erwähnt (Als Jessie und Walt am Garagentor standen).
    Lg

    • Ah danke für die Info, das hatte ich gar nicht mitbekommen!
      Dass der Krebs bereits jetzt schon zurück ist ist nur eine Theorie, aber sie würde sich recht nahtlos einfügen – es würde Walt darin bestärken, sich wieder um seine Familie zu kümmern, es würde die vielen Blicke ins Leere erklären (ich hab grad noch einmal die blue crystal perssuasion-Szene geschaut, auch in dieser sieht man ihn mehrmals), und es würde die Bestrahlungsszene erklären.

  2. Gute Kritik und gutes Gespür für diese hervorragende Serie, aber ich denke das der Krebs zurückkommt (man sieht in der Ersten Folge Walt in der Toilette stehen und wieder Pillen nehmen) und das auch mit ein Grund sein könnte warum er mit dem Geschäft aufhört.
    Jesse dürfte mitlerweile Angst vor seinem ehemaligen Partner haben nachdem er von den zehn Morden erfahren hat und trägt vileicht deshalb auch eine Waffe mit sich,weil er meint für Walt keinen nutzen mehr zu haben und daher nur eine Person in seinem Leben zu sein die zuviel weiß.
    Naja auf jeden Fall wird es eine harte Zeit auf die nächsten Folgen zu warten( ich weiss leider gar nicht wann die rauskommen sollen).
    In diesem Sinne noch einen schönen Tag

    • Ps.: Besonders gespannt bin ich auch auf Hanks erste Reaktion Walt gegenüber nachdem die Jagd nun eröffnet ist (-;

    • Die neuen Folgen kommen erst im Sommer 2013 heraus, im deutschsprachigen Fernsehen dann wahrscheinlich nochmal ein Vierteljahr später. Leider, so lang!

      Ich bin auch schon sehr gespannt, wie Hank reagieren wird – die Serie hat ja schon eigentlich seit Staffel 1 damit gedroht, dass er es irgendwann rausfinden müsse, und jetzt ist schon so viel passiert, dass er es Walt wohl nie verzeihen wird können.

  3. Ich bin echt bewegt von dieser Serie. Die bietet für mich etwas, dass ich im Kino so gut wie nie verspüre. Solch eine Intensivität kann wohl nur über eine Serie funktionieren.

    • Das haben Sie schön formuliert und kann ich so nur unterschreiben. Ganz besonders intensiv und denkwürdig war für mich in dieser Staffel der Zugraub, der so wahnsinnig toll inszeniert war, mit der Musik und der Spannung und allem.

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