Person of Interest 1.01 „Pilot“: Reese & Finch.

Was brauche ich denn?“ – „Ein Ziel.“

Der erfolgreichste US-amerikanische Serien-Neustart Person of Interest kommt nun, leider Gottes fast ein ganzes Jahr später, auch in Deutschland ins Fernsehen. Zuerst war ich verwundert, warum sich gerade RTL diese als „Drama“ bezeichnete Serie ins Programm geholt hat, doch in „Reese & Finch„, Originaltitel lediglich „Pilot„, wird klar warum: Person of Interest ist in Wirklichkeit kein Drama, sondern einfach nur das neue CSI mit einem J.J.Abrams’schen Sci-Fi-Twist.

Quelle: yakkityyaks.com

In Person of Interest verhindern Multimillionär Finch (Michael Emerson) und Ex-CIA-Agent Reese (Jim Caviezel) Verbrechen, bevor sie überhaupt passieren.

Die Story: Der reiche und mysteriöse Finch besitzt Zugang zu einer Maschine, die ihm (a la Minority Report) voraussagt, dass Verbrechen geschehen werden. Der Clou: Sie verrät zwar die Identität einer involvierten Person, jedoch nicht, ob sie Täter, Opfer oder anderweitig in ein Verbrechen verwickelt wird. Im Piloten engagiert er Reese, Ex-CIA-Agent und offiziell für tot erklärt, um diese Verbrechen zu verhindern.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Person of Interest ist schnell. Erklärungen werden oft nur schnell schnell hingefetzt, ohne wirklich auf emotionalen Tiefgang gehen – beispielsweise wird einer der Hauptfiguren des dieswöchigen Falls, Lawrence Pope, in einem Nebensatz getötet, und nicht eine Sekunde werden für ihn Tränen vergossen. Auch der Modus Operandi der Beschattung wird in Windeseile erklärt, ohne auf die Schwierigkeiten der einzelnen Schritte einzugehen: in die Wohnung einbrechen, Handy orten, rund um die Uhr abhören, beobachten – und schon werden uns die Hauptverdächtigen der Episode präsentiert. Uns wird zwar vermittelt, dass Reese ein absoluter Profi in diesen Sachen ist, doch alles geschieht so mühelos, dass man gelegentlich das Gefühl hat, man sei in einer zusammengeschnittenen Version der Episode, als wolle man uns nur die Highlights zeigen. Dafür mag es sicher ein großes Zielpublikum geben (wahrscheinlich auch die RTL-Demographie), ich bin es leider nicht.

Es gibt im gesamten Piloten so gut wie keine Atempause, die Spannung bleibt stets auf hohem Niveau. Keine Frage, der Pilot ist eindeutig auf Action ausgelegt, da bleibt keine Zeit für Reflexion über die Konsequenzen der Verwendung der „Maschine“, oder Konsequenzen überhaupt: So tritt Finch beispielsweise leichtfüßig und im Grunde auch ziemlich naiv in die Waffenkammer ein, so gut wie unbewaffnet, und setzt sich der Gefahr aus, fünf geladene Pistolen auf sich zielen zu haben. Es ist sicher eine spannende Actionszene, aber es ist schade, wie naiv die Serie diese annimmt. Zusätzlich schießt Reese den Ganoven leichfertig in die Knie und lässt den Anführer übrig – stilvoll, aber gekünstelt.

Dabei ist Reese, denke ich, doch eine ziemlich interessante Figur. Die Liebesszenen in 2001 kamen zwar sehr soapig rüber, aber sie bedeuten auch, dass Reese viele Facetten hat. In ihm schlummern der frustrierte Penner, der rechtschaffene Kämpfer für Gerechtigkeit, und mindestens auch noch ein überheblicher Playboy. Letzterer ging mir mit seinem selbstgefälligen Lächeln in selbst den gefährlichsten Situationen fast auf die Nerven, aber ich bin der Überzeugung, dass da noch mehr dahinter schlummert, und dass die Serie noch viel tiefer in seine Figur fahren kann. Jim Caviezel macht seine Sache recht gut, so ganz muss er mich aber noch überzeugen.

Nicht mehr überzeugen muss mich hingegen der den Finch spielenden Michael Emerson, der sich schon durch Lost einen Namen gemacht hat und auch hier die Rolle des Königs in einem undurchsichtigen Schachspiel einnimmt. Auch mit dieser Rolle wird man noch viel machen können, und genau wie bei Reese wird man wohl auch über die Staffel hinweg erfahren, was in seiner Vergangenheit passiert ist und wer gestorben ist, um ihn zu seiner Aufgabe als Schutzengel zu berufen. Derweil fungiert er als die Figur, die uns alle wichtigen Fakten der Serie vermittelt, ohne seine enigmatische Präsenz zu verlieren.

Der Fall der Woche ist, sagen wir mal, okay. Die Anwältin Diane Hanson entpuppt sich mehr oder weniger überraschend als in Wirklichkeit die Böse, die gemeinsame Sache mit Verbrechern macht und Unschuldige dafür verantwortlich macht. Wohl aufgrund der ebenfalls eingeführten Hauptgeschichte rund um die „Maschine“ löst Reese den Fall recht schnell, aber ein paar richtig gute Szenen waren auch dabei – das Duell vor dem Lift war beispielsweise recht raffiniert in Szene gesetzt. Besonders clever war aber die Wendung, nachdem Reese von dem korrupten Detective Fisco entführt wird (nachdem er unerklärlicherweise nicht sofort umgebracht wird). Dieser Handlungsbogen macht nicht nur Sinn sondern bleibt auch längerfristig relevant für die Serie: Reese verwendet sein Wissen über die Machenschaften Fiscos, um selbst an Insiderinformationen von der Polizei zu gelangen, und als Druckmittel benützt er die Leiche des Bösewichts der Episode, die mit Fiscos Waffe umgebracht wurde. Wirklich clever.

Quelle: offizielle CBS Person of Interest-Homepage

Immer wieder sehen wir die Welt durch Überwachungskameras wie diese. Wunderbar daran ist, dass man sich stets fragt, ob Finch und Reese wohl selbst überwacht werden.

Stilistisch besticht die Serie eben durch eine äußerst rasante Erzählweise sowie den Abhörkameraperspektiven, die als Übergang dienen. Diese sind besonders hier im Piloten effektiv, weil damit die Einführung in das Konzept der „Maschine“ erstaunlich geschmeidig funktioniert und uns nicht allzu sehr darüber wundern lässt, warum die Maschine überhaupt funktionieren kann oder lediglich die Sozialversicherungsnummer eines Beteiligten ausspuckt, anstatt dessen Rolle im Verbrechen auch zu vermitteln. Die vielen Kameraaufnahmen tragen stark zur Atmosphäre bei, unter anderem auch des Erzähltempos, aber auch dem Gefühl der Paranoia – überall wird man beobachtet und gefilmt. Und ich bin gespannt, ob und wie die Serie mit diesem weiterarbeiten wird.

Noch ein Wort zu meinen weiteren Recaps dieser Serie: Ich denke, ich werde sie weiter beschreiben, aber mit nur halb so langen Einträgen wie üblich – denn so, wie es aussieht, scheint es sich um eine Fall-der-Woche-Serie zu sein, und zu diesen ist oft kein allzu tiefgründiger Artikel zu schreiben.

Bla:

– Wie schon vielleicht oben herauszulesen war bin ich kein allzu großer RTL-Fan, und so wäre mir beinah die Lust an der Serie vergangen, als ich diese übertrieben dramatische RTL-Stimme Person of Interest anpreisen gehört habe.

– Ich glaube, die Eröffnungssequenz wäre verdammt cool, wenn man nicht vorher schon die Szene in einem Trailer gesehen hätte. So fehlte leider für mich der Überraschungseffekt.

– Ach ja, good old 9/11 ist immer für einen Hintergrund einer aktuellen Serie gut. Das ist in letzter Zeit wirklich ein Trend geworden, auch Touch und Homeland und wahrscheinlich noch dutzende mehr sind davon durchzogen. Aber hey, ich beklage mich nicht – mir gefällt diese beständige Angst vor Terrorismus in TV-Serien.

– Wie verdammt cool ist eigentlich ein geheimer Stützpunkt in einer ehemaligen Bibliothek? Wären mehr Menschen in der Operation verwickelt (und ich hoffe schon, dass die Gruppe wachsen wird, auch wenn der Main Cast eigentlich nur aus Emerson und Caviezel besteht) könnte das ein richtiges Buffy-Gefühl auslösen.

– „Die Nummern hören nie auf zu kommen.“

– Auch ein Klassiker in Serien: Massive Attack. Hier verwendet beim Warten auf den Fahrstuhl – spannend.

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

Person of Interest ist irgendwo zwischen einem niveauvolleren Alarm für Cobra 11 und einem actionlastigeren Fringe anzusiedeln. „Reese & Finch“ ist definitiv spannend und unterhaltsam, schafft aber den Spagat zwischen sich ernst nehmen (9/11 Hintergrund) und seichterer Action im Piloten noch nicht ganz.

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3 Gedanken zu “Person of Interest 1.01 „Pilot“: Reese & Finch.

  1. Habe jetzt die ersten beiden Folgen gesehen und stimme vielem zu, was Sie geschrieben haben. Ich hoffe, es werden nicht immer alle Fälle in 40-44 Minuten abgefrühstückt. Sonst ist das wohl nichts für mich. Werde der Serie aber noch die ein oder andere Chance geben.

    • Ich habe die schlechte Angelegenheit, nicht widerstehen zu können, zumindest ein wenig in die Wikipedia-Artikel solcher Serien hineinzuschnuppern. Kleiner Spoiler: Womöglich gibt es einen Staffel-übergreifenden Subplot, vielleicht mit einer bösen Organisation oder so (ganz so genau hab ich es auch nicht lesen wollen) – und darauf freue ich mich. Beispielsweise habe ich Fringe nach rund 5 Folgen aufgegeben, weil der Hauptmythos erst viel zu spät eingeführt wurde, und diesen Fehler möchte ich nicht noch einmal begehen.

  2. Pingback: Person of Interest 1.04 “Cura Te Ipsum”: Blutrache. | Blamayers TV Kritiken

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