Breaking Bad 5.05 „Dead Freight“: Postzugraub.

„Do you understand leverage? You have NONE.“

Breaking Bads fünfte Staffel entpuppt sich als die wohl abwechslungsreichste der Serie – nach Gus‘ Tod stehen Walter die Türen der Welt offen. Nachdem nun schon der Motor für ein neues Drogenmanufakturimperium angelaufen ist und der Zug sprichwörtlich ins Rollen gebracht wurde, greifen unsere Akteure in „Dead Freight“ tatsächlich einen Zug an – in einer der wohl spektakulärsten Szenen, die Breaking Bad je auf die Flimmerkiste hat zaubern können.

Quelle: offizielle AMC Breaking Bad Homepage

Todd (Jesse Plemons), Heisenberg (Bryan Cranston) und Jesse (Aaron Paul) hantieren die Schläuche und den Kompressor, um Methylamin aus dem Zug unbemerkt abzusaugen.

Während zu Hause die Familiensituation der Whites nach Skylars Offenbarung ihrer Angst eine einzige Katastrophe ist, gerät Walter nun auch in der Arbeit in eine brenzlige Situation: Das Methylamin ist knapp, und die Polizei ist ihnen auf den Fersen. Doch er wäre nicht ein Sieger, wenn er nicht wie immer die Lösung parat hat: Sie überfallen einen Lieferantenzug.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Familienschicksal.

Keine Frage: Skylar wird immer mehr zur Last für Walter. Sie stellt wahrscheinlich kein Sicherheitsrisiko dar, denn das würde nur auch Probleme für sie selbst und die Kinder bedeuten. Dennoch pfuscht Skylar Walter mit ihrem Verhalten ganz schön in die Pfanne: Anfangs wollte er doch nur ein glückliches Familienleben, aber auch wenn dieses Ziel mittlerweile nur noch sekundär (neben seiner Selbstbestätigung, die er im Drogengeschäft findet) ist: Seine Liebe für seine Kinder hat er nie verloren. Doch Sky… ich habe das Gefühl, dass sie diese Staffel nicht überleben und Walter dafür verantwortlich sein wird. Das wäre nicht nur sein ultimativer Fall, sondern würde auch storytechnisch Sinn machen – mit ihr wird er nicht mehr glücklich werden (außer er schafft es in nur rund zehn Folgen, sie wider Erwarten umzustimmen), und sie steht seinem Glück nun im Weg.

Skylar bekommt in „Dead Freight“ nur eine äußerst marginale Rolle, und die Szene zwischen den beiden („I’m not your wife, I’m a hostage“) scheint mehr deshalb eingebaut zu sein, um uns nicht die Ereignisse der Vorwoche zu vergessen – ansonsten gab es von ihr mehr vom selben, und Walts Rede an seinen Sohn, warum er auf seine Mutter hören soll und bei Hank und Marie wohnen soll, war auch nicht gerade beeindruckend. Vielleicht ist das auch der Sinn dieser Szene, dass hier Walter zur Abwechslung nicht die passende Antwort parat hat – es bleibt abzuwarten, ob er, wie angekündigt, Sky wirklich noch umstimmen (sprich: manipulieren) kann.

Lydias Leben.

Der Rest der Episode ist wie aus einem Guss: Jesse und Walt brauchen das Methylamin, und Lydia hat sich als unzuverlässig herausgestellt. Das Set beim Verhör ist einfach gewaltig gut, sehr atmosphärisch (bedrückend) und mit fantastischen Lichtverhältnissen, die die blauen und schwarzen Farben nur so vom Bildschirm springen lassen. Und eigentlich auch mordsmäßig beunruhigend, wie selbstverständlich sie Lydia in einem Art Verhör-/Folterverlies gefangen halten und direkt neben ihr entscheiden, ob sie leben oder sterben würde. Lydia hat schon recht: Sie hätten sie beinah fälschlicherweise für die Wanze an den Methylaminfässern verantwortlich gemacht und sie zum Tode verurteilt

Sie erfahren von ihrer Unschuld durch eine Wanze, die Walter im Rechner von Hank gepflanzt hat. Mittlerweile ist man es schon so gewöhnt, dass Walter seine engsten Mitmenschen durch Lügen manipuliert, dass man seine Finte meilenweit vorher schon als solche hat identifizieren können. Aber: Die Wanze ist nun nur noch ein weiteres loses Ende, von denen die Truppe in dieser Staffel ja wirklich Unmengen sammelt – beispielsweise die vielen Mitwisser von Vamonos Pest oder Lydia. Und wenn sie gefunden wird, tja, dann gibt es wirklich nicht mehr viele mögliche Verdächtige.

Der große Zugraub.

Dead Freight“ wird wohl für immer als die Zugraub-Episode von Breaking Bad bezeichnet werden, denn das ist das wahre Herzstück der Folge. Ein weiteres Kapitel in der langen Verbrechen-Liste von Walter White, und wieder einmal eines, das er dort bislang noch nicht stehen hatte. Auch die Serie betritt damit Neuland – so eine extrem lange Actionszene gabs bislang noch nie. Umso erstaunlicher ist es, wie scheinbar mühelos es Breaking Bad gelingt, eine irrsinnige Spannung zu erzeugen und über einen langen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten.

Jesses Plan: Lydia sagt ihnen, wann und wo der Zug mit Methylamin reisen wird, und sie werden ihn abfangen. Die Lokführer einfach umbringen wollen sie nicht – nicht etwa, weil das Töten von Zivilisten verwerflich wäre, sondern weil das zu verdächtig wäre und die Polizei zu schnell am Tatort. Stattdessen zwingen sie den Zug durch einen am Bahnübergang stehenden Kipplaster zum Stehen, und während die zwei Lokführer dem vermeintlichen Kipplasterfahrer (Kuby, einer von Mikes Männern, den wir schon öfter gesehen haben) helfen, zapfen Walt und Co derweil eine ordentliche Menge an Methylamin ab.

Die Szenerie ist wunderschön, und die Kamera fängt einige der bislang wohl am ikonischsten Bilder ein, inklusive dem beeindruckend langen Zug, den das Produktionsteam für die Episode hat arrangieren können. (Die Episode dürfte einen ordentlichen Teil des Staffelbudgets verschlungen haben.) Die musikalische Untermalung ist ebenfalls fast ein Charakter für sich und sorgt für die nötige Dramatik. Ständig hat man das Gefühl, die ganze Unternehmung stehe kurz vor dem Scheitern – vor allem der Kompressor hat mich irritiert, so ein Ding ist doch urlaut, oder nicht? Diese Spannung vor dem Entdecktwerden wird dadurch verstärkt, dass das Abzapfen des Methylamins und das Nachfüllen des Wassers einfach ewig dauert, und man kann der Serie nur dankbar sein, dass sie zeitlich nicht schummelt – man hat mehr von der Zitterpartie, wenn man minutenlang dem Drang widerstehen muss, sich vor Anspannung in die Fingernägel zu beißen.

Passagenweise schneidet die Szene gar nicht von Jesse, Walt und ihrem Mithelfer Todd weg, sondern verharrt auf ihnen, ohne uns Einblick zu gewähren, was die zwei Lokführer gerade tun – wahnsinnig spannend. Wie schon so oft in dieser Staffel befindet sich das Schicksal des White- und Pinkman’schen Drogenimperiums auf Messers Schneide – noch nie war mehr auf dem Spiel als hier in Staffel 5. So leicht könnte es geschehen, dass einer der Lokführer verdächtig werden würde, oder der Fahrer des Pickups sie gesehen hätte, oder… oder sonst jemand. Zum Beispiel, in einem echten WTF-Moment, das Kind auf dem Motorrad aus dem Teaser.

Quelle: offizielle AMC Breaking Bad Homepage

Todd drückt ab, Jesse sieht fassungslos zu: Nun haben sie ein Kind auf dem Gewissen.

Jesse versicherte Todd noch, dass niemand je von dieser Aktion erfahren dürfe – und auch in „Hazard Pay“ wurde den Mitarbeitern von Vamonos Pest gesagt, sie sollen keine Fragen stellen – und das tut Todd auch nicht. Während Jesses warnende Worte glaubte ich noch, dass das indirekt wohl für Todd den Tod bedeuten dürfe (Verzeihung das Wortspiel), doch dann gibt es tatsächlich einen Zeugen. Und obwohl es ein Kind ist und man darüber streiten kann, wie viel es gesehen und verstanden hat, zieht Todd die Waffe und drückt ab. Vielleicht werden wir eines Tages auf dieses Ereignis zurückschauen und sagen können, dass dies der Anfang vom Ende war. Schon mehrmals hat die Serie Kinder in das Kreuzfeuer der Verbrechen geschleudert, und es war immer Jesse, der, wie in „Dead Freight„, aufschreit. Walter wird der Tod des Jungen nicht sonderlich kümmern (wirklich erschreckend eigentlich), doch für Jesse so tun als ob. Todd hingegen… nun, wer weiß wie es im Affekt weiter gehen wird.

Dabei war der Raub doch so perfekt – und perfekt inszeniert. Alles lief nach Plan, die Gruppe jubelte schon, Heisenberg hatte einmal mehr auf ganzer Linie gesiegt. Doch das tote Kind reißt ein Loch in seine heile Verbrecherwelt. Ich glaube nicht, dass die Polizei auf die Tanks stoßen wird, doch viel einschneidender wird Jesses Reaktion sein. Dessen Gewissen ist, im Gegensatz zu dem von Mike und Walter, nach wie vor intakt. Nun hätten sie beinah die unschuldige Lydia hingerichtet, und kurze Zeit später stirbt ein unschuldiges Kind. Und ich freue mich schon auf Walters Versuche, Jesse so zu manipulieren, dass er weiterhin im Geschäft bleibt.

Bla:

– Der Teaser zu Beginn, mit dem Kind auf dem Motorrad, verwendete die typischen Breaking Bad-Kameraperspektiven, beispielsweise montiert am Helm oder unter den Pedalen. Mittlerweile erwartet man es sich schon, was leider gelegentlich ein wenig effekthascherisch rüberkommt. Trotzdem sind solche Kameraperspektiven meist eine Freude.

– Als der Junge die Tarantula (?) auf seinen Händen hat wandern lassen bin ich fast durchgedreht. Ich glaube, bei mir macht sich eine Arachnophobie breit.

– Apropos Spinnen: Hat jemand Interpretationen für die Tarantula? Mein erster Gedanke war das Spiel mit dem Feuer, das Walt in letzter Zeit praktiziert, geradezu verträumt-spielerisch wie der Junge, dann wird sie in die Flasche gestopft und lässt Walter vorübergehend in Sicherheit sein, die Situation kontrollieren – doch mit dem Tod des Kindes läuft alles den Bach runter, und die Tarantula auf freien Fuss. Aber an mir nagt das Gefühl, dass da noch mehr dran stecken muss.

– Es ist geradezu ironisch, dass Holly einfach so bei Hank und Marie leben kann, ohne nach ihrer Mutter zu schreien oder gestillt werden zu müssen – schon die ganze Serie über hört man von der Kleinen so gut wie keinen Mucks. Mir scheint, die Szene lässt ahnen, dass die beiden schlussendlich für die Kinder sorgen werden müssen, wenn beide Whites tot sind – sie würden sich gut machen…

– Schön, dass Junior endlich mal Material gegeben wird. Ich bin wirklich wahnsinnig gespannt darauf, wie er reagieren wird, wenn er herausfindet, was Walter beruflich in Wirklichkeit macht. Und was für ein Mensch er geworden ist, und zu welchen Mitteln er greift.

– Sehr coole Szene: Walt und Jesse lassen ein riesiges Loch neben der Eisenbahnbrücke graben und zwei gigantische Tanks einsetzen. Schon sehr cool, dass diese realistische Serie so eine Art von Geheimversteck verwendet, wie sie aus einem Bond-Film stammen könnte.

– Ich glaube, noch nie war eine Breaking Bad so gut zum wiederholten Schauen geeignet wie diese – ich kann es kaum erwarten, die Chance zu haben, sie mir nochmal anzusehen!

– Walters Selbstüberschätzung hätte diesmal beinah ins Verderben geführt. Er hat gesagt, dass es 1000 Liter (oder eine andere Einheit) sein sollen, und deshalb muss es auch so kommen, ganz egal was für Komplikationen auftreten. „Because I said so.“

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Dead Freight“ ist eine absolut gewaltige Episode. Die Zugraub-Szene ist stimmig, spannend, nervenaufreibend, wunderschön inszeniert und dazu auch noch ewig lang. Der Großteil der Episode ist wie aus einem Guss, nur die Sklyar-Szene fällt ein wenig ab. Dennoch: Eine der besten Breaking Bad-Episoden überhaupt – und das will was heißen.

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2 Gedanken zu “Breaking Bad 5.05 „Dead Freight“: Postzugraub.

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