The Newsroom 1.06 „Bullies“: Therapie.

„You want me to lie?“ – „I do.“

Zu Beginn der Serie sah es so aus, als würde The Newsroom sich auf zweierlei Dinge fokussieren – zum einen die im Nachhinein idealere Bearbeitung der Nachrichten aus der nahen Vergangenheit, und zum anderen die Erhaltung des in Episoden 2 und 3 etablierten Journalismusethos. Doch mittlerweile ist es so, dass jede Episode beide dieser Ziele geschickt in den Hintergrund verpackt, während hauptsächlich ein anderes Thema eingeschlagen wird – der Episodentitel „Bullies“ ist da selbsterklärend.

Quelle: soundonsight.org

Sloan Sabbath (Olivia Munn) versucht im live-Interview verbittert und vergeblich, die Wahrheit aus ihren Gesprächspartnern herauszupressen.

 Angeblich nicht ganz freiwillig geht Will McAvoy zum Psychiater und rekapituliert dort die kürzlichen Geschehnisse: Wills Versuch, die Kommentarfunktion seiner Website nicht länger anonym sein zu lassen, stößt auf großen Widerstand und endet sogar in einer Todesdrohung. Sloan moderiert ihre erste eigene Nachrichtensendung (und stapft prompt in ein riesiges Fettnäpfchen), und Will erfährt endlich, dass seine Interviewgäste nur ungern von ihm gehetzt werden.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Die Rahmenhandlung.

Zum zweiten Mal setzt die Serie auf eine Rahmenhandlung, und es hält sie frisch, dass sie nicht auf dieselbe zurückgreift wie in „The 112th Congress„. Trotzdem muss man natürlich fragen: Was bringt es der Folge? Nun, auf jeden Fall einen sehr reflektierten McAvoy, der seine Einsichten nicht wie sonst für sich behält, sondern diesmal auch offen zugibt und verbalisiert. Und das ist insofern wichtig, als dass er am Ender der Episode sogar einen Fehler eingesteht, und das nicht nur Charlie oder MacKenzie, sondern vor allem sich selbst. Und während diese Art von Konflikte bislang großteils in ihm selbst stattfand, haben wir Zuseher hier nun zum ersten mal Einblick in ihn bekommen.

Offiziell geht er nur zum Psychiater, um sich Schlaftabletten verschreiben zu lassen, da er (wahrscheinlich) wegen der Morddrohung und seinem kürzlichem Fehlverhalten in seiner Sendung an Insomnia (Schlaflosigkeit) leidet. Doch wie der Psychiater feststellt hätte er die Verschreibung auch anderswo kriegen können, in Wirklichkeit wollte Will nur mit jemand Externem darüber reden. Die Diskrepanz zwischen Wills Worten und Taten ist einer der feinsten Züge der Sendung, die ihr in vielerlei Hinsicht weiterhilft. Einerseits ist sie natürlich ein exzellentes Werkzeug, um Humor in die Serie zu bringen – schließlich setzt McAvoy häufig zu heftigen Tiraden an, am liebsten gegen McKenzie, in denen er das Gegenteil davon ausdrückt, was er in Wirklichkeit empfindet. Und Sorkins Wutreden sind meist die witzigsten.

Andererseits sorgen sie immer wieder für überraschende Wendungen und mitunter auch romantische Szenen. In „Bullies“ zum Beispiel gehts um den Ehering, den er in seinem Büro aufbehält. Auf den ersten Blick sehr romantisch, doch dann stellt er es dem Psychiater (und dem Zuseher) so dar, als ob er damit MacKenzie einfach nur manipulieren wollte, indem er den Ring von einem Angestellten kaufen und im Aschluss wieder zurückgeben ließ. Aber so ein Mensch ist er nicht, und vor allem nicht zu MacKenzie, auch wenn er gern so tut als ob: Später zerreißt er die Rechnung, was offensichtlich bedeutet, dass der Ring wohl doch noch für Mac gedacht sein wird. Soviel wird gezeigt, was aber nicht bedeuten muss, dass dies auch wirklich der Wahrheit entspricht. Ich glaube, dass Will den Ring damals schon in 2006 – kurz, bevor MacKenzie ihn betrog – gekauft hatte, und ihn die ganze Zeit aufbewahrt hat. Als Memento für sich selbst. Ansonsten wäre das nämlich trotzdem ziemlich schändlich, MacKenzie im Glauben zu lassen, er hätte ihr damals einen Antrag gemacht.

Und die Szene, als Will den Ring kommentarlos präsentiert, fand ich absolut spitze in Szene gesetzt. Es stört mich zwar, zum wievielten mal MacKenzie erwähnt, dass sie Will betrogen hatte, doch eine gewisse Magie des Moments war schon zu spüren, trotz Macs Geschwafel. Bemerkenswert ist hier eben, dass er den Ring auf eine Weise präsentiert, die verdeutlicht, dass er es wirklich meint, damals wie heute, nur dass er es diesmal nicht offen zugeben kann, und so sagt er wieder einmal lieber nichts.

Der Preis der Wahrheit.

Auch sonst ist Will immer noch ganz der alte und weiterhin auf seiner Mission, das amerikanische Volk zu zivilisieren. Diesmal ihm ein Dorn im Auge: die Kommentarsektion ihrer Internetpräsenz. Hier wird versucht, ein Kommentar über die Anonymität des Internets zu machen, doch ich bin mir nicht sicher, auf welcher Seite Aaron Sorkin hier stehen will. Einerseits wird die Verwendung realer Namen als Mittel zur Zivilisierung dargestellt, andererseits tönt McAvoy überheblich: „I’m gonna single-handedly fix the internet!“ Doch das Internet ist resistent, von der Todesdrohung mal abgesehen – im Netz wollen die Leute anonym bleiben, auch wenn dies auf Kosten der Qualität der Diskussionen geht. Und das zum Teil aus gutem Grund – wer möchte schon ständig bei jedem Kommentar seine Referenzen angeben, inklusive Bildungsgrad? The Newsroom und Will sind da sicherlich recht naiv, aber immerhin ideologisch immer noch auf dem selben Kurs.

Doch das ist nur eine der vielen Handlungsbögen dieser Episode, die erstaunlich gut miteinander harmonieren. Zum ersten mal spielt Sloan, in der nun schon sechsten Episode, eine wichtige Rolle, und das wurde auch höchste Zeit. Ihre Figur war bislang schwerstens vernachlässigt und als bloße Pappfigur in Unterhaltungen mit MacKenzie und Will missbraucht worden.

Diese Handlung verwob den nuklearen Ausfall in Fukushima mit der Frage nach dem Ethos. Überraschenderweise wurde gar nicht das menschliche oder gesellschaftspolitische Drama in Japan hervorgehoben, sondern konzentrierte sich vielmehr auf die Weigerung von TEPCO, das Ausmaß der Katastrophe zuzugeben. Auf Wills aufmunternde Worte hin versucht Sloan, ihren Interviewpartner nicht mit einer Lüge aus ihrer Sendung aussteigen zu lassen, doch der Schuss geht nach hinten los: Als Sloan es (trotz wirklich sehr überzeugend klingendem fließenden Japanisch) nicht schafft, den Interviewpartner on air zu entlocken, dass bereits Alarmstufe 7 herrscht, teilt sie dem Fernsehpublikum einfach mit, dass er es ihr im Vorgespräch gestanden hatte.

Quelle: http://sightsandsoundz.com/2012/07/31/the-newsroom-bullies/

Don (Thomas Sadoski) muss mitanblicken, wie Charlie (Sam Waterston) Sloan für ihre „Lüge“ während der Übertragung zur Schnecke macht – und schließlich sogar feuert.

Natürlich verhält sich Sloan da falsch, vor allem als sie Don, ihren Executive Producer, aus dem Ohr schaltet. Doch Charlies Riesendonnerweitter war dann doch überraschend – und ich muss sagen, dass diese Figur mittlerweile doch Fleisch und Blut angenommen hat, wo ich im Piloten noch skeptisch war. Sein Wutausbrauch war beeindruckend, vor allem weil die bisherigen Tiraden von Charlie sich stets gegen McAvoy richteten, und dieser sie immer geschmeidig mit Sarkasmus und Witz aus der Schlinge zieht. Doch dieser hier ist real, denn obwohl Sloan im Grunde die Wahrheit sagt, darf sie es ohne offizielle Quelle doch nicht. Zudem hat sie dafür gesorgt, dass dieser TEPCO-Sprecher gefeuert wird, und so wird sie von Charlie vor die Wahl gestellt: Weiterhin zu behaupten, dass Stufe 7 herrsche, und dafür ihren Job verlieren, oder zu lügen, sie hätte falsch übersetzt. Und Will muss erkennnen, dass es tatsächlich so etwas gibt wie notwendige Lügen. Eigentlich wirklich deprimierend, dass die Serie das zugeben muss, und The Newsroom wird dieses Eigenständnis bestimmt nicht lange unkommentiert lassen.

Man könnte sich hier auf die Bezeichnung „girl“ stürzen, mit der Charlie Sloan betitelt. Ich habe lange überlegt, und bin zum Schluss gekommen: Wahrscheinlich würde Charlie auch männliche Figuren wie beispielsweise Reese als „boy“ bezeichnen. Selbst wenn er das nicht tut, dann kann er wohl durchaus als sexistisch bezeichnet werden – aber das macht nicht gleich die ganze Serie diskriminierend. Stattdessen muss man betrachten, wie Frauen generell in The Newsroom, und speziell in „Bullies„, dargestellt werden. Im Piloten hatte ich diesbezüglich noch große Hoffnungen, doch mittlerweile stehen ihre Kompetenzen im Hintergrund und ihre Rolle als hoffnungslos überdramatisierender comic relief hat Überhand genommen. Sloan hingegen bekam in dieser Episode eine gute Gelegenheit zu zeigen, dass in ihr mehr steckt als bloß ein schönes Äußeres, und ich finde, sie schlägt sich da sehr gut.

„Make bullying kill itself.“

Bullies“ tut gut daran, sich nicht mit Nebengeschichten zu überhäufen. So bleiben Jim und Maggie quasi non-existent in dieser Episode, von Dons eifersüchtigen Seitenblicken mal abgesehen. Die Dreiecksgeschichte von Maggie-Jim-Don fand kurz in einer Unterhaltung zwischen Sloan und Don Erwähnung, das aber nur äußerst ungeschickt: Ich fand Dons Frage an Sloan, ob er Maggie an Jim verlieren würde, als äußerst deplatziert, und auch wenn wir hier eingeladen werden, Don als sympathisch zu empfinden: In Wirklichkeit ist er hier nur einmal mehr ein Mistkerl, weil er das Thema urplötzlich in einer Diskussion um Sloans Existenzkrise erwähnt. Ironischerweise zeigt sie aber auch, wie wenig Sloan mit Don, Jim, Maggie oder Neal und deren Storylines interagieren kann.

Doch das Hauptthema der Episode ist das öffentlich Diffamieren und In-die-Ecke-Drängen, das Will an den Tag legt und Sloan nahe legt. Wirklich interessant, dass die Serie hier in ihrer sechsten Episode das anspricht, was mir vor ein paar Episoden schon aufgefallen war: Dass „News Night with Will McAvoy“ eigentlich gar kein 100%iges normales Nachrichtenmagazin ala Tagesschau oder ZIB ist, sondern vielmehr eine Hexenjagd auf Lügengeschichten der amerikanischen Politik macht. Und dass es eigentlich ein Wunder ist, dass überhaupt noch Politker in seine Sendung kommen, wo sie doch fast damit rechnen müssen, dass sie beinhart mit Fakten konfrontiert werden würden, die sie kaum in ein gutes Licht rücken können.

I am the bully„, sagt McAvoy, und war das nun schon seit zu langer Zeit. Als Hintergrund verwendet The Newsroom einen schwarzen und schwulen Befürworter des homophoben Rick Santorum, den Will aufs Kleinlichste versucht zu dekonstruieren. Die Serie streut geschickt genug Informationen in die Episode selbst ein, um auch für jemanden verständlich zu sein, der nicht die letzten 10 Jahre der amerikanischen Politik verfolgt hat. Es ist wohl das erste mal, dass die Serie politisch nicht vollkommen einseitig berichtet. Trotzdem: Die Republikaner kommen wieder einmal sehr schlecht davon, werden als homophob und rassistisch dargestellt, und erst der Monolog des schwarzen Abgeordneten lässt Will und die Zuseher von The Newsroom und „News Night“ aufhorchen. Und dieser Wachruf war dringend von Nöten, dennoch sollte das politische Pendel auch einmal in die andere Richtung schwenken, wenn Sorkin will, dass die Serie nicht als liberal eingestellt gelten möchte.

Bla:

– Ich hoffe, ich habe nicht Psychiater mit Psychologe oder so verwechselt.

– Es war schon verdammt episch, Will McAvoy in seinem eigenen Programm live so zerpflückt werden zu sehen. Ich bin mir allerdings nicht so recht sicher, ob ich seinen abschließenden Kommentar als Anerkennung oder Unverständnis von Will für seinen Gesprächspartner deuten soll.

– Außerdem noch in die Episode mit reingepackt: Debatte, ob eine Moschee in der Nähe des Ground Zero gebaut werden darf, oder ob das unserer Kultur schaden würde. Schade, dass in Österreich/ Tirol da niemand solch eine sorkin’sche Schlagfertigkeit besitzt wie Will.

– Favorisiertes Detail dieser Folge: Sloan trägt eine hippe Schildkappe, als sie ihre Sachen packt. Ich habe das Gefühl, das beschreibt sie fast besser, als sie bislang in allen anderen Episoden gemeinsam charakterisiert wurde.

– Wahnsinnig lahm: Maggies großer Fehler war, Wills Blumenstrauß mit den Worten „I’m sorry for your loss LOL“ zu unterlegen, wobei LOL statt „laughing out loud“ „lots of love“ bedeuten solle. Ich fürchte, hier unterschätzt Sorkin die Medienkompetenz junger Menschen fürchterlich. Ich kaufe das der Serie nicht ab, dass eine in der Medienbranche arbeitende Frau LOL missinterpretieren würde.

– Spaßigster Moment der Episode: „Can I tap your chest?“ fragt Sloan Wills Bodyguard, und nach einem ordentlichen Grapscher ruft sie „Haha holy cow!“

– Im Fließtext erwähne ich, dass die Republikaner wieder einmal als die unliebsamere Partei dargestellt wird, aber als (persönlich eher liberaler) Europäer habe ich das Gefühl, dass sie das sowieso immer werden.

– Es irritiert mich stets, wenn sich herausstellt, dass Figuren in Geschichten in ihrer Kindheit misshandelt wurden. Was bedeutet das für die Figur? Ist das eine Erklärung, eine Entschuldigung für das Verhalten von ihr?

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Zum ersten mal fasst sich The Newsroom mit „Bullies“ an die Nase und stellt die einseitige politische Portraitierung sowie das methodische Schikanierens in Frage. Endlich nimmt man sich der besseren Charakterisierung von Sloan und Will an, zeigt aber auch die Schwächen derselben von MacKenzie und Don auf. Insgesamt bietet „Bullies“ einen guten Mix aus Bearbeitung von Nachrichtenstories, Charakterdrama und diversen Kommentaren zu diversen Zuständen von Medien (anonymes Internet, bullying, …), wenn auch manchmal leicht idealisiert.

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4 Gedanken zu “The Newsroom 1.06 „Bullies“: Therapie.

  1. Also ich fand die erste Staffel von The Newsroom durchaus gelungen und sie hat sich, wie ich finde, im Laufe der zehn Episoden ständig gesteigert. Die Episode 10 ist für mich ein ähnlich großer Wurf wie er Aaron Sorkin mit der West Wing Folge „Two Cathedrals“ gelungen ist. In den politischen Diskussionen der letzten Folgen war interessant zu sehen, wie Will sich immer wieder als Republikaner „outet“ aber seinen Zuschauern gleichzeitig zu erklären versucht, warum es einen Unterschied zwischen echten Republikaner gibt, die die Werte der Partei hochhalten und den falschen Republikanern (Tea Party), die in ihrem religiös-rassistischen Wahn nichts anderes sind als amerikanische Taliban. Man kann nur hoffen, dass solche Botschaften auch gehört werden und bei ihren Adressaten ankommen – auch wenn die Hoffnung wahrscheinlich vergeblich ist.

    • Die Artikel für die letzten drei Episoden werden diese Woche noch nachgeliefert. 😉
      Ich fand auch, dass sich die Serie ständig steigern konnte, vor allem weil inhaltlich ständig die Schlüsse aus den vorherigen Episoden miteingebracht wurden (Stichwort: Das Volk zivilisieren) und zusätzlich noch neue Aspekte dazukamen. Aber auch von den Charakteren her konnte sie sich stetig steigern, zum Schluss gabs wirklich ein schönes Ensemble auch an Nebenfiguren.

  2. Pingback: The Newsroom: Staffel 1 | Blamayers TV Kritiken

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