Breaking Bad 5.04 „Fifty-One“: Unaufhaltbar.

„Nothing stops this train. Nothing.“

Bislang war die fünfte Staffel von Breaking Bad mehr mit dem geschäftlichen Aspekt der Handlung beschäftigt, doch „Fifty-One“ rückt die Serie wieder deutlich in Richtung Charakterdrama, welches in den ersten drei Episoden eher die B-Storylines ausmachten. Damit ist „Fifty-One“ sicher die bisher markanteste Episode dieser Season, wenn auch nicht ganz so perfekt wie von der Serie gewohnt.

Quelle: Offizielle AMC Breaking Bad Homepage

Walts (Bryan Cranston) Geburtstage enden immer in Katastrophen – zum 50er Krebs, zum 51er ein Nervenzusammenbruch Skylars (Anna Gunn), und zum 52er… mal sehen.

Der überwiegende Großteil der Episode spielt an Walters einundfünfzigsten Geburtstag, worauf sich auch der Titel bezieht. Walters Selbstverliebtheit wächst und wächst, und die von ihm mehr und mehr vernachlässigte Skylar kommt immer schwieriger damit klar. Bis  ihr dann beim gemeinsamen Zelibrieren mit der Familie alles zu viel wird.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Neuer Walt, neuer Wagen.

Der Teaser der Episode offenbart einmal mehr, warum Gus Walt niemals als „Profi“ gesehen hat: Aus dem Bauch heraus entscheidet Walt, dass er mittlerweile Besseres verdient als seinen ausgedienten Aztec. Dieser gilt ja als eines der hässlichsten Automobile aller Zeiten, doch im Gegensatz zu einem, sagen wir mal, Fiat Multipla hat Walts hässliche Karosserie einen gewissen Charme und nun schon auch Nostalgie-Faktor – in was für Aktionen war Walt damit schon aller verwickelt! Der Wagen hat nun schon wirklich einiges hinter sich, und mir gefällt die Erwähnung des Crashs mit dem „Hirsch“ – was wohl auf Walts Mord in „3.12 Half Measure“ anspielt, als er zwei Gangster niedergefahren hat. Adieu, Aztec!

Einen neuen Wagen zu kaufen, schön und gut wenn die Waschanlage angeblich gut läuft – aber den Wagen für 50 $ zu verkaufen? Direkt vor Juniors Nase? Und dem Jungen dann nun doch den roten Sportwagen kaufen, den Walt angeblich aus Geldgründen in der vierten Staffel zurückgeben musste? Nein, das ist nicht das professionelle Erhalten der großen Lügengeschichte, das ist ein zu sehr von sich selbst überzeugter Walter, der glaubt, er kann sich alles leisten – inklusive zweier niegelnagelneuer Wagen.

Es ist schon beeindruckend, wie viele Aspekte der Familienkonstellation diese kleine Anfangssequenz der Episode vermittelt und mit Vergangenem verbindet. Damit, und auch mit seinem durchaus liebevollen Verhalten im Familienleben, gewinnt er Junior auf jeden Fall für sich, vor allem weil Skylar auch seit dem Bombenattentat nicht nur sich selbst vernachlässigt. Insbesondere aber ist es eine direkte Parallele zum Kauf in der vierten Staffel, doch diesmal fragt er nicht, was Skylar davon hält. Nein, diesmal erzählt er es ihr. Walt erklärt es, und schon ist es eine beschlossene Sache.

Hut, Uhr und Methylamin.

Überhaupt wird Symbolik in dieser Episode groß geschrieben – als Walt einen letzten Blick in seinen Wagen wirft findet er den Hut, den einen Hut, der ihn zum Heisenberg macht. Wirklich schade, dass wir diesen nur so selten zu Gesicht bekommen, aber in Staffel 4 gabs auch nicht viel Gelgenheit dazu, stolz seine Identität als Heisenberg nach außen hin zu tragen, da der Großteil seines Verbrecherlebens im Meth-Labor stattfand. Nun entdeckt er jedoch plötzlich den Heisenberg-Hut wieder, und sein Alter Ego gefällt ihm. Und ich glaube, dass Walter sich tatsächlich auch als eine Art stilvoller und klassischer Drogenbaron sieht, der seinen Untergebenen hauchhos überlegen ist.

Dann ist da natürlich auch die Uhr, die Jesse Walt schenkt, und natürlich sofort Mikes Worte aus „Madrigal“ in Erinnerung rufen: „Tick, tick, ticking.“ Ich glaube, die Uhr haben wir nicht zum letzten Mal in dieser Staffel gesehen. (Wäre interessant nachzusehen, ob Walter diese Uhr auch noch an seinem 52. Geburtstag in der Anfangsszene der fünften Staffel trägt!) Sie dient aber nicht nur als Metapher als Zeitbombe, sondern ist auch Beweis für das dicke Freundschaftsband, das Jesse und Walt geschmiedet haben. Jesse ist der einzige von Walts Freunden und Familie, der ihm etwas schenkt, was ihm wirklich etwas bedeutet.

Jesse spielt indes nur in der B-Storyline als Lydias neuer Partner die Hauptrolle. Diese nimmt nicht gerade viel Platz ein und dreht sich hauptsächlich darum, wie unzuverlässig Lydia ist, sodass Mike (eigentlich verdammt eiskalt) beschließt, dass sie nun doch sterben müsse. Es ist ein wenig befremdlich, dass sie komplett in der dritten Folge verschwunden war und nun doch wieder als wichtiger Spieler auftaucht. Diese Nebengeschichte zeigt wieder einmal, wie sehr doch Jesse nun mit sich selbst und seinen Handlungen aus der Vergangenheit klar kommt und wie sicher er in seinem Leben steht. Und, dass Mike ihm vertraut. Und dass er sein Herz am rechten Fleck hat, dass er die eine Figur ist, die aus diesem Strudel aus Verbrechen gerettet werden kann, zumindest moralisch.

Pool.

Doch Hauptfokus dieser Episode ist eindeutig die Walt-Sky-Beziehung und wie sie sich verändert hat. Ich muss gestehen, dass mir der Build-up eindeutig zu lang war. Immerhin wurde Skys lieb- und lebloses Verhalten schon in den vergangenen Episoden thematisiert, und eine gute Portion der ersten Hälfte dieser Folge wurde dafür verwendet, das noch einmal zu verdeutlichen. Eine dritte Szene, in der Walt Skylar im Bett irgendwas einflüstert, hätte aber nun wirklich nicht sein müssen. Es findet ganz schön viel Exposition statt, wo verbalisiert oder verdeutlicht wird, was bisher mehr nur in Bildern dargestellt wurde.

Und ich muss ehrlich gestehen, dass mir Skys Transformation in ihren Ehemann abgrundtief hassenden Menschen schon sehr extrem vorkommt. Dass sie ihrem Mann nicht mehr seit dem Bombenanschlag vertraut, das ist schon verständlich, aber ihm deshalb gleich den Tod wünschen, wo doch zuvor alles wie am Schnürchen lief? Vielleicht liegt das auch daran, dass sie vollkommen im Dunkeln ist, was die Gefahr für ihre Familie betrifft. Und dass Walt erwähnt, dass selbst sein bester Freund ihm noch vor einem Monat eine Pistole zwischen die Augen gehalten hat, macht die Sache nicht besser.

Andererseits ist die neue Front zwischen den beiden ein Geniestreich in Sachen moralischem Dilemma und bringt Breaking Bad diesbezüglich auf einen ganz neuen Level. Seien wir ehrlich, es macht keine Freude, Skylar so lapidar dahängen zu sehen und sich in Selbstmitleid zu verkriechen, bis Walt von seinem Krebs dahingerafft wird. Wir sehen, dass ihr Verhalten jeden unglücklich macht – Walt, Junior, Marie. Und obwohl wir wissen, dass Walts Kommentare verabscheuungswürdig sind, von seinen bisherigen Gräueltaten und Verbrechen ganz zu schweigen, gibt uns die Serie plötzlich einen Grund, Walter die Daumen zu drücken. All hail the king.

Und wie Skylars Ausbruch inszeniert ist, keine Frage, ist erstklassig. Als Walt seine Rede schwingt, wie schwer das Jahr doch war und dass er es ohne Sky, Marie und Hank nicht geschafft habe, steht Skylar ewig lange vor dem Swimming Pool. Sie ist zwar nicht im Fokus, trotzdem blickt man wie gebannt auf sie, und wartet ab, was sie tut. Und wartet und wartet – diese Anspannung vor dem drohenden Unglück ist förmlich greifbar. Bis sie schließlich eintaucht. Ich liebe die Kameraeinstellung, die nur den Pool einfängt, der strahlend hell und unheilsverkündend leuchtet. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass die Unterwassereinstellung Sky wie eine Wasserleiche aussehen lässt.

Quelle: Offizielle AMC Breaking Bad Homepage

Walter rettet seine Frau aus dem  Swimmingpool. Sein bislang größter Fehler?

Die letzten fünfzehn Minuten der Episode sind definitiv die bislang ergreifendsten fünfzehn Minuten der letzten Staffel. In dieser zeigen sich die wahren Gesichter der zwei Whites, die das glückselige Familienleben für immer begraben. Skylar fühlt sich nicht mehr sicher mit einem Drogenbaron als Ehemann, und da werden Walters ikonische Worte „I am the danger!“ ihm zum Verhängnis. Walts hypokritische Verteidigung, dass das Verteidigen seiner eigenen Familie ihn ja nicht zu einer schlechten Person mache (und das gilt schon lange nicht mehr!), lässt bei Skylar endgültig die Riemen reißen.

Und da tun sich Abgründe auf. „I’ll have you committed“, droht Walt, und weiß auf jede Idee Skylars eine Antwort. Wenn sie behaupten würde, an häuslicher Gewalt zu leiden, würde das nur unnötig die Polizei einschalten, und Junior würde das ohnehin nie glauben. „You wann take me on?“ Ja, doch Skylar weiß nicht wie. Denn es gibt keinen Weg. Außer zu warten, warten bis der Krebs kommt. Doch bis dahin rollt der Zug, unaufhaltbar. Breaking Bad ist einfach faszinierend.

Das Tragische ist wirklich, dass Walt sein ursprüngliches Ziel völlig aus den Augen verloren hat. Einst wollte er bloß die Familie sorgen, anschließend auch gleich noch ein bischen reich werden und sich als Chemiker wertgeschätzt fühlen, doch nun zählt für ihn nur noch das Drogengeschäft und das Ansehen, das er dort genießt. Nein, das Wichtigste ist für ihn nicht Familie.

Bla:

– In blogtechnischer Hinsicht: Wow, ich glaube, fast in jedem meiner rund 75 Artikel in diesem Blog verwende ich mindestens einmal das Wort „insbesondre“, und heute habe ich herausgefunden: Ich hatte es immer falsch geschrieben! Verzeihung für dieses Malheur, von nun an also: insbesondere.

– So, nun also zur Episode: Die Anfangsmontage war verdammt clever gemacht, eine dieser typischen Breaking Bad-Szenen, die einfach Spaß machen, bei denen man fast mit den Figuren lacht. Als die beiden jedoch vor der Garage die Motoren aufrohren und die Räder durchdrehen ließen war ich mir fast sicher, dass Walt aus Versehen die Handbremse löst und mit seinem neuen Wagen direkt in die Garagentür donnert. Doch dann rief ich mich in Erinnerung: Dies ist der neue Walt, dem alles gelingt. Und das tut es auch wieder, absolut alles in dieser Episode. Und trotzdem ist es ein verdammt mieser Geburtstag.

– Ironischerweise die 50. Folge, nicht die 51.

– Hank ist also nun Boss der DEA. Ich liebe die Szene mit dem Vorschlag deshalb, weil diese Szene in vergleichbaren Filmen/Sendungen meist so endet, dass der gute Cop dankend ablehnt, und ich hätte es auch fast bei Hank erwartet. Aber ich schätze, der wird die Gelegenheit nützen, um ein für alle mal die verbliebenen Gus-Schergen hinter Gitter zu bringen.

– Hank ist in dieser Episode wieder einmal Supercop und hat bei anscheinend allem den richtigen Riecher, nur die Beweise fehlen noch: Mike ist eindeutig Hauptverdächtiger, Lydia ist im Visier und er spürt auch, dass noch irgend jemand zwischen Schüler und Gus stehen muss (Lydia eben). Coole Pinwand!

– Auch in dieser Episode gab es wieder ziemlich viele Passagen, in denen Deutsch gesprochen wird. Überraschenderweise ganz ohne Untertitel, aber gut, die Stimmen sind nicht gerade plotrelevant. Lydias Deutsch hingegen ist einfach schrecklich und kaum verständlich.

– „He changed his mind, Skylar, and so will you.“ Mit anderen Worten: So wie Walt damals Jesse manipuliert hat, wird er nun auch Skylar korrumpieren. Koste es, was es wolle, nicht wahr Walt?

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Die bislang denkwürdigste Folge der vierten Staffel, die zeigt, dass Breaking Bad sich einem fulminanten Ende zuneigt. Die absolut grandiose zweite Hälfte von „Fifty-One“ zeigt uns, wie abgrundtief Walt gefallen ist, und trotzdem wünscht man sich, dass Skylar sich nicht gegen ihn wendet. Die erste Hälfte der Episode ist hingegen mehr vom Selben der vorhergegangenen Episoden.

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