Breaking Bad 5.02 „Madrigal“: Methylamin.

„There is no better reason than family.“

Wie schon aus den Vorstaffeln gewöhnt beginnt auch Breaking Bads fünfte Staffel bedächtig, d.h. langsam und überlegt. Und wie auch schon „5.01 Live Free or Die“ besticht „Madrigal“ durch faszinierende Reaktionen der Charaktere auf neue Entwicklungen sowie die unverwechselbare Cinematographie.

Quelle: offizielle AMC-Homepage

Mike (Jonathan Burks) kommt in Bedrängnis, als Lydia (Laura Fraser), eine frühere Angestellte von Gus, lose Enden kappen möchte. Doch Mike geht zum Gegenschlag über.

In „Madrigal“ geht es primär um Mikes Konsequenzen aus dem Fall des Gus’schen Drogenimperiums. Einerseits möchten Walt und Jesse ihn für ihr neues Geschäftsmodell gewinnen, andererseits hat er seinen Kopf noch nicht ganz aus der Schlinge gezogen: Die Polizei hat verdächtige Transaktionen auf Mikes Konten gefunden, was weitere ehemalige Angestellte von Gus unsicher werden lässt: Packt etwa einer von Mikes Männern aus?

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Madrigal Elektromotoren.

Wie schon oft beginnt die Episode kommentarlos in einem stilisiert in Szene gesetzten, ungewohnten Umfeld: dem Hauptquartier von Madrigal Electromotives in Deutschland. Die Szene ist isoliert von der übrigen zweiten Folge, behandelt aber ein übergreifendes Thema: Nachdem Gus post mortem als Drogenbaron entlarvt wurde, müssen sich nun auch seine Handlanger verantworten. Dr. Schüler hingegen kann das nicht, und mit leeren Augen richtet er sich selbst mittels umfunktioniertem Defibrilator. Keine Frage, die Macher von Breaking Bad wissen, was sie tun: Die Szene ist so aufgesetzt, dass der Zuseher mitraten darf, was es wohl mit ihr auf sich hat und wohin sie führen wird. Das Gerede über die verschiedenen Geschmacksrichtungen und der stoisch ignorierte Wissenschaftler sind nur zwei Beispiele aus Breaking Bads Tradition der Beunruhigung.

Wie auch schon früher behält Breaking Bad die Originalsprachen der Figuren bei und versieht Dialoge, falls nötig, mit Untertiteln. Als Muttersprachler hört man selbstverständlich sofort, dass es sich bei den Schauspielern nicht um Deutsche handelt, insbesondre beim langen Erzählstrom des Wissenschaftlers tat ich mir einfacher, die Untertitel zu lesen, als ihm zuzuhören. Immerhin hat man Schauspieler verpflichtet, die tatsächlich Deutsch sprechen können, während die Fremdsprachenkenntnisse in anderen Serien wie beispielsweise Alias doch häufig sehr künstlich wirkten. Zudem fanden sich auch tatsächlich ein paar Muttersprachler in der Szene wieder, wie zum Beispiel der nach Schüler verlangende Polizist. Eigenartigerweise benennt die Serie Schüler allerdings in den Untertiteln einfach in Schuler um (ohne Umlaut).

Mike.

Auch in Albuquerque wird Gus‘ ehemaligen Mitarbeitern auf den Zahl gefühlt, doch anstatt sich selbst umzubringen wäre Lydia lieber, dass stattdessen alle anderen umkommen, die sie verpetzen könnten. Mit diesem Vorschlag kommt sie bei Mike weniger gut an – schließlich handelt es sich dabei um seine Männer, und denen vertraut er. Mike ist der eigentlich Star dieser Episode, und „Madrigal“ zeigt, dass er leichtens eine eigene Episode schultern kann. Mike ist eine faszinierende Figur, und mir gefällt die Diskrepanz zwischen seiner Persönlichkeit, die er in Anwesenheit seiner heißgeliebten Enkelin (oder Nichte?) zu Tage legt, und dem lautlosen Killer. Auffällig ist, dass beides funktioniert – oft wird eine Hälfte des Doppellebens einer Figur eher nachlässig portraitiert, doch Mikes Szene mit seiner Enkelin hat mich fast vom Hocker gehaun, so ein ausgelassenes Lachen hätte ich ihm nie zugetraut, und es hat mich auch sofort angesteckt.

Mike ist neben Jesse wohl die Figur, die wir am besten verstehen: Er begeht schlimme Dinge, doch aus nachvollziehbaren Gründen, und stets auch mit einem moralischen Kompass – bemerkenswert für einen Mann aus seiner Branche. Und so drückt er nicht ab, als Lydia ihn darum bittet, ihrer Tochter zu ersparen, dass ihre Mutter angeblich einfach die Familie im Stich gelassen hätte. Mike, wie wir wissen, glaubt an Loyalität, und wahrscheinlich war nicht nur Gus es, der etwas in Menschen sehen kann.

Den lautlosen Killer hat Mike schon zwei, drei mal in der Serie an den Tag legen können, und jedes mal ist es aufs Neue hochspannend – nicht zuletzt deshalb, weil er kein Superheld ist, sondern seine Duelle schlichtweg durch Professionalität gewinnt. So etwa sieht er es gleich kommen, dass Chris auf Geheiß von Lydia ihn bei Chows Haus eine Falle stellen möchte, und kann ihn überlisten. Die Stille machts und lässt Mike wirklich bedrohlich wirken, was sich vor allem auch im Höhepunkt der Episode widerspiegelt, als sich Mike bei Lydia zu Hause Zugang verschafft. Auch wenn „Madrigal“ im großen Bild der Serie keine Bäume ausreißt, so bietet sie zumindest große Momente der Anspannung, wie eben auch jene Herzschlagszene, als Lydias Tochter Mike beinah entdeckt.

 Doch trotz der abgewandten Meuterei stecken Mike und seine Crew immer noch dank dem Fund von Gus‘ Geldverbindungen in der Vorwoche in einer ziemlichen Krise – die Polizei ist ihnen auf den Fährten. Es kommt zur ersten und hoffentlich nicht letzten Konfrontation zwischen Mike und Hank, ein so interessantes Duell, dass man sich fast fragen muss, warum die beiden vorher noch nie gegeneinander arbeiten durften. Im Gegensatz zu Gus ist Mike allerdings kein begnadeter Lügner, kann der Polizei keine vernünftige Erklärung für die 2.000.000$ auf dem Konto seiner Enkelin bieten, und so wird die DEA Mike und Co. wohl weiterhin im Auge behalten.

Walt und Jesse.

 Walt indes ist ebenfalls noch weiterhin beschäftigt, die Spuren seiner Taten aus Staffel 4 zu beseitigen. Jesse hat ja schließlich seine Glückszigarette mit Ricin „verloren“, und ist nun besorgt darum, dass sie jemand finden und sich vergiften könnte – ohne zu wissen, dass Walter in Wirklichkeit im Besitz der Zigarette ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum er sie verschwinden lässt und Jesse stattdessen eine Gefälschte in den Roomba legt – vielleicht weil nun verdächtige Fingerabdrücke drauf sind? Oder hat er womöglich an einer der beiden rumgetüftelt? Auffallend ist jedoch, dass Walt die Zigarette nicht endgültig loswird sondern sie lediglich gut im Haus versteckt, und mich beschleicht das Gefühl, dass die noch einmal eine ganz ganz wichtige Rolle spielen wird – egal ob von Junior oder Skylar entdeckt oder von Walt als „letzter Ausweg“ genützt (wobei er mit letzterem eigentlich zu gut aus der Welt scheiden würde).

Wie schon so oft wird also der arglose Jesse von Walt ausgetrickst, doch solange Jesse nichts von den vielen Hintergehungen Walts ahnt, sind die beiden wieder beste Freunde – und es ist schön, sie wieder so harmonisch miteinander arbeiten zu sehen. Ich warte geradeso darauf, dass Walt ihm endlich gesteht, wieviel Jesse ihm eigentlich bedeutet, denn zur Erinnerung: Als in der vierten Staffel Walt angeschlagen im Bett lag, nannte er seinen eigenen Sohn versehentlich Jesse.

Die zwei möchten wieder ein neues Drogenimperium aufbauen – denn Walt ist pleite und hey, Jesse mag einfach Kohle verdienen. Die Planung bietet der Serie eine Plattform, um uns mehr von Walter Whites neuer Selbstüberzeugung zu zeigen. „There is a market to be filled… and no one to fill it.“ Das Gold ist in den Straßen, und wartet nur darauf, von ihm eingetrieben zu werden. Bei der schwierigen Frage, wo sie Methylamin herbekommen sollen, gibt Walt einfach an: „There is. Have faith.“ Und einmal mehr behält Walt recht.

Die beiden bieten Mike an, mit ihnen zu arbeiten, und man kann nur heilfroh sein, dass die Serie diesen Weg einschlägt – Mikes vaterliche Beziehung zu Jesse und sein neuerlicher Verlust des Jungen an Walt ist noch lange nicht zu Ende erzählt, und außerdem brauchen die zwei einfach jemanden (neben Saul), der ihnen eine professionelle Hilfe anbietet. Zuerst ist Mike natürlich skeptisch: „But you are a time bomb. Tick tick, ticking. I have no intention of being around for the boom.“ Doch dann werden die Optionen rar: das Geld ist weg, die Polizei schnüffelt und die eigenen Leute (Lydia) rebellieren. Und deshalb: „I’ve reconsindered.“

Quelle: offizielle AMC-Homepage

Walt (Bryan Cranston) und Jesse (Aaron Paul) versprechen Mike ein Drittel der Einnahmen ihres Drogenimperiums im Austausch für desesen Hilfe und Männer.

Auch abseits seines Geschäftslebens stellt Walter White stolz seine Selbstsicherheit zur Schau. Dass Skylar Angst vor Walt und seinen Mitteln hat wurde schon in „Live Free or Die“ klargestellt, und „Madrigal“ setzt dem nochmal einen drauf. In der vierten Staffel behandelte er Sky noch mit großem Respekt für ihr Einstieg ins Geldwäschegeschäft, doch nach ihrem Geschäft mit Ted und Walts Sieg über Gus scheint für ihn die Kräftedynamik im Haushalt gänzlich zu seinen Gunsten liegen: Untertags gibt er ihr Befehle („Why don’t you get up?“), und nachts versichert er ihr: „It never gets easier.“ Im Prinzip ist das fast genau dieselbe Szene, mit der die erste Episode der fünften Staffel geendet hatte, doch diesmal war eindeutig auch ein Anflug von Wahnsinn in Walts Stimme. Ich fühlte mich unrühmlich an die Lannisters aus Game of Thrones erinnert, die auch davon sprechen, dass einzig die Familie zähle – und wenn es sein muss würden sie jeden anderen abschlachten. Ohne selbst Game of Thrones gesehen zu haben weiß es auch Skylar, und ihre Augen formulieren es wortlaus aus: Wer ist dieser Mann, der da neben ihr liegt?

Und Hank.

Diese Frage wird früher oder später wohl auch Supercop #1 stellen müssen. Neben seinen Ermittlungen gegen Mike und Co. findet er auch Zeit für einen nachdenklichen Plausch mit Gomez und Merkert, dem nun ehemaligen Chef der DEA. Merkert lamentiert, Gus die ganze Zeit so dicht vor seiner Nase gehabt zu haben, und es bleibt die Frage offen, wie lange Hank wohl noch brauchen wird, bis ihm dasselbe auffällt. Allzulange nun jedenfalls nicht mehr, denn: Von nun an sollten bei ihm alle Alarmglocken bei ihm klingeln, wenn Walt sich wieder einmal in die Ermittlungen einmischt.

Bla:

– in der Episode bekam ich gar nicht mit, dass die Frau Lydia heißt, ich habs erst durch Nachschlagen im Netz rausbekommen. Wurde der Name tatsächlich erwähnt? Normal schaue ich mir Episoden, durch den Blog gewissermaßen gezwungenermaßen, ziemlich aufmerksam an.

– Bei Breaking Bad kommt tatsächlich alles zweimal vor. Der Rumba war in der vierten Staffel noch als ungewöhnliche Kameraperspektive benutzt worden, nun dient er als wichtiger Handlungsgegenstand.

– Einmal mehr gibts eine von Breaking Bads ikonischen Zeitraffer-Montagen, diesmal bei der Suche nach der Ricin-Zigarette. Es war nicht die beste aller Zeiten, trotzdem aber wieder äußerst unterhaltsam und witzig. Cool wäre eine Rumba-Fahrt in Zeitraffer gewesen.

– Normal bin ich ein ganz großer Fan der emotionalen Jesse-Szenen, aber komischerweise gab mir seine Entschuldigung, die Waffe auf Walt gerichtet zu haben, keine großen Gefühle. Nicht weil Paul sie nicht wieder perfekt getroffen hätte, sondern ich glaube, weil der Plot der Staffel noch in der Anfangsphase steht und diese große emotionale Szene da nicht ganz so gut dramaturgisch hineinpasst. In dieser letzten Staffel der drohenden Apokalypse fügen sich bislang die unheilsverkündenden Szenen am besten ein, wie zum Beispiel Walts Drohung an Saul in „Live Free or Die“ oder die beiden Cliffhänger-Szenen zwischen Walt und Skylar.

– Was wohl die Zusammenarbeit von Madrigal Electromotives mit der DEA zu Tage bringen wird? Mir scheint, dass Schüler der Schlüsselspieler in der Involvierung des Konzerns mit Gus war, und dass die restlichen Schergen ausschließlich von Gus persönlich angestellt wurden.

– „Promise I don’t disappear.“ Edle letzte Worte. Aber dann doch nicht: Willkommen im Team, Lydia!

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Madrigal“ mag kein Meilenstein in Breaking Bads Geschichte sein, beinhaltet aber trotzdem die typische Breaking Bad-Mischung aus tollen Aufnahmen, unheilverkündenden Wortwechseln, tollen Zitaten und diesmal auch hochspannenden Momenten.

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3 Gedanken zu “Breaking Bad 5.02 „Madrigal“: Methylamin.

  1. Pingback: Breaking Bad 5.04 “Fifty-One”: Unaufhaltbar. | Blamayers TV Kritiken

  2. Super Blog. Auf deutsch ist es schwierig gute Breaking Bad Kritiken zu finden…
    Zwei Sachen die mir aufgefallen sind. Peter Schuler wird ziemlich sicher mit U geschrieben nicht mit Umlaut. Wird auch in der Serie so ausgesprochen.
    Und dieser Roboterstaubsauger heißt Roomba.

    • Danke.
      Schuler wird in der Serie mit U geschrieben, aber ausgesprochen klang es für mich eher wie Schüler – aber vielleicht hab ich mich da auch nur verhört. Und danke für die Verbesserung, bei „Rumba“ bin ich mit der Eindeutschung wohl ein wenig zu weit gegangen. 😉
      lg Bla

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