The Newsroom 1.05 „Amen“: Die ägyptische Revolution.

„This is history… and you will never forget tonight!“

Man wünscht sich gutes Fernsehen. Da darf jeder selbst entscheiden, was er oder sie darunter versteht, und ich persönlich meine damit anspruchsvolle und ansprechende Unterhaltung. The Newsroom erfüllt das – Neben ihrer Wortgewalt und ihrem Witz ist die Serie romantisch, verarbeitet gesellschaftlich und politisch relevante Themen und  verpackt diese in packende Geschichten rund ums Redaktionsteam. Wie aber Episoden wie „Amen“ zeigen kann man auch über das Ziel hinausschießen.

Quelle: myperfectline.com

Hauptprotagonist  ist diesmal die angemessen behandelte ägyptische Revolution.

Februar 2011: In Ägypten ist die Revolution ausgebrochen, doch das Internet ist lahmgelegt und die Journalisten vor Ort ihres Lebens nicht sicher. „News Night“ versucht natürlich so nah wie möglich dran zu sein und arbeitet gemeinsam mit einem ägyptischen Amateur-Nachrichtenblogger als Korrespondent – was für ihn zum Verhängnis wird.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Journalismus.

Ich habe mich schon gefragt, wie die Serie wohl mit der ägyptischen Revolution umgehen wird – es ist das erste, welches sich nicht direkt in den Vereinigten Staaten abspielt. Die Episode um die Gefahren des Journalismus handeln zu lassen ist ein cleverer Schachzug, vor allem weil auch andere Teile der Episode (aus anderen Handlungssträngen) damit zusammenhängen. Will fasst das (einmal mehr rhetorisch äußerst eindrucksvoll) im Schlussmonolog im Gespräch mit der Klatschreporterin Nina zusammen, in dem er ihr klarmacht, was sein Team alles bereit ist, für seinen Beruf zu opfern: Kahled und Elliot riskieren als Korrespondenten ihr Leben, um die Geschichten aus Ägypten zu vermitteln, Don fühlt sich schuldig, Neal bringt der fehlende Kontakt zu Kahled schlaflose Nächte, Jim verliert im Redaktionsraum komplett das Zeitgefühl, und er selbst riskiert tagtäglich seinen Job, seinen Unterhalt, sein Leben für ethischen Journalismus.

 Die Geschichte rund um Elliot und Kahled fand ich recht gelungen – besonders schön zum Beispiel, dass der blässierte Elliot im Redaktionsraum mithilft und nahtlos Teil des Teams wird. Dass Neal den Undercover-Blogger kennen lernt und für „News Night“ gewinnen kann ist der dieswöchige Glücksgriff, der diesmal aber nicht ganz so weit hergeholt zu sein scheint wie die Jims Verwandte bei BP (in der Pilotfolge). The Newsroom versucht eigentlich in jeder Episode, die Dramatik der Nachrichtensammlung und -ausstrahlung zu präsentieren, wahrscheinlich mehr als es sie in Wirklichkeit existiert, aber es gelingt trotzdem auf unterhaltsame Weise – nach wie vor fiebert man bei jeder „News Night“-Sendung, in der es kurzfristige Änderungen gibt, mit, ob nicht irgendeine Panne passiert – vor allem bei einem unprofessionellem Berichterstatter wie Khaled natürlich ein Risiko.

In „Amen“ geht man mit der Dramatik aber vielleicht einen Schritt zu weit. Als Khaled verschleppt wird gibt es eine Lösegeldforderung von 250.000$, und der den mit allen Mitteln den freien Journalismus verteidigende Will wäre bereit, die Summe allein und anonym zu übernehmen. Doch das Team bekommt davon Wind, und beinah jede Hauptfigur (außer der nicht anwesende Charlie und natürlich Sloan) trägt ihren Beitrag bei. Keine Frage, das ist ein schöner Moment, auch für die Redaktion als zusammen-haltendes Team, aber fast zu schön um wahr zu sein. Ein wenig kitschig fühlte es sich schon an, und die Tatsache, dass Khaled auch wirklich freigelassen wird scheint fast schon märchenhaft. Auch Neals Faustschlag gegen den Computer wirkt ein wenig… aufgesetzt.

Handlungsbögen.

Die Geschichte über Khaleds und Elliots Berichterstattung ist nur eine von vielen in „Amen„, und das allein in Hinsicht auf die Nachrichten. Parallel läuft nämlich eine Debatte über die Gehälter von Lehrern durch das Land – aber allzu genau geht die Episode nicht darauf ein. Es ist die Frage, warum diese Nebengeschichte überhaupt angerissen wird – die Figuren haben keinen persönlichen Bezug dazu, sie erscheint nicht besonders wichtig (im Vergleich mit Ägypten), und sie findet auch keine Resolution – und das, ohne den Eindruck zu erwecken, sie würde in der nächsten Folge weiterhin behandelt werden.

Auch keine Resolution hat nach wie vor die Koch-Story rund um die Tea-Party, erstmals angerissen in „The 112th Congress„. Nach wie vor ist Will McAvoy auf seinem Feldzug gegen die Koch-Geschwister und damit indirekt auch die Chefin seines Chefs, Leona Lansing. Und ebenso nach wie vor habe ich das Gefühl, dass Will hier mehr aus persönlichen Gründen auf Hexenjagd geht, als die wichtigsten Neuigkeiten des Landes zu berichten – so, wie MacKenzie und er das eigentlich als Prinzip für „News Night“ ausgetüftelt hatten. Dafür ist dieser Handlungsbogen aber auch weit gespannt, d.h. wohl recht zentral in der gesamten Staffel sein.

Die Figuren machen ebenfalls Handlungsbögen mit: Will und MacKenzie beispielsweise machen eigentilch genau das gleiche wie immer: sich gegenseitig anziehen aber nicht kriegen. Noch nicht, denn: Mit MacKenzies Freund aus dem Weg und Wills Datingverlangen auf einem Allzeittief stehen die Voraussetzungen, dass die beiden bis Staffelende zusammenkommen, nicht schlecht. Alternative: Sie kommen beinah zusammen, doch durch den tragischen Umstand X passiert es doch nicht.

Doch „Amen“ bügelt auch ein paar Schwächen aus den bisherigen Episoden aus, zum Beispiel: Don wird endlich zu einer sympathischen Figur. Das kündigte sich schon in der Episode davor an, als er sich auf die Seite von Will und gegen Reese geschlagen hatte, und nun setzt man diesen Trend fort: Don überrascht Maggie nicht nur mit einem Strauß Rosen zum Valentinstag, seine Sorgen um die Verantwortung für Elliots Verletzungen geben ihm erneut einen menschlichen Moment – wurde ja langsam Zeit.

 Oder: Neal wird endlich mehr als bloß der Quoten-Nerd, -Immigrant und comic relief: Wir bekommen einen besseren Einblick darin, wer er ist und warum er so begeistert in der Redaktion mitarbeitet, besonders bei diesem Thema – weil er sich sehr gut mit Amen identifizieren kann. So bindet die Folge geschickt eine emotionale Note in die Nachrichten-Storyline mit ein, was „Amen“ sehr rund wirken lässt.

Quelle: screeninvasion.com

Neal (Dev Patel) und MacKenzie (Emily Mortimer) können einen ägyptischen Blogger für ihr Team gewinnen und so exklusiv an Insiderinformation der Revolution gelangen.

 Zeit.

Ich finde die zeitliche Einteilung dieser Episode sowie der Folgen zuvor ein wenig enttäuschend. Der Zeitrahmen von „1.05 Amen“ beträgt ein paar Tage, genauso wie „1.04 I’ll Try to Fix You“ davor, während „1.03 The 112th Congress“ ein ganzes halbes Jahr beinhaltete. Mit diesem Zeitmodell kann pro Episode nur wenig Charakterentwicklung stattfinden, während Episode 1.03 viel zu schnell darüber hinweggefegt ist. Beispiel: Was ist aus dem Don geworden, der Jim bloß ein „fuck you“ entgegenschleudert? Wir haben gar nie mitgekriegt, wie die beiden sich arrangiert haben, oder warum.

So sitzt die Serie derzeit in ihrer Charakterkonstellation ziemlich fest, was insbesondre schade für die Sloan-Sabbath-Figur ist. Nach wie vor interagiert diese nur mit Charlie, Will und MacKenzie, und auch das nicht auf besonders interessante Weise. Anstatt selbst etwas in die Serie miteinzubringen bietet sie bloß Gelegenheit für diese drei anderen Charaktere, ihre Meinungen, Ideen und (in dieser Folge) Emotionen auf sie zu werfen und von ihr Feedback zu bekommen. So verkümmert die C-Storyline der Episode zu einem uninteressanten Vortrag über die Wirtschaftwelt, bei der man nur so darauf wartet, dass MacKenzie endlich etwas aus ihrem Privatleben von sich gibt.

Bla:

– Scheinbar wird es zur Tradition für die weiblichen Figuren, sich in den Redaktionsmeetings unprofessionell zu verhalten, indem man den Mann, in den man verliebt ist, vor dem Kollegium zum Gespott macht. Buh!

– Mich hat überrascht, dass Will Ninas Erpressungsversuch in den Wind schlug, sobald sie sich selbst als Journalistin bezeichnete. Es passt zu seinem Charakter, keine Frage, und sein Monolog riss mich schlichtweg vom Hocker (einmal mehr!), aber die Androhung, dass er sein ganzes Leben umstellen würde, um Ninas Karriere zu ruinieren, erscheint mir leer zu sein: In „News Night with Will McAvoy“ wird er ja wohl kaum Hexenjagd auf sie machen, das würde ja genau dem widersprechen, wofür er steht!

– Jims Glastür-Missgeschicke fand ich ein wenig dämlich. Fast schon erwartete ich einen neuerlichen Maggie-Jim-Moment, aber überraschenderweise kam The Newsroom dieser Klischee-Vorstellung nicht nach.

– „You did this?“ – „Happy Valentine’s Day.“

– Lieblingsszene: Will nimmt das auf seiner Bürotür klebende Herz herunter, reißt es entzwei und klebt es, damit es auch ja jeder sieht, wieder an die Tür.

– Wie Will in eigentlich fast jeder Episode um einen guten Betrag Geld erleichtert wird! Zuerst kostet ihm das Recht, MacKenzie jederzeit feuern zu können, mehrere Millionen Dollar, und heute zahlt er das Lösegeld zum Teil aus eigener Kasse und wäre auch bereit, Nina 50.000$ Schmiergeld zu bezahlen.

– Ich hab fast lachen müssen, dass der Trennungsdialog zwischen MacKenzie und Wade auf der selben Terrasse stattfand wie Jims Beruhigungsversuch von Maggie – das muss ein magischer Ort sein!

– Mir gefällt, dass The Newsroom die ständig selben Redakteure in den Meetings sitzen hat, und dass diese gelegentlich auch Zeilen bekommen und nicht nur aus Pappmasché bestehen. Das lässt die Serie offener, realistischer wirken und die Einteilung in Haupt- und Nebenfiguren weniger künstlich.

 – Titel der Episode bezieht sich auf den Decknamen Khaleds, was ägyptisch für „der Verborgene“ heißt. Und die Show konnte natürlich nicht widerstehen, den Verwechslungswitz mit Amen im Sinne des Schlussworts eines Gebets zu verwenden.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

The Newsroom leidet zunehmend unter einer wachsenden Anzahl an parallelen Handlungsbögen – nicht, was die Charaktere betrifft, sondern die diversen Nachrichtenthemen. Ansonsten ist die Episode überraschend unscheinbar, denn die Stärken der Serie schimmern nicht so klar durch wie in den Vorgänger-Episoden. Andererseits kümmert sich die Serie auch um ihre Schwächen und merzt die Versäumnisse bei manchen Nebenfiguren (Neal, Don) aus – fehlt nur noch die bessere Einbindung Sloans.

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Ein Gedanke zu “The Newsroom 1.05 „Amen“: Die ägyptische Revolution.

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