Breaking Bad 5.01 „Live Free or Die“: Magnet.

„Yes, it worked. Because I say so.“

Breaking Bad is back: Seine fünfte und letzte Staffel wird in zwei Hälften gesendet, die erste seit gestern und die zweite im nächsten Sommer – es wird sich also mehr wie zwei Seasons anfühlen. Aber egal – mit der ersten Folge, „Live Free or Die„, fühlt man sich sofort wieder mitten drin im Breaking Bad-Fieber.

Quelle: offizielle AMC Breaking Bad Website

Am Schrottplatz werden Walt (Bryan Cranston), Jesse (Aaron Paul) und Mike (Jonathan Banks) fündig – sie brauchen einen möglichst großen Magneten, um Beweise zu zerstören.

Wie von der Serie gewöhnt greift sie direkt die Ereignisse der Vorstaffel auf und nimmt sich erst einmal Zeit, den zuvor verursachten Trümmerhaufen zu verarbeiten und beseitigen. In diesem Fall ist das der Anschlag im Altenheim, der Gus das Leben gekostet hat – die schmutzige Arbeit ist getan, nun muss aber das Beweismaterial beiseite geschafft werden. Und Mike ist natürlich außer sich, weil sein Chef von Walter umgebracht wurde.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Flash Forward.

Live Free or Die“ beginnt allerdings mit einem Stilmittel, das wir schon in Staffel 2 von Breaking Bad gesehen haben – einem Flash Forward. In diesem sehen wir Walter an seinem 52ten Geburtstag (sein Ritual, die Jahreszahl mit Speck auf sein Frühstück zu legen, hat er beibehalten), allerdings in unbekanntem Ambiente. Zur Erinnerung – im Piloten, dem Beginn seiner Karriere als Drogenhersteller, war Walter 50. Krebs ist kein Thema mehr, seine Haare sind ihm wieder nachgewachsen, zudem verkehrt er unter falschem Namen und kauft einem Mann (jener, der in Episode 4.02 „Thirty-Eight Snub“ Walter einen nicht zurückverfolgbaren Revolver vertickt hatte) ein Automobil mitsamt kleinem Waffenarsenal im Kofferraum ab.

Unweigerlich stellen sich da natürlich viele Fragen. Am beunruhigendsten ist vielleicht, dass er alleine reist, vor allem ohne Jesse oder Skylar. Natürlich sind das nur Spekulationen, und vielleicht werden wir hier bloß wieder so an der Nase herum geführt wie in Staffel 2 mit den Flash Forwards, die im Endeffekt nur rote Heringe beinhalteten – die Leichensäcke und das zerschmetterte Glas von Walters Aztec verhießen damals Dunkles für die Familie White, stellten sich aber nur als der Niederschlag eines Zusammenstoßes zweier Flugzeuge in der Luft heraus.

Quelle: offizielle AMC Breaking Bad Website

Rund ein Jahr später ist Walt, nun wieder mit Haaren, kaum mehr wiederzuerkennen.

Darum ist es wohl klüger, zu analysieren, was uns dieser Ausschnitt aus der Zukunft definitiv sagt. a) Walter ist noch am Leben – gut, so viel hätten wir auch erraten können, bis zum Ende der Serie wird ihm wahrscheinlich nichts geschehen. b) Walt reist unter falschem Namen, und er muss einen Grund dafür haben, nämlich den, dass er seinen richtigen nicht benützen kann. Warum? Vielleicht wird er ja gesucht. c) Er ist noch ganz in der Nähe, sonst würde er den Feuerwaffenverkäufer nicht treffen. d) Walt kauft sich eine monströse Waffe – ich weiß gar nicht was das ist, ein Maschinengewehr? Darüber, wofür er sie wohl braucht, kann nur spekuliert werden, mehr aber fällt auf, dass das sehr atypisch für Walter erscheint. Er ist schließlich kein Actionheld, im Feldeinsatz kein zweiter Mike. Der jetzige Walter würde, so wie ich ihn interpretiere, nicht solch eine Waffe kaufen. Irgendwas muss also passieren, um ihn zu solch extremen Mitteln greifen lassen. Was mich zu Punkt e) führt: Walt scheint alles andere als glücklich zu sein, eher mehr lethargisch. Keine Spur mehr vom Optimismus dieser Episode.

Spurenbeseitigung.

Doch zurück in die Gegenwart: Ein letztes mal besuchen wir das Meth-Lab unter der Wäscherei, nun nur noch Schutt und Asche. Walter und Jesse konnten erfolgreich alle Spuren verwischen, doch Hank entdeckt bei der Spurensuche eine Kamera, und deren Videodateien befinden sich immer noch auf Gus‘ Laptop in seinem Büro – zu spät fällt das Walt bei der Beseitigung der Spuren des Bombenbaus und der Lilly of the Valley ein, und so kommt ihnen die Polizei zuvor. Wieder eins der Szenarien also, wo die Polizei nur hauchdünn davor ist, die beiden als Drogenmanufakteure zu entlarven, was die zwei vor die Wahl stellt: Entweder machen sie sich aus dem Staub, oder sie ziehen ihr Ding durch – eine recht häufig gebrauchte Episodenstruktur also. Für Walt natürlich keine Frage, dass er da bleibt und das Ding schaukelt, und Jessie aus Loyalität auch nicht.

Für solche Aktionen sind die zwei eigentlich die falschen, und so brauchen sie nunmal die Hilfe eines Profis – Mike. Der möchte am liebsten Walter gleich niederschießen, aber Jesses vehemente Verteidigung seines Partners mildert seine Rachegelüste, und so arbeiten sie dann schließlich widerwillig zusammen: – „You know how they say ‚it’s been a pleasure‘? Well, it hasn’t.“ Aber Mike ist nunmal ebenso auf dem Band der Überwachungskameras wie Walt und Jesse.

Die Idee, mit der Breaking Bad aufwartet, ist grenzgenial – da das Stürmen einer Polizeistation natürlich außer Frage ist und auch sonst kein Weg in den hoch gesicherten Beweismaterialraum führt, schlägt Jesse vor, mit einem Magneten die Dateien des Computers zu zerstören. Und schon stehen sie am Schrottplatz vor dem wohl größten Magneten in der Umgebung und kaufen ihn dem Schrottplatzhändler Old Joe ab. Zuerst hatte ich Angst, dass das später auf sie zurückverfolgbar wäre (weil sie ja zum Schluss den Magneten stehen lassen, und solche Dinger kriegt man nicht gerade an jeder Ecke), aber dann fiel mir wieder ein, dass sie schonmal mit diesem Typen zusammen gearbeitet hatten – der hatte ihren RV damals verschwinden lassen. Mittlerweile ist die Serie an einen Punkt angelangt, wo Walt und Jesse schon unzählige Kriminelle kennen und einmal mit ihnen gemeinsam gearbeitet haben – und der zwielichtige Schrottplatzbesitzer ist einer davon.

Die Szene, in der die Gruppe den Magneten testet, ist schlichtweg fantastisch. Chemie ist ja eine Disziplin, von der man sich vorstellt, dass man häufig ein Experiment anstellt und einfach sieht, was dabei herauskommt. Und diese Freude am Experimentieren greift die Serie direkt auf, und man spürt vor dem Fernsehschirm förmlich selber, wie gespannt man wartet, was mit dem Laptop in Jessies Händen passiert. Und man möchte fast selbst aufspringen und mit Jesse mitfeiern, als der Magnet zieht und den Laptop gegen den Truck fliegen lässt, sehr cool von der Kamera eingefangen. Fast überraschend eigentlich, dass es funktioniert: Bislang sind diese Experimente und Ideen von Walter meist schief gegangen, und in „Live Free or Die“ klappt alles wie am Schnürchen. Und das ist kein Zufall.

Quelle: offizielle AMC Breaking Bad Website

A crazy scientist and his toys: Walter White  experimentiert mit dem neu erworbenen Riesenmagneten. Mike und und Old Joe (Larry Hankin) schaut ihm skeptisch zu.

Der neue Walter White.

Walter White ist seit dem Sieg über Gus ein transformierter Mensch. Er strahlt eine überhebliche Selbstsicherheit aus, weil nun er ist, der die Schnüre in der Hand hält, dass er die Situation kontrolliert – und die Geschehnisse dieser Folge bestätigen das. Die Idee mit dem Magneten war zwar Jesses, dennoch verhält sich Walter so, als hätte er selbst die Gruppe mit dieser Aktion vor den Fängen der Polizei gerettet. Doch diese Überheblichkeit, das bekommen wir gleich schon in ihrer ersten Episode mit, ist eine große Gefahr für Walter und seine Mitmenschen. Seine Begründung, warum ihre Aktion an der Polizeistation funktioniert hat, ist schlichtweg „because I say so“ und lässt die Fakten ganz außer Acht. Klar, er hat recht, aber was, wenn er beim nächsten wichtigen mal mit solch einer Aussage einfach daneben liegt?

Schwerer wiegt allerdings noch sein Verhalten gegenüber Saul and Skylar. Er ist so gar nicht froh darüber, zu erfahren, dass Saul gewusst hatte, wofür Skylar die 600.000+$ brauchte, ohne ihn darüber zu informieren. Als dieser kontert, dass ihn das nicht mehr interessieren würde, dass seine Angestellten vergiftete Zigaretten klauen müssten und Saul selbst mehr und mehr in Walters kriminelle Geschäfte verwickelt werden würde, begegnet Walt ihm mit einer kühlen Drohgebärde und den Worten „We’re done when I say we’re done.“ Walter genießt diese Szene mehr, als ihm gut tut, habe ich das Gefühl. Er mag es, in der kommandierenden Position zu sein, und Saul zu drohen.

Auch im Gespräch mit Skylar kommt das zum Ausdruck, wenn auch vielleicht für Walter unbewusster. „I forgive you“ flüstert er seiner Frau in einer Umarmung ins Ohr und meint damit ihre Ver(sch)wendung des Geldes. Gemeint ist das vielleicht als Zusicherung, dass sie keine Angst vor ihm haben müsse, aber Skylars angsterfüllte Augen erzählen uns, dass sie das ganz anders auffasst – was hätte sie denn getan, so dass ihr vergeben werden hätte müssen? Oder: Was etwa, wenn er nicht zu diesem Schluss gekommen wäre? Und es bedeutet auch, dass Walter der Überzeugung ist, er allein hätte Anrecht auf die Entscheidung, wofür das Geld ausgegeben wird.

Überraschungen.

Gus‘ Laptop wird zerstört, zufällig zerstört der Magnet allerdings auch ein eingerahmtes Bild von ihm und einem Freund/ Bruder. Das Bild ist etwas aus dem Rahmen gerutscht, und darunter erscheinen die Worte BANCSUISSE.CAYMAN sowie diverse Banknummern und Codes – traditionellerweise werden Hank und Co. diesen Hinweis gleich nächste Woche weitervefolgen. Ich bin mir noch nicht sicher, inwiefern sie das weiterbringen wird, aber da Gus es geheim hielt wird es wohl irgendwas Illegales beinhalten, was widerum mal wieder Probleme für Walt und Jesse bedeuten könnte.

Andernorts: Überraschung! Ted ist am Leben. Das hat die Serie natürlich geschickt gemacht, uns zu täuschen – erst seinen Unfall tödlich aussehen zu lassen und anschließend Saul Skylar eine traurige Nachricht übermitteln zu lassen, aber nicht, dass Ted tot wäre („an act of god“), sondern dass er aufgewacht ist. In einer schönen Parallele ist dieser nun ebenso verängstigt vor Skylar wie sie vor ihrem Mann, und diese Erkenntnis macht ihr sehr zu schaffen. Ich bin äußerst zufrieden mit dieser Entwicklung: Einerseits beenträchtigt es Skylars Verständnis über ihre eigenen Handlungen, wenn auch nicht beabsichtigt in dieser Form, andererseits bedeutet dies wohl auch das Ende des Benneke-Handlungsstrangs, der mir persönlich gegen Ende der vierten Staffel ein wenig zu lang gedehnt schien.

In den nächsten Folgen rechne ich damit, dass man uns ein klareres Bild geben wird, wohin sich Season 5 storymäßig hinentwickeln wird – im Trailer wird jedenfalls angekündigt: „There is a market to fill.“ Ob dieses Zitat aus einer vorangegangenen Staffel stammt oder nicht weiß ich allerdings nicht mit Sicherheit. Der Auftakt aber war auf jeden Fall gelungen, denn obwohl es sich dabei um eine recht ‚brave‘ Episode handelt, beinhaltet sie dennoch viele exzellente Momente, die in Erinnerung bleiben werden.

Bla:

– Schönstes Bild der Episode: Mike rast mit vollem Karacho auf Walts Wagen zu.

– Eine von Breaking Bads größten Stärken, und die Serie hat viele, sind die grandiosen Zitate, von denen es auch gleich mehrere im Staffelauftakt gibt. Besondereres Schmankerl, das an Jessies Lobpreisung von Walters Wissenschaft-Künsten aus „4 Days Out“ erinnert: „Yeah bitch, magnets ow!“

– Hab ich das richtig gesehen, dass er der Kellnerin einen 100$-Schein als Trinkgeld hinterlässt? Das wäre so typisch Walter, dass er das macht, wo sie vorher was von „wenn ich reich wäre“ gequasselt hatte, ohne zu bedenken, wie verdächtig er sich damit gleich wieder benimmt.

– Titel der Episode stammt vom Nummernschild des Wagens, den Walter im Flash Forward kauft. Stehen solche Sprüche eigentlich öfters auf amerikanischen Nummernschildern? Klingt auf jeden Fall ziemlich amerikanisch…

– Typisch Walter: Nach dem Wegräumen der Bombenutensilien beglückwünscht er sich erst einmal selbst mit einem Schluck Whiskeys.

– Die Stimmung in Staffel 5 ist durch Walts siegessichere Haltung eine ganz andere als zum Schluss der 4ten. In dieser herrschte noch ein wahnsinniges Gefühl von Dringlichkeit und Endzeitstimmung. Nun, da die Bedrohung Gus aus dem Weg geräumt ist hat auch die Episodenstruktur wieder eine ruhigere Form angenomen.

– Diesbezüglich ist auch anzumerken, wie standalone die Folge wirkt und wie wenig sie noch über die Richtung für Staffel 5 vorgibt. Ja, Walts selbstverherrlichende Einstellung wird wahrscheinlich seinen Charakter zumindest im ersten Teil der fünften Staffel definieren, aber die Zukunft für die Herstellung von Drogen ist noch ein gänzlich offenes Territorium. Genauso wie Jesses Rolle.

– Was mich immer wieder an der Serie begeistert ist die Anzahl an Momenten in einer Episode, in der man in die Hände klatscht und denkt: „Man, das haben sie aber echt geil gemacht.“ (Pardon für die Wortwahl.) Als sie am Schrottplatz standen und den riesigen Magneten betrachteten musste ich laut auflachen – nicht vor Witz sondern aus purer Bewunderung der Genialität der Serie.

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Live Free or Die“ präsentiert uns einen selbsticheren Walter White, der nun die Kontrolle über seine Mitmenschen hat. Die Episode ist recht eigenständig, räumt aber wichtiges Beweismaterial aus der Vorstaffel aus dem Weg, und das auf spektakuläre und irrwitzige Weise. Wie so oft lässt Breaking Bad seinen Perfektionismus spielen: die Dialoge sind großartig, die Story spannend und die Figuren faszinierend.

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5 Gedanken zu “Breaking Bad 5.01 „Live Free or Die“: Magnet.

  1. Pingback: Breaking Bad 5.03 “Hazard Pay”: Vamonos Pest. | Blamayers TV Kritiken

  2. Erinnerst dich noch an den Typen, der Walt ein komplett neues Leben verschaffen soll? An was erinnert dich die Nummerntafel? Ich persönlich vermute da noch eine geniale Wendung in dem Ganzen. Wahrscheinlich das Kartell das hinter ihm her ist.

    • Ich glaube eigentlich, dass die Serie mit dem Kartell fertig ist (auch wenn ich nach wie vor ein wenig das Gefühl habe, dass es schon recht einfach war, das Kartell zu zerschlagen, immerhin hat er Don Eladio und Konsorten schlichtweg ein vergiftetes Getränk mitgebracht).

      Andererseits bin ich jetzt auch schon sieben Folgen weiter wie du. 😉

  3. Tatsächlich hat jeder Bundesstaat in den USA so einen eigenen Spruch auf den kennzeichen, z.B. „Empire State“ für New York. Und New Hampshire hat das etwas rätselhafte „Live free or die“ auf seinen Nummerschildern stehen. BTW: Vielen Dank für die schönen Artikel zu einer der zur Zeit besten Serien.

  4. Salve,

    nach Folge 13 bin ich eben auf diesen Blog gestossen – danke für den Beitrag.

    Bei der gezeigten Waffe handelt es um ein M60 Maschinen Geweher mit dem Kaliber 7.62mm. Der Dude, welcher die Waffe anschleppt – sieht etwas nach „Arische Bruderschaft“ aus. Wobei ich doch fast dazu tendiere, dass er gerade jene mit dem M60 wegblasen möchte…kombiniert mit einem Zweibein, legt Walt die halbe Stadt unter Sperrfeuer – WOOHOOO. Man darf gespannt sein!

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