The Newsroom 1.03 „The 112th Congress“: Redaktioneller Kommentar.

„Who are we to make this decision? We are the media elite.“

In einer Ironie des Schicksals steigert The Newsroom mit seiner dritten Episode, die erste Episode mit der ethischen Neuausrichtung der Show-in-der-Show News Night, seine Quoten auf ein Rekordhoch, nachdem die Folge über schlampige Berichterstattung weit niedrigere hatte als beim Piloten. Die zweite Staffel ist auch schon bestellt, und mit „The 112th Congress“ feuert die Serie nach wie vor aus allen Zylindern – nein, bei The Newsroom braucht man sich keine Sorgen zu machen.

Quelle: http://www.capitalnewyork.com/article/culture/2012/07/6172840/newsroom-something-be-sorry?top-featured-1

In einem redaktionellen Kommentar spricht Will McAvoy (Jeff Daniels) sein Versagen an, die „tektonischen Veränderungen“ der amerikanischen Gesellschaft der letzten Jahre nicht akkurat berichtet zu haben. Nun soll alles besser werden.

The 112th Congress“ lässt Will McAvoy die Konsequenz aus der miserablen Berichterstattung der Vorwoche ziehen – in einem epischen Monolog teilt er seinem Publikum ganz klar mit, dass sie in Zukunft von ihm nur qualitativ hochwertig aufbereitete Nachrichten zu erwarten haben. Doch diese Grundideologie ist gar nicht so leicht im Fernsehgeschäft durchzuboxieren: Will muss nicht nur um die Quoten bangen, auch politische Machtspielchen in der Führungsetage könnten seiner löblichen Ethik im Wege stehen.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Ethischer Journalismus.

Ich bin ganz angetan von Wills mehrminütiger Rede über die zukünftige Ausrichtung von News Night. Es erinnerte mich ein wenig an das Video von der Deklaration der Journalisten des ORF von vor ein paar Monaten, in denen sie sich für ein politisch neutralen Journalismus aussprachen (auch wenn bei McAvoy es noch nicht der Fall ist, dass Mitarbeiterposten politisch motiviert vergeben werden, aber nach dem Ende von „The 112th Congress“ wäre das durchaus denkbar). Das Video damals vermittelte so ein unglaubliches Gefühl von Integrität der Journalisten, und das scheint auch bei McAvoy durch. Zusätzlich wird das in der News Night Sendung dadurch verstärkt, dass eine große Persönlichkeit wie Will sich öffentlich für einen Fehler entschuldigt. Er weiß natürlich, dass das Eindruck schindet (siehe auch das Vergleichsvideo mit dem Eingeständnis des Terrorismusbekämpfungschefs), und so findet die Serie eine äußerst plausible Erklärung dafür, dass die Quoten der Serie steigen könnten.

Auch finde ich es unheimlich interessant, was er da an der amerikanischen Verfassung kritisiert – jeder der großen TV-Networks ist dazu verpflichtet, eine Stunde Nachrichten im Abendprogramm zu senden, soweit ich das verstanden habe – aber unglücklicherweise hat man nicht in der Verfassung verankert, dass dazwischen keine Werbepausen gesendet werden dürfen. Und so werden auch die Nachrichten vom Quotendruck geplagt, was oft sensationalisierende Berichterstattung verursacht – je reißerischer, umso interessanter. Ich frage mich, wie das wohl in Deutschland / Österreich geregelt ist? Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass alle großen Sender täglich eigene Nachrichtenmagazine senden – sogar die trashigeren wie RTL – während Spartenprogramme wie SuperRTL oder EuroSport das nicht tun (müssen). Bei uns sind aber längere Nachrichtensendungen so wie die News Night nicht der Brauch, mit Ausnahme vielleicht von den öffentlich rechtlichen Sendern (ARD, ZDF, ORFeins, ORF 2).

In „The 112th Congress“ behandelt Will in seiner Sendung die Tea-Party Movement. Im Gegensatz zu den ersten beiden Episoden streckt sich diese Folge über mehrere Monate hinweg, über viele Ausgaben von News Night, und gelegentlich verliert man trotz der regelmäßigen Datumsangaben das Zeitgefühl – insbesondre für die Jim/Maggie Storyline ein wenig verwirrend. Für die Hauptgeschichte um Wills Feldzug gegen diese Bewegung hingegen ist das ein willkommener Hintergrund: Es scheint durchaus realistisch, dass seine diversen Berichterstattungen an nicht nur einem Tag erfolgen.

Mein Wissen über die amerikanische Politikwelt ist begrenzt, was dazu führt, dass viele der Dialoge zwischen Will und seinen Interviewgästen einfach an mir vorbeiziehen – aber ich glaube, selbst Amerikaner werden sich eher schwer tun, alle Hintergründe zu verstehen (auch wenn das zeitliche Setting ideal für reflektierte Betrachtung dieser Dinge ist, ohne sie schon komplett vergessen zu haben). Was ich schon spitz bekommen habe ist, dass diese Bewegung großteils von Republikanern getragen wird, was mich schon wundern lässt – ist Will, ist News Night, ist The Newsroom wirklich politisch neutral, so wie von den Figuren behauptet? Ich habe das Gefühl, dass sie mit dieser kontinuierlichen Berichterstattung über die Tea-Party über mehrere Monate hinweg schon eine Seite bezieht. Ob man das für gerechtfertigt hält hängt wohl von der politischen Orientierung eines jeden selbst ab.

Eine beliebte Technik von Will in der Serie ist es beispielsweise, seine Interviewgäste mit irgendwelchen beeindruckenden Statistiken zu übertölpeln, die die Redaktion in letzter Minute noch irgendwo ausgegraben hat. Ja, das sie die Fakten, auf die MacKenzie so beharrt, aber trotzdem sehr publikumswirksam in Szene gesetzt. Das Bloßstellen eines Interviewpartners ist nicht gerade eine diplomatische Vorgehensweise, aber auch das lässt einen Erfolg von „News Night with Will McAvoy“ sehr plausibel erscheinen, der früher oder später wohl in der Serie auftreten wird. Was aber gern vergessen wird: Die Vorgeschichte Wills besagt ja, dass sein Erfolg von früher dadurch begründet sei, dass er fast nie jemanden angegriffen habe.

Machtkämpfe.

Auch im Gegensatz zu Episoden 1 und 2 gibt es in „The 112th Congress“ eine Rahmenhandlung, in der die hohen Tiere im 44. Stockwerk die Show diskutieren – insbesondre Charlie, der Präsident von ACN Reese sowie dessen Mutter und Chefin von ACN Leona. Charlie versucht, MacKenzies und Wills Vorgehensweise zu verteidigen, und das gelingt ihm auch ganz gut – bis jedenfalls Leona ihre „Jesus und Moses spielen Golf“-Analogie auspackt: „You wanna play golf or you wanna fuck around?

Da breitet sich eine ganz neue Seite der Nachrichtenindustrie für uns aus, und ich bin dankbar für diesen neuen Handlungsstrang – das ist eine ganz andere Gefahr für die Sendung (News Night, nicht The Newsroom) als bloß die Quoten. Die, sagt die Chefin, machen eh nur 3% der Gesamtquoten des Tages aus, und sich für diese 3% Werbeeinnahmen in einen offenen politischen Schlagabtausch mit den Befürwortern der Tea Party Bewegung zu stürzen liegt nicht in ihrem Interesse. Vor allem, weil die Koch-Familie und/ oder andere Parteien, die diese Bewegung finanzieren, auch mit ACN Geschäfte machen. Da kommt Wills Feldzug gegen diese Politiker gar nicht gelegen. Und das ist spannend – wie sehr wird sich das auf die Freiheit der Berichterstattung auswirken?

Quelle: https://www.facebook.com/serie.maniacos

Die Chefin von ACN (Jane Fonda) ist es nicht recht, dass Will McAvoy sich kein Blatt mehr vor den Mund nehmen möchte.

Beziehungsweise weiß Will ja noch gar nichts davon, weil Charlie ihm diese Gefahr vorenthaltet. Das ist zwar schön, dass er seine Ideologie so durchsetzen möchte, aber gleichzeitig auch verdammt egostisch. Leona hat ja damit gedroht, Will jederzeit feuern zu können, und Charlie teilt ihm gar nicht mit, dass sein Job in Gefahr ist, wenn er weitermacht wie bisher. Aber ich beklage mich nicht darüber, das macht ihn nur facettenreicher – zum ersten mal seit der Einstellung MacKenzies nimmt seine Figur damit wieder mehr Kontur an.

Über die Monate.

Dann gibt es da noch die andere Seite von The Newsroom, die menschliche. Schon seit dem Piloten werden da primär zwei Romanzen behandelt, die zwischen MacKenzie und Will und das Dreieck Maggie/ Don/ Jim. Enttäuscht hat mich hier vor allem MacKenzie, die im Piloten noch eine der besten Figuren gemacht hat. Sie reagiert auf Wills diverse Dates – allesamt jung, gutaussehend und von Wills Prominenz beeindruckt – wie eine dreizehnjährige Teenagerin. „That’s FANTASTIC!“ schreit sie gleich das erste Date überschwänglich an. Und es soll witzig sein. Aber ist es nicht. Und das ist nicht das einzige Problem daran. Auch wenn in „The 112th Congress“ die Dialoge und die Geschehnisse durchaus realistischer erscheinen als noch in „News Night 2.0„, die Diskrepanz zwischen MacKenzies kindischem Verhalten und ihrer professionellen Arbeitsweise wirkt einfach befremdlich.

Dass die beiden sterngekreuzte Liebende sind stört mich weniger. Beide haben noch Gefühle füreinander, daten aber trotzdem andere, MacKenzie bekommt im Verlaufe der rund 4-6 Monate dieser Episode sogar einen mehrmonatigen Freund. Und natürlich wird der genau dann vorgestellt, wenn gerade Will eine Geste des guten Willens setzen möchte. Schicksal.

Auch bei den anderen Figuren tut sich über die Monate über viel. Neal und Jim sind inzwischen gute Freunde geworden, Don und Maggie haben sich mehrmals getrennt und kurz darauf wieder zusammengefunden, und Jim und Don sind mittlerweile offen im Krieg, vor allem von Dons Seite. Aus Jims Bemerkungen werde ich aber auch nicht schlau – einerseits klingt er sarkastisch, was Don auch aufschnappt, andererseits macht er so ein ernstes Gesicht, dass ichs ihm glatt abkaufe.

Absolutes Highlight der Episode war für mich aber die Konversation zwischen Jim und Maggie am Dach/ Balkon, als die gestresste Maggie eine Panikattacke erleidet. Jims Pulsmessen ist ein wahnsinnig intensiver Moment, und zur Sicherheit misst er ihn anschließend gleich nochmal. Man, ist das romantisch, meine Hochachtung für die Idee, seine Erfahrung mit Journalismus in Kriegsgebieten da so clever einzubauen. Seine Motivationsrede gibt ihm auch Gelegenheit, ein „you’re awesome“ zu gestehen. Und die Krönung des Ganzen ist Maggies glühendes „yeah… that was him“ an ihre Gesprächspartnerin – einfach klasse, wie subtil sich die Szene abspielt. Gut auch, dass sie deshalb jetzt nicht gleich zusammen sind, sondern nach wie vor der miesepetrige Don (Wird es je einen Grund geben, den auch zu mögen?) mit Maggie zusammen ist – da darf man dann auf weitere solch mag(g)ischen Momente hoffen.

Ansonsten muss man sagen, dass sich die Serie Mühe gegeben hat, abwechslungsreicher zu sein. Das Set wurde häufiger gewechselt als sonst, insbesondre begab man sich auch wieder in die Bar, und das gleich mehrmals! Das hat die Folge spürbar aufgefrischt. Insgesamt hatte ich mich schon bei der Hälfte der Laufzeit gefragt, wie lange die Episode noch dauern würde. Nicht, weil ich mich gelangweilt hätte, ganz im Gegenteil, sondern weil so viele verschiedene Gespräche und Ausgaben von News Night gesendet wurden, dass fast zu viele Kurzdialoge zu Stande kamen – aber angesichts der Tatsache, dass die Sendung rein zeitlich so eine vielmonatige Folge höchst selten senden kann, mache ich mir keine Sorgen, dass die nächste Episode ein besseres Maß zwischen Fokussierung auf ein Event und eines breit gefächerten, monatelangen Feldzugs finden wird.

Bla:

– Wie klasse ist Neal? Als er auf seinem Blackberry den Text der flammenden Rede als Rundmail erhält schubst er kurzentschlossen seine halbnackte Freundin/ Sexualpartnerin zur Seite und liest sie enthusiastisch. Workaholics sind beinah alle Figuren der Sendung, aber Neal ist der liebenswürdigste.

– In „The 112th Congress“ gabs wirklich besonders humorvolle Dialoge: Jim und Neal besprechen Jims Rat an Maggie, einfach mit dem Schlussmachen aufzuhören, wenn sie mit Don so richtig dauerhaft zusammenbleiben möchte: „Based on what do you give relationship advice?“ „… This time, it was logic.“

– `Sloane Sabbath ist bislang wirklich gesichtslos. Wer ist diese Frau, was macht sie und wieso ist sie im Main Cast? Die ersten drei Episoden geben noch keine Antwort auf diese Fragen.

– Will bräuchte schon das Team von Inception, um das Bild von MacKenzie aus seinem Hirn zu bekommen.

„American voters need a fucking lawyer!“ Und das ist Will für sie. Er klagt seine Gesprächspartner an. Wer meldet sich da eigentlich noch freiwillig für ein Interview in seiner Sendung, wenn man bei lebendigem Leibe gefressen wird?

– Ich hätte bei der Aussprache des Namen Koch nie vermutet, dass er so geschrieben wird. Natürlich hat die eine interviewte doof ausgesehen, als sie fragte, ob er Coca Cola („coke“) meine, aber das war auch meine erste Assoziation.

– Gegen Mitte der Episode findet eine News Night Sendung statt, die mit einem Lied unterlegt wurde. Das war wirklich unglücklich platziert und hat enorm störend gewirkt – während man konzentriert versucht, die Unterhaltung zu verfolgen, hört man nebenbei noch einen ganz anderen Text. Nein, ein orchestraler Soundtrack passt viel besser zur Sendung, und dieses Experiment ist gänzlich in die Hose gegangen.

– Verwendet The Newsroom eigentlich die tatsächlichen Namen der Beteiligten? Schnelle Nachforschungen meinerseits haben ergeben, dass die Koch-Familie wahrscheinlich tatsächlich die Tea Party Movement mitfinanziert (hat). Aber manche Persönlichkeiten werden ja fast schon als Gefahren für die Amerika bezeichnet, wie zum Beispiel der seinen Einzug in den Kongress feiernde, etwas radikal wirkende Abgeordnete, der auf Wills Fragen wegen zu viel Lärms nicht antworten kann/möchte.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

In der dritten Woche experimentiert The Newsroom ein wenig: Mit einer anderen Erzählstruktur, neuen Figuren, neuen Problemstellungen sowie gewohnt genialen Dialogen und einigen romantischen Szenen wird einem ein interessantes Paket geliefert. Die Folge ist nicht perfekt, bietet aber einfach gute und anspruchsvolle Unterhaltung – sogar mit einem dicken magischen Funken Magie.

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2 Gedanken zu “The Newsroom 1.03 „The 112th Congress“: Redaktioneller Kommentar.

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