The Newsroom 1.02 „News Night 2.0“: Qualitätsfernsehen.

„Are you in or are you out?“

Weiter gehts mit The Newsroom, der wortgewaltigen und anspruchsvollen Serie von Wortschmied Aaron Sorkin. Es bleibt noch spannend, ob die Wortschlachten vor und hinter der Kamera von „News Night with Will McAvoy“ langfristig interessant bleiben können – „News Night 2.0“ kann jedenfalls das Interesse aufrecht erhalten, die diversen Aspekte der Sendung sind noch mehr als im Piloten Geschmackssache.

Quelle: Simon's incoherent blog

Das Redaktionsteam bespricht die ethischen Richtlinien der neuerdachten News Night.

Nach der erfolgreichen Reportage über die Ölkatastrophe im mexikanischen Golf startet das Team optimistisch in die nächste Arbeitswoche. In der ersten ausgiebigen Redaktionssitzung besprechen sie ihren Ethos, und für MacKenzie ist ganz klar: Sie machen News, keine populistische Fernsehshow. Doch lässt sich das mit guten Quoten vereinbaren, oder will Will doch versuchen, die Sendung ein wenig aufzupeppen?

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Das Büro und die Kollegen.

Ein wenig enttäuscht an der Konferenzszene hat mich das Gerede über die drei „I“s. Ich nehme mal an, dass die Verwendung dieser nichtsaussagenden Akronyms aus humoristischen Gründen ausgewählt wurde, aber es stiftet Verwirrung, was angesichts der ohnehin schon komplexen Dialoge nicht wünschenswert ist. Insbesondre sind die drei Prinzipien, die Mac da aufzählt, die Leitideen für das Team und werden mehrmals in „News Night 2.0“ angesprochen, und wenn uns die Bedeutung dieser nicht klar vermittelt wird führt das nur zu einem konfusen Gesamtbild – klar, Mac hat die drei Sätze schon erklärt, aber die langen Monologe sind nicht dafür geschaffen, dass man in ihnen nach wichtigen Infos suchen muss, sondern dienen mehr dem Unterhaltungswert (der wie schon auch in Episode 1 hoch war).Außerdem untergräbt ihr tollpatschiges Verhalten die Glaubwürdigkeit von MacKenzie, die beruflich ja höchstkompetent alles managt.

Diese Tollpatschigkeit führt auch zu ihrer versehentlich ans gesamte Netzwerk gesendeten Email, die die Trennungsgründe von ihr und Will erklärt. Das war natürlich ziemlich voraussehbar, nachdem ihr Neal das mit dem Asterisk erklärt hatte, half uns aber auch besser verstehen, warum sich die beiden tatsächlich getrennt hatten: Interessanterweise war es nicht Wills Schuld, sondern MacKenzie, die ihn mit einem anderen betrogen hatte. Die Paarung der beiden ist einfach klasse, auch wenn die Gefühle füreinander jetzt schon ziemlich offen liegen („It’s been three years, time hasn’t helped?“ – „No“). Wie auch sonst alles in The Newsroom funktioniert auch die Romantik bloß mit Worten, aber ich mache mir schon ein wenig Sorgen: Wird die Serie zu schnell in Richtung Beziehung steuern, wo doch jetzt schon die Subtilität in den Dialogen der beiden so gering ist? Nicht, dass ich dagegen was hätte, dass die beiden zusammenkommen, aber bei diesem Tempo gehen sie in der nächsten Folge Abendessen und sind bei Staffelhalbzeit ein Paar. Andererseits, was weiß ich schon wo die Serie hinsteuern wird? Ich male den Teufel vielleicht zu sehr an die Wand, was wir bislang von der Will-MacKenzie-Beziehung hat mir gefallen.

Wesentlich vielschichtiger präsentiert sich da die Beziehung zwischen Jim und Maggie. Jims Interesse an ihr scheint mehr als bloß beruflich zu sein, wie von MacKenzie beauftragt, aber ihre Position ist recht undurchsichtig. Als Zuseher werde ich deutlich dazu eingeladen, für Jim Partei zu ergreifen, denn Don präsentiert sich in absolut jeder Szene als gefühlsarmer mieser Dödel – so spannend ist der Wetteifer zwischen den zwei Kerlen also derzeit nicht. Dennoch gefällt mir die Storyline gut, weil Jim nicht nur ein sehr sypmathischer Charakter ist, sondern weil die Dialoge so verdammt clever konstruiert sind. Ich habs jetzt natürich nicht mehr genau im Kopf, was Jim alles zu Maggie gesagt hat im Laufe der Folge – das reichte vom gespielten Interview über das Wertschätzen ihrer Kompetenz bis hin zu seinen menschlichen Worten in der Bar – aber er hat viel gesagt, und wenn man genau sein möchte könnte man die gesamten Dialoge auf Subtext und Anflüge von Romantik überprüfen, und sehr wahrscheinlich sehr fündig werden. Klasse!

Mogeln.

DIe Dialoge sind so ausgetüftelt, dass in einem unweigerlich das Gefühl aufsteigt, dass keiner im echten Leben so reden würde – und das fällt in dieser Folge noch deutlich auf als in „We Just Decided To„, insbesondre was MacKenzie anbelangt – die Diskrepanz zwischen tollaptschigem Verhalten („This is News Night 2.0!“ Sie wirft die Tafel ironischerweise versehentlich um. „Woops sorry!“) und Überzeugungsreden ist schon sehr groß.

Was daran stört ist das Gefühl, das man bekommt, betrogen zu werden. The Newsroom schummelt, was den Realismus betrifft, schon sehr häufig. Zum Beispiel auch mit den glücklichen Zufällen – beim Piloten hab ich persönlich es einfach als großes Glück abgetan, dass Jim nicht nur ein sondern gleich zwei Insiderquellen in BP hatte, um die Reichweite und Schuld des Unglücks innerhalb nur eines halben Tages aufzudecken. Aber auch diesmal schlägt Faktor Zufall zu – Maggie war mit der wichtigsten Quelle für die Sendung im College in einer Beziehung, und aus diesem Zustand heraus entwickeln sich die Ereignisse der restlichen Episode. Das ist keine große Schuld, aber eines der vielen Teilchen, die zu diesem Gefühl von gefälschter Realität beitragen.

Man will natürlich nicht komplett realistisch erscheinen – wie RTL oder die BILD beweisen funktioniert nunmal populistische Nachrichtenvermittlung quotentechnisch am Besten, und so ist die Ambition von Charlie und MacKenzie, einzig und allein die Fakten sprechen zu lassen, mehr ideologischer Natur (nicht nur der Charaktere sondern auch von Sorkin). Das ist löblich, aber der Erfolg sollte dann nicht von Zufällen abhängen sondern kompetenten, passionierten Mitarbeitern. Die ersten beiden Folgen der Serie drehen sich um einen Glücksgriff und einen absoluten Fehlgriff von Mitgliedern der Redaktion, und so bin ich gespannt, wie die Serie das weiterspinnen wird.

Qualität gegen Quoten.

MacKenzies Kampf um eine qualitativ hochwertige Nachrichtensendung erfährt in „News Night 2.0“ einen herben Rückschlag, als der wichtigste Informant / geplante Talkshowgast kurz vor der Sendung abspringt, da Maggie ihn am Telefon verschreckt – persönliche Gründe und eine gemeinsame Vergangenheit sind die Gründe. So fiebrig das Team auch arbeitet, sie können nicht einfach so wie noch in der Vorwoche eine Quelle hervorzaubern, und so muss man auf Plan B zurückgreifen, der offensichtlich nicht von MacKenzie-Jüngern ausgetüftelt wurde: Statt den Experten soll Will einen Militärveteran, eine Mrs. Amerika Kandidatin sowie einen Professor von zweifelhafter Kredenz live in seiner Show interviewen.

Das klingt schrecklich, stellt sich dann aber während der Sendung als noch schlimmer als das heraus – der erste Teil der Sendung geht in die Hose. Auch hier werden wir im Piloten mit dem einen, in Episode 2 mit dem anderen Extremum konfrontiert: Während die „News Night“ beim Ölunglück famos dagestanden war und wir mit Will und dem Team jubeln durften, ist die Sendung über das Flüchtlingsproblem im Süden der USA zum Fremdschämen und Nägelbeißen. Gleichzeitig ist es aber auch schreiend komisch, in welch missliche Lage man da McAvoy hineinmanövriert hat und wie peinlich die Sendung für ihn sein muss.

Quelle: http://todoseries.com/review-the-newsroom-news-night-2-0/

Die „Experten“ machen Will in der 2. Ausgabe von „News Night 2.0“ das Leben schwer.

Auch Will fremdschämt sich ordentlich, doch die Schuld für die desaströse Berichterstattung dank der niveaulosen Gesprächspartner auf ihn fällt. Das vermittelt er auch lautstark im Büro, vor der Kamera protestiert er in der Form weiterer populistischer Stilmittel – unter anderem mit der Verhöhnung eines Interviews von Sarah Palin, in der sie nunmal weniger qualifizierte Kommentare von sich gab. Interessant ist, dass der ausschlaggebende Grund für Will aller Wahrscheinlichkeit nicht die Idiotie seiner Mitarbeiter ist, sondern die Rund-SMS von MacKenzie, die allen Mitarbeitern ein paar Details ihrer Vergangenheit geschickt hat. Jeff Daniels macht seine Sache großartig – insbesondre eben in der Live-Show, in der Will seine Wut über die jüngsten Entwicklungen im Newsroom verbergen muss.

Ich bin wenig bewandert, was die Einwanderproblematik im Süden der USA anbelangt – leider ist die Serie nunmal sehr USA-zentriert, und ich fürchte, das könnte noch öfter verhindern, dass man den Verlauf einer Episode gänzlich nachvollziehen kann. In dieser Folge klappt das noch gut, weil die Thematik (dank der unqualifizierten Gesprächspartner) auf einfachem Niveau diskutiert wird. Zudem wird ersichtlich, dass man wohl immer die tatsächlichen News von vor zwei Jahren diskutieren wird inklusive Original-Footage wie das Palin-Video. Das ist ein cleveres Szenario – so kann Sorkin diese Geschehnisse reflektiert kommentieren (lassen), die auch noch heute Gesprächsthema sein können. Oder wieder, dank The Newsroom – wobei die Serie zugegebenermaßen keine Sendung für die Massen ist.

Meine favorisierte Szene der Episode ist aber eindeutig die in der Bar – wirklich wahnsinnig, wie gut der Serie ein Szeneriewechsel tut, im Redaktionsraum fühlt man sich gelegentlich fast schon erschöpft, als ob man da selber arbeiten würde. Die Bar ist aber nicht nur sehr ahnsehnlich sondern bietet den Figuren auch einmal eine gemütlichere Atmosphäre. Wie gewohnt werden wir dort auch neuerlich mit Worttiraden verwöhnt, und die kleineren Nebenfiguren wie Neal haben dort auch mal was zu tun außer Recherchen durchzuführen – so kann die Serie auch die derzeit noch stark unterentwickelten Nebenfiguren behandeln. Schade, dass Don wieder nichts Interessantes macht, dafür aber die meisten anderen Figuren. Ich hoffe wirklich, dass wir da öfter hingehen werden, aufgrund der Serienstruktur wohl aber meist am Ende einer Folge (= Feierabend).

Bla:

– Booah die Wohnung von Will. Da fließen also all seine Millionen rein. Die Nachbarn sind aber lebensgefährlich.

– Was ich in der Pilotepisode gar nicht spitz bekommen hatte: MacKenzie hatte ein Motiv dafür, dass sie Jim mit Maggie verkuppeln wollte, das nicht nur das Wohlbefinden ihres Produzenten betrifft: Wenn ein Rivalitätskampf zwischen Don und ihm um Maggie ausbräche, so würde Don versuchen, seine Freundin zu beeindrucken, und das hoffentlich mit professioneller Arbeit und auch Feinfühligkeit.

– Will lernt die Namen aller Mitarbeiter auswendig, versehentlich aber auch jene, die das Team in „We Just Decided To“ verließen: „Let’s give him a hand for the effort!“ Und alle klatschen.

– Satire auf höchstem Niveau: Grad MacKenzie ist es, die Sloane Sabbath gesteht, dass der Hauptgrund für ihre Einstellung neben ihrer Qualifikation auch ihre Beine sind, und wir Zuseher sind eingeladen, das rational zu akzeptieren.

– Generell bekommt MacKenzie immer die besten und meisten Monologe, insbesondre was die Motivation der anderen Figuren stimulieren soll: „Be the moral leader, be the integrity of this show!“

– Wer hätte das gedacht: Die Quoten der Übertragung über die Deepwater Horizon Ölkatastrophe waren im Positiven. Wie wohl die Rückmeldungen der Medien und Zuschauer über Wills grandiose Show in dieser Episode ausfallen werden?

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

News Night 2.0“ ist wieder eine gute Episode, in der das andere Ende des Qualitätspektrums ausgelotst wird und die Orientierung der Nachrichtensendung thematisiert wird. Die Beziehung zwischen Mac und Will rückt recht schnell ins Rampenlicht, andere Nebencharaktere wie Neal werden allerdings sehr vernachlässigt. Allein aufgrund der einzigartigen Dialoge ist die Folge aber wieder einfach sehenswert. (Ich glaube, das schreibe ich ab sofort immer bei Faziten von The Newsroom.)

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2 Gedanken zu “The Newsroom 1.02 „News Night 2.0“: Qualitätsfernsehen.

  1. Pingback: The Newsroom 1.03 “The 112th Congress”: Redaktioneller Kommentar. | Blamayers TV Kritiken

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