The Newsroom 1.01 „We Just Decided To“: Action in Worten.

„So when you ask what makes us the greatest country in the world I don’t know what the fuck you’re talking about!“

The Newsroom, das neueste Geistesprodukt von Aaron Sorkin (The Social Network), ist eine Sendung, die nicht für jedermann gedacht ist. Man muss schon zu einer sehr speziellen Subgruppe Menschen angehören, um dessen Stil und Verwirklichung wertzuschätzen: Action gibts hier nur in Form von Worten, und davon gewaltig viel – das mag viele Menschen verschrecken, doch wer  The Newsroom mit dem richtigen Auge betrachten kann wird die Serie lieben. Ich persönlich glaube, solch ein Auge zu besitzen.

Quelle: screencrave.com

Will McAvoy (Jeff Daniels) ist die kompetente aber im Umgang mit ihren Mitarbeitern weniger talentierte Hauptfigur – ein Garant für großartige Dia- und Monologe.

Will McAvoy ist ein berühmter Nachrichtensprecher, der kürzlich durch unprofessionelle Antworten in politischen Debatten sowie einer Amerika-kritischen Rede (Gott bewahre!) im nationalen TV auf die Schnauze gefallen ist. Dazu kommt auch noch seine herablassende und vor allem achtlose Behandlung seiner Mitarbeiter, was Wills Boss Charlie Umstrukturierungen im Team durchführen lässt. Insbesondre stellt er in „We Just Decided To„einen neuen EP (executive producer) ein: Wills Ex-Freundin (?) MacKenzie, mit der er nun widerwilig zusammenarbeiten muss.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Die Mitspieler.

Der Pilot beginnt schon gleich mit einem Markenzeichen der Serie, McAvoys Monolog über Amerikas verfallene Werte. Die gibts gleich an mehreren Stellen der Episode (so auch MacKenzies Überredungskünste in Wills Büro) und sind stets fantastisch, mitreißend – die Macht der Rhetorik eben. Wills Antwort „I’m thinking… yeah, that whole speech did nothing for me“ auf MacKenzie ist da pure Selbstironie der Serie. Die zwei Hauptfiguren der Serie scheinen darauf konzipiert zu sein, perfekt vorgetragene Reden aus dem Stehgreif hervorzuzaubern – der verbale Machtkampf der zwei dürfte wohl zu einem festen Bestandteil der Serie werden. Und das macht Spaß zuzuhören, obwohl man sich dabei selbst zwangsweise dumm fühlen muss – man muss sich schon genau auf die Serie konzentrieren, um den schnell geschossenen Wortwechsel zu folgen.

Auch höchst begabt, zum Glück aber nicht so verbal elitär, sind die diversen Mitarbeiter, die wir als regelmäßige Gesichter sehen werden. Dev Patels (Slumdog Millionaire, der Inder halt) Neal ist da noch der unscheinbarste bislang, ein fleißiges Bienchen mit Menschenverständnis. Auch eher blass wirkte Charlie, McAvoys Boss, der einzig wegen seiner Augenbrauen auffiel – wäre er nicht so freundlich müsste McAvoy sich einem Boss ernsthafter zu verstehen geben. Weit prominenter hingegen ist Jim, MacKenzies Produzent und Vertrauter, der mit ihr gemeinsam in Kriegsgebieten gearbeitet hatte. Der steht schon in Folge 1 im Klinsch mit Don, dem eindeutig klischeehaftesten und offensichtlich unsympathischsten Hauptdarsteller. Ich bin froh, dass man ihm nicht die absolute Arschkarte gegeben hat, indem man ihn mit Jim am Ende sich versöhnen ließ und somit ihn nicht endgültig als den Gemeinen abgestempelt hat. Trotzdem ist er schon stigmatisiert, indem er Jims Hilfeleistungen ablehnt und natürlich die Eltern von Maggie / Margarate nicht treffen möchte. Diese ist das stereotype Mäuschen, dessen Arbeit vom Chef erkannt werden möchte – und prompt erfüllt die Serie das auch im Piloten.

Die zwei Leads (McAvoy und MacKenzie) haben schon ein wenig an Kontur angenommen, insbesondre MacKenzie, und auch McAvoy lässt in der letzten Szene endlich einmal seine sarkastischen Kommentare beiseite. Die anderen Figuren sind derzeit noch eher eindimensional und brauchen wohl noch ein wenig mehr Zeit. Zeit hat die Serie ja genug – sie hat nicht nur eine sehr hohe Laufzeit, die gesamte Episode lang wird nur geredet geredet geredet. Es gibt vielleicht 2-3 Setwechsel in den gesamten 70 Minuten, der überwiegende Hauptteil der Serie findet, wie der Titel ja schon ankündigt, im Redaktionsraum des Nachrichtenteams. Doch was macht die Serie mit all der Zeit?

Stil.

Eine überraschende Teilantwort lautet: Comedy. Die Verpackung mag es nicht gleich vermuten lassen, aber The Newsroom ist witzig. Es ist keine Comedyserie per se, nein, im Kern ist The Newsroom schon ein serielles Drama. Doch die Serie ist gespickt mit sarkastischen Kommentaren und Wortwechseln mit pointierten Spitzen. Einzigartig ist jedoch, dass gelegentlich das Gefühl einer Mockumentory im Stile von Stromberg aufkommt – nicht durch Karrikaturen wie Bernie, sondern mehr dieses peinliche Gezänke zwischen den Mitarbeitern, im Piloten vor allem durchs Liebesdreieck Jim-Maggie-Don gekennzeichnet. Verstärkt wirkt dieses Gefühl durch die Handkameras und die vielen Zooms im Redaktionsraum – man hat das Gefühl, hier würde eine Doku gedreht, wenn man mal außer Acht lässt, wie geskriptet die Dialoge nunmal sind (jedes Wort sitzt). Dieser ungewöhnliche Genremix ist sicher gewöhnungsbedürftig, aber mir gefällts schon jetzt unheimlich gut: Der Comedy-Anteil hilft der Serie enorm, die doch sehr trockene Prämisse über die lange Laufzeit zu tragen, ohne an Anreiz zu verlieren.

Das ist insbesondre bemerkenswert, weil immer nur geredet wird, gestritten und geschimpft. Gelegentlich fühlt man sich fast ein wenig überbeansprucht, wenns etwa darum geht, welche Figur welche Rolle im Redaktionsraum inne hat – so ganz sattelfest ist mein Wissen da jetzt nicht, was beispielsweise ein EP oder ein Assistent zu tun hat. Der Informationsüberschuss, der uns zugespielt wird, mag durchaus kalkuliert sein – schließlich will man die Hektik des Redaktionsraums auch vermitteln. Und gemeinsam mit der angesprochenen Kameraführung (inklusive Zooms) sowie der hohen Länge gelingt das auch.

Sonst gibt sich die Serie überaus klassisch, das beginnt schon beim Vorspann. Leider konnte ich der Nachrichten-Montage aus den letzten x-zig Jahren nicht allzuviel abgewinnen, durch ihren Amerika-Bezug kann ich keine bekannten Gesichter erkennen. Der zweite Teil des recht langen Vorspanns ist dann sehr traditionell geraten, genauso wie der orchestrale Soundtrack. Man erkennt schon, dass The Newsroom gegen den Trend von action-orientierten, hippen Serien mit hochstilisierten Intros und Indy-Soundtrack schwimmt. Ich kann noch nicht richtig einschätzen, ob das langfristig – die Serie wurde vor ein paar Tagen für eine zweite Staffel erneuert – gefallen wird, aber der Pilot macht diesbezüglich vieles richtig, indem man auf altbewährte Serienstrukturen setzt.

Episode 1.

Will ist so gar nicht angetan darüber, dass MacKenzie wieder mit ihm arbeiten wird, und verzichtet sogar auf 3 Millionen Dollar, um das Recht zu besitzen, sie einmal pro Woche feuern zu dürfen. Wir wissen natürlich, dass das nicht so bald geschehen wird, und auch Will merkt innerhalb der Pilotenepisode, dass die beiden ausgezeichnet zusammenspielen. Auch die Verstärkung, die MacKenzie mitbringt, stellt sich als überaus produktiv heraus – Jim besitzt genug Insiderquellen im Ölgeschäft, um gleich eine Riesenstory für die Ölkatastrophe 2010 im Golf von Mexiko parat zu haben – trickreich gespielt, die Datumsangabe!

MacKenzie bringt frischen Wind ins Büro – sie möchte News mit Integrität machen, lieber gute News für 100 Zuseher als schlechte für eine Million, und impliziert damit, dass McAvoy in letzter Zeit zu sehr auf diese Bahn geraten war. Nach ausgiebiger Überzeugungsarbeit, inkl. diverser Motivationsreden, stimmt McAvoy dann doch zu (obwohl sie dann aber die riskante Story senden, die zuerst nur auf den Quellen von Jim beruhen).

Die News-Sequenz ist schon verdammt cool gemacht. Die Hektik ist treibend, und der Serie gelingt es, nur mit Worten richtige Spannung zu erzeugen – ich habe schon gebangt, ob wirklich alles in der News-Sendung nach Plan laufen wird, wenn die aktuellen Infos gerade mal ein paar Sekunden vor Sendebeginn eintrudeln. Insbesondre war ich bis dahin noch nicht so ganz von McAvoys Kompetenz überzeugt, aber wie er dann ganz ohne Text am Teleprompter die Sendung geschaukelt hat war klar: Der ist der Richtige für diesen Job. Und das war lässig, ihn bei seiner Arbeit zuzusehen. Und das sagt jemand, der nicht grad häufig Tagesschau oder Zeit im Bild guckt. Natürlich, der Pilot hat sich auch ein besonders großes Thema ausgesucht, und dank Jims Hilfe bekam das Team das Thema auch exklusiv auf die Bildschirme.

Quelle: hbo.com

Jim (John Gallagher), MacKenzie (Emily Mortimer) und Maggie (Alison Pill) beobachten gebangt die Live-Übertragung der ersten Neuauflage von „News Night“.

Ganz ehrlich: Das Liebesdreieck Jim-Maggie-Don ist nicht besonders originell, aber zumindest ist Jim sympathisch genug, um sich um ihn zu kümmern. Viel besser ist die Dynamik zwischen MacKenzie und Will, über deren frühere Beziehung wir noch ziemlich im Dunkeln tappen. Jedenfalls ist MacKenzie „sorry for what’s happened und die beiden offiziell nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Aber wie wir in den letzten Minuten feststellen pocht in McAvoy doch ein Herz: „It wasn’t vertigo medicine. I thought it was you in the audience.“ Da kommt doch wirklich Romantik auf, überraschend eigentlich, dass man gleich in der ersten Episode diese Deklaration einbaut. Als die Fahrstuhltür zu geht war das schon ein wenig kitschig, aber auch schön dramatisch und ein Weg für die Serie, McAvoys Gefühle für MacKenzie derweil nicht explizit anzusprechen.

Bla:

– Ich schätze es, wenn der Episodentitel bedacht gewählt wird. „We Just Decided To“ ist die Methode, wie das Team eine gute News-Sendung erstellen kann.

– Was hab ich mich gefreut, als ich MacKenzie zum ersten mal erblickt und Emily Mortimer sie spielen gesehen habe. Die war auch schon mein persönliches Highlight in Lars and the Real Girl und konnte auch dort schon unheimlich emotionsgeladene Reden schwingen.

– Noch nicht 100%ig hat mich die Hauptfigur Will McAvoy überzeugt, insbesondre der Wandel von „ich kenne keinen einzigen Mitarbeiter beim Namen“ hin zu „ich möchte euch allen für die gute Arbeit danken“

– Die Falschheit der Politiker am Anfang war ja richtig gut. Erst bekriegen sich die beiden, während McAvoy ruhig zwischen ihnen sitzt. Dann, als er sein Maul aufreißt und die Scheinheiligkeit der beiden entblößt werden sie ruhig, sitzen während seiner ganzen Rede stillschweigend da, und kaum aus dem Rampenlicht gekommen drohen sie ihm mit Klagen und Konsequenzen.

– Was ich jetzt absolut nicht verstanden habe: Warum haben Don und Will eigentlich am Anfang so heftig gestritten? Zuerst dachte ich, Don wäre in eine andere Abteilung gewechselt oder hätte Will einen wichtigen Job weggeschnappt, aber schließlich wurde er dann doch vom EP zu einem normalen Redakteur zurückgestuft. Grad mit diesen verwirrenden Nebengeschichten stellt sich der Pilot selbst ein Bein – im Nachhinein weiß man gar nicht mehr, worüber alles in der Serie 70 Minuten lang diskutiert wurde. Oder welche Mitarbeiter das Team verließen und welche neu sind, zum Schluss waren ja doch wieder dutzende Menschen im Redaktionsraum.

„Boom, cupid!“ MacKenzies erste Amtshandlung im Büro ist die Verkuppelung von Jim und Maggie.

– Ob MacKenzies und Jims Erfahrungen im Krieg noch eine wichtige Rolle spielen werden?

– Deadpan-Humor vom Feinsten: McAvoy läuft in den falschen Redaktionsraum und beglückwunscht „sein“ Team zu einer herausragenden Leistung.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Ich bin gespannt, ob The Newsroom jede Woche neues, spannendes Material bieten kann, ohne repitiv zu werden. Im Piloten hat vieles jedenfalls geklappt, was auch auf Dauer erhalten bleiben sollte, nicht zuletzt deshalb, weil Aaron Sorkin die Verantwortung über die gesamte Staffel trägt: die Dialoge waren phänomenal, der Humor überraschend gut platziert und die Schauspieler 1A. Ein bischen mehr Klarheit sollte mit der Zeit auch einfließen.

The Newsroom kann auf Sky Go angesehen werden.

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2 Gedanken zu “The Newsroom 1.01 „We Just Decided To“: Action in Worten.

  1. Pingback: The Newsroom: Staffel 1 | Blamayers TV Kritiken

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