Touch 1.12 „Wirbel (Teil 2)“: Berührung.

„Die Zeit zwingt uns zu wachsen.“

Wirbel (Teil 2)“ ist das Staffelfinale, das sich die Serie verdient hat. Visuell imponierend und mit äußerst interessanten Konsequenzen konnte Touch nicht immer aufwarten, und gerade deshalb ist das Staffelfinale seit dem Piloten die mit Abstand beste Folge. Der Episodentitel wird dabei zur Metapher für die gesamte Season: Immer wieder hat sichTouch in kleinen Schritten im Kreis bewegt, jetzt endlich bricht man mit einem großen Satz vorwärts aus diesem Strudel heraus.

Quelle: offizielle Touch Facebook-Seite

Das Zusammentreffen von Martin (Kiefer Sutherland), Jake (David Mazouz) und Lucy (Maria Bello) ist das Symbolbild für die Verbindungen, die die Serie erstellen möchte.

Mit dem Fokus auf Martins Flucht aus New York und Lucys Suche nach ihrer Tochter Emilia verschwendet „Gyre (2)“ so gut wie keine Zeit mit belanglosen Nebengeschichten, und selbst die eine – der um die Welt reisende Bursche – war einigermaßen brauchbar. Dass gleich mehrere Nebenfiguren aus anderen Episoden geschmeidig in die Folge integriert wurden, war von mir schon länger in der Serie gefordert worden – hier sammelt Touch jede Menge Pluspunkte und leistet Wiedergutmachung für den eher schlappen Mittelteil der Season.

Folge verpasst? Kein Problem! “Wirbel (Teil 2)” ist bis 25.6.2012 HIER kostenlos und legal auf der ProSieben-Homepage verfügbar. Erst schauen, dann lesen: Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Die Nebenfiguren.

Viele Nebendarsteller aus vorherigen Episoden kehren zurück, und glücklicherweise hat man auf die interessantesten von ihnen nicht vergessen. Neben den erneut ohne wirklichen Zweck erfüllenden japanischen Mädchen trafen wir diesmal auf den Pfandhändler, den Ex-Feuerwehrmann und nun Priester sowie den unsichtbaren Prinzen. Diese spielten allesamt wichtige Rollen in Martins und Jakes Schicksal, und genau so soll es sein: Wenn die Zusammenhänge Sinn ergeben und Auswirkungen für alle haben. Das ist beispielsweise bei der Nebengeschichte von „Gyre (2)“ nicht wirklich der Fall: Er trifft zwar auf Lucy (nicht allerdings auf Martin), aber verändert deren Schicksal nur höchst unmerklich und vice versa. Die Montage mit den überall auf dem Globus singenden Menschen war zwar toll und verstärkte die Idee, dass uns die Musik verbinde, aber der Bezug zu den anderen beiden Figuren (Martin und Lucy) war nicht mehr gegeben.

Dafür reißen es die anderen Nebenfiguren raus, vor allem der Priester und der Prinz. Bei ersterem gefiel mir, wie lang uns die Serie raten ließ, was es mit den geheimnisvollen Koordinaten auf sich hat – würde er Lucy treffen? Martin? Clea? Und warum und wie? Jene, die die ganze Staffel gesehen haben und sich noch daran erinnern können, dass der Priester und Martin sich bei ihren Begegnungen nie die gesamte Wahrheit über Sarah erzählen konnten, werden ihr drittes Aufeinandertreffen wohl prophezeit haben können, und das aus gutem Grunde. Die Serie war uns da noch einen Austausch schuldig, und die Erzählungen des Ex-Feuerwehrmannes, dass Sarah glücklich und tapfer starb, waren ein befriedigendes Ende für diesen Teil von Martins Leben. Dass Jake und Martin kurz davor Sarahs Grab besucht haben und sich im Verlauf der Folge aus New York fliehen macht den Abschied umso symbolischer. Und möglicherweise tritt mit Lucy eine neue Frau in Martins Leben.

So langsam sich die Verbindung zum Priester aufgebaut hat, so abrupt war plötzlich der unsichtbare Prinz da – der bislang einzige erwachsene Mann, der genau wie Jake die Zahlen lesen kann. Touch hat sichtlich Spaß mit diesem Mann, und die Poesie, die er in die Serie bringt, könnte ruhig öfter präsent sein. Er gewährt Jake Geleitschutz, indem er die „Wachen des Imperiums ablenkt“, und ich bin mir zwar nicht sicher, warum Jake das braucht, aber der Prinz wird es schon wissen. Schade, dass die Serie nicht öfter so interessante Figuren schaffen kann, Neben- wie auch Hauptfiguren.

Quelle: offizielle Touch Facebook-Seite

Der unsichtbare Prinz (Rob Benedict) macht sich eben kurz sichtbar, um Jake zu helfen.

In dieser Episode verabschieden sich Martin und Jake von Clea, und es liegt die Vermutung nahe, dass wir es auch tun. Ich für meinen Teil kann mich darüber nicht beklagen – schlussendlich hat mich Gugu Mbatha-Raws Rolle nie überzeugen können. Es würde mir schwerfallen, ihr Eigenschaftsworte zuzuordnen, die man nicht mit dem Stereotyp Sozialarbeiterin noch nicht abdeckt. Sie war sicher eine wichtige Verbündete für Martin, aber sie agierte meist sehr voraussehbar und verblieb so meist eher uninteressant. Also schon nett, dass sie mit hohem Risiko Jake aus dem Kinderheim rausgeschmuggelt hat, aber mehr war leider nicht drin für ihre Figur. Na wenigstens gab es nie eine Romanze zwischen den beiden.

Mit ziemlicher Sicherheit nicht das letzte gesehen haben wir von Sheri, der Leiterin des Kinderheims. Leider. Touch leidet darunter, dass die Antagonisten mehr lächerlich denn gefährlich wirken. Sheri war da schon immer wegen ihrer fehlenden Ambiguität ein Problem: Von der ersten Sekunde ihres Auftretens an wussten wir, dass sie eine der „Bösen“ ist. Ärgerlicherweise verhalten sich auch die anderen Schergen von Aster Corp auch nicht besonders helle – ich rede von den zwei Typen im Anzug, die Jake und Martin am Busbahnhof überraschten. Ich musste laut lachen, als sich die beiden trennten, obwohl sie Martin und Jake schon gesehen hatten. Jake ist schließlich noch ein Kind, der kann zwei ausgewachsenen Männern nie entkommen. Außerdem: Der Kerl trägt selber keine Waffe, zögert dann aber nicht damit, Martins Waffe abzudrücken? Und hätten sie Tellers Büro nicht schon viel früher plündern können? (Schade, dass dies als Handlungsstarter somit von nun an wegfällt. Aber da sich die Szenerie von New York wegbewegt ist das wohl ohnehin hinfällig.)

Martins Reise.

Martin macht in dieser Episode jede Menge durch. Es ist vielleicht verständlich, dass er eine Waffe kauft, weil er Angst vor den Männern von Aster Corp hat, aber vollkommen schleierhaft ist mir, warum zum Teufel er die Waffe im Kinderheim auspackt??? Er ist doch Vater, er muss doch wissen, was für ein Wahnsinn das ist! Und wenn ihn auch nur eine Person gesehen hätte würde er damit wohl auf Lebzeit nie wieder seinen Sohn sehen dürfen. Jack Bauer hätte das sicher getan, aber Martin Bohm? Höchst fahrlässig und super unnötig.

Dann treibt es ihn nach Hause, zum Friedhof, zu Tellers Büro, zum Busbahnhof, zum Priester ins Auto und schließlich noch nach Los Angeles im nun eigenen Automobil. (Praktisch, wenn die Erfüllung des Schicksals eines anderen beinhaltet, dass man ein Auto geschenkt bekommt.) Sein ursprünglicher Plan wärs gewesen, Jake mit nach Canada mitzunehmen, wo Kindesverschleppung scheinbar nicht geahndet wird. Aber Jakes Zahlen locken ihn stattdessen nach Los Angeles, wo er nun wahrscheinlich irgendwie im Untergrund weiterleben muss, falls sich der Sorgerechtsstreit (ha!) nicht magisch in Luft auflöst.

Das kann nur Gutes heißen für die nächste Staffel, verspricht es doch einen kompletten strukturellen Umbruch für die Serie. Ich hoffe, dass man dadurch Jake und Martin aktiver in die Leben ihrer Mitmenschen eintauchen lassen wird. Sonst war die Geschichte ja immer so, dass Jake im Heim war, Martin ihn für einen Spaziergang abgeholt hat und die beiden dann in ein Abenteuer gestolpert sind. Jetzt scheinen sie auf der Flucht von Aster Corp und womöglich auch der Polizei zu sein, und ein bischen Jack Bauer täte Martin Bohm gar nicht so schlecht.

Vor allem aber natürlich auch die Zusammenführung mit Emilias Mutter Lucy ist vielversprechend. Ich habe ein gutes Gefühl bei ihrem Charakter, und die neue Bekanntschaft verdeutlicht auch, dass sie Emilia nun eine Spur näher gekommen sind. Aster Corp ist immer noch eine weitgehend unbekannte und bislang ziemlich harmlos vorgehende Organisation, deren Bekämpfung wohl ein wichtiger Bestandteil von Staffel 2 werden wird.

FOX hatte in den USA überraschend früh eine zweite Staffel von Touch bestellt, und ich freue mich natürlich, tatsächlich auch noch nächstes Jahr herauszufinden, was mit Emilia wirklich geschehen ist. Dabei ist allerdings jetzt schon recht ersichtlich, dass eine dritte Staffel eher unwahrscheinlich sein wird. Quotentechnisch befand sich Touch stets auf einem absteigenden Ast, sowohl bei uns als auch in den USA. daher folgte ja auch die Strafversetzung der deutschsprachigen Sender auf kurz vor (ORFeins) bzw. nach (ProSieben) Mitternacht.

Das finde ich besonders deshalb schade, weil Touch einer der bislang kundenfreundlichsten Versuche war, gegen die Piraterie anzukämpfen: Sie wurde so schnell übersetzt und in anderssprachigen Ländern ausgestrahlt, dass sich das illegal streamen kaum auszahlte. Wäre die Serie ein Erfolg gewesen hätte es unter Umständen dies als Trend etablieren können. So hingegen wirft es ein schlechtes Licht auf die zeitnahe Ausstrahlung im deutschsprachigen Raum – immerhin müssen sich die zwei Sender so wegen umständlicher Übersetzung und spät in der Redaktion eintrudelnder Episoden ärgern.

Bedeutungstiefe.

Diesmal verzichtet man auf Spielereien mit dem Anfangsmonolog – von Beginn an gibt sich „Wirbel (Teil 2)“ sehr fokussiert. Das ist kaum verwunderlich – in den USA wurden beide Episoden direkt hintereinander ausgestrahlt. Das gleicht man dadurch aus, dass man mehrere visuelle Komponenten direkt in die Folge selber einbauen konnte. Klasse zum Beispiel, dass Jake den gläsernen Dodekaeder immer noch mit sich führt. Oder die leicht abgeänderte Introsequenz, die zum Schluss einen Mann ästhetisch beleuchtet beinhaltete. Und man hat den Episodentitel vielfach ausgelebt, wie schon in der Einleitung beschrieben. Man muss da fast schon froh sein, dass die deutsche Fassung „Gyre“ direkt übersetzt hat und nicht wieder versucht hat, eigenständig einen „passenden“ Namen zu finden.  Mehr noch als die bildliche Darstellung wiegen aber die vielen Metaphern, die „Wirbel (Teil 2)“ an den Tag legt. War ich bislang einfach zu blind, die zu sehen, oder hat man hier endlich einfach den Spürsinn für solch subtile Anspielungen gefunden?

Quelle: http://www.tumblr.com/tagged/martin-bohm?before=1338923234

Da ist natürlich die entscheidende Szene am Ende am Pier, als Jake seinem Vater die Hand gibt, weil sie Emilia ein gutes Stück näher gekommen sind – einfach (be)rührend, und diesmal wird dieser große Schritt von Jake (der im Eingangsmonolog schon angedeutet wird) auch angemessen Beachtung geschenkt, vor allem im Gegensatz zur Berührung über Leinwand in „1.08 Hindernisse„. Der Serientitel Touch fungiert hier auf so vielen verschiedenen Leveln: Jake berührt seinen Vater nicht nur physisch, sondern hat nun auch eine tiefere emotionalere Bindung zu ihm gefunden, weil Martin seinem Sohn bewiesen hat, dass er alles für seinen Sohn tun wird. Das beinhaltet unter anderem auch, die Verbindung zu Lucy hergestellt zu haben.

Touch beweist mit der Doppelfolge, dass es mehr kann als bloß Ereignisse beliebig miteinander zu kombinieren. Die so wichtige Fortführung der Haupthandlung findet wie erwartet in „Wirbel (Teil 1 + 2)“ ihren Höhepunkt, und auch die Querverbindungen zu den anderen Episoden stimmt. Die Serie braucht sich diese Schmankerln nicht nur für so spezielle Episoden aufbewahren – aber wenn die Serie schließlich ihre Register zieht, so wie hier, dann sticht es natürlich besonders positiv heraus. Gleichzeitig hebt das Staffelfinale hervor, dass andere Aspekte der Serie (wie z.B. Abigale, Aster Corps Bedrohlichkeit oder die wenig verbundenen Geschichten) nicht wirklich funktioniert haben. Mit dem gewaltigen Entwicklungen in Jakes und Martins Leben und der Relokalisierung nach L.A. scheint sich die Serie aber ihrer Probleme angenommen zu haben. Auf zur Staffel 2.

Bla:

– Martins äußerst beruhigende Worte an den Pfandhändler, warum er die Waffe benötigt: „weil heute ein paar Leute genau das tun werden was ich sage.“ Jaa genau. „Ich habe keine Wahl.“ Wenigstens hier hat er den Verstand, nicht die Wahrheit zu sagen, klingt aber trotzdem einfach wie ein Räuber oder Terrorist.

– Avrams Locken irritieren mich bis ins Grenzenlose.

– Abigales Rolle im Finale war nur äußerst marginal. Vielleicht ist sie wirklich keine der Bösen und Teil der „Firma“. Das bedeutet allerdings auch, dass die Versöhnung mit Martin in einer der zwei Vorfolgen schon der Klimax ihrer diesstaffeligen Beziehung war – öde.

– Man, das muss eine ganz schön aufwendige Nacht- und Nebelaktion gewesen sein, als sie Tellers gesamtes Büro leergeräumt haben. Die Akten stapelten sich schließlich zu tausenden. Und sie waren gründlich: Witzigerweise haben sie sogar die Tafel gelöscht. Netter Touch (haha): Jake malt die Zahlen direkt wieder an die Wand.

– Wie kommt es, dass Jake so viele elektrische Geräte unter seinem Bett versteckt hat?

– Die Popcorn-Szene war einfach zu witzig – Jake leert Cleas Popcorn-Schüssel achtlos in den eigenen Rucksack. Storyrelevanz hatte das keine, vielleicht aber auch ein Seitenhieb auf Clea, die scheinbar nicht mal von Jake gemocht wird.

– Die dieswöchige Zahl: 4370 – Sarahs Geburtstag. Insgesamt ergibt das nun für die Emilia-Sequenz: 318 5296 3287 9522 9756 1188 1604 55124 2545 2217 4370.

Fazit: 8,0 von 10 Punkten.

Mit „Wirbel (Teil 2)“ findet Touchs erste Staffel nach vielen Problemen mit langsamen Plot und minder interessanten Nebengeschichten einen verdammt pointierten Schluss. Die Serie kriegt damit viel richtig, was sie gerade gegen Halbzeit ihrer Season 1 vernachlässigt hat, und ist so hoffentlich ein guter Vorbote für eine zweite Staffel. Meine Wünsche für diese lauten: Mehr Plot, mehr interessante Figuren, weniger Clea, weniger lächerliche Gegenspieler.

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