The Walking Dead 2.12 „Better Angels“: Die besseren Engel unserer Natur.

„You did this to us!“

Die zweite Staffel von The Walking Dead geht in verhältnismäßig rasendem Tempo dem Ende zu: Nach Dales tragischem Tod kommen die Überlebenden endlich zu Sinnen und beginnen, sich wieder um ihr Überleben zu kümmern. „Die besseren Engel unserer Natur“ ist keine grandiose Episode und wird von den üblichen handwerklichen Mankos der Serie geplagt, nicht allerdings an mangelnden Entwicklungen für die Gruppe: „Better Angels“ lässt ordentlich die Hölle losbrechen.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Rick (Andrew Lincoln) findet die richtigen Worte bei Dales Begräbnis.

Die besseren Engel unserer Natur“ ist die Folge, in der so gut wie alle noch offenen Handlungsstränge dieser zweiten Staffel der Serie gelöst werden. Dales Tod wird verarbeitet, Carls kürzliche Entwicklungen thematisiert, die Geschichte um Randall aufgelöst und der Konflikt zwischen Rick und Shane endlich… „gelöst“.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Dales Tod.

Ich bin sehr froh, wie Dales Tod nicht nur von der Serie behandelt wird, sondern auch welche Auswirkungen er auf die Gruppe hat. Sophias Begräbnis in „Nebraska“ war alles andere als emotional, aber was hätte man damals auch schon in der Grabrede sagen können? Sophia hatte keine wirklichen Charaktereigenschaften, war nicht ausgearbeitet genug, um ihr nachzutrauern. Ihre einzige relevante Eigenschaft war es, ein Kind zu sein. Dale hingegen ist die Art von Mensch, bei der wir sagen würden – er hat ein langes Leben gelebt. Aber gerade dadurch, dass wir viel mehr über ihn wissen als über das Mädchen, war sein Tod weitaus relevanter für die Gruppe und den Fernsehzuseher, wenn auch ärgerlicherweise durch Dummheit verschuldet.

Ricks Grabrede ist nicht nur erstklassig, sondern gibt uns auch ein Gefühl von Orientierung – durch den Verlust von Dale findet die Gruppe wieder ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Um zu beweisen, dass sie nicht eine „gebrochene Gruppe“ seien, Dales letzte Worte an die Gruppe, würden sie von nun an die Dinge auf Dales Weise tun, proklammiert Rick. Dales Tod hatte Bedeutung, und sein Vermächtnis ist ein Umdenken der Gruppe: Hershel lässt sie endlich in die Farm einziehen (Andrea natürlich auch, obwohl in „18 Miles Out“ vom Grundstück verbannt), und plötzlich fangen die Überlebenden wieder an, sich auch um ihr Überleben zu kümmern. Keine sinnlosen Alleingänge mehr bei Nacht, und auch die Farm bekommt endlich ein paar Schutzmaßnahmen. All das stellt sich zum Ende der Folge als ziemlich umsonst heraus, doch durch das Zusammenhelfen beim Umzug bekommen wir wirklich wieder ein Gefühl, dass die Gruppe sehr wohl noch an einem Strang zieht.

Ich finde es auch schön gemacht, wie Glenn und Andrea sich melancholisch an Dales Wohnmobil hantieren und Glenn auf sehr passende Weise den Wagen sozusagen erbt (weil Dale ihn gelehrt hatte, wie man ihn repariert). Solche Momente könnte The Walking Dead ruhig öfter haben, in denen es nicht unbedingt offen gesagt werden muss was Sache ist, besonders, wenn es um so etwas Feinfühliges geht.

Ich habe mich in Carl getäuscht – anstatt seine Schuld in sich hineinzufressen erzählt er Shane davon, dass er den Walker freigesetzt habe, der schließlich Dale getötet hat. Überraschend, dass er hier ein besseres Verständnis für den Jungen hat als Rick – vielleicht wollte er Rick auch nur unter die Nase reiben, dass Carl zu ihm einen besseren Draht hat als zu seinem Vater.

Shane vs. Rick.

Die Haupthandlung der Episode dreht sich allerdings um Shane selber, der frustriert von den Entscheidungen der Gruppe ist – und im Grunde hat er ja recht, wenn er sagt, dass Dales Tod im Prinzip nichts an der Situation mit Randall ändert. Er entscheidet sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und fasst einen Plan, nicht nur Randall, sondern auch Rick ein für alle mal loszuwerden: Er befreit Randall, flieht mit ihm in den Wald, tötet ihn dort und gibt anschließend an, dass Randall ihn übertölpelt hätte, und bei der gemeinsamen Suche nach dem „entlaufenen“ Jungen möchte er Rick in den Rücken fallen.

Damit erzwingt die Serie natürlich die finale Konfrontation der zwei Alphatiere der Gruppe. Ich bin so froh, dass Rick nicht blindlings in eine Falle läuft sondern Shanes falsches Spiel gleich durchschaut. Trotzdem stelle ich es in Frage, wie bereitwillig er sich in Gefahr begibt. Von der Tageszeit her jagen sie viele Stunden durch den Wald, während denen Shane eigentlich ständig kommentarlos schon die Waffe abfeuern hätte können. Und wozu? Um die gleiche Rechtfertigung für sein Ziehen wie bei Tony und Dave zu haben?

Der Showdown lief spannend, aber klischeehaft ab. Am logischsten wäre gewesen, er hätte einfach schneller gezogen als Shane, noch bevor sie auf die große Wiese gelangt sind. Rick weiß ja, was Shane mit Otis gemacht hat – dieser war zwar nicht unbewaffnet, hätte Shanes Verrat aber nie sehen können und war so gesehen auch wehrlos. Ja, Rick hat das bei der Autofahrt in „18 Miles Out„/ „Ausgesetzt“ erwähnt, wie schwer es sei, einfach abzudrücken – aber dafür sein Leben zu riskieren, dass Shane darauf besteht, dass Rick die Waffe ziehe, um ihn in einem „echten“ Duell zu besiegen? Das würde ich Shane abkaufen, wenn er nicht wieder davon angefangen hätte zu reden, wie Lori und er doch viel besser zusammenpassen würden.Großes „aber“: dass Rick Shane zuerst friedlich entwaffnet und ihm dann ein Messer in den Bauch rammt ist eine überraschende Wendung und mit Bestimmtheit einer der intensivsten Momente der gesamten Staffel, die auch visuell zu überzeugen weiß. Ich bin halt ein Shipper für Vollmondnächte…

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Im offenen Feld tötet Rick seinen ehemals besten Freund Shane (Jon Berenthal). Die gruppendynamischen Konsequenzen müssen allerdings vorerst wegen der bevorstehenden Zombieinvasion noch warten – erstmal davonlaufen und überleben.

Die Szene beinhaltet allerdings auch viele wenig plausible Aspekte. Carl will beispielsweise den beiden gefolgt sein – aber wenn Shane und Rick so tun, als würden sie einen Flüchtigen suchen, würde jedes Rascheln im Wald sofort auffallen müssen. Außerdem: Warum fand das Duell mitten auf einer Wiese statt und nicht im Wald? Da ists doch viel auffälliger, und wenn Shane den Leichnam Ricks verstecken möchte ist das auch kein idealer Ort. Für uns Zuseher natürlich schon.

Am Schlimmsten ist allerdings, dass die Proximität zur Farm überhaupt nicht stimmen kann, aus den verschiedensten Gründen. Wir sehen die Farm im Hintergrund nicht allzuweit entfernt stehen – das würde erklären, wo Carl plötzlich herkommt. Aber Shane und Rick sind ja so lang gewandert, dass es von Tag zu Nacht umgeschwenkt hat! Und was würde es Shane nützen, Rick zu erschießen, wenn man den Schuss bei der Farm hören würde und sofort alle angerannt kämen?  (Hatte Shane überhaupt einen Plan, wie er Ricks Tod oder Verschwinden erklären würde?) Diese groben und offensichtlichen Fehler in der Geschichte machen immer wieder den Eindruck, dass die Drehbücher ohne Verstand geschrieben werden. Klar ist es für die Serie praktischer, wenn das Duell nah an der Farm war, um die plötzliche Zombieinvasion dramatischer zu machen, aber es spricht nicht von Qualität, nicht fähig zu sein, dieses Szenario logisch einzuleiten.

Es ist natürlich absolut klasse, dass eine riesige Masse an Walkern auf die Farm zulaufen, angelockt von Carls Schuss – das macht wahnsinnig Vorfreude auf das Staffelfinale! Aber auch hier musste man wieder ein wenig mit der Realität schummeln, um das aus dem Hut zu zaubern: Warum haben sie diese Zombies nie entdeckt, als sie nach Sophia gesucht haben? Und sonst wurden ja auch schon etliche Schüsse abgefeuert (das Massaker an der Scheune, Dales Euthanisierungsschuss, oder der im Wald jagende Otis) – und die haben nicht einen einzigen angelockt?

Neue Regeln, neues Leid.

Shanes Reanimation war klasse gemacht, und dass Carl ihn erschossen hat und seinen Vater zumindest halbwegs versteht ist befriedigend. Dummerweise missachtet dabei die Serie wieder einmal eine ihrer selbst aufgestellten Regeln: Dr. Jenner teilte uns in „TS-19 eindeutig mit, dass die Reanimationszeit zwischen ein paar Minuten und etwa einem halben Tag daure – Shane wird also zum neuen Rekordhalter in der Disziplin Schnellreanimation! Herzlichen Glückwusch!

Die Frage, warum er überhaupt als Zombie wieder erwacht, ist eine andere. Ich habe die Theorie gelesen, dass er sich bei seinem Ausflug zur Schule in „18 Miles Out“ eine Kratzverletzung eines Zombies zugezogen hat, als er sich im Bus verbarrikadierte. Dafür spricht sein merkwürdiges Verhalten im Angesicht mit Randall in der Scheune, als er sich mit einem Schlag an die eigene Stirn zur Ordnung rufen muss. Doch warum reanimiert auch Randall, der genau wie Shane offensichtlich keine Bisse erlitten hat? Dass beide an der Schule gekratzt wurden halte ich für einen zu großen Zufall.

Meine Theorie: Alle Menschen sind infiziert. Wenn man in The Walking Dead stirbt wird man zum Zombie, egal ob man gebissen wurde oder anderweitig starb. Vielleicht war es das, was Jenner in Staffel 1 Rick ins Ohr geflüstert hatte? Auch die zwei zombifizierten Sicherheitsbeamten in „18 Miles Out“ hatten keine Bisswunden, und Shane zweifelte damals daran, dass es, wie von Rick vermutet, Kratzer gewesen seien. Andererseits: Woran wären die beiden Sicherheitsbeamten sonst gestorben?

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Glenn (Steven Yeun) findet gemeinsam mit Daryl den mysteriöserweise zombifizierten Randall (Michael Zegen), der keinerlei Biss- oder Schürfwunden aufweist.

Das wäre wirklich eine fatale Entwicklung für die Überlebenden. Die sofortigen Auswirkungen wären eher marginal, doch langfristig ist das ein gigantisches Problem. Die derzeitige Zombie-Population ist ja begrenzt – sobald die Menschheit wieder einigermaßen eine Zivilisation aufbauen kann könnte man systematisch alle Walker ausrotten. Doch so… selbst wenn sie irgendwo wieder eine stabile Gesellschaft aufbauen können kann plötzlich wieder eine Zombie-Plage ausbrechen. Es muss nur jemand durch einen Unfall oder Schlaganfall sterben, und schwupps muss sofort jemand zur Stelle sein, der der Leiche einen Kopfschuss verpasst. Schlimmer aber noch wäre es, einfach an Altersschwäche im Schlaf zu sterben – der Lebensgefährte/ die Affäre hätte keine Chance. Noch ist diese Theorie aber natürlich nicht bestätigt – einen Widerspruch habe ich allerdings auch nicht finden können.

Konsequenzen.

Dass Shane nun weg ist wird die Serie grundlegend verändern – nun ist Rick die unumfochtene Nummer 1 in Sachen Entscheidungsgewalt, weil die moralische Instanz (Dale) und ein starker Gegenpol (Shane) weggefallen sind. Genau zur rechten Zeit hat die Serie aber Zeit investiert, um Rick mehrdimensionaler zu machen und ihn nicht mehr als noblen Helden darzustellen. Er ist ein guter Mittelweg zwischen Shane und Dale – weder zu aggressiv, um Gefahr laufen, seine Humanität zu verlieren, noch zu naiv, was schwierige Entscheidungen betrifft.

Auch die Zombieinvasion verspricht einen würdigen Höhepunkt in einer Staffel, die extrem langsam begonnen hatte und erst zum Schluss hin an Dramatik wieder Fahrt aufgenommen hat. Ich freue mich über die Entwicklungen, die „Better Angels“ für die Serie mit sich bringt – Veränderung ist gut für eine Staffel, die zu langatmig dahergekommen war. Und mit Shanes Tod und einer bevorstehenden Schlacht an der Farm kann The Walking Dead eine Neuorientierung durchführen, deren erste Blüten wir im Staffelfinale begutachten dürfen.

Bla:

– Der Anfangsmonolog im Detail: „Dale coud – could get under your skin. He sure got under mine, because he wasn’t afraid to say what he thought, how he felt. That kind of honest is rare and brave. Whenever I’d make a decision, I’d look at Dale. He’d be looking back at me with that look he had. We’ve all seen it one time or another. I couldn’t always read him, but he could read us. He saw people for who they were. He knew things about us – the truth who we really are. In the end, he was talking about losing our humanity. He said this group was broken. The best way to honor him is to unbreak it. Set aside our differences and pull together, stop feeling sorry for ourselves and take control of our lives… our safety… our future. We’re not broken. We’re gonna prove him wrong. From now on… we’re gonna do it his way. That is how we honor Dale.“

– Mir gefiel auch, wie die Eröffnungsszene, Dales Begräbnis, zusammengeschnitten wurde mit der komplett plot-unabhängigen Abschlachtung mehrerer Zombies. Das ging rasant genug von statten, dass man ein wirkliches Gefühl von Wut über diesen unglücklichen Tod bekommt. Selbst von Shane.

– Wieso tritt Lori ausgerechnet in dieser Episode auf Shane zu – etwa weil er gestorben ist und man noch ein versöhnliches Gespräch zwischen den beiden wollte? Ich sehe keinen Anlass dafür, dass sie ihn die ganze Staffel lang deswegen anpflaumt und nun sich aus heiterem Himmel entschuldigt…

– Ach man, Randall wird also doch nicht Teil der Gruppe – schade. Andererseits gefällt mir, wie undurchschaubar er bis zum Ende geblieben ist. Erzählt er Shane die Wahrheit über seine Gruppe, vor allem seine eigene Rolle in dieser? Hätte er sich dieser Gruppe bereitwillig angeschlossen oder wäre er schlussendlich doch übergelaufen?

– Randall kann eigentlich ziemlich locker so durch den Wald laufen, wo er doch vor noch vielleicht 10 Tagen einen Spieß durch sein Knie ragen hatte.

– Arme Andrea, die verliert wirklich jede Bezugsperson: Erst Amy, dann Dale, jetzt auch noch Shane.

Fazit: 8 von 10 Punkten.

In einem mittel-epischen Duell kann Rick Shane töten, kurz darauf tötet sein Sohn Shane als Zombie erneut. „Better Angels„/ „Die besseren Engel unserer Natur“ punktet mit der interessanten Entdeckung, dass man auch ohne gebissen zu werden zum Walker wird, und endet mit einem extrem spannenden Cliffhänger. Ärgerlicherweise gibt es unzählige unlogische Zusammenhänge.

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