Touch 1.11 „Wirbel (Teil 1)“: Das verschollene Mädchen.

“Ein Problem ist aufgetaucht. Das Problem sind Sie, Mr. Bohm.”

ProSieben und der ORF haben sich entschieden, wohl auch wegen des mittlerweile so späten Sendetermins in der Nacht, das zweiteilige Staffelfinale von Touch nicht wie im amerikanischen Fernsehen gemeinsam auszustrahlen, sondern „Wirbel (Teil 1)“ gestern und „Wirbel (Teil 2)“ nächste Woche zu senden. Insofern werden einige Aspekte der Episode nicht ganz so rund und ausgereift wirken, wie sie es dann in Gesamtfassung dann vielleicht erscheinen mögen. „Gyre (1)„, so der Originaltitel, ist jedenfalls eine holprige Angelegenheit, doch mit ausgezeichneten, höchst überfälligen Entwicklungen für die Serie.

Quelle: offizielle Touch Facebook-Seite

Im ersten Teil verfolgt Martin, angestachelt wie so häufig durch Jakes Aktionen, die Spuren von Emilia, das ebenso wie Jake Zahlen-begabte Mädchen, dessen Tod in Frage gestellt wird. Es scheinen allerdings Parteien zu existieren, die das um jeden Preis verhindern wollen, und so läuft Martin nicht nur Gefahr, seinen Sohn zu verlieren, sondern auch sich selbst.

Folge verpasst? Kein Problem! “Wirbel (Teil 1)” ist bis 18.6.2012 HIER kostenlos und legal auf der ProSieben-Homepage verfügbar. Erst schauen, dann lesen: Ab hier gibts wie immer volle Spoiler für die Episode.

Zuerst einmal lobenswert ist, dass der Eröffnungsmonolog, der wie immer sehr schön gestaltet war, diesmal nicht nur mit einer weit hergeholten Metapher zur Folge passte, sondern auch tatsächlich von Dingen handelte, die in der Episode vorkamen (die Schätze, die an den Strand gespült werden). Ich vermute, der Folgentitel bezieht sich auf einen Art der Wirbel, der Emilia all die Zeit lang festgehalten hat, so wie die Meeresströmungen die Gummienten lange Zeit für sich behielten – „das bedeutet also, dass man sich befreien kann.“ So viel subtile Doppeldeutigkeit legt die Serie selten an den Tag – fantastisch!

Martin konfrontiert seine Schwägerin über ihre Involvierung in Aster Corps Untersuchungen über Jakes Fähigkeiten, und es ist lobenswert, wie undeutbar Abigale bleibt – während Martins anfängliche Skepsis schnell weicht, traue ich ihr nicht im Geringsten. Ich sehe sie Martin manipulieren. Arbeitet sie nicht selbst bei Aster Corp? Dann muss sie ja fast gewusst haben, dass sie ihn seit Geburt an testen.

Großartig jedoch, dass die Serie Jake an den gläsernen Dodekaeder festhalten lässt. (Der ist natürlich nicht aus Glas, er übersteht schließlich den Sturz aus dem Fenster, aber Diamant wirds wohl kaum sein.) Ich habe mich beklagt, dass Touch zu wenig visuell die Zusammenhänge verdeutlicht, und dieses Prisma ist eben nicht nur plotrelevant, sondern auch verdammt ästhetisch.

Die Suche nach Emilia.

Martin wird eben durch seinen Sohn veranlasst, sich auf die Suche nach Emilia zu begeben. Schon bald muss er feststellen, dass sie gar nicht tot ist, dass an ihrem Obduktionsbericht herumgepfuscht wurde, und auch sonst scheint eine unbekannte Kraft (wahrscheinlich Aster Corp) sehr an dem Mädchen interessiert zu sein. Das hat seinen guten Grund: Sie war wohl neben Jake das „erfolgreichste“ Experiment Tellers, nicht zuletzt deshalb, weil er sie nach zehn Jahren erstmals zum Sprechen bringen konnte. Wäre das stärker forciert worden, dass sie ebenso wie Jake stumm gewesen sei, wäre das ein größerer Schock gewesen, trotzdem war das eine gelungene Szene.

Mr. Bohm befindet sich allerdings nicht allzulange im Besitz der Beweise, dass das Mädchen am Leben ist: Er wird von einem Unbekannten niedergerempelt, seiner Unterlagen entledigt und dann in einen U-Bahn-Schacht geworfen – der Storyline-Supergau der Episode. Martin zweigt gezählte 2 Sekunden von einem viel frequentierten Gehsteig in eine Seitengasse ab und wird ohne Probleme nicht nur niedergeschlagen und beraubt, sondern auch noch verschleppt. Außerdem hätte man das spannend inszenieren können, vielleicht sogar mit nem kurzen Zweikampf oder so (ich weiß, Martin Bohm ist kein Jack Bauer, aber manchmal wär das wirklich erforderlich). Stattdessen kommt diese Rempelei eher lahmarschig rüber.

Dass er dann auf einem U-Bahn-Gleis zurückgelassen wird… ist nicht nur extrem klischeehaft, sondern auch reichlich dämlich. Und ich spreche dabei gar nicht mal von der Tatsache, dass er genau in der richtigen Sekunde aufwacht und in absolut letzter Sekunde mit dem Leben davonkommt – das ist nunmal Fernseh-Dramatik. Wenn Aster Corp ihn wirklich tot sehen möchte, dann würden sie doch eine Methode wählen, die sicher ist. Und um ihm bloß Angst zu jagen wäre das ne total übertriebene Aktion. Letzteres ginge nur, wenn – und das ist eine persönliche Theorie, die die Folge vor meiner Aussage „schlampiges Skript“ bewahren würde – Aster Corp einen der 36 Auserwählten besitzt und so wusste, dass sich Martin retten könne. Das wäre ein toller Twist, ein Aufeinanderprallen zweier Auserwählter! Spektakulär ist jedenfalls Jakes Version des Unfalls mit Spielzeugzug, bei dem die Kamera in genau dem richtigen Moment wegschneidet.

Wir lernen auch kurz Emilias Eltern kennen. Die beiden scheinen wichtige Spieler im zweiten Teil zu werden, besonders Lucy (die Mutter). Ich wünschte wirklich, wir hätten diese beiden Menschen schon früher kennen gelernt – die beiden hätten interessante Gesprächspartner für die zwei Hauptcharaktere (Clea und Martin) darstelen können, und auch der Musterthematik hätte es geholfen, wenn Jake die beiden schon früher hätte einbinden lassen.

Die Nebengeschichten.

Das wirklich enttäuschende an dieser Episode war für mich, wie lose die B- und C-Handlungen (am Strand bzw. die Familie in Japan) mit Martins Hauptquest zusammenhingen. Das könnte vielleicht wieder damit zu tun haben, dass wir Teil 2 noch nicht gesehen haben, aber bislang war die Geschichte um die japaniche Familie komplett irrelevant für unsere Hauptcharaktere, und diese Nebengeschichte fühlte sich gegen Ende der Folge schon recht abgeschlossen an. Es war zumindest eine nette, wenn auch arg stereotype Geschichte (Samurai-Schwert, wirklich? Und so war die Verbindung zu dem Mann am Strand sofort klar). Die tränenvolle Verbeugung des Vaters vor seinem Sohn war dann aber schon ein toller Moment.

Wichtiger hingegen ist die Geschichte vom Mann am Strand, der aus Japan angeschwommenen Plunder sammelt. Auch das war eine recht gute, aber bei weitem keine spektakuläre oder emotional fesselnde Nebengeschichte und dient mehr als Grund, Lucy als Charakter einzuführen. Dass aber eine äußerst wichtige Figur in diesem Handlungsstrang mitspielt ist ohnehin ein Pluspunkt für sich. Touch ließ einen wieder in „Gyre (1)“ miträtseln, aber allzu schwierig war es auch wieder nicht, herauszufinden, dass die Frau am Strand Emilias Mutter ist. Ich persönlich sah es aber nicht kommen, dass die japanische Mutter jene Frau ist, die der Trümmersammler angeblich ertrinken sah, was der Episode einen überraschenden, bereichernden Moment verleihte.

Sehr cool finde ich, wie diesmal dafür gesorgt wurde, dass überhaupt irgend etwas zusammehängt (was etwas anderes ist, wie stark es zusammenhängt, wohlgemerkt). Jake war zwar wie immer fleißig, allerdings nur in der ersten Hälfte der Episode und das auch nur für Martin. Mit Lucy und der japanischen Familie hat er aber nie auf irgendwelche Weise interagiert. Touch kann allerdings dennoch mit einer tollen Antwort aufwarten, und das rechne ich der Serie hoch an: Nicht Jake hat für die Begegnung zwischen Lucy und dem Trümmersammler gesorgt, welche alles weitere in Gang gesetzt hat, Emilia wars! Sie wusste, schon damals vor ihrem angeblichen Autounfall, dass die japanische Familie Hilfe benötigte, und kreierte für ihre Mutter so ein Szenario, dass sie auf den Trümmlersammler treffen würde und dessen Samuraischwert mit dem Schwerthalter aus dem Fernsehen vergleicht.

Mythologie und Fortschritt.

Von Arthur Tellers bestem Freund Avram erhalten wir erneut einen tieferen Eindruck in die Mythologie von Touch. Avram folgt weiter dem Trend, recht freizügig mit Tellers Geheimnissen überzugehen – gut so. Wir erfahren auch, warum das, was Martin macht, als falsch angesehen wird, sei es von dessen kuriosen Freunden oder vielleicht auch Aster Corp. Jake habe Grenzen überschritten, da er weiß, dass er einer der 36 Ausgewählten ist. Dass er Martin als Werkzeug verwendet, die von ihm aufgezeigten Problemstellen des Universums zu lösen, ist scheinbar diversen Parteien nicht recht. Avram aber ist voll okay – weil er den Jungen selbst unterstützt wird er auch seine Hilfe Martin abieten. Wie das sich weiterentwicklen wird werden wir wohl entweder im Staffelfinale nächste Woche oder überhaupt erst in der nächsten Staffel sehen – ich gehe stark davon aus, dass Avram eine wichtige Rolle in Zukunft spielen wird.

Es ist schon ein wenig lächerlich, wie lange nun der Sorgerechts-Handlungsbogen sich erstreckt hat. In beinah jeder Episode der 12-teiligen ersten Staffel von Touch wurde damit gedroht, es gab Untersuchungsausschüsse und Besprechungen und Diskussionen, doch bislang blieb das stets ohne Konsequenz. Das mag vielleicht realistisch sein, dass sich so eine wichtige Entscheidung für das Leben eines Kindes über viele Untersuchungsgrämien hinweg zieht, im TV wirkt das allerdings reichlich repitiv. Umso besser also, dass man hier endlich eine Entscheidung gefallen hat und den Stecker zieht: Martin verliert das Sorgerecht! Das wird natürlich höchstwahrscheinlich nur temporär sein, aber für einen guten Cliffhänger sorgte es allemal. Endlich wagt die Serie mal wieder eine spannende Entwicklung, die sie ein wenig von der recht rigid gewordenen Folgenstruktur wegbewegt. Und warum scheint sich Clea plötzlich gegen Martin gewandt zu haben?

Dank Aster Corps drastischen Maßnahmen zieht sich die Schlinge endlich enger um unsere Hauptcharaktere, nachdem sie eigentlich die gesamte Staffel über nie wirklich da war. Und während die Serie langsam lernt, was Spannung bedeutet, hat der Hauptplot eine tolle Geschwindigkeit gefunden. Ich für meinen Teil freue mich riesig auf Teil 2 und erwarte mir nicht nur Antworten, sondern vor allem auch jede Menge bislang noch unbekannter Zusammenhänge.

Bla:

– Mit Tellers Büro wird die Sendung immer ein Ass im Ärmel haben. In dem befinden sich tausende und abertausende Dokumente, Videos, Zahlen, geheime Botschafteun und was weiß der Kuckuck noch alles, mit denen sich Clea und Martin wohl noch staffellang beschäftigen könnten. So wie es quotentechnisch derzeit aussieht wird allerdings nach Season 2 Schluss sein – die Zuschauerzahlen für das Finale in den USA waren katastrophal.

– „Ein Geduldsspiel ist nur eine Metapher für sich selbst.“ Emilia sagt, mit Worten zu kommunizieren ist evolutionär überflüssig, genau wie der kleine Zeh. Ha!

– Schön konsistent mit der Episode der Vorwoche, aber sonst irrelevante Info: Aster Corps Deckname für ihre „Forschungen“ soll Mobius sein.

– Ich liebe die Worte, mit denen die englische Wikipedia-Seite „Gyre (1)“ diese Episode beschreibt. „connections are revealed between events that seem unrelated.“ Einfach köstlich.

– Wie praktisch: Martin erwähnt, dass er natürlich immer schon ein Geschick dafür gehabt habe, Ausweise zu fälschen. Was war der denn bitte für ein skrupelloser Reporter?

– Übrigens heißt das Mädchen tatsächlich Amilia, nicht Emilia, so wie ich es in den Reviews immer geschrieben habe. Ich werde meine Schreibweise der Einfachheit halber einfach beibehalten.

– Wenn die Serie nicht weiß, was sie tun soll, wirft sie einfach eine random Szene mit den zwei japanischen Mädchen ein. Während das manchmal recht gut gepasst hat (vor allem bei Natalies Video Blog), war es diesmal komplett irrelevant für absolut alle Figuren dieser Episode. Fad.

– Wer wettet, dass Jake zum Staffelfinale auch etwas reden wird? Dass Emilia es auch getan hat macht das nur umso wahrscheinlicher.

– Schon früh in der Staffel spekulierte ich, dass es in Touch wohl so eine ähnliche Organisation geben würde wie im ebenfalls von Tim Kring geschaffenen Heroes die „Firma“ es war. Stellt sich raus, dass ich recht hatte! Die „Firma“ nennt sich schlichtweg AsterCorp.

– Die dieswöchige Zahl: 2217 – diesmal nur ganz nebensächlich erwähnt. Vielleicht mehr davon in Part 2. Insgesamt ergibt das nun für die Emilia-Sequenz: 318 5296 3287 9522 9756 1188 1604 55124 2545 2217.

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

Zum Schluss schafft Touch es mit „Wirbel (Teil 1)„, die Haupthandlung großteils zufriedenstellend in die Geschichten einzubauen. Diese erscheinen im ersten Teil extrem lose – hoffentlich kann hier nachgebessert werden. Visuell war die Episode ziemlich ansprechend, vor allem natürlich beim Eingangsmonolog.

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2 Gedanken zu “Touch 1.11 „Wirbel (Teil 1)“: Das verschollene Mädchen.

  1. Sehr schöne Review 🙂 Freue mich auch total auf den zweiten Teil. Schade dass die Serie so „schlecht“ beim allgemeinen Publikum ankommt 😦

    • Danke. Ja, ich bin auch sehr traurig über den großen Zuschauerschwund, der Hype vom Anfang war schnell weg. 😦 Zum Glück haben die Mitternachtsausstrahlungen annehmbare Quoten.

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