The Walking Dead 2.11 „Judge, Jury, Executioner“: Sorry, Bruder.

„This group is broken.“

Dass Randall wieder zurück auf die Farm mitgenommen wird ist ein größeres Problem für die Farm, als ich es erwartet hätte. Die Gruppe Überlebender ist hartherzig geworden: Sie überlegen, den Jungen hinzurichten. Die Entscheidungsträger der Gruppe (Rick und Shane) sind einstimmig dafür, und nur einer setzt sich dafür ein, den Jungen am Leben zu lassen: der ewig moralisierende Dale.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Dale (Jeffrey DeMunn) kämpft mit aller Kraft gegen die Exekution von Randall.

Judge, Jury, Executioner„, auf Deutsch eher wenig empathisch als „Sorry, Bruder“ betitelt, ist in vielerlei Hinsicht eine gewaltig gute Episode, mit Bestimmtheit die beste der zweiten Staffel. Während im Hintergrund die Shane-Rick-Rivalität weiterläuft, die in der vorherigen Episode ihren Höhepunkt gefunden hatte, steht die gesamte Gruppe vor der Entscheidung, wie sie mit Menschenleben umgehen wollen. Für ihre Entscheidung bezahlen sie allerdings mit einem hohen Preis.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler.

Die Episode beginnt mit einem sehr verstörenden Verhör: Daryl versucht, aus dem Jungen herauszupressen, was dessen Gruppe Überlebender für Menschen sind. (Da fragt man sich natürlich, ob und warum sie während dessen Genesung zwischen den Episoden „2.09 Triggerfinger“ und „2.10 18 Miles Out“ überhaupt nicht an Informationen interessiert waren.) Nun, da sie wissen, dass Randall über den Standort der Farm Bescheid weiß, hat sich die Lage grundlegend verändert – wenn sie ihn freilassen könnte er seine Freunde zur Farm führen, um deren Ressourcen zu plündern oder sie sogar selbst zu besetzen. Wir erfahren, dass Randalls Pack aus rund 30 Mitstreitern besteht, inklusive ein paar Kindern, aber dennoch äußerst gefährlich ist. Randall macht den Eindruck, harmlos zu sein, aber Daryl erfährt, dass seine Freunde brutale Verbrecher sind, die vor grausamen Vergewaltigungen nicht zurückschrecken. Die Furcht von Rick und Co. ist also gerechtfertigt.

We have to eliminate the threat“, ist Rick zur Überzeugung gekommen. Auch hier greift man direkt wieder auf die Entwicklungen von „18 Miles Out“ zurück. Beth hingegen kommt nur am Rande vor, und idiotischerweise darf auch Andrea wieder ins Farmhaus hinein – wie von mir prophezeit hatte dieser Handlungsstrang also keinerlei Relevanz für die Geschichte der Hauptfiguren. „Sorry, Bruder“ hingegen konzentriert sich zu 100% auf die Haupthandlung und die Weiterentwicklung der Figuren. So ein zielstrebiges Verhalten hat die Serie in der zweiten Staffel bislang selten an den Tag gelegt, und siehe da: Schon zaubert man eine absolut packende Dreiviertelstunde auf die Fernsehbildschirme.

Dale war immer schon die moralisierende Figur der Gruppe schlechthin. Das hat ihn manchmal die falschen Entscheidungen treffen lassen, wie beispielsweise, als er die Waffen verstecken wollte. Doch diesmal hat er allen Grund, sich zu beklagen: Wieso sollte Rick das alleine entscheiden, ob der Junge sterben soll oder nicht? Wer hat ihm die moralische Authorität erteilt? Mir gefällt, wie sehr uns die Serie in die Meinung gelullt hat, dass Randalls Leben wirklich debattierbar sein kann. Dales Argumente wecken uns auf, und obwohl seine Versuche scheitern, Andrea, Daryl, Hershel Shane und Rick zu überzeugen, erkennen wir, wie degeneriert die Gruppe schon geworden ist und wie der moralische Verfall bereits in ihr Leben Einzug gefunden hat. Es ist schon schaurig, wie seelenruhig der noch vor kurzer Zeit so vom Guten überzeugte Rick einen Galgen schlingen kann und wie sich niemand um Dales Mission kümmert.

Neben Dale wird auch Carl in den Mittelpunkt der Episode gerückt – über beide Figuren erfahren wir eine Menge mehr. Ich frage mich, was die Serie eigentlich in der ersten Hälfte der zweiten Staffel gemacht hat – da haben wir bis auf Glenn, Daryl und Lori (meh…) gar keinen von der Gruppe näher kennen gelernt! Und jetzt, seit ein paar Episoden, hagelt es nur so von Charakterarbeit, dieThe Walking Dead leistet.

Carl schaut sich den Gefangenen selbst mal aus der Nähe an, und in ziemlich amüsanten Szene versucht Randall ungeschickt, ihn zu überreden, ihn doch frei zu lassen. (Haha, Randall ist klasse, seine Verhandlungstechnik muss er wohl in einer TV-Serie gelernt haben – er lobt Carl für seinen Hund und sagt ihm, wie toll sein Dad doch sei.) Shane entdeckt ihn und tötet vor Wut beinah Randall direkt an Ort und Stelle. Shane ist immer noch eindeutig ein wenig wahnsinnig – diesmal verliert er sein Temparament sogar gegenüber Carl: „Oh, and Carl… good try getting yourself killed, man.“ Es ist ein kluger Schachzug, neben dem nunmal sehr standfesten Dale auch ein Kind als moralische Instanz zu sehen, der, wie man zuerst meinen könnte, es nicht verstehen kann, wieso man einen Menschen so umbringen müsse. Witzig auch Shanes fehlende Argumente gegen Carls Einwände, er weist nur darauf hin, dass es halt Erwachsenensache sei. Es ist wirklich beeindruckend, wie dicht die meisten Dialoge der Episode mit relevanten Details gefüllt sind – hier zum Beispiel eben, dass Shanes Beziehung mit Carl zu Grunde geht, weil Rick ihm klipp und klar gesagt hat: Das wird immer mein Junge sein.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Carl (Chandler Riggs) begiebt sich auf höchst naive Art auf Zombie-Jagd im Wald. Seine kindliche Neugier nimmt groteske Formen an, als er den Zombie förmlich reizt.

Dass Carl Daryls Waffe stiehlt und ohne wirklichen Grund durch den Wald zu streifen beginnt ist natürlich wieder eine dieser absolut törichten Aktionen der Charaktere von The Walking Dead. Doch bei Carl passt es zumindest ein wenig, insbesondre wegen dem, was wir gegen Ende der Episode erfahren, als er bei der Exekution von Randall zuschauen möchte: Carl ist verdammt geschädigt von dieser Welt. Sophias Tod hat ihn anscheinend mehr mitgenommen als uns oder Carol, und generell ist der ständige Umgang mit Tod und Leichen kein idealer für ein heranwachsendes Kind. Im Wald begegnet Carl, wie könnte es auch anders sein, einem Zombie, der feststeckt. Neugierig, aber auch grausam wie ein Kind bewirft er ihn mit Steinen, tratzt ihn, droht ihm mit der Waffe mit dem Tod – bis es zum Unfall kommt und Carl beinah durch seinen Leichtsinn getötet wird. Carl kann entkommen, der Walker wird jedoch auf freien Fuß gesetzt. Weil er ein Kind ist erzählt er niemandem davon…

Inzwischen kommt es zu einem richtigen Kriegsrat in Hershels Haus. Obwohl Dale es nicht geschafft hat, irgendwen zu überzeugen, Randall am Leben zu lassen, gewährt Rick ihm, seine Meinung kund zu tun. Dales Monolog ist sein größter Moment der Serie, eine rundum fantastische Szene. Beinah jeder Charakter wird beleuchtet und bekommt kurz das Wort, alle sehen den Jungen als Bedrohung, aber bis auf ein paar wenige Ausnahmen möchte keiner die Verantwortung übernehmen. Das Gespräch ist äußerst vielschichtig – zum Beispiel könnte man es so interpretieren, dass jeder, der ein Verbrechen nicht verhindert, es verschuldet. Schließlich kann er Andrea überzeugen, doch die ansonst so klischeehafte Kettenreaktion bleibt aus, die Entscheidung wird gefällt: Rick, Shane und Daryl werden den Burschen am Abend erschießen. Wirklich wahnsinnig, wie kaltblütig sie geworden sind – während Ricks „I killed the living to protect what’s mine“ von „Triggerfinger“ klingt plötzlich gar nicht mehr heroisch.

Am Abend also versammeln sich die drei Männer und wollen den Burschen exekutieren, doch in letzter Sekunde taucht Carl auf. „Do it, dad.“ ermutigt er seinen Vater. Und Rick bemerkt: Was tun wir hier eigentlich? Was sind wir eigentlich für Vorbilder? Ich bin froh, dass Rick sich umentscheidet, und sehe mich darin bestätigt, dass er nicht, wie in der vorherigen Episode behauptet, genauso wie Shane an dessen Stelle Otis geopfert hätte. Rick ist ein besserer Mensch als das. Anschließend rügt er seine Frau dafür, dass sie Carl aus den Augen hatte verloren, sodass er zur Scheune gekommen war. Meine heimliche Theorie ist allerdings. Lori hat das absichtlich gemacht oder ihn sogar hingeschickt, weil sie zwar ihren Mann unterstützt, aber ihm nicht zustimmt. In der letzten Folge hat sie nämlich noch stolz behauptet, dass die Frauen für Stabilität und Ordnung sorgen würden, weil sie sich so danach sehnen würden. Aber was ist das für eine Stabilität, in der ein Mann für ein Verbrechen gehängt wird, das er noch gar nicht begangen hat? The Walking Dead als Western zu bezeichnen ist da gar nicht mehr so abwegig.

Tragischerweise erfährt Dale gar nicht mehr, dass sich Rick und dadurch wohl auch die Gruppe umentschieden hat. Verärgert und enttäuscht über die mangelnde Humanität stapft er bei Nacht durch die Wiese, nur um von dem Walker attackiert zu werden, den Carl irrtümlich frei gesetzt hatte. Ja, Dale wusste natürlich nichts von dem frei herumlaufenden Walker, aber bitte: Die Farm ist ja nicht von einem Zaun umgeben, der andere Zombies davon abhalten würde, auf das Grundstück vorzudringen. Allein bei Nacht raus zu gehen ist natürlich eine absolute Wahnsinnsidee. Trotzdem hat Carl Schuld an Dales Tod, und wie auch schon bei der Otis-Storyline gibt es keine Beweise, doch wird am Gewissen des Verschulders nagen.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Daryl (Norman Reedus) gewährt dem sterbenden Dale Euthanasie. Rick kann es nicht, weil ihm durch das abnormale Verhalten seines Sohns klar geworden ist, dass Dale mit seinem Gerede von der schwindenden Humanität recht behalten hatte. Rest in peace.

Dales Tod ist tragisch, keine Frage, aber die Serie macht damit absolut den richtigen Schritt. Nicht, weil er der Story im Wege gestanden wäre, sondern vielmehr, weil das der perfekte Zeitpunkt ist, um sich von Dale zu verabschieden. Es wäre zwar interessant gewesen, seine weitere Beziehung mit Andrea zu verfolgen, aber so ist ihr Abschied dadurch gekennzeichnet, dass Andrea ihm schlussendlich recht gegeben hatte. Auch symbolisch hat sein Tod natürlich einen großen Wert – mit ihm stirbt sozusagen auch die Moral, und es liegt nun an den verbliebenen Überlebenden, diese ohne ihn aufrecht erhalten zu müssen. Keine Frage, durch Ricks Zögern, Randall zu erschießen, lebt Dales Idee weiter, aber hat keinen so geerdeten Charakter mehr, auf den sie sich verlassen kann. Wieder bringt die Serie die Idee ins Spiel, ein Leben für ein anderes Leben ausgetauscht zu haben (Dale für Randall), und ich glaube, Dale wäre damit einverstanden. Aaah, ich werde ihn vermissen, diesen weißbärtigen Mann in den chilligen Klamotten. Auch wenn er in Staffel zwei alles andere als geglänzt hat – nach seinem starken Auftreten in dieser Folge war sein Tod alles andere als antiklimatisch. Dumm selbstverschuldet und fahrlässig allerdings schon.

Bla:

– Dass Glenn ein Familienerbstück von Hershel bekommt ist schon ein wenig klischeehaft, vor allem passierte es aber ohne wirklichen Aufbau sondern kam aus heiterem Himmel. Irgendwie verspricht das allerdings auch den Untergang der Farm und vielleicht auch der von Hershel, ein gutes Omen ist es jedenfalls nicht. Dale sprach in Staffel 1 übrigens auch von einer Uhr von seinem Vater…

– „Keeping humanity – that’s our choice!“

– Man, Carl muss aber weit in den Wald gelaufen sein. Sie haben ja schon so gut wie die ganze Gegend nach Sophia durchsucht, und trotzdem war ein Walker so nah an der Farm stecken geblieben. Dass nachts keine Wachen positioniert sind ist einfach nach wie vor schlichtweg ur-fahrlässig und steht in keinem Verhältnis zum Apokalypse-Setting.

– Zu köstlich: Der ansonsten ohnehin schon so farblose (haha) T-Dog bekommt während des Kriegrats nicht nur keine einzige Zeile, sondern auch noch nicht einmal ein Close-up seines Gesichts, das uns zumindest eine Ahnung gäbe, wie er zum Thema stehe. Schon unglaublich, wie sehr er vergessen wurde in der zweiten Staffel.

– Hm, mal ein paar Gedanken: Offensichtlich werden getötete Tiere nicht zu Zombies – zum Glück. Wie gruselig wäre das, wenn selbst Kleintiere wie Eichhörnchen oder Mäuse zu Todfeinden werden könnten? Oder Ameisen oder so? Uh…

– Auch bei Dale zögert Rick abzudrücken – Euthanasie ist nicht sein Ding. Ich finds eigentlich eine Frechheit, dass sie nicht Dale selber fragen, ob sie ihn von seinem Leiden erlösen sollen oder nicht. Schließlich erledigt Daryl für Rick den schmutzigen Job und tut es mit den Worten „sorry, brother“ – sein erstes Anzeichen von Empathie seit dem Tod von Sophia.

– RIP Dale. 😦

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Auch wenn die Serie nach wie vor von ständigen Inkonsistenzen geplagt wird – „Judge, Jury, Executioner„/ „Sorry, Bruder“ ist spannend, bewegend, und bringt die Serie ein großes Stück vorwärts. Es wird viel philosophiert, aber in einem plotrelevanten und charaktergetriebenen Kontext. Überhaupt klappt die Charakterisierung der Figuren mittlerweile besser als zu Beginn der Staffel – umso mehr schmerzt es, den soeben erst wieder liebgewonnenen Dale zu verlieren.

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2 Gedanken zu “The Walking Dead 2.11 „Judge, Jury, Executioner“: Sorry, Bruder.

  1. Ok hab jetzt mal ein wenig im Netz herum gesucht und find es lustig, dass keinem auffällt wie dämlich Dale einfach mal stirbt… wie bekommt man bitte den Unterleib von jemandem Aufgerissen auf dem man fast liegt und das auch noch mit den bloßen Fingern in so einem Winkel!?!? also alles klar von nem Zombie gebissen werden geh ich mit… aber ernsthaft, mal einfach den Unterleib aufreißen… bitte, das kam zum Ersten mal vor und war so bescheuert – Alle Zombies sind offensichtlich Profikletterer mit Fingermuskeln wie ich am Unterarm habe oder was?

    • Es stimmt, dass die Serie ziemlich inkonsistent in Punkto Zombies ist. In Folge 2 hatte man beispielsweise behauptet, man müsse sehr vorsichtig mit dem Blut von Walkern umgehen, nur um das noch in der selben Episode zu ignorieren, und mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem scheinbar nur noch ein Biss zur Infizierung führt.
      Auch die Kraft der Walker schwankt stark – wie du richtig sagst, das ist schon sehr merkwürdig, dass sie hier plötzlich genug davon besitzen, um einfach so Dales Magen aufzureißen. Damits halt dramatisch ausschaut und mal etwas anderes ist als ein Biss… (Generell war diese Todesszene einfach dämlich.)

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