The Walking Dead 2.09 „Triggerfinger“: Am Abzug.

„You killed the living to protect what’s yours?“

Am Abzug“ (Originaltitel: „Triggerfinger„) lässt The Walking Dead nun endgültig sein Formtief der zweiten Staffel zurücklassen: In einer dynamischen, spannungsgeladenen Episode bewegen sich die Charaktere endlich wieder vorwärts und sehen sich Konflikten gegenüber, die nicht aus ihrer eigenen Dummheit resultieren oder bloße Beschäftigungstherapie für die Figuren ist.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Rick (Andrew Lincoln) und Glenn (Steven Yeun) müssen aus der Bar fliehen.

Rick, Glenn und Hershel wollen eigentlich einfach nur auf die Farm zurückkehren, haben aber die Rechnung ohne die Freunde der soeben erschossenen zwei Männer, Tony und Dave, gemacht, die natürlich nach ihren verschollenen Freunden suchen und sogar die Schüsse gehört haben. Nach mehreren intensiven Minuten vergeblichen Suchens wollen sie schon abrauschen, bis einer meint: Hat denn noch keiner in der Bar nachgesehen?

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler.

Dass urplötzlich die Nacht eingebrochen ist ist zwar unrealistisch, schafft allerdings gute Rahmenbedingungen für die enorm effektvolle Sequenz der Flucht aus der Bar. Wir erleben alles aus der Perspektive von Rick, Glenn und Hershel, und dieser Mangel an Informationen über ihre Sicherheit klappt hervorragend. Wir wissen nicht, wie viele Männer dort draußen sind, wo sie sind, wie sie bewaffnet sind, ob sie noch warten oder nicht, ob sie wissen, dass die Bar einen Hinterausgang hat, und vor allem auch nicht, ob sie bereit sind, vernünftig zu verhandeln.

Rick entscheidet sich jedenfalls, ihnen die Wahrheit mitzuteilen: „They drew on us!“, aber seine Worte sind vergebens. So sehr er auch damit Recht hat, dass ein Krieg keiner Seite helfen wird, werden Daves Freunde nicht einfach friedlich abhauen, wo doch grad ihre zwei Kumpel umgebracht wurden. „Triggerfinger“ baut da geschickt diesen Konflikt aus, mit dem wir in „Nebraska“ zurückgelassen worden sind: Durch Ricks Verweigerung der Aufnahme auf die Farm hatte sich das unglücklich hochgeschaukelt, eskalierte dann, und nun sieht es für Daves Freunde so aus, als ob sie Dave grundlos umgebracht hätten. Diesmal war keine Figur fahrlässig oder schlichtweg dumm, um dieses Problem herauf zu beschwören (wie es beispielsweise bei Daryls Verletzungen war), und auch verließ sich dieser Handlungsstrang nicht auf einen Zufall, um in Fahrt zu geraten.

Es ist Nacht und die drei kämpfen nicht nur unter schlechten Sichtbedingungen, sondern auch noch auf unbekanntem Terrain. Um zur Hintertür zu kommen muss Glenn erstmal einen finstren Lagerraum durchqueren. Auch draußen sind die Sichtverhältnisse kaum besser, und dass wir nicht sehen, woher die abgefeuerten Schüsse kommen, macht die Lage nicht besser.

Einer von Daves Freunden kommt allerdings in Sichtweite und wird von Hershel angeschossen. Ich war wirklich überrascht und applaudiere die Serie dafür, dass dieser junge Mann nicht von Hershels Schuss gleich getötet worden ist, sondern erst jammernd kurze Zeit rumlag, ehe durch den Schusswechsel angelockte Walker kommen und ihn bei lebendigem Leibe fressen. Das ist grausam und erschütternd, und The Walking Dead labt sich auch ein wenig an der Szene – seine Schreie wollen und wollen einfach nicht verstummen, was zum Gefühl beiträgt, dass wir tatsächlich dabei sind und es wirklich passiert. Effektiv, und der Grund, warum Daves Freunde dann schließlich auch schleunigst das Weite suchen wollen.

Dabei lassen sie einen von ihnen, Randall, zurück, nachdem dieser beim Sprung seiner Schützenposition, dem gegenüberliegenden Dach, sich versehentlich sein Bein an einem Gittertor aufspießt. Ja, hier macht sich „Am Abzug“ der von mir so stigmatisierten Dummheit und Ungeschick eines Charakters zu Nutze, aber hier verzeihe ich das gerne, denn: Was die Serie aus diesem Unfall macht ist großartig. Während ihn seine Freunde im Stich lassen (sie sagen zwar, sie müssten jetzt wirklich endlich abhauen, aber eigentlich will der Fahrer des Pick-ups sich bloß nicht in Gefahr begeben) eilt Rick pflichtbewusst zu ihm hin.

Ich liebe die Hektik dieser Minuten und wie ernst die Serie die Situation behandelt. Für einen Moment glaubt man fast, dass Glenn angeschossen sein könnte, als Rick nach ihm sieht (Glenn hatte sich aber einfach nur versteckt). Und Randalls Verletzung (durch sein Knie ragt nun ein Gartentorpfeiler) – da weiß keiner recht, was tun, was in diesem Moment durchaus realistisch ist. In Windeseile gehen sie die Optionen durch: zurücklassen, Bein amputieren, an Ort und Stelle operieren. Da aber immer mehr Zombies auftauchen entschließt sich Rick schließlich in einer Kurzschlussreaktion, einfach das Bein mit Gewalt aus dem Pfeiler herauszureißen. Randalls Gejammere, Geflehe und Geschreie sowie die sich ansammelnde Walker-Meute sorgen für jede Menge Feuer in dieser Szene, die für mich überraschend endete: Ich vermutete, dass sie Randall zurücklassen müssten, genau wie seinen von den Walkern gefressenen Freund.

Inzwischen kümmert sich „Triggerfinger“ auch um die anderen Figuren. Die gute Nachricht gleich zuerst: Die Supergau-Storyline mit Loris Verkehrsunfall wird recht zügig und spannend abgehakt. Die Eröffnungssequenz ist klasse – gibt es eigentlich irgendetwas Erschreckenderes, als wie Lori aufzuwachen und plötzlich einen Zombie sich durch die Windschutzscheibe beißen sehen? Dieser Gruselmoment wird zwar nicht allzu schockierend rübergebracht, trotzdem funktioniert die Szene. Auch wenn Lori (leider?) nicht stirbt: Erstmals erlegt sie zumindest selbst einmal einen Walker. Beim zweiten ist es denkbar (und vielleicht auch ein wenig unglaubwürdig) knapp, auch gegen diesen kann sie sich wehren.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Die ansonsten von mir oftmals verspottete Lori (Sarah Wayne Callies) muss erstmals selbst etwas für ihr Überleben tun, indem sie ihren selbstverschuldeten Unfall überlebt.

Dass Shane sie mit einer Lüge zurück zum Bauernhof lockt passt gut zu seinem Charakter. Lori ist natürlich sauer, aber im Grunde hat er wieder einmal das rational richtige getan. Wie Andrea aber anmerkt muss er einfach nur an der Verpackung seiner Worte arbeiten – leider lässt die Serie ihn das mit nichtigen Argumenten wegblasen. Wer braucht schon Logik, wenn man einen bösen Charakter etablieren möchte?

Randall auf das Landhaus mitzunehmen ist ein interessanter Handlungsstrang, und es ist schön, hier wieder eine rein moralische Frage die Gruppe diskutieren zu lassen. In einer tollen Kriegsrat-artigen Szene an Hershels Wohnzimmertisch argumentiert Rick dafür, ihn in der Stadt auszusetzen, sobald er wieder genesen ist. Konsequent verfolgt er also die Ansicht, dass er es Hershel schuldet, keine weiteren Menschen mehr auf dem Landgut aufzunehmen. Andere argumentieren für die Aufnahme auf die Farm, und Shane würde ihn wahrscheinlich am liebsten selbst gleich umbringen. Es sind diese moralischen Dilemmas, die The Walking Dead interessant machen – offensichtlich ist keine Altenative optimal, und zudem müssen sie sich nun vor einer weiteren Gruppe Überlebender in der Umgebung fürchten. Es bereichert die Serie, wenn Konflikte nicht nur untereinander und mit den Walkern ausgetragen werden, sondern auch mit anderen Überlebendentrupps, mit denen sie sich um Ressourcen streiten – insbesondre deshalb, weil die Gefahr von den Walkern auf der Farm so gut wie gar nicht gegeben ist und die friedliche Idylle auf der Farm für wenig Dramatik sorgt.

Auch der gruppeninterne Konflikt mit Shane vs Rick scheint nun endgültig unausweichlich. Shane glaubt tatsächlich, dass Lori und er einfach zusammengehören, dass das Baby bestimmt seines wäre und dass es besser wäre, wenn Rick tot wäre. „But what we had… that was real. It was real. Don’t say it wasn’t“ – „It wasn’t.“ Lori bestürzt das tief, und sie gelangt zur Überzeugung, dass Shane wohl auch Rick umbringen könne, wenn sich die Gelegenheit ergibt – Otis hat er schließlich schon auf dem Gewissen.

Bislang war solch Gerede mit und über Shane in The Walking Dead mehr stimmungsbestimmend als dass sie reaktive Handlungen erforderten. Das ändert sich hier, als Lori Rick alles erzählt. Mir gefällt, dass sie dabei so reinen Tisch macht, wie sie es macht und wie Rick reagiert – so langsam wird dieser nämlich endlich fähig, tatsächlich die Führung der Gruppe zu übernehmen und nicht nur so zu tun als ob. Rick war bislang immer zögerlich und hat stets versucht, den diplomatischen, aber umständlichen und oftmals gefährlichen Lösungsweg zu bestreiten. Als Lori ihn jedoch dazu auffordert, sich um Shane zu kümmern (in welcher Form auch immer, obwohl Lori eine endgültige am liebsten wäre), muss er allerdings eine endgültige Entscheidung treffen, die wohl seine Handlung in der Bar entweder in Frage stellt oder bestätigt: Wird er Lebende töten können oder müssen, um das Wohl der Gruppe zu gewährleisten?

Bla:

– „If the baby’s a girl, can we name her Sophia?“

– Witzige Variation einer (erneuten) Glenn-Maggie-Diskussion: Sie denkt, es wäre wieder alles in Ordnung und möchte das mit einem Kuss verdeutlichen, muss aber feststellen, dass sie Glenn missverstanden hat.

– Fantastische Kameraarbeit in der gesamten Episode. Besonders gut gefielen mir die Kameraperspektive aus der Sicht des eben erschossenen Tonys in der Bar sowie die kreisende Kamera über Loris Unfallwagen.

– Shanes Heuchelei: Zuerst versichert er Carl, dass sie seinen Vater gleich am nächsten Tag suchen gehen würden. Sobald er erfährt, dass Lori verschwunden ist, springt er sofort ins Auto und braust ihr nach. Haha!

– Was ist denn mit Daryl los? Seinen Mitmenschen zu misstrauen ist eine Sache, aber was er Carol da an die Backe knallt ist schon extrem hart: Er gibt ihr die Schuld für den Tod ihrer Tochter, er sagt ihr, wie nutzlos sie doch nun sei, wo sie niemanden hat, und dass sie nicht sein Problem sei. Irgendwie befürchte ich, dass er sich in sie verliebt habe und das nicht zugeben möchte – würg. Bitte bitte nicht!

– Toller Moment: Als Rick und Hershel überlegen, wie sie Randalls Bein freibekommen, stuppst Glenn das Bein einfach mal an, um zu schauen wie ernst die Lage ist. Randall schreit natürlich auf, und Glenn sagt geschwind „Sorry!“, um seine Aktion zu entschuldigen. Inmitten der Panik findet man eine Sekunde Zeit für Humor.

„Are you sure you want to risk it?“, fragt Dale Andrea, als sie sich bereit erklärt, nach Ricks Gruppe zu suchen. Ich schätze diesen Charakter dafür, dass er sich um seine Mitmenschen sorgt und Ausschau nach ihnen hält, aber das ist nun wirklich übertriebene Vorsicht.

– Ich verstehe Glenns Grund einfach nicht, mit Maggie schluss zu machen. Er möchte niemandem wichtig sein, um stets mit Kopf reagieren zu können??

– Ich glaube, dass der Zeitrahmen der Episode einfach nicht stimmen kann. Zu Beginn der Episode ist die Nacht noch jung, da es ja noch Tag war, als Dave und Tony die Überlebenden ursprünglich in der Bar fanden. Als Rick, Hershel, Glenn und Randall auf die Farm kommen ist schon der nächste Tag angebrochen. Was haben die die ganze Nacht getrieben? Die Schießerei in der Bar hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert, höchstens eine ganze…

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

Am Abzug“ sind die bislang packendsten dreißig Minuten der zweiten Staffel plus typisches Gelabere am Bauernhof. Einerseits beinhaltet sie packende Action mit für die Haupthandlung interessanten Konsequenzen (Randall, eine verfeindete Gruppe Überlebender in der Stadt), andererseits packt man die nun schon zwei Staffeln sich aufbauende Rivalität zwischen Shane und Rick am Schopf. Die Handlung bewegt sich vorwärts, die Charaktere auch, die Serie auch.

Advertisements

3 Gedanken zu “The Walking Dead 2.09 „Triggerfinger“: Am Abzug.

  1. Pingback: The Walking Dead 2.11 “Judge, Jury, Executioner”: Sorry, Bruder. | Blamayers TV Kritiken

  2. Hi, eine besondere Szene fehlt noch in deiner Auflistung, nämlich die wo Lori zurückgebracht wurde und sich aufregt, dass sie angelogen wurde obwohl sie selber in den vergangenen Folgen nicht wirklich ehrlich gewesen ist.

    Ansonsten vielen Dank für deine Ausführlichen Kommentare, die meine Meinung zu den einzelnen Folgen nahezu wortgetreu wiederspiegelt 🙂

    • Ha, danke. Ich hatte diese Folge schon beinah verdrängt – im Nachhinein wirken manche dieser Lori-Züge wie schlechte Scherze, über die man nachher nur noch schmunzeln kann.

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s