The Walking Dead 2.08 „Nebraska“: Duell im Saloon.

„You people are like a plague!“

Nach dem ziemlich explosiven „Pretty Much Dead Already“ muss The Walking Dead dessen Scherben erst einmal aufsammeln. Die Episode setzt direkt dort an, wo die Episode davor aufgehört hat: All unsere Hauptcharaktere stehen immer noch, geschockt von dem gerade geschehenen Massaker, vor den Überresten der Zombies aus der Scheune, inklusive Sophia.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

In der Bar treffen Rick (Andrew Lincoln) und Co. auf weitere Überlebende (u. a. Michael Raymond-James), die auf der Suche nach einem Platz zum Bleiben sind.

Nebraska“ ist ähnlich strukturiert wie die meisten der bislang eher enttäuschenden Episoden der zweiten Staffel: Während sich der Großteil der Gruppe auf der Farm aufhält, diverse Erledigungen tätigt (Leichen verbrennen) und sich in Einzelgespräche vertieft muss ein A-Team (diesmal bestehend aus Rick und Glenn) in die Stadt aufbrechen, um irgend etwas Nicht-Plot-Relevantes zu tun. „Nebraska“ gibt dabei aber endlich einer Figur mehr Gesicht, die es dringend benötigte.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler.

Alle weinen, aber Shane ist das egal. „You knew!“, pfeffert er Hershel entgegen und spielt dabei auf die Tatsache an, dass die lang gesuchte Sophia in Wirklichkeit die ganze Zeit in der Scheune war. Dieser hat zwar eine logische Erklärung parat – Otis hatte den kleinen Zombie dort kurz vor seinem Ableben eingesperrt, bevor er von der Suche nach ihr erfuhr – aber Shane will nicht auf den alten Mann hören. Auch wenn der Großteil der Überlebenden insgeheim damit mehr als einverstanden war, die Scheune gegen den Willen der Greene-Familie zu öffnen, macht er sich damit wieder einmal mehr zur tickenden Zeitbombe der Gruppe.

Diesen Eindruck haben nicht nur wir als Zuseher, auch die Gruppe bekommt es langsam spitz. Ich finde es zwar ziemlich dämlich, dass Shane vor Dale bereitwillig zugibt, dass er Otis im Stich lassen musste, aber für die Stigmatisierung Shanes ist das wohl von Nöten. (Ob das von Nöten für die Serie ist ist eine andere Frage.) Der Rest der Unterredung zwischen den beiden besteht gänzlich aus Anschuldigungen an Dale, dass er lang nicht so viel für die Gruppe tue wie Shane (klingt wie eine Episode Survivor) sowie das sich lust machen über ihn. Dales Charakter schaut sehr blass aus in dieser Szene.

Die Leichen werden verbrannt oder vergraben, je nachdem wie viel sie den noch Lebenden bedeuteten. Sophias Begräbnis war ziemlich antiklimatisch, ein weiteres Zeichen dafür, dass wir einfach nicht genug in diese Figur investiert waren. Auch bleibt Carol dem Begräbnis fern, weil sie ja „nur“ einen Zombie begraben haben, ein Auswuchs der tiefen Depression, in die sie verfällt. Ihr Zerreißen der Cherokee-Rose war alles andere als subtil, aber trotzdem ein guter Weg, ihre Verzweiflung darzustellen.

Hershel möchte die Gruppe von seinem Land jagen, und er hätte auch allen Grund dazu: Die Überlebenden haben gänzlich seine Wünsche ignoriert, so wahnhaft sie auch gewesen sein mögen. Großer Kontinuitätsfehler: In der letzten Episode haben wir ihn noch fröhlich Wein zu seinem Mittagessen trinken sehen, nun wird uns plötzlich erklärt, dass er ein strikter Gegner des Alkohols sei, aus Angst rückfällig zu werden. Hershel flieht nach dem Begräbnis in die Stadt, um seine Trauer um seine verstorbenen Familienmitglieder und Freunde im Alkohol zu ersaufen.

Das ist mal wieder der Aufhänger für den Haupthandlungsstrang dieser Episode – Rick und Glenn fahren in die Stadt, um Hershel zu suchen, zurückzubringen und gleichzeitig zu überzeugen, dass sie weiterhin auf der Farm willkommen sein sollen. Auf der Fahrt dorthin offenbart die Serie allerdings wieder mal, dass sie mit so manchen Storylines nicht unbedingt geschickt umgehen kann, in diesem Fall Glenns Beziehung mit Maggie. Ich bin nicht gegen eine Beziehung der beiden, aber Glenns kindliche Fragen zu Rick ziehen die Figur ein wenig ins Lächerliche und die Beziehung auf Seifenoperniveau. Maggie hat ihm gesagt, dass sie ihn liebt (nach ein paar Tagen auf der Farm??), und er wusste nicht was antworten. Immerhin, ein paar intelligente Ideen hat die Serie schon zu bieten: Glenn vermutet, dass sie in Wahrheit nur verliebt sein will, und ich hege den Verdacht, dass sie mit diesem Statement Glenn an die Farm binden möchte, für den Fall, dass die Gruppe tatsächlich das Landhaus verlassen muss. Dummerweise aber kümmert die Serie mehr: „I never had a woman say that to me before.“ Trenz.

Getoppt wird das aber mit Abstand mit dem bislang dämlichsten Subplot der gesamten Serie – Lori möchte den beiden hinterherfahren. The Walking Dead leidet oft daran, dass seine Figuren dumme Entscheidungen treffen, die dann die Gruppe beschäftigen, anstatt Problemstellungen für die Figuren zu erschaffen, die auch mit Verstand gelöst für Dramatik sorgen. Loris Handlungen in dieser Episode sind in vielerlei Hinsicht sehr fragwürdig für jemanden, der scheinbar schon mehrere Monate in einer Zombieapokalypse lebt.

Dummheit #1: Lori geht selber, weil Daryl genug davon hat, nach Menschen zu suchen und dabei sein Leben zu riskieren. Eine Figur, die ohnehin nie etwas selbst erledigt, sondern lieber an anderen (Rick, Shane) rummotzt, bittet jemand anderen, für sie sein Leben zu riskieren. Außerdem fragt sie nur Daryl, obwohl sie auch Dale, Andrea oder T-Dog hätte fragen können. Was mich schon zur Dummheit #2 führt: Aus Trotz, dass Daryl ablehnt, fährt sie alleine los – in einer Gegend, in der sie sich nicht auskennt, mit 0 Erfahrung mit Waffen natürlich eine denkwürdig schlechte Idee.

Dummheit #3: Beim Autofahren stellt sie sich unwahrscheinlich dumm an und blickt nicht auf die Straße. In unserer Welt kann man das vielleicht bei freier Fahrt und einer langen Gerade leisten, aber in der gefährlichen Welt der Postapokalypse ist das lebensgefährlich, wie sie selbst bei ihrem Unfall feststellen muss. Aber am allerschlimmsten wiegt für mich Dummheit #4: Lori hat nicht den Hauch eines Grundes, sich überhaupt auf diese Expedition zu begeben! Rick und Glenn wissen ja schon, dass sie Hershel so schnell wie möglich zurück auf die Farm bringen müssen, weil seine Tochter medizinische Hilfe benötigt. Die Verschlimmerung des Zustands des Mädchens, was der Grund für Loris Aufbruch ist, tut dabei doch überhaupt nichts zur Sache. Was erhofft sich Lori denn: Dass sie in die Bar stolpert und ihnen sagt, dass sie nun _noch_ dringender Hershel zurückholen müssen?

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Ich hätte es nicht besser formulieren können: „She’s one of the last humans on Earth… The streets are empty and it’s a beautiful sunny day… And yet… She crashes! Wtf Lori?“

Dieser Handlungsstrang ist wirklich extrem schwach – er ist nicht spannend, er ist nicht logisch, er hilft weder ihrer Charakterentwicklung noch dem Hauptplot. Ja, ihr Autounfall ist ein Cliffhänger für die nächste Episode, aber eigentlich wünsche ich mir, dass ihre Figur die Serie verlässt – und bei der Qualität dieser Nebenhandlung auch gleich die entsprechenden Menschen, die für die Charakterentwicklung zuständig sind. Bei Lori hat sich in der gesamten Serie erst wenig getan, und ich bezweifle fast, dass man noch etwas Interessantes mit ihrer Figur machen kann.

Besser in jeglicher Hinsicht verläuft die Szene an der Bar. Dass Hershel endlich einsieht, dass die Zombies tatsächlich untot sind und nur das Erscheinen von Menschen haben, ist schonmal ein großer Schritt, der allerdings auch bedeutet, dass die Überlebenden die Farm wohl doch nicht verlassen müssen. Gleichzeitig aber stellt er ernüchtert fest: „There is no hope“. Hershel will das auch auf Ricks Gesicht gesehen haben, als dieser die untote Sophia erschoss.

Zum Glück wird diese „Lebensbejahung vs. Nihilismus“-Debatte nicht zum dritten mal wiederholt (Lori und Rick haben das schon zwei mal durchgekaut), sondern von Dave und Tony unterbrochen – zwei urplötzlich im Salon auftauchende Überlebende, die gerade in der Gegend waren und die drei in der Bar bemerkt haben. Dave gibt den Figuren ein paar wichtige Informationen – für uns Zuseher ist es allerdings irrelevant, ob Rick und Co. nach ihrem Urlaub auf der Farm in Richtung Nebraska oder Fort Benning aufbrechen. Frieden werden sie wahrscheinlich in keinem der Plätze finden.

Grad in Zusammenhang mit dem Ende der Episode könnte Ricks Eskapade in die Bar als „Abenteuer der Woche“ bezeichnet werden, aber von Hershels Einsicht abgesehen wird auch Rick endlich mit Charakterentwicklung belohnt. Dave presst aus den drei wortkargen Rick, Hershel und Glenn hervor, dass sie auf einer nahe gelegenen Farm wohnen, und drängt darauf, dass sie und ihre Gruppe ebenfalls auch die Farm kommen könnten. Ricks Entscheidung aber steht fest: Keine weiteren Menschen mehr für die Farm.

Das ist etwas, das er vor ein paar Episoden noch nicht gesagt hätte, und ist wirklich ein monumentaler Schritt für ihn. Einerseits beweist er damit Hershel, dass er auf dessen Seite steht (wichtig für ihr eigenes Bleiberecht auf dem Landgut), andererseits zeigt es, dass er eingesehen hat, dass blindes Vertrauen in die Menschen auch mal aufs Auge gehen kann, wen man bedenkt, was seit Ricks Auftauchen auf Hershels Farm alles für Unglücke für die Greenes geschehen sind.

Verständlicherweise zeigen Dave und Tony gar kein Verständnis für Ricks Ablehnung – so wäre es Ricks Gruppe absolut auch gegangen, wenn Hershel ihnen damals die Tore verweigert hätte. Und eine Gruppe muss keinen Shane haben, um auf Provokation mit Gewalt zu reagieren: Als Dave eine Waffe zücken möchte erschießt Rick zuerst ihn und anschließend den ebenfalls ziehenden Tony. Damit raubt The Walking Dead Rick endgültig seine Unschuld, auch wenn man es durchaus als Notwehr durchgehen lassen kann. Mir gefällt, dass damit endlich auch der „Held“ der Serie, der die moralische Flagge hochhält, sich damit beschmutzt und feststellen muss: Die alten Regeln gelten nicht mehr. We are not in Kansas anymore.

Bla:

– Irgendwie gefiel mir, dass Hershel sich fürs Begräbnis schön hergerichtet hat, mit Krawatte und Anzug, während die Überlebenden einfach das anhaben, was sie noch besitzen.

– In dieser Episode fällt es wirklich sehr auf: Es gibt fast nur Konversationen zwischen zwei Leuten, nur ganz selten mehr. Auch deshalb entwickeln sich die Figuren wesentlich langsamer als sie es sollten.

– Schwarzen Humor beweist die Serie, als Andrea und T-Dog die Leichen wegtransportieren wollen – versehentlich reißt ein Arm ab, und Andrea schnappt ihn sich und schleudert ihn auf die Ladefläche. Mittlerweile sind sie wirklich schon abgehärtet, ein schöner Kontrast zu den Farmbewohnern.

– Diese Beth, die blonde kleine Tochter von Hershel, die plötzlich nur noch an die Decke starrt: Täusch ich mich oder ist das etwa… Luna Lovegood von Harry Potter?

– Lieder werden in The Walking Dead eher selten abgespielt, aber wenn dann auf effektvolle und stilvolle Art und Weise. Das Ende dieser Episode war jedenfalls sehr stimmungsvoll.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Das Nachspiel des Massakers vor der Scheune wird mit genügend Takt aber leicht antiklimatisch behandelt. Auch wenn die Episode sich wieder einmal keinen Arm ausreißt (haha): Rick Grimes wird endlich ein interessanterer Charakter, und danach hat die Serie schon seit längerem gelechzt (haha). Die Nebenhandlung von „Nebraska“ mit Lori am Steuer ist allerdings einfach nur desaströs.

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4 Gedanken zu “The Walking Dead 2.08 „Nebraska“: Duell im Saloon.

  1. Pingback: The Walking Dead 2.12 “Better Angels”: Die besseren Engel unserer Natur. | Blamayers TV Kritiken

    • Es kann auch alkoholhaltiges Getränk bedeuten. Ich denke aber, dass jemand mit Alkoholproblem wohl auch Abstand von Wein halten würde, oder nicht?

  2. Pingback: The Walking Dead 3.06 “Hounded”: Kollision. | Blamayers TV Kritiken

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