The Walking Dead 2.07 „Pretty Much Dead Already“: Tot oder Lebendig.

„We don’t know if we’re going to find her, we don’t. I don’t.“

Pretty Much Dead Already“ (im Deutschen „Tot oder Lebendig„) ist die Episode von The Walking Dead, auf die man eigentlich seit Beginn seiner zweiten Staffel gewartet hat – die Geschichte kommt voran, Charaktere gehen in die Luft und die lange Suche nach Sophia findet endlich in einer erstklassigen Szene ihr Ende. Nach vielen mittelklassigen Episoden findet die Serie damit endlich wieder zu ihrer guten Form aus der ersten Staffel zurück.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Endlich mal wieder plotrelevante Zombie-Action: Shane (Jon Berenthal) ist Ricks (Andrew Lincoln) Verhalten zuwider, für Hershel Zombies wie Erkrankte zu behandeln.

Es ist erfreulich, wie bereitwillig die Überlebenden nun geworden sind, ihre Geheimnisse auszuplaudern. Dadurch reagieren endlich einmal wieder mehr als bloß ein paar wenige Charaktere auf die aktuellsten Entdeckungen. Glenns Geständnis, dass die Scheune voller Walker ist, sorgt für ordentlich Tumult – nicht alle wollen Hershels Auffassung, die Zombies am „Leben“ lassen zu müssen, Folge leisten. Ein weiterer Streitpunkt zwischen Shane und Rick – diesmal allerdings mit sehr realen Konsequenzen.

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler.

Glenns Beziehung mit Maggie ist ja ein ständiges Auf und Ab – in jeder Folge scheint sie ihm erst die kalte Schulter zu zeigen/ ein Ei auf seinem Kopf zerschlagen, bevor er dann doch wieder ihr Herz gewinnen kann. Diesmal tut er das mit einem schönen, leicht pathetischen Monolog, in dem er ihr erzählt, dass er sich nun einmal Sorgen um sie macht. Streitpunkt sind die Zombies in der Scheune und dass Glenn es seinen Freunden verraten hat. Glenn wusste, dass es für einen Rukus sorgen würde, aber es ist Fakt, dass sie eine beständige, unnötige Bedrohung für die Gruppe darstellen. „Secrets get you killed„, sagt Glenn – man muss wirklich dankbar für seine Rationalität dabei sein. Geheimniskrämerei gilt sonst oft als Tugend im TV, und Glenns Einstellung dürfte ihn nicht nur zu einem MVP der Gruppe sondern auch der Serie machen – endlich jemand, der aktiv die Handlung vorantreiben möchte. Maggie verzeiht ihm zwar gar schnell, aber das dürfte sich nach dieser Folge wieder relativieren.

In „Pretty Much Dead Already“ geht es darum, ob und unter welchen Bedingungen die Gruppe weiterhin auf Hershels Bauernhof residieren darf und was die Scheune damit zu tun hat. Hershels Wunsch, dass die Gruppe die Range wieder verlässt, wächst beständig. Rick versucht es auf die diplomatische Weise, kann aber nur einen schwachen Deal herausschlagen: Sie dürfen bleiben, solange sie nach seinen Regeln spielen – das wurde schon vor ein paar Episoden etabliert. Genau heißt das allerdings: Keine Walker dürfen umgebracht werden – was sich so gar nicht mit der allgemeinen Paranoia-Stimmung vertragen will. Als Zeichen dafür, dass Rick diese Regeln akzeptiert, hilft er den Farmbewohnern, zwei Zombies aus dem Sumpf zu retten und in die Scheune zu führen. Hershel realisiert gar nicht, was für eine Schnapsidee ist, Rick allerdings schon: Die Überführung der zwei Walker ist enorm riskant, und für was? Mir gefällt, wie Rick hier in die passiv-akzeptierende Rolle gedrängt wird, weil er sich nicht traut, nach eigenen Regeln zu spielen.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Rick verhandelt mit Hershel (Scott Wilson) um das Bleiberecht für seine Gruppe.

Diese gebückte Haltung, die Rick da annimmt, macht es den Gruppenmitgliedern umso einfacher, Shane unterstützen zu wollen. Dieser kennt bei Walkern nichts: Sie müssen umgebracht werden. Die erste offene Konfrontation und Diskussion, ob man die Walker in der Scheune eliminieren soll oder nicht, gewinnt noch Rick, weil Shane noch nicht allzu energisch auf seine Meinung besteht. Eine Reihe von Gesprächen mit Rick, Lori, Carl und Dale lassen ihn allerdings entgleisen.

Rick erzählt ihm, dass Lori schwanger ist – wer der Vater ist ist natürlich unklar und wird das wohl für immer bleiben. Shane fasst diese Nachrichten gar nicht gut auf – und er geht zu Lori und behauptet, dass es bestimmt seines sei. Lori aber, in einem ihrer recht selten gewordenen sympathischen Momenten, erzählt ihm, dass es egal sei, wer der biologische Vater sei, ihr zweites Kind würde immer nur einen Vater haben – Rick. Anstatt klein bei zu geben sammelt Shane allerdings wieder mal fleißig Sympathie-Minuspunkte, als er ihr klipp und klar sagt: Rick wird sterben, weil er sich nicht mit der Anarchie der Postapokalypse arrangiert hat. Mit letzterem mag er zwar recht haben, trotzdem sollte er so etwas wohl lieber Andrea sagen und nicht Lori. Ich mein, was erhofft er sich denn etwa? Durch diesen schwarzen Anstrich, den Shane durch diesen Dialog verpasst bekommt, schwindet die Ambiguität seiner Handlungen weiter – ich schätze, ich muss mich wohl endgültig damit abfinden, dass Shane der Böse ist.

Carl ist Shane aber immer noch sehr wichtig, und so horcht er auch auf, als dieser felsenfest davon überzeugt ist, auf der Farm so lange bleiben zu wollen, bis Sophia gefunden ist – und am liebsten noch länger. „Could be a home„, meint er zu seiner Mutter in einer anderen Szene. Von der Farm abhauen fällt somit als Option raus – also will Shane für ihre gemeinsame Sicherheit sorgen. Nur stellt sich ihm da ein Problem in den Weg: Dale.

Dale ist ein spannender Charakter, ich genieße seine oftmalige Übersicht über die einzelnen Vorgänge in der Gruppe. Bislang hat er immer die friedliche Lösung gesucht – umso überraschter bin ich davon, dass er die Waffe auf Shane richtet. Passt das zu seinem Charakter? Er fühlt sich bedroht, keine Frage, aber von Shane abgesehen, der den moralischen Kodex komplett abgelegt hat, ist Dale damit der erste, der seine Waffe auf einen lebenden Mitstreiter richtet. Auch wenn er nur das Beste für die Gruppe im Sinn hat – diese Szene, als Shane Dales Bluff callt, finde ich ein wenig überdramatisch.

Tatsächlich dramatisch sind allerdings die gesamten letzten zehn Minuten der Episode – mit großem Abstand das Beste, was wir in der zweiten Staffel seit der ersten Folge gesehen haben. Das Beste daran ist, dass die Haupthandlung endlich mal wieder durch eine Aktion vorangetrieben wird, anstatt die Action-Szenen nur beliebig in die Episode zu integrieren. Im Gegensatz zu Staffel 1 war die zweite Season damit äußerst verhalten – bis auf die ausgezeichnete Szene am Highway in „Zukunft im Rückspiegel“ und Shanes Flucht aus der Schule war da eine schwere Durststrecke auf die Serie zugekommen, die meiner Meinung nach die Qualität sinken ließ. Noch besser ist es, wenn Serien es schaffen, wichtige Charaktermomente und Epiphanies (Momente der Erleuchtung) in große Szenen wie die Endsequenz von „Tot oder Lebendig“ einzubauen – und genau das liefert diese mich sehr zufriedenstellende 13. Episode von The Walking Dead.

Wie ein Dampfzug rauscht Shane zu den anderen Überlebenden und händigt Waffen aus – der Grund für seinen Wutausbruch ist mir allerdings schleierhaft. Mir gefällt, wie er versucht, Carl zu manipulieren und auf seine Seite zu locken, indem er auch ihm eine Waffe in die Hand drücken möchte – Lori vereitelt das aber. Ich habe schon wieder vergessen, was Shane alles rumschreit, doch seine Motivationsschreie für die anderen sind überzeugend. Allen ist bewusst, dass sie dabei gegen die Wünsche ihres Gastgebers handeln, dennoch sehen sie ein, dass die Scheune eine Gefahr für sie darstellt. Alle, die mitmachen – Andrea, T-Dog, Daryl und Glenn – verstecken sich dabei aber auch in Sachen Verantwortung hinter Shane, der gern die „Schuld“ auf sich nimmt.

Die Szene intensiviert sich, als just in diesem Moment Hershel und Rick mit ihren zwei gefangenen Zombies auftauchen. Der gesamte Cast hat sich zu dieser Zeit auf dem Platz vor der Scheune eingefunden – es lohnt sich deshalb, diese Szene auch mehrmals anzusehen, um die Reaktionen jeder einzelnen Figur einzufangen. Shane demonstriert Hershel, dass die Walker nicht mehr leben, indem er dessen gefangenem Zombie zuerst mehrmals durch den Torso schießt (was keinen Effekt auf den Walker hat) und ihn schließlich effektvoll hinrichtet. Und Shane öffnet die Tore der Scheune.

Eigentlich wäre das Massaker nichts Neues für die Serie, solch ähnliche Szenen haben wir in der ersten Staffel des Öfteren gesehen. Aber so wahnhaft Hershels Vorstellung, die Walker seien nur Menschen mit einer Krankheit und kurierbar, auch ist, in dieser Szene kann man (Scott Wilsons großartiger Performance sei Dank) seine Qual dennoch miterleben – für ihn sterben seine Frau und sein Schwiegersohn (Maggies Ehemann? Hingerichtet von Glenn?) erst an diesem Tag. Exekutiert von seinen Gästen. Eine absolut fantastische Szene, die das Gleichgewicht auf Hershels Landhaus gründlich verändert: Hershel wird die Überlebenden davonjagen wollen, egal was Maggie ihm über Nächstenliebe erzählt, und Shane wird womöglich da etwas dagegen haben.

Dann aber natürlich noch die nicht minder gelungenen letzten drei Minuten von „Pretty Much Dead Already„: Nach ewig langer Suche finden sie endlich Sophia, nun eine von den Untoten. Ihr Fund war längst längst überfällig, vor allem wenn man bedenkt, dass wir sie davor so gut wie gar nicht kennen gelernt haben – natürlich, der Tod eines Kindes ist tragisch, aber in The Walking Dead sterben viele Menschen, und deren Tod hat nur dann für mich als Zuseher eine Bedeutung, wenn ich eine emotionale Verbindung zu ihnen aufgebaut habe. Sophias Tod bewegt mich schon, ja, aber eine Abwesenheit von sechs Episoden, die sich mehr oder weniger alle um die Suche nach ihr gedreht haben, rechtfertigt das nicht.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Sophia (Madison Lintz) hat sich die ganze Zeit über in der Scheune befunden. Rick richtet sie.

Sophias Todesszene bekommt allerdings genügend Respekt und Pathos – auch die Musik spielt mit. Sicher, es ist natürlich ein glücklicher Zufall, dass gerade sie der einzige Walker in der Scheune ist, der so langsam herausstürmt – aber das braucht es nunmal, um die Szene auf die passende Länge auszudehnen, damit die Tatsache, dass sie nun ein Walker ist, in uns einsickern kann. Ich bin froh, dass ihr Fund so effektvoll gestaltet und sie nicht einfach irgendwo zufällig im Wald aufgegabelt wurde. Und auch wenn ich kein Fan von Carol bin: Sophias Tod schmerzt, weil man bei ihr das Gefühl wie bei keiner zweiten Figur hat: Sie hat das nicht verdient.

Mit diesen Entwicklungen an der Scheune tätigt die Serie einen großen Schritt vorwärts, und ich bin gespannt was weiter passiert. So offen war zuletzt der Cliffhänger nach Staffel 1 – wird die Gruppe nun endgültig von der Farm vertrieben? Und auch zwischen den Figuren stellt sich durch Shanes Verhalten so langsam so etwas wie Dynamik wieder ein. Ein wenig besorgt bin ich um Carol – ich hoffe, dass wir nicht noch einmal den selben Handlungsstrang durchmachen wie bei Andrea. So gesehen wäre mir lieber, wenn Carol verloren gegangen wäre statt Sophia: Carol ist nämlich sonst eher langweilig und könnte womöglich noch eine Gefahr für Daryl darstellen.  The Walking Dead darf aber ruhig  in diesem Tempo weitermachen.

Bla:

– Es mag zwar die Gesellschaft nicht mehr geben, das heißt aber nicht, dass für Carl der Schulunterricht zu Ende ist – Lori gibt ihm Einzelunterricht.

– „Guys: there’s walkers in the barn.“ Mir gefällt, wie die Handlungen der gesamten Episode sich aus diesem Satz entwickeln.

– Maggie und Glenn haben nach nur ein paar Tagen endgültig alle Scheu abgelegt: Sie küssen sich mitten auf dem Feld.

– Daryl scheint wieder komplett in die Gruppe integriert zu sein, die Worte der Halluzination seines Bruders scheinen absolut keinen Einfluss gehabt zu haben – enttäuschend, wie rücksichtslos man da Handlungsstränge einfach liegen lässt bzw. wie wenig man diese ausgearbeitet hat.

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Mit „Pretty Much Dead Already„/ „Tot oder Lebendig“ beginnt The Walking Dead endlich, sich aus dem Sumpf seiner Formschwäche in der zweiten Staffel herauszuziehen. Auch wenn manche Charaktere immer noch ein wenig blass aussehen, ein paar von ihnen (Shane, Glenn) feuern nun endlich aus allen Zylindern. Die Scheunensequenz ist spannend, packend und tut der Serie wahnsinnig gut.

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