Sherlock 2.2 „The Hounds of Baskerville“: Angst und Verstand.

“ I don’t have friends. I’ve just got one.“

Wenn eine Serie so ein Meisterwerk wie „Ein Skandal in Belgravia“ abliefert sind die Erwartungen für die weiteren Episoden natürlich enorm – und man muss fast damit rechnen, dass die Serie nicht immer auf einem so hohen Niveau liegen kann. Genau das passiert beim Betrachten von „Die Hunde von Baskerville„, der zweiten Folge der zweiten Staffel von Sherlock, welche leider kein Vergleich dazu ist.

Quelle: http://www.tvfanatic.com/gallery/the-hounds-of-baskerville-scene/

Dr. John Watson (Martin Freeman) und Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) haben diesmal das Glück, den Fall in der wunderschönen Landschaft Englands zu lösen.

Sherlock Holmes befindet sich einmal mehr auf der dringenden Suche nach einem Fall und stellt allerlei irrationale Sachen an (mein Favorit ist, als er blutüberströmt nach Hause kommt und nicht erwähnt wird, woher das Blut stammt) – er ist geradezu süchtig nach Fällen, durch sie lebt er, durch sie kann er sich profilieren, durch sie ist er wer er ist. Sein Bekanntschaftsgrad lässt Henry Knight Holmes vom mysteriösen Tod seines Vaters berichten, und Holmes ist begeistert – ab nach Baskerville auf die Jagd nach überlebensgroßen Bestien!

Ab hier gibts wie immer volle Spoiler.

Die Begegnung zwischen Holmes und Klienten ist eine dieser klassischen Sherlock’schen Schlussfolgerungssezierungen, die man einfach nur lieben kann und die durchaus ein Markenzeichen der Serie sind. Der Fall: Henrys Vater wurde in seiner Kindheit in den Bergen Baskervilles von einem riesigen Hund mit schwarzem Fell und roten Augen getötet, was Henry mitansehen musste. Als Henry kürzlich wieder dort war hat er die Bestie erneut gesehen – er bittet Holmes, nach Baskerville aufzubrechen und den Fall zu klären.

Holmes nimmt den Fall an, weil ihn Henrys Verwendung des Wortes „hound“ neugierig macht. Sherlock tut den Übersetzern da natürlich keinen Gefallen – erstens wird die englische Schreibung dieses Begriffs später noch relevant für die Geschichte, und zweitens gibt es in der deutschen Sprache schlichtweg keine 100%ig passende Übersetzung, meist übersetzt man es mit „Jagdhund“ oder einfach nur „Hund“. Die deutsche Fassung leidet unter dieser Unübersetzbarkeit, die Authentizität der Szenen gehen flöten. Auch später wird die deutsche Sprache zum Hindernis: Sherlock Holmes identifiziert eine Figur als amerikanisch anhand der Verwendung von „cell phone“ statt „mobile phone“, für uns aber klingt das ziemlich aufgesetzt.

Sherlock nützt die Gelegenheit, sich eine ganze Episode lang außerhalb Londons zu befinden: Die Landschaft sieht einfach großartig aus. Sonnenaufgänge, Wolkenumbrüche, Felsformationen und ewige Weiten – Sherlock fängt sie alle ein und rückt sie ins rechte Licht. Es sieht fabelhaft aus, wenn eine Einstellung den Wechsel von Tag zu Nacht im Zeitraffer zeigt, und in der selben dann Holmes, Watson und Henry mit Taschenlampen durch das Bild laufen.

Die beiden hören sich im Örtchen von Baskerville um und werden unter anderem beim Touristenführer fündig. Nach längerem Hin- und Herjonglieren einer Lügengeschichte finden Holmes und Watson sehr umständlich heraus, dass tatsächlich ein größeres Biest die Gegend durchstreift, als er ihnen einen Fußabdruck zeigt – ich verstehe nicht, warum der Touristenführer da so zögert, diese Information preiszugeben, die ganze Hundegeschichte sorgt ja für ordentlich Reibach. Außerdem kitzeln sie aus ihm heraus, dass einer seiner Kumpel in den Laboren einer nah gelegenen Forschungsstation genmanipulierte Monster gesehen hat.

Das stellt sich zwar später als gelogen heraus, führt die zwei Schnüffler aber dennoch in die richtige Richtung. Es macht Spaß, den beiden dabei zuzusehen, wie sie sich illegal Zutritt in diese militärgesicherte Forschungseinrichtung reinkommen. Besonders gelungen ist dabei, wie sie auf Mittel zurückgreifen, die wir schon aus vorherigen Episoden der Serie kennen: Holmes und Watson sind gute Lügner und halten so eine gute Sergant-Imitation inklusive Einschüchtern der Rekruten durch. Gestützt werden die beiden durch Holmes gestohlenen Ausweis von seinem Bruder Mycroft sowie Watsons Vergangenheit bei der Armee, sodass er tatsächlich berechtigten Eindruck bei den Soldaten schinden kann. Dass sie so weit in die Einrichtung vorstoßen können ist natürlich trotzdem weit hergeholt, die clevere Machart macht das allerdings wett.

Drinnen hatte ich das Gefühl, im falschen Film zu sitzen, mit sowas hätte Arthur Conan Doyle wohl nicht gerechnet: Ein Hightech-Labor, alles glänzt in weiß. Hier lösen sie einen kleinen Subplot um ein vermisstes Häschen („Blue Bell“), das Holmes zu Beginn der Episode nur scherzhaft in Erwägung zog – der Hase, den das kleine Mädchen verloren hatte, war tatsächlich fluoriszierend! Und die Mutter hatte es einfach wieder weggenommen, weil dieser Leuchteffekt in der Nacht nicht von ihr beabsichtigt das Labor verlassen hat. Nicht so ganz klar ist mir allerdings, warum Doktor Frankland für sie lügt – für ihn würde bei so einem großen Sicherheitsleck doch bestimmt einiges auf dem Spiel stehen, und das Ermitteln eines Privatdetektivs sollte ihn eigentlich in Alarmbereitschaft stellen, anstatt ihm auch noch zu helfen. Und das zusätzlich dazu, dass er wissentlich den Mann schützt, der nach ihm jagt.

Quelle: http://cinesnark.wordpress.com/tag/sherlock/

Dr. Stapleton (Amelia Bullmore) führt Sherlock Holmes durchs gleißend weiße Labor.

Mangels weiterer Hinweise beschließt Sherlock Holmes, dass sie (Holmes, Watson und Henry) einfach mal bei Nacht diesen Graben erkunden sollten, Dewer’s Hollow oder so ähnlich, um mehr über das Biest herauszufinden. Während Watson einer falschen Spur nachgeht – er sieht blinkende Lichter, die er für Morsezeichen hält (UMQRA), bis er am Tag darauf herausfindet, dass sich da bloß Paare für Schäferstündchen in ihren Autos treffen – betreten Holmes und Henry das Hollow, und siehe da: Der monströse Hund erscheint.

Selbst Holmes sieht ihn und beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln. In der zentralen Szene der Episode erzählt er Watson vor dem Kaminfeuer, dass es die Bestie tatsächlich gibt. Nervös zittert er – zum ersten mal seit langem wird er von Emotionen berührt, Sherlock fühlt sich seinem Körper ausgeliefert, und das behagt ihm alles gar nicht. Er ist schließlich ein rationaler Mensch, und was er gesehen hat ist absolut höchstunwahrscheinlich oder sogar unmöglich – was ihn auf die Idee bringt, dass also etwas mit seinen visuellen Eindrücken nicht gestimmt haben kann. Eine starke Szene, auch wenn die Lösung kein Superhirn gebraucht hätte.

Watson und Holmes zerstreiten sich kurzzeitig über dieses Thema, als Sherlock argumentiert, dass er keine Emotionen bräuche, keine Freunde, keine Hilfe, und dass er auch gar keine Freunde habe. Das kränkt Watson natürlich, und man muss es Sherlock hoch anrechnen, dass er sich am nächsten Tag dazu „herablässt“, sich bei John zu entschuldigen: „I don’t have friends. Just one.“ John nimmt die Entschuldigung mehr oder weniger an.

Noch ein bisschen schwieriger tut sich Henry mit der Verarbeitung der neuerlichen Sichtung des Hundes. Sein ganzes Leben scheint er paranoid gewesen zu sein, dass ihn ein Hund in der Nacht anfallen könne – in seiner Luxusbude hat er jedenfalls ein ausgeklügeltes, per Bewegungssensor auslösendes Gleisslicht. In der wahrscheinlich großartigsten Szene der Episode sehen wir die Flutlichter ständig an- und ausgehen, ohne je einen Hund tatsächlich einzufangen. Trotzdem ist er sich absolut sicher, dass ein Monster da draußen ist, und es ist auch wirklich wahnsinnig spannend. Dazu kommt noch, dass es auch visuell ordentlich Eindruck schindet: Das flackernde weiß-schwarz wirkt durchaus auch auf den Zuseher ein. Großartig!

Toll funktioniert in dieser Episode auch, dass John Watson auch endlich mal jede Menge zu tun bekommt und nicht immer nur den von Sherlock Erleuchteten spielen muss. Er ist es beispielsweise, der herausfindet, was es mit einem der Hunde auf sich hat, der herumstreift: Die Wirte bestellen deshalb so übermäßig viel Fleisch, weil sie selbst einen Hund halten und frei laufen lassen, um das Geschäft weiter laufen zu lassen. Unterstützt werden John und Sherlock dabei von Lestrade, der den beiden nach Baskerville gefolgt ist. Wie schon öfters frage ich mich, ob es immer nötig ist, diese Figur in die Fälle einzubauen – hier ist sein Auftreten schon sehr praktisch und auch leicht unwahrscheinlich. Und sonst macht er im Fall auch nichts Relevantes mehr.

Generell kommt mir vor, dass „The Hounds of Baskerville“ nicht besonders fokussiert ist. Es gibt kaum Dramatik und Dringlichkeit in diesem Fall, von einer Szene am Schluss abgesehen. Der Täter ist erstmals in der Serie recht blasser Natur und ziemlich unbedeutend, und so fühlt sich leider auch dieser Fall an. Es kommt mir mehr wie eine Tatort-Episode vor. Das soll nicht heißen, der Tatort sei schlecht oder durchschnittlich, aber Tatorte gibt es nunmal hunderte und bei einer Sherlock-Folge habe ich schon den Anspruch, etwas Außergewöhnliches oder zumindest Ungewöhnliches zu sehen.

Gut, weiter im Fall: Holmes und Watson betreten noch einmal die Forschungsanlage, weil der gesuchte Hund weit monströser ist als jener von den zwei Wirten, diesmal mit Mycrofts Einverständnis und Genehmigung. Bei der Durchsuchung eines Labors wird Watson plötzlich eingeschlossen, das Licht geht aus (zum Glück haben Detektive immer Taschenlampen dabei), und plötzlich knurrt es im ganzen Raum. Völlig verängstigt durchstreift Watson das Labor, sperrt sich dann sogar lieber selbst in einen Käfig. Später stellt sich heraus, dass dieses Szenario von Sherlock inszeniert wurde: Er schloss Watson ein, die Geräusche kamen vom Band. Damit beweist er, dass es gar nie ein Monster gegeben hat. Ich finde es ein wenig enttäuschend, dass diese Schlussfolgerung nur eine der wenigen ist, die Holmes in diesem Fall tätigt, und sie weit hinter den wahnsinnig komplexen Verwicklungen von „Ein Skandal in Belgravia“ zurückbleiben.

Dann sind da noch die Worte, an die sich Henry mysteriöserweise noch erinnert: „Liberty“ und „In“. Sherlock benützt zur Platzierung dieser zwei Begriffe die Technik des „Gedankenpalastes“, in der er tief in sich geht, um die richtigen Schlussfolgerungen zu treffen. Ich finde diese Sequenz toll animiert und hoffe, dass sie vielleicht auch in dritten und letzten Episode der zweiten Staffel, „Der Reichenbachsfall“ vorkommen wird. Allerdings hätte ich mir eine noch weitaus höhere Fülle an visualisierten Sackgassen gewünscht anstatt der vielmaligen Wiederholung mancher Begriffe. Dennoch hat die Sequenz gefallen.

Seine Folgerungen, dass es sich um Liberty im US-Bundesstaat Indiana handelt und „hound“ in Wirklichkeit ein Akronym ist, stehen im krassen Gegensatz zu jenen, die er zieht, um das Passwort des Majors zu knacken. Das finde ich fast ein wenig lächerlich, wie er sich das zusammenreimt – das funktioniert niemals. So wie ich das sehe ist das Eintippen von Thatchers Vorname pures Raten und markiert einen Tiefpunkt der Episode. Durch diesen Schritt erfahren die Ermittler aber, dass es sich bei H.O.U.N.D. um eine biologische Waffe handelt, die Halluzinationen hervorrufen kann, und dass der Täter niemand geringerer als Dr.Frankland ist.

 Der Showdown findet dann im Hollow statt, an dem Watson, Sherlock und Lestrade einen suizidalen Henry vorfinden. Sherlock Holmes kann endlich schlussfolgern, dass der Nebel im Hollow selber die Halluzinationen hervorruft – der Tatort war die Mordwaffe selber. Praktischerweise taucht auch Frankland persönlich auf, damit sie ihn gleich stellen können. Dieser versucht zu fliehen, flieht durchs Mienenfeld, tritt auf eine Miene, denkt sich „Jetzt is‘ eh scho wurscht“ und tötet sich selber. Ich bin schon ein wenig enttäuscht, dass sich der Fall so friedfertig enden lässt, ohne große Action oder Drama. „Die Hunde von Baskerville“ ist ein recht guter Krimi, mehr aber auch leider nicht.

Quelle: http://www.combom.co.uk/2012/01/sherlock-hounds-of-baskerville-tardis.html

Die wunderschöne Lichtung, an der sich der Showdown unter viel Nebel abspielt.

Dafür endet die Episode vielversprechend und denkbar kryptisch: Mycroft muss Moriarty aus der Haft entlassen. Dieser hat seine Zeit in der Zelle genützt und überall „Sherlock“ drauf geschrieben. Das Staffelfinale dürfte also spannend werden, wenns auf den Showdown zwischen Professor Moriarty und Sherlock Holmes hinausläuft.

Bla:

– Gegen Sherlock Holmes möchte ich beim Cluedo-Spielen nicht antreten. Genial: Wenn er rausfindet, dass das Opfer selbst der Täter geworden sein muss und die Regeln das verbieten müssen die Regeln falsch sein.

– Als Watson die Kühlkammer betrat war ich mir fast sicher, dass ihn jemand darin einschließen würde. Stattdessen wurde diese aber nie im Plot verwendet – überraschender roter Hering.

– Amüsant, als John bei einem Date mit der Therapeutin Louisa Mortimer von Frankland überrascht wird und dieser alles über die Ermittlungen ausplaudert.

– Ich verstehe immer noch nicht, und ich habs mir jetzt ein paar mal überlegt, warum Watson im Labor vom Biest fantasiert haben soll. Er war unter dem Einfluss von keinerlei Drogen oder Halluzinogene.

Fazit: 7,5 von 10 Punkten.

The Hounds of Baskerville„/ „Die Hunde von Baskerville“ enttäuscht nach dem überragenden Vorgänger, obwohl es keinesfalls schlecht ist. Die Geschichte ist deutlich einfacher gestrickt, die Dialoge nicht ganz so treffsicher, der Bösewicht ziemlich blass, Auswirkungen auf die Serie kaum vorhanden – „Baskerville“ ist der bislang schwächste Sherlock.

Die Hunde von Baskerville” ist bis 4.6.2012 HIER kostenlos und legal auf der ARD-Homepage, täglich ab 20:00 Uhr, verfügbar.

Advertisements

2 Gedanken zu “Sherlock 2.2 „The Hounds of Baskerville“: Angst und Verstand.

  1. Moin Herr Blameyer,
    Watson hat natürlich eine Droge zu sich genommen und deswegen von der Bestie fantasiert:
    Er hat das Gas (bzw. den Nebel) in der Kammer eingeatmet, da die Anschlüsse defekt und löchrig waren. Dort strömte das Gas unbeabsichtg aus. Ich finde, das kan man in einer Szene gut erkennen.
    Gruß Blaukönigin

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s