The Walking Dead 2.05 „Chepacabra“: Jagd nach Geistern.

„Keep it simple: I’ll control my people, you control yours.“

Unendlich langsam behandelt The Walking Dead den Konflikt, um den sich die ganze Staffel zu drehen scheint: Sophia. „Chupacabra“ bleibt alles so, wie es schon in den Episoden davor war: Die Suche, auf der diverse geringwiegende Ereignisse passieren, bleibt erfolglos, während auf der Farm die Figuren ein wenig mehrdimensionaler werden. Ganz so spannend ist das aber nicht.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Für Hershel (Scott Wilson) wird die Anwesenheit der Überlebenden zur Belastprobe: „They’re getting a little too comfortable“, erzählt er seiner Tochter (Lauren Cohan).

Die Folge beginnt allerdings mit einem Flashback, in dem wir wieder mal eine Szene vom Ausbruch der Apokalypse sehen. Shane, Lori, Carl, Carol, Sophia und der in jeder Szene fiese und deshalb schon ein wenig alberne Ed stecken auf einer Landstraße im Stau fest, die Kinder unterhalten sich mit Brettspielen. Da entdecken sie, wie das Militär Napalmbomben in die Stadt werfen, was, gemeinsam mit der einsetzenden Intromusik, für einen dramatischen Moment sorgt. Trotzdem ist die Szene einfach schwach.

Wenn man einen Flashback in die Geschichte einbaut, dann sollte das so wie beispielsweise in der ersten Staffel von Lost geschehen: Entweder charakterisiert man die Protagonisten intensiver, ein wichtiger geschichtlicher Zusammenhang wird erwähnt, oder man versucht, damit die Episode thematisch besser zusammenzuwickeln. In „Chupacabra“ geschieht allerdings keines davon.

Stattdessen haben wir es mit einem scheinbar komplett zufällig ausgewählten Moment in der Vergangenheit zu tun – ja, wir erfahren wie sich Carol und Lori kennen gelernt haben, und als Shane Lori schützend in den Arm nimmt ist wahrscheinlich der Beginn der Romanze der beiden, aber müssen wir das wirklich wissen? Relevant für die Geschehnisse auf der Farm ist das alles nicht. Leider fehlt auch ein thematischer Bezug, ich finde keinerlei Parallelen zwischen dem Flashback und der Realität der Jetztzeit. Mir hat es den Anschein, die Drehbuchautoren hatten einfach keine gute Idee für einen Episodenaufhänger und haben stattdessen die billige Variante des beliebigen Flashbacks gewählt. Wirklich schade um die vergeudete Spielzeit.

In der Gegenwart wird die Suche nach Sophia organisierter fortgesetzt: Die Gruppe hat den Wald in mehrere Zonen aufgeteilt, die sie je in 2er-Gruppen oder allein durchsuchen. Rick und Shane übernehmen einen davon und nützen die Zeit, um ein bisschen über die Vergangenheit zu plaudern, wen sie in der High School gepoppt haben (ich find das klasse, wie stolz Shane erzählt, dass er die Sportlehrerin in seine Liste mitaufnehmen konnte). Gleichzeitig merkt er allerdings an, dass sie nicht über dieses Leben reden sollten, das sie längst hinter sich gelassen haben – die Frauen, die es in Ricks und Shanes Liste geschafft haben, gibt es alle nicht mehr, genauso wenig wie die High School oder Schülerinnen… Rick hingegen ist der Überzeugung, dass man es nicht vergessen darf, dass die Erinnerung die Toten auch ehrt.

Ihre Unterhaltung schwingt in eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Suche nach Sophia um – und Shane kann endlich loswerden, was nun schon eine ganze Weile in ihm gebrodelt haben muss: Die Suche ist für ihn eine Vergeudung der Ressourcen. Das Gute an Shanes Einsprüchen und seiner oftmalige Gegenposition gegenüber Rick ist, dass sie meistens auch Sinn ergeben (große Ausnahme: Shanes Verhalten in der CDC). Nach 72 Stunden sucht die Polizei normalerweise nur noch nach einem Körper, argumentiert Shane, und für sowas hätten sie wirklich nicht die Zeit. Außerdem hat die Suche ihnen bereits viel gekostet: Otis musste sterben, Carl wurde angeschossen, Andrea beinah gebissen, und in dieser Episode geht auch Daryl beinah flöten.

Rick kann jedoch seinen vor-apokalyptischen Moralkodex nicht zurücklassen, und die große Frage ist: Ist Shane wirklich ein Monster, wenn er mit neuen Regeln in einer neuen Welt spielt? Oder muss man, um seine Humanität zu wahren, die selben moralischen Entscheidungen treffen wie vor dem Ende der Zivilisation? Aber wie frei ist man in der Regelschaffung in dieser neuen Weltordnung? Dass die Serie diese Fragen nun offen behandelt ist sicher einer der Pluspunkte der Episode, denn Rick stellt sich Shane da ganz klar entgegen. Für ihn gibt es kein Aufgeben von Sophia, bis sie oder ihr Körper nicht gefunden ist. Die Tatsache, ob sie noch am Leben ist oder nicht, ist für ihn nicht der Punkt. Er hat es Carol versprochen. Und mal davon abgesehen, dass Rick felsenfest von seiner Wertevorstellung überzeugt ist, würde das die Gruppe sprengen: Wer würde ihn, der nicht umsonst selbstbewusst die Sheriffsuniform trägt, noch als Anführer betrachten, wenn er kein moralischer Kompass für sie sein kann?

Auch Hershel hat Rick ganz klar als den Anführer der Gruppe Überlebender erkannt und spricht mit ihm, wenn er etwas an der Gruppe auszusetzen hat. Mir gefällt gut, welche Richtung The Walking Dead da einschlägt: Wir erkennen, dass der Doc eigentlich so gar nicht erfreut über die Ankunft der Überlebendengruppe ist und ihm lieber wäre, dass sie bald weiterziehen würden – obwohl er das im Grunde in der letzten Episode mit Rick ausdiskutiert hat. Er hat Recht, dass sie ihm nichts als Ärger bringen: Wegen ihnen ist Otis gestorben, sie verbrauchen Trinkwasser und Nahrung, sie verletzen sich ständig, könnten ungewollte Geheimnisse entdecken und so weiter. In „Chupacabra“ beispielsweise stiehlt Daryl ein Pferd, das er später nicht zurückbringt, und sie gefährden Jim, der sich als Hilfe auf der Suche nach der kleinen Sophie anbietet. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.

Hauptaugenmerk dieser Folge sind Daryls Eskapaden im Wald – von denen ich nicht allzu begeistert bin. Er durchstöbert die Gegend lieber allein, was ihm zum Verhängnis wird, als er in einem Unfall vom Pferd stürzt, die Böschung runterpurzelt und plötzlich versehentlich seinen eigenen Pfeil in seiner Taille stecken hat. Seine Verletzungen lassen ihn von seinem Bruder Merle, von mir meist Redneck Dixon genannt, phantasieren. Diese Traumgestalt hat noch beide Hände, faselt aber leider genau den gleichen rassistischen Schwachsinn wie der echte Merle. Er redet Daryl ein, dass er nicht länger sein Leben für Kinder, Schwarze und Schwächlinge riskieren soll, sondern wie er die Zeichen der Zeit erkennen und sich von der Gruppe absetzen.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Daryl (Norman Reedus) maskiert sich als Zombie – aber ist ja nur Spaß.

Mich als Zuseher lassen seine Worte kalt: Daryl hat sich schnell zu einen meiner Lieblingscharakteren aufgeschwungen, und das nicht nur, weil er mit seinen Überlebenskünsten, seiner Pragmatik und natürlich seiner Armbrust einfach kick-ass ist, sondern auch weil er bislang am intensivsten charakterisiert worden ist, mal von Shane und Andrea vielleicht abgesehen. Und ich habe das Gefühl, dass Daryl sich in dieser Gruppe auch wohlfühlt, unter anderem weil er ihnen so eine große Hilfe darstellt. Nicht zuletzt ist das Abhauen von der Gruppe einfach eine Schnappsidee, denn: Was nützt einem das Leben, wenn man es mit niemandem teilen kann? Daryl hat ja eh keinen Platz, zu dem er würde hingehen wollen, sein Bruder ist spurlos verschwunden und den Rest der Welt gibts nicht mehr.

Dennoch haben Merles Worte Wirkung, da sich Daryl, obwohl hart im Nehmen, ernster verletzt. Erst der Pfeil, dann verletzt er sich beim Hochklettern, dann wird er beinah von einem Walker angeknabbert (ich mochte die letzte Vision Merles, wo Merle selber an Daryls Fuß anfängt zu knabbern), kann die Zombies nur um Haaresbreite erlegen, und sich schwer verletzt nach Hause schleppen, nur um dann von seinen eigenen Leuten angeschossen zu werden.

Das ist ein Moment, den ich einfach nicht so recht verstehe. Klar, das ist spannend, weils für mehr gruppeninternen Zwist sorgt, aber Andrea ist doch vorher als eine überlegtere Person charakterisiert worden – warum sollte sie nun plötzlich so eifrig darauf sein, einen Walker zu erlegen? Vor allem, wo doch ihre Freunde schon hinrennen und ihn genauso gut mit einer Nahkampfwaffe erledigen hätten können, was munitionssparender gewesen sei? Zu ihrer Verteidigung muss man schon sagen, dass sich Daryl wirklich verdächtig wie ein Zombie bewegt hat, was, auch wenns nur Spaß ist, gegen Scharfschützengewehre keine solch gute Idee ist.

Wenigstens stirbt Daryl nicht, und zum Glück ist er kein Carl der Zweite – mit einer Wunde mehr liegt er dann im Bett und schmollt und lässt Merles Worte wiederhallen. In einer schönen Szene versucht Carol ihn nicht zu trösten, sondern dankt ihm mit einem Kuss auf die Wange – Daryl hat in einer Woche mehr für Sophia getan als ihr Vater (Ed) in seinem ganzen Leben. (Man, warum war sie dann immer noch mit Ed zusammen? Sophia ist/war 12…) Es ist unklar, ob ihre Worte Daryl umstimmen, aber zu ihm durchdringen tun sie. Ich mag, was für eine Charakterarbeit da getan wird, aber hoffe nicht, dass sich die zweite Staffel von Lost in diesem Sinne wiederholt, dass jede Figur, die wir schon kennen, in einer Episode in einem Abenteuer-der-Woche-Stil die Hauptperson ist. Und das ist hier geschehen.

Die C-Storyline der Episode gehört wieder Glenn und funktioniert als komischen Ausgleich. Fast schon in Seifenoper-Manier trägt Glenn sein Problem Dale vor und spricht mit dem über sein Techtelmechtel mit Maggie. Ich finde gut, dass die Serie da auch mal ein klein wenig entspannen kann, weil Glenn sich mit der Zombieapokalypse schon ziemlich gut arrangiert hat und weil er das Entscheidungen fällen lieber Rick und Co. überlässt. Dabei kommt er mir gelegentlich fast ein wenig kindisch vor, insbesondre seine wiederholte Frage, ob er denn gut gewesen sei (was Maggie dummerweise eher mit einem „Nein“ beantwortet).

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Glenns (Steven Yeun) nächtlicher Fund – aus dem Schäferstündchen wird wohl nix.

 Er ist aber nun mal der „comic relief“ der Gruppe, und das stellt er auch beim Abendessen unter Beweis – Glenn hat nicht nur das Wort Subtilität selten gehört (ähnlich wie die Drehbuchautoren), er macht auch noch das schlechteste Pokerface aller Zeiten, was schon zum Brüllen komisch ist. Beim Zettelchenschreiben mit Maggie verabreden die beiden sich zum Sex, auf Wunsch von Glenn hin in der Scheune – nichtsahnend, dass die Farmbewohner da heimlich eine Horde Walker drin eingesperrt haben.

Ich weiß noch nicht genau, was ich damit anstellen soll – soll das etwa bedeuten, dass ihnen die Farm gar nicht gehört? Oder sind das ihre Nachbarn, die sie konservieren, falls irgendwann ein Gegenmittel gefunden wird? Warum ist das so ein großes Geheimnis? Auf jeden Fall aber stellt es einen wichtigen Handlungspunkt für zukünftige Episoden dar unter anderem als potentielle Gefahr einer Zombieinvasion. Und wer weiß, vielleicht wird einer der Menschen absichtlich die Scheune öffnen, um die Serie endlich von der Farm wegzubewegen?

Bla:

– Ich hab mich schon gefragt, wann und wie Sophias Puppe auftauchen wird. Meine Hoffnung, dass sie eine greifbare Spur darstellen wird, war aber leider vergeblich.

– Kurz bevor Daryl auf die Schlange getroffen ist sind dutzende Vögel davongeflogen, bestimmt nicht vor der Schlange, aber wovor dann?

– Lori hat kaum was zu tun in der Episode – juhu!

– „It’s a wonder you people have survived this long.“

– Der Titel der Episode bezieht sich auf ein Monster, das angeblich durch den Wald jagen soll. Irgendwie glauben nur Menschen in Geschichten an solche Ammenmärchen. Unglaubwürdig. Endlich weiß ich jetzt, worauf sich der Titel der South Park-Episode „Jewpacabra“ bezog, in der grad diese irre Idee parodiert worden.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

 Auf der Suche nach Sophia tut sich weiter nichts, als dass sich unsere Charaktere in Gefahr begeben und davonkommen. Endlich kommts allerdings zur offenen Konfrontation zwischen Rick und Shane, bei denen sich die Abgründe nun endlich öffnen. Ansonsten wird großteils Charakterarbeit geleistet, ohne den Plot zu berühren – okay, aber nicht weltbewegend.

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5 Gedanken zu “The Walking Dead 2.05 „Chepacabra“: Jagd nach Geistern.

  1. Pingback: The Walking Dead 2.06 “Secrets”: Beichten. | Blamayers TV Kritiken

  2. Sophie war die ganze Zeit in der Scheune und keiner wusste es.
    Danke Shane müssten sie nicht mehr weiter suchen weil er sie in der scheune gefunden hat.

  3. Also mir gefällt die Folge sehr gut, besonders im Bezug auf Daryl.
    Es wird gezeigt, das er zum jetzigen Zeitpunkt sich noch nicht komplett als Teil der Gruppe sieht. Noch hat er das Gefühl ein Aussenseiter zu sein.
    Das Merle ihm erscheint und auf ihn einredet macht zum einen das klar und zum andern, wie du schon geschrieben hast, es gibt ihm Kraft zum Kämpfen.
    Meiner Meinung nach wird dieser Zwiespalt auch in den nächsten Folgen weiter sichtbar. Er zieht sich zurück, schlägt sein Lager abseits der andern auf.
    Aber durch Kleinigkeiten, wie in der Folge schon das Dankeschön von Carol und auch später immer wieder kleine Momente, merkt er das er schon längst einen Platz in der Gruppe hat.

    Deswegen kann ich auch nicht so ganz verstehen das viele sagen die Folge sei blöd oder auch unnütz, und das von Leuten die Daryl mögen.

    SPOILER!

    Wie gesagt, ich find sie verdammt wichtig für die Entwicklung von ihm, besonders für ein erneutes Treffen mit Merle in S3.

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