The Walking Dead 2.03 „Save the Last One“: Die letzte Kugel.

„If he dies tonight, it ends for him.“

Die zweite Staffel von The Walking Dead scheint anders strukturiert zu sein als die erste: Anstatt sich von Folge zu Folge in ein neues Abenteuer zu stürzen hat man nun das Erzähltempo verringert, um auf die einzelnen Probleme der Charaktere (Schusswunde, Schnittwunde, vermisst im Wald) näher einzugehen und ein bisschen mehr zu philosophieren. Die eine oder andere Zombiemeute ist aber zum Glück auch wieder mit von der Partie.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Shane (Jon Berenthal) wird an der Schule von Zombies umringt – wie im echten Leben.

In „Save the Last One“ dreht sich alles um den Versuch, die Folgen der Geschehnisse des Staffelauftakts zu stabilisieren: Carl muss notoperiert werden, T-Dogs Wunde wird endlich gereinigt, Dale findet wieder Vertrauen in Andrea, und Carols Sorgen werden vorübergehend gestillt, indem die Suche nach Sophia nach wie vor intensiv fortgesetzt wird.

Für Carl wirds eng: Wenn Shane und Otis nicht bald mit der Medizin zurückkommen muss Hershel, der Doc, die Operation ohne Anästhesie beginnen. Ich mag Carls Szenen in dieser Episode: Zuerst wacht er kurz auf und erzählt verträumt vom Hirsch (oder war es ein Reh?), dann bleibt er kurz bewusstlos liegen und lässt und für einen Moment glauben er sei verstorben, nur um kurz darauf einen epileptischen Anfall zu bekommen. Das ist auch für Carls Eltern schwierig mit anzusehen – das arme Kind!

Das Risiko einer OP ohne die nötige medizinische Versorgung, die Carl große Schmerzen bereiten könnte, lässt Lori und Rick in eine interessante, aber schlussendlich doch voraussehbare Diskussion geraten: Ist es denn recht für den Jungen, in solch einer Welt aufzuwachsen, die scheinbar nur Tod und Grausamkeit kennt, in der man jeden Tag ums Überleben bangen muss, in der es kaum Hoffnung auf eine gute und genesene Erde gibt? Lori jedenfalls argumentiert dafür, dass ihr Sohn im Tod vielleicht mehr Glück finden würde. So gern man sich als Zuseher auf Ricks Seite schlagen und enthusiastisch für das Leben argumentieren möchte: Im Grunde weiß man vorher schon, wie die Diskussion ausgehen wird – welcher Elternteil würde denn schon freiwillig für den Tod des eigenen Kindes verantwortlich sein?

Glenn und T-Dog erreichen nun ebenfalls das Landhaus. T-Dog kann endlich verarztet werden, und Glenn macht Bekanntschaft mit der Tochter von Hershel, Maggie. Seh ich das falsch oder funkt es da gleich schon ein wenig? Mir wäre das nur recht, es mag sich zwar ein wenig klischeehaft anhören, aber: Eine Liebesgeschichte passt in die meisten Geschichten gut rein. Nicht zuletzt auch bei The Walking Dead, einerseits um das Thema Tod mit Leben zu beantworten und andererseits damit mehr am Spiel steht.

Daryl wird immer mehr zu meinem Lieblingscharakter und ist überraschenderweise der bislang am Tiefsten charakterisierte. Diesmal hört er die schlaflose Carol in ihr Kissen wimmern und beschließt, noch in der Nacht wieder in den Wald aufzubrechen. Das mag zwar spannender sein, ist aber dennoch extremst irrational, vor allem für den sehr pragmatischen Daryl: Auch wenn der Mond scheint kann es im Wald ziemlich finster sein, auch wenn die Beleuchtung der Filmcrew die Nachtszenen ziemlich hell erscheinen lässt. Ich will das der Serie aber gar nicht groß vorwerfen – sonst spielt sich die überwiegende Mehrheit der Szenen am Tage ab, recht untypisch für eine Horrorserie, und trotzdem gibt es viele gruselige und spannende Momente.

Er und Andrea durchstreifen den Wald und finden Sophia… nicht. Sie wird jetzt schon seit zweieinhalb Folgen vermisst und langsam sinken ihre Überlebenschancen. Solange sie nicht gefunden ist wird sich die Serie nicht von der Farm/dem Freeway fortbewegen – Carol würde ihre Tochter nie aufgeben, und es gibt zu viele unter den Überlebenden, denen Sophia und der Beweis ihrer eigenen Integrität wichtig ist. Ich hoffe aber, dass sie bald gefunden wird, tot oder lebendig – ewig lang kann sich so ein Handlungsstrang nicht dahinziehen, weil er irgendwann einfach an Spannung und Interesse verliert.

Stattdessen finden Daryl und Andrea einen Walker, der sich zu Lebzeiten erhängt hat. „Got bit, fever hit, world gone to shit, might as well quit“ hinterließ dieser noch zu Lebzeiten auf einer Tafel direkt neben seinem Todesort – in seinem Leben muss er wohl ein Poet gewesen sein, jetzt ist er natürlich ein Zombie und kann seinem Gefängnis nicht entkommen. Ein interessanter Twist, der ein wenig an die „GOD FORGIVE US“-Szene aus dem Piloten erinnert – eine ästhetische Darstellung, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sind. Man verspürt fast so etwas wie eine sadistische Schadenfreude, dass der Zombie so auswegslos dahängt. Andrea ist da anderer Meinung: Sie überredet Daryl, den Zombie zu erschießen. „Waste of an arrow„, grantelt Daryl, tut ihr aber dann doch den Gefallen.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Meggie (Lauren Cohan) scheint gemeinsam mit ihrem Vater Hershel mehr Screentime zu bekommen als der Rest von der Farm – ob sie sich den Überlebenden anschließen wird?

Und dann natürlich – Shane und Otis. Überraschung: Ich dachte die Schlussszene der Vorfolge, als die Zombies drohten die Tür der Schule einzurennen, wäre bloß so geschnitten gewesen um die Spannung zu erhöhen. Tatsächlich aber überrennen die Zombies (während eines akustisch tollen Voice-Over Ricks) gleich zu Beginn die Schule, Shane und Otis vor sich her treibend. Die beiden retten sich auf eine Anhöhe, trennen sich, fliehen aus der Schule und verletzen sich unabhängig voneinander am Bein, humpeln in Richtung Fahrzeug, doch zu langsam, um es sicher zu erreichen. Shane sieht sich gezwungen, Otis zurückzulassen – indem er ihn den Zombies zum Fraß vorwirft.

Es ist eine starke Szene, die aber nicht unerwartet kommt: Die ganze Folge war darauf hinstrukturiert (siehe Anfangs- und Endsequenz), und ich wusste, dass an Shanes Geschichte etwas faul sein muss, als wir dieses Geschehniss nicht in Echtzeit gezeigt bekamen sondern vorerst nur von Shanes Erzählung davon erfuhren. Besser gelungen hingegen ist die Verbindung der Eröffnungs- mit der Schlusssequenz: Zuerst weiß man nicht recht, was sie zu bedeuten hat und wo man sie platzieren kann, doch später erkennt man: Die Szene spielt sich am Ende der Episode ab, weil Shane nicht nur seine Schuld verschwinden lassen möchte, sondern vor allem deren Beweis (das ausgerissene Haarbüschel im Zweikampf mit Otis). „Die letzte Kugel“ ist also nicht ganz so überraschend, wie sie gern sein würde, schockierend und spannend ist dieser Lauf der Dinge aber allemal.

Zuerst einmal für Otis, armer armer Otis – das war ein wirklich netter Kerl. Es hatte ihm wirklich Leid getan, Carl irrtümlich anzuschießen, und seither hat er alles nur Menschenmögliche getan, das wieder gut zu machen. Für Carl riskiert er an der Schule sein Leben, und in einer brenzligen Situation setzt er heldenmütig sein Leben aufs Spiel, um die Zombies für Shane abzulenken. Und als Lohn für all das wird er von Shane beinhart verraten. Nein, das hat Otis wirklich nicht verdient.

Trotzdem ist das ein großartiger Schritt für die Serie, Shane wird dadurch um ein gutes Stück interessanter. Bislang hatte er sich nur ethisch fragwürdig verhalten, jetzt hat er tatsächlichen Dreck am Stecken, auch wenns ihm keiner nachweisen kann: Otis wirds keinem verraten, und sein Körper wurde von den Walkern verschlungen. Damit hat Shane wohl sein Pfad als Bösewicht endgültig besiegelt – auch wenn es vielleicht die rationalste Entscheidung war, moralisch ist das Zurücklassen des Kollegen (ohne, dass er ihn darum bittet!) äußerst verwerflich und der Sympathiekiller #1. Ich für meinen Teil freue mich aber: Das wird noch für viel Drama sorgen.

Vor allem, wenn wir Shane mit Rick vergleichen: Dieser wäre mit Shanes Handeln natürlich niemals einverstanden, fällt ihm aber ironischerweise unbewusst voller Dank in den Arm. Ich genieße das, wie Rick diese riesige Schlucht zwischen den zwein gar nicht bemerkt, während Shane sich darüber durchaus im Klaren ist. Bei all den Problemen, die sich in jeder The Walking Dead-Episode zusammenbrauen, ist dieser Konflikt noch so gar nicht ausgefochten, sondern stetig aufgebaut worden. Gut so: Da braut sich was Großes zusammen, das durchaus staffelfinalwürdig wäre.

Bla:

– Daryl erzählt uns ein wenig von seiner Kindheit und argumentiert dadurch, dass Sophia eigentlich als Zwölfjährige tough genug sein sollte, für kurze Zeit selbst um ihr Leben zu kämpfen. In Anbetracht

– Ich frage mich, wie The Walking Dead mit dem Alterungsprozess von Hauptdarsteller Chandler Riggs (Carl) umgehen wird. Pro Folge vergehen derzeit weniger als 24 Stunden, Riggs dürfte aber bald in die Pubertät kommen. Bei Lost war das anno dazumals ein größeres Plotproblem, obwohl Walt nicht zu den Hauptcharakteren gehörte.

– Ah, ich mag Serien, die den Spruch „Ein Leben für ein Leben“ dramaturgisch schön verwirklichen können. „A life for a life, fair deal…“

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

Save the Last One„/ „Die letzte Kugel“ lässt vermuten, dass die zweite Staffel von The Walking Dead einen gemütlicheren Gang einlegen wird als die erste. Solange das so gut unterhält wie in dieser Folge ist das gut in Ordnung. Shanes Verrat ist das Highlight der Episode und sorgt nicht nur für eine interessante Erzählstruktur, sondern auch für mehr Charakterdynamik.

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Ein Gedanke zu “The Walking Dead 2.03 „Save the Last One“: Die letzte Kugel.

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