Game of Thrones 1.01 „Winter is Coming“: Der Beginn eines Epos.

„The man who passes the sentence should swing the sword.“

Game of Thrones ist wohl das epochalste Fernsehserienprojekt unserer Zeit – man kann dem amerikanischen Bezahlsender HBO nur zu dieser gewagten Entscheidung gratulieren, diese Serie überhaupt in Auftrag gegeben zu haben, denn: Es ist unmöglich, die Serie in weniger als sieben Staffeln zufriedenstellend enden zu lassen – so verworren sind die Handlungsstränge, so vielseitig ist die Charakterpalette, und vor allem ist diese auch enorm groß. Ganze 18 Figuren gehören zum Hauptcast, dutzende wirken als wichtige Nebenfiguren, und dabei bleibt Season 1 sogar noch auf sicherem Terrain: In weiteren Staffeln werden diese Zahlen noch weiter in die Höhe schnellen.

Quelle: kryptonradio.com

Genau darum gehts: Adelsfamilienringen um den eisernen Thron.

Man sieht schon: Bei diesem Mammutsprojekt wird vom Zuseher einiges abverlangt, was Namensgedächtnis und Beobachtungsvermögen angeht – gerade in der ersten Episode, „Winter is Coming“ bzw. „Der Winter naht“ ist das ein akutes Problem, wenn man nicht, so wie ich, bestens mit der Buchserie vertraut ist. Keine Angst: Dafür soll dieser Beitrag unter anderem auch dienen, um ein wenig mehr Klarheit in die gesamte Angelegenheit zu bringen. Ich werde dabei versuchen, absolut spoilerfrei zu schreiben, denn so lässt sich eine Serie, die sich für ihre überraschenden Wendungen rühmt, am Besten genießen.

Game of Thrones basiert auf dem gleichnamigen Roman von George R.R. Martin, der Beginn einer gigantisch dicken Buchserie, die nach nun über fünfzehn Jahren und viertausend Seiten immer noch lang kein Ende in Sicht hat. Für alle, die wie ich den Start der zweiten Staffel auf TNT Serie im Herbst 2012 schon gar nicht mehr erwarten kann, gibts ab sofort die Episoden der ersten Staffel als retrospektive Detailanalyse.

Zumindest die örtliche Orientierung wird einem leicht gemacht: Im grenzgenialen, absolut zurecht mit einem Emmy ausgezeichnetem Intro werden wir über den Ort der Geschehnisse der Folge und die Distanz dazwischen informiert, indem die Kamera sehr stilvoll über die Karte des Kontinenten Westeros fährt und alle wichtigen Städte und Burgen mitsamt Namen erfasst. Schon beeindruckend, wie diese Art Holzmodellgerüste aus dem Boden wachsen und den jeweiligen Ort unverwechselbar charakterisiert. Ich wünschte, die Einblendung der Namen der Darsteller wäre größer, denn: Heute habe ich zum ersten mal bemerkt, dass links neben ihnen ganz klein das Wappentier des Hauses aufscheint, dem ihr jeweiliger Charakter angehört. Allerdings ist dieses Wappen selbst in HD auf einem verdammt großen Flachbildschirm so klein, dass man es nur mit Mühe erkennen kann.

Game of Thrones spielt in einer mittelalterlichen Welt mit geringen Fantasyelementen. Drachen hat es früher mal gegeben, jetzt ist ihr einziges Verbleibsel das Wappen der Targaryens und Daenerys‘ versteinerte Dracheneier. Achja, und natürlich die weißen Wanderer, die wir in der Eröffnungssequenz kennen lernen: Untote Wesen mit leuchtend blauen Augen, gefährlich, schnell und brutal, die nördlich des Halbkontinents Westeros den Menschen gnadenlos den Tod bringen. In Westeros ist deren Existenz allerdings nur ein Gerücht, die Gefahr zwar uralt aber längst vergessen. Und nun, da der Winter naht, scheinen sie wieder erwacht zu sein. Nur eine gigantische Mauer aus Eis, bewacht von den Männern der Nachtwache, hält sie davon ab, in Westeros einzufallen.

Westeros selbst ist ein Zusammenschluss mehrerer Königreiche, die aber einem einzigen König unterstehen. Diesem unterstehen alle Adelsfamilien („Häuser“), die je eine Burg und Umgebung beherrschen. In „Der Winter naht“ lernen wir drei von ihnen ein bisschen näher kennen: Haus Stark aus dem Norden, das an der blonden Haarfarbe zu erkennende Haus Lannister (von Königsmund/ Kings Landing angereist), und das Haus Targaryen, das im Exil lebende Geschwisterduo östlich des Meeres.

Im Hauptfokus der Geschichte ist offensichtlich das auf Winterfell regierende Haus Stark. Der noble Eddard „Ned“ Stark und seine Gemahlin Catelyn haben 5 gemeinsame Kinder: den ältesten Robb, die gnadenlos schöne und den blonden Prinzen heiraten wollende Sansa, die weit weniger mädchenhafte kleine Kämpferin Arya, der mutige Kletterer Bran sowie der weitgehend uncharakterisierte, sogar namentlich unerwähnte Rickon, der Jüngste von allen. Grad letzterer, der kleine Bursche, entgeht einem bei der Fülle an Figuren leicht, was auch mich zunächst verwirrt hatte. Die fünf haben zudem noch einen Halbbruder, Jon Snow – alle Kinder, die außerehelich geboren werden, erhalten diesen Nachnamen. Die unterschiedlichen Beziehungen untereinander sowie zu anderen Charakteren werden im Piloten glücklicherweise lediglich angedeutet, um eine noch größere Verwirrung zu verhindern – und trotzdem bekommt man es nuancenreich mit, wenn man bereits (oder wieder) mit Vorwissen in die Folge hineinstartet. Auch die unzähligen Bediensteten am Hofe der Starks tragen beinah alle einen Namen und sind bereits jetzt schon am Rande sichtbar, ohne für Ottonormalzuseher erkenntlich zu sein – als Fan der Serie erkennt man dabei die Liebe zum Detail, während Game of Thrones-Neulinge diese geflissentlich ignorieren kann. Klasse!

Quelle: thescribesdesk.com

Familie Stark beim Bogenschießen, bevor Arya den Jungs zeigt wo der Hammer hängt, von links: Bastard Jon Snow (Kit Harrington), Bran Stark (Isaac Hempstead-Wright) und Robb Stark (Richard Madden). Rickon sitzt unerwähnt dahinter.

Nach der Enthauptung des Deserteurs der Nachtwache, der die weißen Wanderer gesehen hatte aber seine Behauptungen als Humbug abgetan wurden („A madman sees what he sees“, knurrt der leide für Übernatürliches ignorante Eddard Stark auf Brans Zweifel hin), findet die Familie einen Wurf Schattenwolfjungen. Schattenwölfe sind in unsrer Welt ausgestorben, in Game of Thrones hingegen lediglich extrem selten südlich der Mauer vorzufinden, geschweige denn ein ganzes Welpenrudel. Jedes Stark-Kind bekommt einen Welpen, einen knuddeligen Fellknäuel geschenkt, aber es wird schon angedeutet: Das sind keine normalen Tiere, und sie wachsen auch deutlich schneller als normale Wölfe.

Kurz darauf kommt auch schon der König Robert Baratheon höchstpersönlich nach Winterfell, inklusive einer ganzen Gefolgschaft an Personal. Sein erster Weg führt ihn, zum Missgunst seiner Frau, ins Mausoleum der Starks, wo seine längst verstorbene, aber nie vergessene Herzensdame begraben liegt: Neds Schwester. Die beiden sind alte Freunde, und als solche wollen sie ihre beiden Häuser mit einer Heirat verschmelzen lassen: Wenn es nach den beiden geht sollen Sansa und Roberts Sohn Joffrey in mittelfristiger Zukunft heiraten – geht es auch.

König Robert ist verheiratet mit Cersei vom Haus Lannister, die berühmt berüchtigten Goldschöpfe. Mit auf den Weg nach Winterfell haben sich auch deren gemeinsamer Sohn Joffrey sowie Cerseis Brüder Jaime und Tyrion gemacht. Tyrion ist der schlagfertige, aber umeinanderhurende Zwerg, genannt „der Imp“, während der Sunnyboy Jaime, der in gold gekleidete Leibwächter, sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert – er bekleckert nämlich stattdessen seine Schwester. Woah, Inzestalarm! Game of Thrones ist sicher nichts für Zartbeseitete und bricht so einige Tabus. Aber was tut man nicht alles für die Liebe? Als Bran die beiden beim Schäferstündchen überrascht stupst Jaime ihn lächelnd aus dem Fenster des Turms. Ob Bran tot ist?

Und dann gibts da noch das dritte große Haus, das uns vorgestellt wird: Viserys und Daenerys Targaryen. Ich finde es beeindruckend, wie die Namen augenblicklich stets darauf hinweisen, zu welcher Adelsfamilie man gehört – und trotzdem klingen die Namen so real, so passend, nicht künstlich. Daenerys jedenfalls erlebt im Piloten neben Bran die wohl härteste Tortour: Sie wird von ihrem Bruder an den Pferdelord Khal Drogo verkauft. Viserys ist ganz klar ein Charakter, den wir einfach hassen müssen – sein Ausspruch, dass er eine ganze 40.000-Mann-Armee mitsamt ihren Pferden seine Schwester durchficken ließe, um an seinen Thron zu gelangen, ist einfach der Oberhammer! Also natürlich im negativen Sinne.

Game of Thrones ist sicher keine Serie für Feministen. Klar, die Serie spielt in einem stark patriarchischen Kosmos, aber Daenerys wird schon extremst misshandelt. Zuerst von ihrem Bruder, der sie nicht nur wie ein Objekt für eine Armee verkauft, sondern auch wie ein solches behandelt – besonders festzumachen an der Kameraeinstellung, die eigentlich nur Daenerys‘ Brustwarze und die Hände ihres Bruders (!) um diese herumspielend festhalten. Ja, die Serie hat sicher ein männliches Zielpublikum, aber mich überrascht, dass man sich da so sehr darauf festfährt. Die Qualität der Serie ist schließlich so hoch, dass man nicht unbedingt diesen hohen Anteil an Sex bräuchte (auch auf Winterfell, Tyrions Bordelleskapaden hätte man durchaus auch subtiler darstellen hätte können, wenn man gewollt hätte). Andererseits ist auch dem Zielpublikum (junge Männer) wohl bewusst, dass die Daenerys-Szenen durchaus absichtlich abstoßend sind.

Verheiratet wird sie gegen ihr Willen mit Khal Drogo, dem Anführer eines gigantischen Kriegerstammes, und ich muss zugeben: Zuerst hatte ich gedacht, das wären Zentauren (nicht lachen!). Aber nein, das ist einfach nur ein „ganz normales“ berittenes Kriegervölkchen, das ziemlich bestialische Riten besitzt. Bei der Hochzeit etwa werden mehrere Frauen vor aller Augen durchgevögelt, und als sich die Männer um diese streiten wird direkt zur Waffe gepackt. Der Ritter erzählt zwar, dass eine Hochzeit ohne mindestens drei Tote als fade Angelegenheit gelte, aber irgendwie nehm ich der Serie das nicht ab: Um Bevölkerungsschwund müsste dann jedes Paar ja mindestens, mindestens 5 Kinder haben – und bei der Kindersterblichkeitsrate im Mittelalter wär das noch utopisch. Sei es wie es sei: Daenerys macht das nicht glücklich, denn auch wenn sich unter ihren Hochzeitsgeschenken drei tote Dracheneier, schöne Bücher aus Westeros und ein edles weißes Pferd befinden – am Ende des Tages muss sie trotzdem ihre Ehe mit ihrem Gemahl konsumieren. Mir gefällt allerdings ihre Charakterisierung bereits in der ersten Episode: Ihr stoisches stummes Ertragen deutet auf einen starken Willen und Durchhaltevermögen, während ihr das Durchsetzungsvermögen noch fehlt. In „Der Winter naht“ ist sie aber nur ein Spielball der Männer.

Quelle: serien-load.de

Robert Baratheon (Mark Eddy) betritt den Boden von Winterfell. Ned (Sean Bean) und Catelyn (Michelle Fairley) sind erfreut über seinen Besuch, weniger über sein Angebot.

Vom Etablieren der Welt von Game of Thrones abgesehen wird auch der Plot in Bewegung gesetzt. Jon Arryn, die Hand des Königs (sein linke Hand also quasi), ist verstorben, und wie die Starks von einer anonymen Quelle erfahren: angeblich durch die Hand eines Lannisters. Als Ersatz für Arryn wählt König Robert Baratheon seinen alten Freund Ned Stark aus. Dieser ist gar nicht erfreut, dafür seine liebe Heimatburg im Stich lassen zu müssen, aber irgendetwas scheint da in Königsmund nicht mit rechten Dingen zugehen… und wie in der finalen Szene ersichtlich hat er damit gar nicht so unrecht. Das Spiel der Throne beginnt.

Soviel zu den Parametern der Geschichte. Produktionstechnisch ist die Serie einfach erste Sahne: Die Folge fühlt sich wie ein Film an. Dass jede Game of Thrones-Episode 60 Minuten lang dauert ist sowieso der absolute Wahnsinn, für eine Serie von so einem Ausmaß aber absolut notwendig. Die Schauspieler sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben: Mit Sean Bean hat man ein nahmhaftes Zugpferd als Hauptcharakter besetzt, der auch perfekt in diese Welt passt. Sonst tanzt auch niemand aus der Reihe, alles passt wie angegossen.

Einer der vielen Vorteile der hohen Anzahl an Haupt- und Nebencharakteren ist, dass man sich gleich einmal ein paar Lieblingscharaktere finden kann, was zudem auch dem fantastischen Charakterdesign geschuldet ist. Arya als der ultimative Tomboy ist mir beispielsweise gleich in der ersten Episode ans Herz gewachsen, genauso ihr Bruder Brann und Mutter Catelyn. Beliebte Feindbilder lassen sich auch nicht lange suchen: Viserys ist der mieseste Bruder, den man wohl haben kann, und Jaime Lannister ist nicht nur ein eingebildeter Schnösel, der es mit seiner eigenen Zwillingsschwester treibt, er kann auch noch so ganz nebenbei einen liebenswürdigen Burschen mit einem Lächeln ermorden.

Die erste Episode war gleich so erfolgreich, dass HBO sofort eine volle zweite orderte – ihr Risiko war aufgegangen, die Serie kommt an, und so wie es derzeit aussieht könnten noch viele weitere folgen.

Bla:

– Der König ist ja urcool: Nur Frauen und König sein im Sinn. Beim bunten Treiben beim Festmahl knutscht er ungeniert mit irgendeiner Frau herum, während seine Frau zuschauen darf. Kein Wunder, dass sie es da als Racheakt mit ihrem Zwillingsbruder treiben möchte.

– Irgendwie finde ich, dass die blonden Haare der Targaryens doof aussehen – sie sehen genauso aus wie ich mir eine halbprofessionelle Perücke vorstelle.

– Bei Daenerys find ich ihre Exposition fast ein wenig übertrieben – in drei ihrer vier Szenen wird sie entweder entkleidet oder trägt ein sichtdurchlässiges Kleid ohne Unterwäsche.

– Herrlich, wie ungeniert Königin Cersei Lady Sansa fragt, wie alt sie sei und ob sie schon einmal menstruiert habe. Wichtig für die Brautwahl ihres Sohnes!

– Daenerys steigt ins siedend heiße Wasser, ohne mit der Wimper zu zucken.

– Das CGI fand ich eher so lala, um ehrlich zu sein. Ein wenig merkt man der Winterfellburg schon an, dass sie nicht echt ist.

Fazit: 9,0 von 10 Punkten.

 Game of Thrones ist ein ambitioniertes Serienepos, das seinesgleichen sucht. Wenn die Qualität des Piloten aussagekräftig für die gesamte Serie ist – und in den Büchern ist genug spannender Stoff für die nächsten zehn Staffeln drin, an Material sollte es also nicht scheitern – dann erwartet uns da etwas Einzigartiges, Geschichte die geschrieben wird.

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