Sherlock 2.1 „Ein Skandal in Belgravia“: Die eine Frau.

„This is how I want you to remember me. The woman who beat you.“

Ah Irene – welcher Holmes-Fan schwärmt nicht von ihr, der Femme Fatale, der Legende nach die einzigen Frau, die Sherlock Holmes je besiegen konnte? Sherlock nimmt sich ihrem Mythos in „A Scandal in Belgravia„/ „Ein Skandal in Belgravia“ (ein Staddteil Londons) mit viel Ehrfurcht und Grazie an – Irene Adler lässt die Kinnläden vorm Fernseher runterklappen.

Lara Pulver spielt die moderne Version von Irene Adler – eine Domina, die prekäre Fotos mit einem Mitglied der Königsfamilie als „Sicherheit“ nicht rausrücken möchte.

Wow, einfach nur wow. Die Staffelpremiere der zweiten Season von Sherlock ist einfach unglaublich. Selbst der König des Populär-Mindfuck-Genres, Inception von Christopher Nolan, muss sich vor der Raffiniertheit dieser 90-minütigen Episode verneigen – die Geschichte ist ähnlich unterhaltsam und noch ein Eck komplexer, gelegentlich sogar jenseits dem Normalbürgerzumutbarem.Aber: die Serie weiß ganz genau, wie sie mit den emotionalen Befinden ihrer Charaktere umgehen soll, was ja grad bei Sherlock Holmes selbst gar nicht so einfach ist. Ganz von den Socken muss ich einfach feststellen: „A Scandal in Belgravia“ ist ein Meisterwerk.

Bevor Sherlock Holmes und Dr. John Watson sich allerdings mit Frau Adler beschäftigen können müssen sie erst noch ihre Konfrontation mit Jim Moriarty der vorherigen Episode überleben. Meiner Meinung nach hat die Serie dabei ihre zwei Hauptcharaktere in so eine brenzlige Lage gebracht, dass man die Schnur ein wenig zu eng um die Hälse gelegt hatte: Moriartys Launen wirken ziemlich arbiträr auf mich. Zuerst möchte er sie gehen lassen, dann überlegt er sichs anders und bedroht sie wieder, und jetzt lässt er sie mit den Worten „Zum Sterben ist heute der falsche Tag“ davonziehen. Auch der Telefonanruf scheint sich nicht wirklich auf die Konfrontation bezogen zu haben. Naja, egal, hauptsache unsere Protagonisten leben – und das war auch schon der einzige Kritikpunkt am Inhalt der Episode.

Holmes und Watson genießen neuerdings einen gewissen Prominentenstatus in den britischen Medien, zu danken haben sie das Watsons Blog über ihre Detektivaktivitäten. Mir gefällt, dass die Produzenten der Serie gleich zu Beginn der neuen Staffel bisher noch nicht benützte Wege finden und mit der Formel ein wenig experimentieren: Die beiden als Promis einzustufen eröffnet gleich ganz neues Klientel, vermindert allerdings ihre Chancen auf anonyme Einsätze. Ersteres erfahren sie gleich, als sie neben diversen unwichtigen Anfragen („Ich glaube mein Mann hat eine Affäre“ – „Ja.“) von der Königsfamilie selbst einen Auftrag bekommen, den sie (unterstützt von Holmes‘ Bruder Mycroft) nicht ablehnen können.

Sie sollen Irene Adler Erpressermaterial abnehmen, das sie bei Regierungsmitgliedern im Bett erwirtschaftet hat – klingt nicht nach etwas, das man gut achtzig Minuten lang verfolgen kann. Aber Holmes hat die Rechnung ohne den scharfen Verstand Irenes gemacht, denn diese ist ihm ein durchaus ebenbürtiger Gegner. Holmes versucht es mit einer Soeben-überfallen-Masche, und es ist einfach köstlich dabei zuzusehen, wie Irene diese Farce aufdeckt. Während die Übersetzung sonst tadellos ist ging man hier allerdings ziemlich fahrlässig um: Sherlocks Ausrede, von wegen er sei überfallen worden, klang enorm künstlich, nichts im Vergleich zu seinen Lügkünsten im Englischen. Das sollte ein erfahrener Synchronisationssprecher wie Tommy Morgenstern (Son Goku, ähem) besser hinkriegen.

Nicht nur, dass Irene Holmes und Watsons Lügengeschichte bloßstellt, sie geht sofort zum Gegenangriff über: Sie tritt den beiden nackt entgegen. Nackt! Ich muss gestehen: Ich hab meinen Stift zum Mitschreiben fallen gelassen, und dann musste ich laut loslachen über diesen genialen Schachzug. Der Humor in der ersten Hälfte der Episode (die zweite ist ernster) kommt wirklich gut rüber und entsteht auch stets in einer Situation. Der nächste absolute Brüller ist, wie Holmes durcheinander gerät und sich nicht auf seine sonst so verlässlichen analytischen Gaben verlassen kann: Stattdessen ploppen große „??????“ auf. Ich sage Brüller, weil es tatsächlich so witzig ist, während die Serie trotzdem ihrem kühlen Stil gerecht bleibt. Oder auch, wenn wir erfahren, dass der Code für den Safe Irenes Maße sind, die Holmes – ganz professionell, versteht sich – durch genauestes Hinsehen an ihrem Körper ablesen konnte. Was später auch zur ganz sicheren Identifikation ihres angeblichen Leichnams führte. Wirklich, die Serie an Szenen dieses spielerisch-neckischen Humors reißt nicht ab.

Quelle: kotwg.blogspot.com

Grundgütiger, wie soll man sich denn da bloß konzentrieren können? Wenn selbst Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) stottert muss ich mich ja nicht schämen.

Ich habe gar keinen Platz in diesem Rezensions-Zusammenfassungs-Hybrid, um auf alle Überraschungen und plötzlichen Wendungen eingehen zu können. In diesen eineinhalb Stunden ist so viel passiert, damit könnte man einen ganzen Roman füllen – Überfälle, Intrigen, mind games (Gedankenduelle), und so weiter. Ständig versuchen die Charaktere, sich gegenseitig zu leveln – das bedeutet, sich gegenseitig ein Duell des Verstands zu liefern, und wer die Gegenreaktion auf die Gegenreaktion auf die Gegenreaktion auf die… am besten einschätzen kann ist der Gewinner.

Ich habe hier ein klein wenig ein strukturelles Problem mit Sherlock: Ich wünschte, die Serie hätte mehr Folgen (Na gut, das wünschte ich bei jeder Serie) mit je bischen kürzerer Laufzeit – besonders gegen Ende hin war ich schon ein klein wenig übersättigt mit dem ständigen gelevele, mit den ständigen Wendungen und Überraschungen. Das ständige Gefühl des Klimaxes ist aufregend, liebend gern würde man sich aber ab und zu eine Verschnaufpause gönnen. Das ist allerdings Meckern auf höchstem Niveau und schmälert meine Hochachtung für die Konstruktion dieses genialen Falles nicht im geringsten – zumal auch die knackigen Dialoge stets gut unterhalten. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele zitierwürdige Wortgefechte sich abspielen.

Diese Verworrenheit kennen wir schon von Sherlock, wenn auch noch nie zuvor auf so einem hohen Niveau. Umso bemerkenswerter ist es also, dass „A Scandal in Belgravia“ auf der emotionalen Ebene ebenso neue Maßstäbe für die Serie setzt. Das Weihnachtsfest nützt die Serie etwa, um alle wichtigen Charaktere der Serie (außer Moriarty) zusammenzuführen und ihre Beziehungen zueinander auf die Probe zu stellen. Holmes stößt beispielsweise an seine Grenzen (nicht geistiger Natur), als er die schön hergerichtete Pathologin Molly überanalysiert und irrtümlich alle davon in Kenntniss setzt, dass sie in ihn verliebt ist. Uh-oh. „You always say say such horrible things. Every time. always, always…“ und wir sehen Holmes seine kühle Natur bekämpfen, als er sich aufrichtig bei ihr entschuldigt, sich zu ihr hinüberbeugt, sie auf die Wange küsst und ihr zuflüstert: „Merry christmas, Holly Hooper.“

Doch so süß das auch ist, Sherlock Holmes‘ Herz schlägt einzig und allein für Irene Adler. Für so einen „hochintelligenten Soziopathen“ wie ihn ist eine normale Beziehung selbstredend ausgeschlossen: Obwohl er eigentlich Interesse an Irene Adler hat, versucht er auf ihre Flirtversuche nicht einzugehen, antwortet nicht auf ihre SMS, und lässt sich schlussendlich nicht auf ihr Verführungsspiel ein. Aber wir bekommen schon den Verdacht, dass sie ihm wichtig ist, dass von ihr eine Faszination ausgeht, die Holmes immer wieder zu diesem Fall zurückkehren lässt, selbst als Mycroft ihn vom Fall abziehen möchte.

Das Spiel der beiden, ob nun eine Person von ihnen mehr für die andere empfindet oder nicht – wird zur zentralen Frage in der Lösung des hochkomplexen Falls. Irene Adler verleitet Holmes dazu, einen Code für sie zu knacken, den der Geheimdienst verschlüsselt hatte. Unabsichtlich lässt Sherlock damit einen großen Coup der Regierung platzen: Um eine Informantenquelle nicht aufzudecken erlaubt man den Terroristen, ein Flugzeug in die Luft zu jagen. Nur hätte man vorher sichergestellt, dass das Flugzeug nur voller Leichen losgeflogen wäre, sodass der Anschlag keine Menschenleben gekostet hätte, dennoch menschliche Überreste gefunden werden können. Doch durch Holmes Eingreifen erfahren die Terroristen (mit Moriarty als Hintermann) dank Adler vom Plot der Regierung. Und sie ist immer noch im Besitz des Code-gesicherten Handys.

Dieses hat Holmes schon mit drei falschen Codes bedacht (1895 vom Zähler von Watsons Blog, 2211 für die Baker Street Adresse, und 1058, als er von Irene überlistet wurde), doch immer hieß es: „I AM LOCKED“ („Ich bin verschlossen). Siegessicher lächelt Irene Adler Sherlock an und erzählt ihm, nie etwas für ihn empfunden zu haben. Und wie schon mehrmals zuvor in dieser Episode dachte ich, dass dies der endgültig letzte Schluss ist. Aber Sherlock Holmes wäre nicht der größte Meisterdetektiv aller Zeiten, wenn er Irene Adler nicht noch einmal leveln könnte.

Seine Sentimentalität, die er Irene vorher noch gezeigt hat, als sie ihn ihm die Hand entgegenstreckte, war (angeblich) nur getäuscht gewesen. Irene habe sich in Holmes getäuscht: Er kennt die Liebe, allerdings als chemischen Prozess… erhöhter Puls, leicht schmalere Augen – alles Anzeichen, die er beim romantischen Händedruck an Irene entdecken konnte. Sie liebt ihn tatsächlich. Sprachs und tippt den Code ein, SHER, sodass auf dem Handy steht: „I AM SHER LOCKED“. Wunderschön.

Quelle: weheartit.com

Wobei, wenn ich ehrlich bin, wars zum Schluss ja doch eher geraten als wirklich gewusst. Egal. Sherlock Holmes ist trotzdem ein Genie… und ein Romantiker.

Und dann setzt man noch einmal einen oben drauf. Monate später erfahren wir von Mycroft, dass Irene Adler von Terroristen in Afghanistan enthauptet wurde. Watson soll Sherlock allerdings erzählen, dass sie im Zeugenschutzprogramm nun unter anderem Namen in den USA lebt. In Wahrheit allerdings hat Sherlock Irene Adler natürlich aufspüren und retten können – was bin ich froh, dass das verspricht, dass wir sie eines Tages vielleicht wieder in einer Folge sehen können. Adler bringt wirklich viel mit in die Serie ein, nicht zuletzt auch endlich mal eine starke Frauenrolle in dieser doch sehr männerdominierten Serie.

Bla:

– Irene Adler bringt neben Glamour und Eleganz stets auch Farbe und Licht in die Szenen – sie ist so verführerisch, dass nicht nur ihr Aussehen ein Hingucker ist, sondern auch die Umgebung sich ihrem Willen beugen muss. Sie ist eine Frau, die Epos verdient.

– Mein Favorit unter den Schlagzeilen von Holmes und Watson: „Hatman und Robin“ titelt eine der Zeitungen treffend, denn auch Robin hatte stets nur eine Sidekickrolle für Batman.

– Watsons Freundin wurde ja nicht besonders gut von ihm behandelt, wenn er sich nicht einmal mehr erinnern kann, ob sie ein Haustier besitzt. Schade, dass es mit Sarah nicht geklappt hat, die mochte ich!

– Mrs Hudson, ich weiß, dass ich Sie in meinen Rezensionen kaum erwähne, drum sei an dieser Stelle gesagt: Sie sind eine wahrlich liebenswürdige Figur.

– Der SMS-Ton Sherlocks ist wirklich süffisant. Und wird natürlich auch für den Plot verwendet, wie sonst auch so gut wie jedes Detail des Falls (sogar einige der scheinbar uninteressanten Fälle zu Beginn der Episode).

– Fällt nur mir auf, dass Inspektor Lestrade gar nie was zu tun hat?

– So eine hohe Anzahl an epischen Szenen, bei denen stets alles auf dem Spiel steht, hab ich glaub ich noch nie gesehen. Mit diesem Material füllen andere Serien ganze Staffeln.

Fazit: 10 von 10 Punkten.

Mit „A Scandal in Belgravia“ / „Ein Skandal in Belgravia“ hat sich Drehbuchautor Steven Moffat wirklich selbst übertroffen. Die Folge ist nicht nur komplexer und vielfältiger denn je: Durch ihre Ästhetik und ihr feinfühliges Gespür, wie man mit Sherlock Holmes auf Gefühlsebene umgehen kann (sofern das überhaupt möglich ist), schafft die Episode es, selbst Sherlocks Pilotfolge in den Schatten zu stellen. Eine wirklich unglaubliche, enorm befriedigende Tour de Force.

Ein Skandal in Belgravia” ist bis 27.5.2012 HIER kostenlos und legal auf der ARD-Homepage verfügbar.

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4 Gedanken zu “Sherlock 2.1 „Ein Skandal in Belgravia“: Die eine Frau.

  1. Pingback: Sherlock 2.02 “The Hounds of Baskerville”: Angst und Verstand. | Blamayers TV Kritiken

  2. Ich könnte mir vorstellen (nur eine Theorie!), dass Moriaty in dem Moment erfahren hat, dass Irene den Code des MOD hat. Damit war sein Plan, Sherlock diesen Code entschlüsseln zu lassen. Die Bilder von Sherlock hätte Irene dann auch von Moriaty bekommen, so dass sie ihn dazu bringen kann, den Code zu knacken.

  3. Brillante Folge einer brillanten Serie.
    Ab da habe ich angefangen sie einfach nur noch zu lieben :). Die Handlung hat viele Wendungen, verliert aber zu keinem Zeitpunkt ihren roten Faden und immer wieder war ich überrascht von der ausgeklügelten Raffinesse.
    Besonders fand ich auch den Soundtrack, der die Ereignisse wunderbar untermauert und die Gefühle gelungen lenkt.

    PS: Danke für die schöne Rezession, die meine Meinung gut trifft! (Ich glaube aber, dass sich zwei kleine Fehlerchen eingeschlichen haben: 1. War der Code 221B, wenn ich mich nicht irre, 2. ging es nicht um schmalere Augen als Indiz ihrer Gefühle, sondern um erweiterte Pupillen)

    Lg Veruya

    • So ist es mir auch ergangen, die Raffinesse des Drehbuchs ist einfach unvergleichlich. Es freut mich immer, wenn ich im Netz jemanden finde, der meine Meinung teilt! 🙂

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