Sherlock 1.1 „Ein Fall von Pink“: Gedankenduell.

„You are not haunted by the war… you miss it. Welcome back, Mr. Watson.“

Sherlock ist eine Neuinterpretation der berühmten Sherlock Holmes Romane von Sir Arthur Conan Doyle: Produziert von der BBC siedelt man die Geschichten rund um Holmes und Watson im modernen London der Jetztzeit an. Dieser Wechsel der Szenerie ist allerdings nicht nur Etikette – mit erstaunlicher Finesse gelingt es den Drehbuchautoren, Holmes Scharfsinn auf die Möglichkeiten der modernen Technik treffen zu lassen.

Quelle: ORF-Serien Facebook-Seite

Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und John Watson (Martin Freeman) werden ins 21. Jahrhundert verfrachtet, sehen sich aber immer noch mit den selben Problemen und ähnlichen Fällen wie ihn Doyles Romanen konfrontiert.

Die Serie besteht zurzeit aus zwei Staffeln mit je drei 90-minütigen Episoden. Die erste Folge, „Ein Fall von Pink“ (im Original „A Study of Pink„, eine Anspielung auf Doyles Werk „A Study of Scarlet“) ist die Wie-alles-begann-Episode, in der Sherlock und Watson sich erstmals begegnen und sogleich eine ungleiche, aber auch einzigartige Allianz schließen. Und vom ersten Moment an können Liebhaber der Doyle-Romane erkennen, wie treu Sherlock den verschiedensten Elementen des Originals bleibt, ohne sich daran festzubeißen.

Watson und Holmes treffen sich rein zufällig – beide sind auf der Suche nach einem Appartment, können sich aber keines allein leisten. Was sich zuerst nach einer Zweckgemeinschaft anhört, sie ziehen gemeinsam stilecht in die 211B Baker Street, verwandelt sich schon bald in eine Beziehung, die beide Seiten profitieren lässt: Holmes bekommt eine Außenstelle, der er seine Schlussfolgerungen mitteilen kann und die ihm, wenn nötig, bei praktischen Problemstellungen behilflich sein kann. Für Watson ist ihre „Zweckehe“ aber noch wichtiger – wie Holmes ihm eindrucksvoll beweist ist die Verbrecherjagd genau das, was Watson in seinem Leben nach dem Afghanistankrieg vermisst hatte.

Eine Serie von merkwürdigen Suiziden beunruhigt die Londoner Polizei. Irgendeinen Zusammenhang muss es geben, alle drei bisherigen Opfer sind am gleichen Gift gestorben. Als das vierte Opfer mit einer Sterbenachricht gefunden wird alarmiert die Polizei schließlich Holmes – er selbst bezeichnet sich als „police consultant“, Polizeiberater, der einzige der Welt – „when the police are out of their depth, which is always, they consult me.“ Wie wir erfahren tut er das sogar unentgeldlich – ihm geht es nur um die Genugtuung, einen Verbrecher intelektuell herauszufordern und im Gedankenduell zu besiegen. Einige Polizeibeamte warnen Watson davor, aber ihm scheint es nichts auszumachen, im Gegenteil: Ihn juckt es doch fast genauso unter den Fingernägeln, auf Verbrecherjagd zu gehen, was ihm Sherlock auf wunderbare Weise deutlich macht – der Fall hat Watson revitalisiert, für eine Verfolgungsjagd braucht er plötzlich gar keinen Stock mehr.

Holmes ist ein Genie in diesem Gebiet, und mir gefällt die Visualisierungsmethode, die man für seine Spurensuche verwendet – seine Gedanken und Schlussfolgerungen werden organisch als Text eingeblendet. Ich kann nur meine Bewunderung für die Kreativität des Drehbuchatuoren, Steven Moffat, ausdrücken: Holmes brilliante Folgerungen sind durchwegs logisch und gleichzeitig verständlich. Es tritt der Inception-Effekt auf: Man bewundert Sherlock und Sherlock dafür, wie viel Intelligenz dem Publikum zugemutet wird – denn die Dialoge sind rasant und vollgestopft mit wichtigen Informationen, für deren Verarbeitung man nur wenig Zeit hat. Und irgendwie stellt sich dann stets ein kleines Stolz- und Glücksgefühl ein, wenn man wie Watson Sherlock ehrfürchtig zunicken kann: Jup, wir haben verstanden, bitte fahre fort. Und oft denkt man sich einfach: „Man, das haben sie clever gemacht.“

Obwohl sich Sherlock offiziell als Drama-Serie bezeichnet könnten Watson und Sherlock durchaus auch als Comedy-Duo groß rauskommen – und das meine ich nicht im Negativen. Gelegentlich geben die beiden gute Oneliner ab, aber meist bezieht die Serie ihren Humor aus der (für ihn) unfreiwillig komischen Art der Interaktion Sherlocks mit Watson oder anderen Figuren. Mehrmals musste ich wirklich laut auflachen und mir ein paar Sekunden geben, um mich wieder zu fangen, und das kommt in der lol-Generation nunmal gar nicht mehr so häufig vor.

Häufig hingegen sind die aufrichtig komischen Momente. Da kann man natürlich gar nicht alle erwähnen – Highlights sind allerdings mit Bestimmtheit die Szenen, in denen Holmes seinen staunenden Mitmenschen präziseste Schlussfolgerungen entgegenschleudert und diese dann doof aus der Wäsche sehen lässt – beispielsweise, als Sherlock Holmes schlussfolgert, dass die Polizeiassistentin und der Mann von der Spurensicherung die Nacht zusammen verbracht hatten, was die beiden peinlich berührte. Auch komisch sind die Anschuldigungen, Drogen zu nehmen (ein Vorwand der Polizei, Holmes Zimmer nach Hinweisen für den Fall zu durchsuchen, Drogenkonsum allerdings nicht ausgeschlossen) oder schwul zu sein – letzteres bekommt er gleich von mehreren zu hören. Beziehungen sind aber generell nicht so sein Ding, muss Sherlock zugeben – was er auch beweist, indem er die Laborassistentin zu Beginn gallant zurückweist: Auf die Einladung hin, mal Kaffee trinken zu gehen, bittet er sie lapidar ihm jetzt gleich einen zu machen.

Dass Watson mit Holmes zusammenzieht bleibt nicht unbemerkt – ein mysteriöser Mann veranlasst ein Treffen mit Watson und versucht diesen zu bestechen: Watson soll ihm laufend Informationen über Holmes bringen, da er über Holmes „besorgt sei“. Auch hier sind die Dialoge knackig, und ich liebe es, wie sehr man hier mit dem Vorwissen der Zuseher spielt: Als ich ihn erblickte dachte ich sofort, mit einem siegessicheren Grinsen im Gesicht: „Moriarty!“ – der ewige Widersacher und Erzfeind von Sherlock Holmes. Der Begriff „Erzfeind“ und der Name Moriarty werden später in der Episode noch einmal erwähnt, und ich wusste, dass es sich um Moriarty ebenfalls um ein Genie handelt. Die Zuseher mit Doyle-Vorwisen werden dabei allerdings ganz bewusst auf die falsche Fährte gelockt – enttäuscht war ich fast, dass meine Schlussfolgerung falsch war und es sich nur um Sherlocks Bruder Mycroft handelt, gleichzeitig aber auch fasziniert, wie die Serie Watson und mich reinlegen konnte. Ein Geniestreich!

Sherlock Holmes ist indes eifrig damit beschäftigt, den Fall zu lösen, und ist dabei der Polizei, Watson, den Zusehern und im Grunde sowieso jedem einen Schritt voraus – er findet heraus, dass das Mordopfer einen pinken Koffer dabei haben musste und wo sich dieser befindet. Nur das Mobiltelefon der Ermordeten bleibt unauffindbar – sie muss es ihrem Mörder untergejubelt haben! Der Fall ist ungemein stimmig und flüssig. Kaum zu glauben, dass die Episode 90 Minuten lang ist, so kurzweilig ist sie.

Quelle: fanpop.com

Daher rührt der Titel der Episode. Das vierte Mordopfer, das den Ermittlern den entscheidenden Hinweis liefert (RacheL), ist in pink gekleidet, inklusive Koffer.

Sherlocks Charakterisierung ist exzellent – mir gefällt, dass er so besessen davon ist, seine Intelligenz zu beweisen, dass er willentlich in das Taxi des Mörders einsteigt. Dieser Kerl weiß auch um diese Schwäche Sherlocks: Sein Stolz und Ehrgefühl könnten ihm eines Tages noch zum Verhängnis werden. Dabei handelt es sich um den Taxifahrer nicht um einen 0815-Mörder, sondern um jemanden, der ähnlich tickt wie Holmes: Er ist ein Genie und liebt es, um den Verstand zu spielen. Sein Spiel: Mit vorgehaltener Waffe gibt er seinen Opfern die Wahl zwischen zwei Pillen, eine davon giftig, die andere nicht. Das Opfer darf sich eine Pille wählen, der Taxifahrer schluckt die andere – bislang hat der Taxifahrer immer gewonnen und möchte sich nun der Herausforderung stellen, Sherlock Holmes gegenüberzutreten.

Es ist einfach klasse, dass sich der Showdown auf ein Geistesduell zwischen Mörder und Sherlock Holmes zuspitzt – diese Verspieltheit des Taxifahrers spielt natürlich dem Unterhaltungswert direkt in die Hände. Von Holmes‘ Entführung weg baute sich eine unglaubliche Spannung auf – und ich muss sagen, alle Fragen bezüglich der Morde und des Mörders wurden zufriedenstellend beantwortet. Auch die Resolution des Duells zwischen Sherlock und Taxifahrer ist befriedigend – Watson erschießt ihn, aber Watson hätte wahrscheinlich auch so geschlagen, nachdem er schon den Waffenbluff gecalled hatte.

Die Musik ist ein feiner Mix aus Humor akzentuierenden, fröhlichen Klängen und durchaus auch dramatischen Stücken, wirkte vor allem aber auch wie aus einem Guss und irgendwie passend für das moderne London-Setting. Ein wenig Farbe hätte ich mir gelegentlich in manchen Einstellungen gewünscht, auch wenn deren Abwesenheit andernorts durchaus beabsichtigt ist.

Quelle: Wikipedia

Klarer Fall: Sherlock ist zu 100% eine britische Sendung mit ebenso britischen Akzenten, Schauspielern, Schauplätzen, Angewohnheiten und Schrulligkeiten.

Besonders zu erwähnen ist noch die Liebe zum Detail, wenn es um Referenzen zum Quellmaterial geht – insbesondere, wenn es sich nicht um eine 1:1 Kopie einer Referenz handelt, sondern geschickt neu interpretiert wird. So schreibt Watson beispielsweise einen Blog, während er in der Buchserie ihre Geschichten andernorts veröffentlichen musste. Die Gravur des Handys ist ebenfalls einer Idee Doyles entnommen, nur handelte es sich im Buch stattdessen um eine Taschenuhr. Ich bin mir sicher, man kann noch etliche weitere Anspielungen auf die Bücher finden – ich persönlich kenne nur ein oder zwei der Bücher und konnte trotzdem einige davon entdecken. Und falls man mal keine mehr findet: Die nächsten Fälle warten.

Bla:

„Shut up, I need to think.“ „I didn’t say anything!“ „You’re thinking, that’s annoying.“ Ich glaube, das ist die einzige Stelle der Episode, in der Holmes sarkastisch ist und bewusst mit seinen ansonst so präzisen Aussagen lügt – umso witziger ist es, wie brav ihm der Typ von der Spurensicherung (Andrew?) gehorcht.

– Ganz wichtiger Unterschied: Sherlock Holmes ist ein hoch funktionierender Soziopath, kein Psychopath. Seine eigenen Worte.

– I very much enjoy the Britishness of this show.

– Moriarty ist… mehr als ein Mann. Sonst bleibt die Serie vorerst vage über diesen Namen.

– Ha, ich bin ein Genie: Ich hab schon vor Holmes vermutet, dass es sich um einen Taxifahrer handeln könnte.

– Die Nebencharaktere sind klein aber fein: Die Vermieterin Mrs Hudson, Inspektor Lestrade, der geniale Taxifahrer und Sherlocks Bruder Mycroft (inklusive seiner SMS-enden, desinteressierten Partnerin).

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Sherlocks erste Episode, „Ein Fall von Pink„/“A Study in Pink„, ist eine kreative, absolut fantastisch geschriebene (Dialoge! Witz! Handlung!) Folge, die den gleichnamigen legendären Meisterdetektiv würdevoll ins Jetzt und Hier hievt. Nach der Episode breitet sich ein regelrechtes Glücksgefühl in einem aus – so einen zufriedenstellenden Fernsehfilm sieht man nicht alle Tage.

Advertisements

2 Gedanken zu “Sherlock 1.1 „Ein Fall von Pink“: Gedankenduell.

  1. Hallo,

    statt the Walking Dead zu schauen sollten Sie sich lieber The Wire oder Die Sopranos ansehen. Darüber lohnt es sich wohl vielmehr zu schreiben.

    Beste Grüße aus Hessen

    • Hallo,
      Danke für die Vorschläge! Mir ist natürlich bewusst, dass die beiden Serien gemeinhin als größte Erfolge der Seriengeschichte gehandelt werden, und dass ich beide noch nicht geschaut habe ist eines meiner Laster.

      Ich schaue allerdings deutlich mehr Serien, als dass ich über sie alle schreiben könnte, und die zwei genannten Riesen sind halt doch schon ein paar Jahre alt, und ich suche mir möglichst aktuelle Serien – einfach weil da mehr Leute darüber reden und lesen. Und gerade The Walking Dead ist eine interessante Serie, um über sie zu schreiben, gerade weil sie gelegentliche Dämlichkeiten anstellt, die man von The Wire, Sopranos oder Breaking Bad nicht erwarten würde.

      Schöne Grüße aus Tirol,
      Blamayer

add your bla:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s