The Walking Dead 2.01 „What Lies Ahead“: Zukunft im Rückspiegel.

„Maybe we should just go back.“

Nach dem immensen Erfolg von der ersten Staffel The Walking Dead in den USA – dort brach die Serie mit eigentlich jeder Episode den damaligen Rekord an Zuschauern für ein Kabelprogramm, und das recht deutlich – war es nur eine Frage Zeit, bis die Serie verlängert wurde – ganze zwölf Episoden spendierte AMC der Serie in der zweiten Staffel, dopelt so lang wie die erste. Und dabei war Staffel 1 nicht nur immens erfolgreich beim Publikum sondern auch bei den Kritikern (u.a. mir) – schön also zu hören, dass die Serie mit Folge 2.01, „Zukunft im Rückspiegel“ (im Original: „What Lies Ahead„) da nahtlos anschließen kann.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Vorläufige Endstation für den RV und die Überlebenden – eine große Anzahl stehengelassener Autos versperrt ihnen den Weg. Das Set ist einfach atemberaubend.

Wir erinnern uns: Die Gruppe Überlebender hat gerade das CDC Gebäude verlassen und ist jetzt wieder voller Zweifel und Verzweiflung. Bezin und Essen scheint nicht mehr so ein großes Problem zu sein, auch wenn sie einige Vehikel zurückgelassen haben – Daryl beispielsweise fährt nun sein Motorrad, das er vorher immer nur auf der Ladefläche seines Pick-ups stehen hatte. Und dann schlittert die Gruppe spektakulär von einer Katastrophe in die nächste. Eins vorweg: So grenz-genial wie dieser Trailer ist der Zweitstaffeleröffner nicht, trotzdem versetzt einen die Folge übelst in The Walking Dead-Laune.

„We’re moving on, Atlanta is done„, hakt Rick Grimes das Kapitel der ersten Staffel in einem coolen Monolog endgültig ab. Sie wollen weg von Atlanta, weg von der CDC, auf der Suche nach potentiellen Resorts für Überlebende – Fort Benning, 140 Meilen entfernt. Das wär in einer normalen Welt gar nicht so schwer, doch Rick und Co sehen sich etlichen Gefahren und Hindernissen ausgesetzt, nicht zuletzt Zwist in der Gruppe. Schließlich gibts gleich mehrere Zwistherde: Andrea ist immer noch sauer auf Dale, Shane und Lori hatten ein unliebsames Zusammentreffen in „TS-19„, und Rick weiß immer noch nichts von deren Affäre. Und dann kommen sie in den Stau.

Keinen echten Stau natürlich, all die Insaßen der Autos sind entweder geflohen oder tot (ganz tot). – „This is a graveyard“, merkt Lori an. Es ist ein atemberaubendes Set – zig Wagen stehen herrenlos auf der Autobahn, einige überschlagen oder ineinandergekracht, das damalige Chaos ist bloß zu erahnen. Und es sieht einfach fantastisch aus, wie glaubwürdig die Wagen hinterlassen worden sind und den Weg versperren, es gibt kein Vorankommen – und just in diesem Moment verabschiedet sich der Kühler von Dales Wohnwagen. Die Gruppe beschließt, die Wagen einer nach dem anderen wegfahren zu wollen (die Schlüssel stecken schließlich alle noch) – aber bis dahin ist ihre Reise erstmal unterbrochen.

Es ist schön zu sehen, dass die Gruppe mittlerweile über Überlebensinstinkte verfügt – sie zögern nicht, die Leichen zu plündern. Ah, es ist so befriedigend zu sehen, wie effizient sie da denken, und dass die Drehbuchautoren die Figuren ernst nehmen. Sie stehlen Benzin, Wasser, Waffen – was sie so halt brauchen. Bis Rick und Dale per Fernglas einen Zombie entdecken, der auf sie zusteuert. Und dann noch ein paar. Und dann eine ganze Meute. Handeln ist angesagt.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Aus irgendeinem Grund wandert eine Meute Zombies am leer…gefressenen Highway herum. Die meisten Gruppenmitglieder können sich rechtzeitig verstecken…

„Hide! Under the cars!„, schreit Rick flüsternd seinen Freunden zu. Es folgt eine unglaublich intensive Szene, als der Mob von Zombies langsam auf die Wagen der Überlebenden zusteuern, während diese sich großteils unter irgendwelchen Wagen verstecken. Dale versteckt sich auf seinem RV, während Andrea ahnungslos in diesem sitzt.

Einfach klasse, wie jeder Charakter etwas anderes tut, während die Walkers langsam an ihnen vorbeischlendern. Als T-Dog sich beispielsweise verletzt eilt Daryl sofort zur Hilfe und wirft einen toten Insaßen eines Wagens über ihn, um die Zombies ihn nicht bemerken zu lassen. Andrea hingegen kann lediglich in das Badezimmer des RVs klettern, und als sie beim Waffe zusammenbauen schusselt und ein Geräusch von sich gibt, lenkt sie die Aufmerksamkeit eines Zombies auf sich. Auch hier wieder schönes Zusammenspiel der Figuren: Dale lässt einen Schraubenzieher durch die Dachlücke flutschen, mit dessen Hilfe Andrea innerlich schreiend dem Zombie den Schädel zertrümmert. Uah, manchmal ist die Serie leicht übertrieben blutrünstig, hat sie denn den Schraubenzieher extra ins Auge stechen müssen? Auch das ist eine urspannende Sequenz, die Andrea in Tränen und Blut getaucht, aber lebend hinterlässt.

Unendlich langsam ziehen die Zombies vorbei, was der Spannung keinen Abbruch tut – ständig hat man Angst, dass eine der Frauen oder eins der Kinder einen Laut von sich gibt, oder ein Kerl unbedacht die Waffe zückt. Als eine Weile lang keine Füße mehr vorbeigehen wird Sophia ungeduldig, möchte raus – und wird prompt von zwei Zombies überrascht. Zum Glück ist die große Herde schon vorbei, und nur die zwei folgen Sophia auf ihrer Flucht in die Büsche. Heldenmutig springt Rick hinterher.

Der Rest der Episode handelt von der Suche nach der Kleinen. Rick kann sie einholen und schlägt vor, dass sie sich verstecken solle, während er die zwei Walkers ablenkt und mit einem Stein umbringt… und dann dafür sorgt, dass sie tot bleiben, ganz tot. Nur geht Sophia dabei verloren, Sophia ist weder im Versteck noch zu den anderen Überlebenden zurückgekehrt. Irgendwie besitzen die Kinder in The Walking Dead keine sonderlich großartigen Überlebensinstinkte.

Zeit fürs A-Team! Die Männer gehen schwer bewaffnet auf die Suche nach ihr. MIr ist schleierhaft, warum sie dabei nicht einfach ständig nach ihr rufen – falls Zombies in der Nähe sind können sie sie ja einfach umlegen, auch wenns Munition kostet. Und es wird schon keine Horde im Wald sein, die Walkers müssten dafür schon einen Grund haben. Apropos Grund: Finde es toll, dass die Überlebenden darüber diskutieren, warum wohl ein Mob Zombies plötzlich die Autobahn unsicher gemacht hatte. Selbst wenn die Drehbuchautoren dafür nämlich keine Erklärung haben, wissen wir, dass das nicht bloß eine Logiklücke ist sondern durchaus geplant war.

Daryl und Rick finden einen Walker und erlegen den sogleich. In der bislang ekel-erregendsten Szene der Serie schauen die beiden nach, was dieser wohl als Letztes verspeißt hat. Ich weiß, Daryl ist ein tougher Kerl, aber da hab ich das Gefühl, dass er mehr hätte zögern sollen… ich meine, das ist schon echt krass, zuerst auf den Zombie einzustechen, bis die Innereien herausquellen, und dann im Magen nachschauen, ob vielleicht Hautfetzen von Sophia drin stecken…

Jedenfalls tun sies nicht, und die Suche muss wegen Dämmerung abgebrochen werden für den Tag. Ich hätte mich darauf gefreut, eine irre gruselige Nachtszene mitzuerleben – die Gruppe campt schließlich irgendwo im Nirgendwo, wo grad am Vortag dutzende Zombies vorbeigeschlendert sind! Leider kam keine und es brach einfach so wieder ein neuer Morgen an.

Quelle: offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Die Überlebenden (hier: Norman Reedus, Andrew Lincoln, Melissa McBride, Sarah Wayne Callies) begeben sich, mit Waffen im Anschlag, am zweiten Tag nach Sophias Verschwinden in den dichten Wald, um sie zu finden. Doch Sophia bleibt verschollen.

Auf einer neuerlichen Expedition gehen diesmal alle mit außer Dale und T-Dog, welcher noch verletzt ist. Das Abenteuer fühlt sich an wie eine typische Dschungel-Mission bei Lost, so dicht und tiefgrün ist der Wald. Gut, ich schätze ohne Menschen und Abgase wächst es sich nunmal ganz gut. Sophia finden sie nicht, dafür allerdings eine verlassene Kirche, in der ein paar Walker sitzen als wie um zu beten. Die Kirche dient als vorübergehender Rastplatz, an dem Carol ihre Sorge um ihr Kind vor den Augen Gottes kundtun kann. Die Jesusstatue wird in einem gruseligen Winkel von der Kamera erfasst, und wie so oft denk ich mir: Man, schon irgendwie echt morbide dieses Glaubenssymbol und eine schöne Metapher für das Leiden unserer Charaktere – und die vergebliche Hoffnung auf Erlösung, wie wie in der ersten Staffel erfahren haben.

Auch Shane und Lori haben Zeit ein wenig zu plaudern. Shane möchte abhaun von der Gruppe, und er bringt tatsächlich ein paar echt gute Argumente vor: Für ihn ist die Situation wesentlich schwieriger als für Lori, er hat sie schließlich verloren, während sie Rick gewonnen hat. Das entschuldigt natürlich niemals seinen Missbrauchsversuch im CDC.

Andrea, die die beiden belauscht hat, würde gern mit Shane mitgehen. „What’s in it for me?“ fragt Shane – was würde ihm das helfen, auf noch ein Paar Arschbacken achten zu müssen? Aber Andrea hat Recht: Allein ist man immer gefährdet, schon allein weil man schlafen muss. Und die beiden würden zugegebenermaßen ein gutes Gespann abgeben, beide sind Kämpfer und passen aus verschiedenen Gründen nicht mehr so recht in die Gruppe. Ich bezweifle aber mal stark, dass die beiden sich tatsächlich auf eigene Faust davonstehlen und die Gruppe endgültig verlassen würden – dafür wurde zu viel Charakterentwicklung in die beiden gesteckt.

In der Abschlussszene dieser überlangen Staffeleröffnung begeben sich Rick, Shane und Carl in den Dschungel Wald und begegnen einem gar nicht so scheuen Hirsch. Neugierig und aufgeweckt nähert sich Carl dem Tier, Rick und Shane blicken stolz auf ihren Schützling. „Was für ein poetischer Moment“, dachte ich mir – als plötzlich ein Schuss fällt, den Hirsch durchdringt und in Carl einschlägt. Wäre es nicht so tragisch würde ich fast darüber lachen, wie die Überlebenden von Unglücken verfolgt werden. Ein starker, dramatischer Staffelauftakt.

Bla:

– Lori weiß nie recht, wie sie mit Shane umgehen soll. Zuerst verbietet sie Carl, mit Waffen zu hantieren, und als Shane Carl dasselbe sagt wirft sie ihm das vor. Entscheid dich, Mädel!

– Daryl ist der ultimative Survivor: Spuren lesen, plündern, lautlos töten – er kann es alles. Die Gruppe kann echt froh sein, ihn zu haben, vor allem nach dem, was sie seinem Bruder irrtümlich angetan haben.

– Vernachlässigt in dieser Folge: Glenn. Der hatte ja gar nix zu tun.

– Ich mag Andreas Dialog mit Dale und wie sie ihm zeigt, dass nicht Dale sie gerettet hat, sondern sie Dale retten hat müssen. In meiner Pädagogikausbildung habe ich gelernt, dass Dale das einzig Richtige sagt, wenn man nicht weiß, was man sagen soll: „I don’t know what to say.“

Fazit: 8,5 von 10 Punkten.

What Lies Ahead“ beginnt mit einer sehr langen und stets wahnsinnig spannenden Sequenz am Highway – ganz großes Kino. Sobald Sophia verloren geht nimmt das Tempo allerdings ab, bleibt allerdings trotzdem unterhaltsam. Wenn The Walking Dead weiterhin so eine Dramatik zustande bringen kann wie in „Zukunft im Rückspiegel“ ziehe ich meinen Hut.

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2 Gedanken zu “The Walking Dead 2.01 „What Lies Ahead“: Zukunft im Rückspiegel.

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