Schnell Ermittelt: Staffel 1

„Einmal Mörder, immer Mörder… stimmts?“

Hinweis: Diese Zusammenfassung beinhaltet größere Spoiler für die Staffel.

Die Hauptrollen spielen Katharina Straßer (Maja), Wolf Bachofner (Franitschek), Ursula Strauss (Angelika Schnell) und Andreas Lust (Stefan Schnell). Ich bedanke mich beim „Schnell Ermittelt“-Team für meine signierte Ausgabe der ersten Staffel! : -)

Schnell Ermittelt ist eine österreichische Krimiserie, die seit 2009 auf ORFeins läuft und mittlerweile, dank ihres kontinuierlichen Erfolgs beim Publikum, vier Staffeln umfasst. Normalerweise passe ich bei diesem Genre – irgendwie ist es viel zu ausgelutscht worden, man hat alles schon irgendwo mal gesehen. Trotzdem hat Schnell Ermittelt es geschafft, mich in ihren Bann zu ziehen. Um dem auf den Grund zu gehen begebe ich mich auf eine Retroanalyse von Staffel eins.

Zuerst einmal zur Stimmung: Schnell Ermittelt ist, anders als beispielsweise das ebenfalls vom ORF produzierte SOKO Kitzbühel, keine humoristische Krimiserie sondern nimmt sich selbst, seine Geschichten und seine Figuren durchaus ernst. Trotzdem gibts Platz für den berühmten „österreichischen Schmäh“, ohne allzusehr auf die dumpf-offensichtliche Schiene klopfen zu müssen.

Figuren:

Das Setup der Figurenkonstellation ist schon leicht entertainment-fokussiert, da man sich nicht verwehren kann, in die eine oder andere Klischeeschublade zu greifen. (Gut, zugegeben, es gibt so viele Krimiserien und -filme, dass es mittlerweile jeden Ermittlertyp schon einmal gegeben hat.) Da wäre die Hauptfigur, Chefinspektorin Angelika Schnell, die liebenswürdige aber chaotische Mutter zweier Kinder. Der Pathologe, auf dessen Hilfe sie stets zurückgreifen muss, heißt Stefan Schnell ist ihr Ex-Mann, mit dem sie allerdings immer noch sehr viel Kontakt hat – und natürlich wünscht sich die eine Hälfte der beiden (Stefan), dass sie wieder zusammenkommen. Die beiden führen eine spielerische Nicht-Beziehung, die gut unterhält und den Zuseher immer wieder auf Zehen sitzen lässt, ob die beiden zusammenkommen oder nicht.

Angelikas Partner bei den Ermittlungen ist Harald Franitschek – bei wohl jeder österreichischen Krimiserie muss einer der Ermittler eine stämmige Statur haben. Zum Glück spielt der von Kommissar Rex erfahrene Wolf Bachofner keinen Tollpatsch, Franitschek ist ein kompetener Mann, geplagt allerdings von Wehleidigkeit (Globoli und Tee) und konservativen Wertevorstellungen (Eine Frau als Chefin? Ein Türke als IT-Spezialist?). Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen haben er und Angelika eine tolle Dynamik, die immer wieder Spaß macht mitanzusehen.

Mir gefällt, was für ein tiefes Verständnis zwischen den beiden herrscht, obwohl die beiden das nicht offen zugeben: Angelika kommandiert Franitschek oft herum wie einen Polizeinovizen und lässt auch nicht viele Gelegenheiten aus, ihn zu ärgern. Schönster Moment zwischen den beiden: „Ich brauch deine Hilfe“, sagt Schnell ernst zu Franitschek im Staffelfinale, und Franitschek ist natürlich für sie da. Die beiden ergänzen sich sehr gut: Angelika übernimmt das Gespür für den Lösungsansatz des Falls, während sie die Organisation der Ermittlungen meist auf Franitschek auslagern kann.

Unterstützt wird Franitschek dabei beim Polizeijungspund Maja, die für Recherchen zuständig und meist im Büro vorzufinden ist. Gelegentlich hilft auch Kemal bei den Fällen mit, falls die Polizei einen Technikfachmann braucht. Der scheint genauso jung wie Maja zu sein: Eine Beziehung der beiden wird zwar nicht weiter verfolgt, eine gegenseitige Attraktion allerdings nicht gerade subtil angedeutet.

Weitere Menschen in Angelika Schnells Leben sind ihre Kinder Jan und Kathrin, deren Interaktion mit Angelika des Öfteren gewisse Aspekte des Falls in einer Nebengeschichte aufgreift. So wird diese Sendezeit stets weise genützt – die Konturen der Chefinspektorin und die ihres Ex-Mannes werden fester gezeichnet, und man erlaubt sich so, gewisse Aspekte des Falls in neuem Licht zu betrachten – im Fall „1.07 Iris Litani“ beispielsweise greifen die beiden Kinder das Thema Religion bezüglich ihrer Firmung auf.

Quelle: offizielle Schnell Ermittelt Facebook-Seite

Beliebter Treffpunkt für die Besprechung der Ermittlungen ist nicht nur das Büro, sondern vor allem auch Fritz‘ (Helmut La) Asia-Imbissbude, hier bei Dreharbeiten.

In weiteren Nebenrollen gibts noch den wahnsinnig witzig benannten asiatischen Imbissbesitzer Fritz (doppelt gemoppelt: der Schauspieler heißt Helmut La) und Angelikas interessanten, aber mysteriösen Nachbarn Peter Feiler, auf den ich weiter unten noch einmal zu sprechen komme.

Episoden:

Ich muss zugeben, dass der Serienpilot ein wenig enttäuscht – „1.01 Herta Weissenberger“ ist aus vielerlei Gründen keine exemplarische Episode von Schnell Ermittelt. Man merkt der Folge an, dass sie ein Jahr vor dem Hauptteil der ersten Staffel produziert wurde, die Stilelemente waren noch nicht standsicher. Angelikas berühmte Visionen beispielsweise verlassen normalerweise nie ihren derzeitigen Aufenthaltsort und beinhalten meist nur den oder die Verstorbene(n), in „Herta Weissenberger“ allerdings schon. Außerdem begeht man in dieser Episode den Fehler, die Visionen um ihrer selber willen einzusetzen, und nicht um Angelika auf die richtige Fährte zu locken. Anstatt wie sonst anzudeuten, dass diese Visionen als Intiuitionsgabe Angelikas wahrzunehmen, kommen sie hier als Gimmicks rüber – ein wenig schade. Auch der Fall selber ist im Piloten nicht sonderlich spannend, die Ermittlungen sind leicht schleppend und die Farben sehr dröge.

Nicht alles ist schlecht an der ersten Episode – auch wenn die Serie noch in ihren Kinderschuhen steckte gelingt es ihr recht schnell (haha), ihre Hauptfiguren interessant zu charakterisieren. Angelika ist allerdings deutlich weniger sadistisch zu Beginn, als wir es später von ihr gewöhnt werden. Neben pointierten Dialogen greift die Serie dabei geschickt auf Stilmittel zurück, die ihr selbst mehr Charakter verleiht und von der Masse abhebt.

Wichtige Stilmittel der Serie sind die schnellen Schnitte und die unruhige, wackelnde Kameraführung in beinah allen Einstellungen. Das gibt der Serie eine stärkere Identifizierung mit der Lebensweise ihrer Hauptfigur: Frau Schnell ist hektisch und chaotisch, ihr Name wird zur tragenden Metapher. Die Actionszenen wirken dadurch dramatischer, der Alltag gehetzter. Außerdem kann man wohl auch die oben bereits erwähnten Visionen Angelikas als Stilmittel bezeichnen, das allerdings erst ab Episode 2 („Rainer Kaufmann„) seine Flügel ausbreitete. Ich mag die Subtilität, die dabei oft verwendet wird – Gottseidank kann das Mordopfer nicht sprechen sondern nur deuten, hinweisen, lächeln oder ernst schauen.

Es gibt viele interessante und abwechslungsreiche Fälle. Mal wird ein Fernsehkoch live umgebracht („1.02 Rainer Kaufmann„), mal gehts um illegale Pornographie („1.03 Bettina Klein„), wieder ein andermal um den Besitzerstreit um einen Paintballplatz („1.08 Ben Bogner„). Die interessanteste Episode, mal vom Staffelfinale abgesehen ist wohl „1.04 Valerie Lesky„, weil bei diesem Fall Angelikas Nachbar Peter Feiler fälschlicherweise verdächtigt wird und so die Frau Chefinspektorin in ein blödes Dilemma gerät – Peter ist natürlich alles andere als erfreut, dass Angelika ihn wegen seiner Vergangenheit verdächtigen würde, und lässt daraufhin ihre aufkeimende Romanze erstmal wieder versiegen. Zudem hatte diese Episode ein tragisches und spannendes Ende – Angelika lässt die Täterin irrtümlich (und fahrlässig) fliehen, verfolgt sie und muss dann deren Selbstmord mitansehen.

Feiler spielt natürlich eine tragende Rolle in der ersten Staffel. Zuerst lernen wir ihn als hilfsbereiten Nachbarn kennen, zu dem sich Angelika durchaus hingezogen fühlt. Wir erfahren auch von seiner schweren Vergangenheit: Feiler musste fünf Jahre im Gefängnis verbringen, obwohl es sich laut seiner Aussage um einen Unfall gehandelt hatte: „Er zog das Messer, ich war schneller.“ Gleichzeitig bemerken wir allerdings, dass irgendetwas nicht mit ihm spielt: Warum spioniert er Angelika hinterher? Warum ist er so besessen von ihr, dass er sie ständig zeichnet? (Übrigens, das Bild von Angelika mit Engelsflügeln ist wunderschön.)

Die Antwort auf diese Fragen erhalten wir im fulminanten Staffelfinale, der Episode „1.10 Graziella Bracci„. Ich muss sagen, dass mich diese Episode erst so richtig in die Serie reingezogen hat, sie war wirklich wirklich spannend. Gleichzeitig kritisiere ich aber, dass diese Episode zu sehr mit Entwicklungen der Hauptgeschichte von Staffel 1 vollgestopft ist und diese nicht besser auf die Staffel verteilt wurden. Klar, die Serie musste erst einmal Fuß fassen und ihre Charaktere entwickeln. Und ich denke auch, dass man in der ersten Staffel bewusst die serielle Natur zurückhielt, um etwaige Zufälligzuseher nicht zu verschrecken – und erst nach diesen zehn Episoden wurde man sich sicher, dass diese Fortführung der Geschichte als integraler Bestandteil der Serie funktionieren kann.

Jedenfalls passierte im Finale so viel auf einmal, dass beispielsweise nur ein einziger Verdächtiger ausfindig gemacht werden konnte. Auch die anonymen Briefe für Angelika hätten ruhig schon früher losgeschickt werden können. Sei es wie es sei: Dafür ist „Graziella Bracci“ einfach urspannend und mit einigen überraschenden Wendungen. Durch einen anonymen Hinweis findet die Polizei eine Leiche eines Mordes vor 15 Jahren – die Ermittlungen führen ins nichts. Erst bei einem zweiten Mord vom selben Täter gelingt es Angelika, eine Verbindung zu Peter Feiler herzustellen – sie hatte die Nacht mit einem Mörder verbracht! Und dieser hatte die Beziehung zu ihr ausgenützt, um an Informationen über die neue Identität von Silvia Poser heranzukommen, der Frau, die Feiler damals für den Mord/Totschlag belastet hatte.

Angelika hat allerdings keine Beweise und muss ihn auf eigene Faust zu einem Geständnis zwingen. Ihr Vorhaben geht allerdings schief, Feiler wartet bereits auf sie und lauert ihr auf. In einer Herzschlagszene lässt Feiler Angelika unter vorgehaltener Waffe ein Gemälde imitieren… und lässt sie, im Gegensatz zu all seinen vorherigen Mordopfern (über 20!), am Leben.

Quelle: Hoanzl - Schnell Ermittelt Staffel 1 DVD

Zu spät entdeckt Angelika (Strauss), dass Peter Feiler (Philipp Moog) nicht bloß ihr hübscher Nachbar ist, sondern ein Massenmörder, der ihr Vertrauen gewonnen hat.

Gruselig: Peter Feiler nimmt jedem Mordopfer einen Eckzahn ab, als Souvenir, und schenkt Angelika ein Etui voller Zähne. Größter Moment der ganzen Staffel: Als Angelika gerettet wird und Franitschek in die Arme fällt, fährt sie mit ihrer Hand über ihr Gebiss – und entdeckt keine Lücke, Feiler hat ihr diese Freiheit gelassen. Trotzdem ist Angelika schwer gezeichnet: Ihr Hals weist kaum zu verbergende Würgespuren auf, sie ist traumatisiert und verlangt Polizeischutz für ihre Kinder. Nicht zu Unrecht, findet sie schon bald in ihrem Garten ein neues Päckchen Feilers – mit einem neuen Zahn. In einer weiteren grandiosen Szene sehen wir Feiler selbstsicher lachen, während er ein neuerliches Opfer terrorisiert. Spannend spannend, von diesem Moment an wusste ich:Schnell Ermittelt ist anders als die meisten deutschsprachigen Produktionen, und: Ich werde diese Sendung genauer analysieren.

Bla:

– Immer wieder witzig: Angelikas und Franitscheks Schere-Stein-Papier Spiel, wer den Angehörigen vom Mord erzählen muss. Angelika ist aber eine schlechte Verliererin und übernimmt es nur, wenns wirklich sein muss. Nur eine der vielen Piesakereien gegenüber den armen Frani.

– Bestes Zitat: „Na das werden wir aber nicht nachkochen.“ – nachdem Angelika den Fernsehkoch live im Fernsehen ersticken hat sehen.

– Zweitbestes Zitat: Angelika fragt sich, warum ein Mörder ihr einen Hinweis geben würde. Franitschek meint dazu lapidar: „Najo, vielleicht steht er auf di.“ Sehr beruhigend, Frani. Ironischerweise hatte er damit allerdings sogar recht…

– Lieblingsnebenrolle: Andrea in „Graziella Bracci“ (was für eine tolle Folge, ich kanns gar nicht oft genug betonen!). Da wurde Angelika so richtig schön eifersüchtig, wie eng sie mit Angelikas Ex-Mann Stefan befreundet (und vielliecht noch mehr) ist. Hoffentlich sehen wir die wieder!

– Auf Dauer ein bischen klischeehaft: Bei fast jedem Fall sprachen die Angehörigen davon, dass das Mordopfer sich neulich „so anders“ verhalten habe.

– „Geh bitte, Franitschek, wir san ja hier nicht bei Miami Vice.“ – weil Franitschek mit Waffe im Anschlag durch eine finstere Halle ging.

– Auch immer wieder gut: Die nie gesehene Oma, Stefans Mutter, die stets andere Wünsche zu haben scheint als Angelika.

– „ ‚Angelika‘ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ‚die Engelhafte‘. Nicht jeder Name färbt auf den Charakter ab.“ – Stefan.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Lassen Sie sich von der ersten Episode nicht täuschen: Schnell Ermittelt ist eine österreichische Krimiserie mit tollen Schauspielern und interessanten Charakterdynamik. Die Fälle sind spannend, doch was die Serie ausmacht sind ihre Stilelemente (Kameraführung, Visionen) und Interaktion der liebenswürdigen Figuren. Insbesondre der grandiose Showdown des Staffelfinales macht Lust auf mehr.

Beste Folgen: 1.10 Graziella Bracci.

“Schnell Ermittelt – Staffel 1″ ist als DVD bei Hoanzl erschienen und beispielsweise HIER erhältlich.

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