Woki mit nach Baku: Österreichs Beitrag zum ESC 2012.

„Wir sind jetzt vielleicht nicht die Niveauvollsten, …“

Seit nun ein paar Monaten steht es fest, dass Österreich 2012 am Eurovision Song Contest durch das Oberösterreichische Gesangsduo Trackshittaz mit dem Lied „Woki mit deim Popo“ vertreten wird – eine Gruppe, die, schon Bandname und Songtitel vermuten lassen, milde gesagt nicht gerade für Edelmusik steht. Das hat damals natürlich äußerst polarisiert und scheint auch jetzt, knapp eine Woche vor dem Contest, wieder zum Thema werden. Ein Kommentar von Hannes Blamayer.

Quelle: Offizielle Trackshittaz Facebook-Seite

Als selbstbewusste coole Typen präsentieren sich die Trackshittaz vor dem ESC Contest der Öffentlichkeit. Am 22. Mai finden die Vorausscheidungen statt, live auf ORFeins.

Die Trackshittaz, bestehend aus Manix (Manuel Hoffelner) und G-Neila (Lukas Pöchl), sind Österreichs Antwort auf die deutsche Atzenmusik – Sie bilden nicht gerade den Gipfel der Qualität und laden gelegentlich auch zum Fremdschämen ein, sind aber unkompliziert und machen Spaß. Sie selbst bezeichnen ihre Musik recht akkurat als Traktorgangsta-Partyrap, und insbesondre der Traktor-Teil ist bezeichnend: Die Lieder der Trackshittaz sind voller Rustikalität und Österreichbezug, nicht zuletzt weil sie all ihre Lieder in Mundart (Dialekt) singen. Und vielleicht sind sie deshalb genau die richtigen Vertreter für Österreich am ESC. Ich bekenne mich: Ich bin ein Fan der Trackshittaz und möchte mich für sie (im doppelten Sinne) rechtfertigen.

In Österreich sind Hoffelner und Pöchl längst kein unbeschriebenes Blatt mehr – der zweite Platz Plöchls in der Talentshow Helden von Morgen (eine Art österreichisches DSDS mit Sido statt Bohlen, aber nicht ganz so niveaulos) katapultierte die beiden von 0 auf Platz 1 der Single- und Albumcharts. Es gab einen ganz schönen Hype um die beiden – die Kombination aus Mundart und Partymusik war neu und begeisterte vor allem sehr junges Publikum mit Authentizität und auch Originalität.

Und das ist die größte Stärke der beiden: So etwas hat zuvor eigentlich noch nie jemand gemacht. Natürlich wurde das dann gleich kommerzialisiert, warum auch nicht? Schwupps wurden die beiden von Sony unter Vertrag genommen und produzieren derzeit mit Volldampf neue Platten und Auftritte. So, jetzt aber genug mit den Eckdaten: Warum herrscht in Österreich und im Ausland so eine große Negativstimmung gegenüber den beiden?

Das hat wohl mit der Qualität ihrer Musik zu tun – „Woki mit deim Popo“ ist textlich alles andere als ein Meisterwerk. Generell sind die Texte der Trackshittaz eher schwach, normalerweise ist das aber eh egal – im Ausland versteht den Dialekt sowieso niemand. (Auch ich verstehe nicht alles.) Außerdem, wie man bei der Diskussion im Club 2 schon anmerkte, sind im Grunde die Texte vieler populärer Lieder für die Tonne. „Woki mit deim Popo“ hat allerdings auch eine unbestreitbare sexistische Komponente mit drin – kein Wunder, wenn sich die Sänger als partysuchende Jungs in der Disco geben. Und ich persönlich finde diese vielen Verweise auf und Objektifizierung von Körperteilen beider (!) Geschlechter zwar nicht erstrebenswert oder niveauvoll, akzeptiere aber den Text als authentisches Werk von jung Menschen, die sich an partyhungrige Teens/Tweens richtet.

Quelle: kleinezeitung.at

Beim Vorentscheid provozierten die Trackshittaz mit Neonanzügen im Dunkeln – eine tolle Show, das ist Entertainment. Leider wirds das in Baku nicht geben – aus Sicherheitsgründen darf in der großen Halle nicht das Licht ausgeschalten werden.

Für das internationale Publikum ist der Streit um den Songtext wiederum weniger relevant. Fakt ist allerdings, dass sich englische Lieder im internationalen Wettbewerb leichter tun. Dass sich die Trackshittaz diesem Trend nicht beugen spricht wettbewerbstechnisch nicht für sie, moralisch aber schon. Durch ihren patriotischen Gebrauch ihres Dialekts ist ihr Beitrag zu Eurovision so „österreichisch“ wie schon viele Jahre keiner mehr.

Ich verstehe nicht viel von Gesangskünsten, kann aber auch als Laie feststellen, dass die beiden gesanglich keine Bäume ausreißen, im krassen Gegensatz zu Österreichs Vorjahresvertreterin Nadine Beiler. Diese ging aber schlussendlich durch ihre Vergessbarkeit unter, vor allem ihrer Performance (und ihrer Frisur, aber das ist ein ganz anderes Kapitel). Plöchl und Hoffelner hingegen setzen auf genau diese. Sie unterstützen das mit einem austauschbaren, aber eingänglichen Beat und einem einprägsamen Refrain (uhuh!). Es stimmt schon: Ihr Song vom Vorjahr, „Oida Taunz„, mit dem sie beim Vorentscheid nur zweiter wurden, hätte die Nation durch die „Quetschn“ (Ziehharmonika) noch besser vertreten, so ist es halt „Woki mit deim Popo„.

Für mich repräsentieren die Trackshittaz eine Subkultur Österreich und produzieren Musik auch für diese. Das finde ich nicht verwerflich. Ich gehöre dieser nicht unbedingt an, allerdings schätze ich einfach ihre Originalität – die beiden machen etwas, wovon sie überzeugt sind, ohne irgendeinem Idol nachzueifern, nachzueifern können – denn ihren ungewöhnlichen Musikmix, der halt nicht jedermanns Geschmack ist, gabs zuvor nicht. Für mich sind die beiden „leider geil„: Die machen ihr Ding. Ein Sieg Österreichs ist ja generell eher unwahrscheinlich, und wenn wir schon mitmachen, so finde ich, dann mit einer guten Show und „Österreichheit“.

Die meisten Kritiken, die ich lese, besagen, dass die beiden Österreich mit diesem „shit“ blamieren werden. Warum? Weil zugegebenermaßen der Großteil des europaweiten Publikums nichts damit anfangen kann? Man muss nicht dem Mainstream gefallen. Oder weil man sich erwartet, dass ein Beitrag im ESC einen hohen Anspruch an sein Publikum haben soll? Letzteres scheint doch eine geradezu naive Annahme zu sein, spätestens seit Lordi ist der Song Contest oftmals ein Kuriositätenkabinett, bei dem es gilt aufzufallen – mit einer durchschnittlichen Balade oder 0815 Pop-Nummer gewinnt man keinen Kronleuchter mehr. Die Trackshittaz positionieren sich da recht geschickt, auch wenn ihnen Jedward in Sachen Herausstechen (minus Rustikalcharme) den Rang ablaufen. Ihr Lied ist verrückt und anders, definitiv nicht Eurovision-Standardware. Ob das punkten kann wird sich zeigen, die Wettquoten stehen jedenfalls schlecht.

Quelle: offizielle Trackshittaz Facebook-Seite

Sinnbild für die Trackshittaz: Mit Teufelsgeigen, Traktor, Sonnenschein und coolem Image. Was die Chippendales im Hintergrund machen ist mir komplett schleierhaft.

Nicht zuletzt möchte ich noch die Selbstironie und Eigenwahrnehmung der Band (was schon beim ironischen Bandnamen anfängt). Die beiden geben gar nicht vor, große Kunst zu produzieren, sondern wollen mit ihrer Musik einfach gute Stimmung erzeugen, am liebsten in Discos oder bei Partys. So ist die Jugend nunmal, und ich wünschte mehr Menschen würden das so verstehen. Ich finde auch einige Dinge, die an den beiden zu kritiseren sind, aber Höffelner und Plöchl verbinden Jugendkultur mit österreichischem Landcharme, und diese Originalität lässt mich guten Gewissens die Daumen für die Trackshittaz drücken.

Linksammlung:

Trackshittaz – Woki mit deim Popo

Woki mit deim Popo – Übersetzung auf Hochdeutsch in einer Lyriklesung

Offizielle Trackshittaz-Homepage

Der ORF wird den ESC Vorentscheid am 22. Mai ausstrahlen, die Finalshow am 26. Mai zeitgleich mit dem ZDF. Beide Sendungen live, je ab 20:15 Uhr.

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