The Walking Dead 1.01 „Days Gone Bye“: Einsamer Cowboy.

„Little girl? Don’t be afraid, ok? … Little girl?“

Rick kommt wieder zu sich – er liegt immer noch im Krankenhaus. Irgendwas ist komisch – die Uhr funktioniert nicht mehr, und als er nach einer Schwester ruft meldet sich keine. Als er die Tür öffnet sieht er einen verwüsteten Krankenhaustrakt, keine Seele weit und breit. Verwirrt beginnt er, seine Umgebung zu erkunden und beginnt immer mehr, an seinem Verstand zu zweifeln. Eine grausam entstellte Leiche, jede Menge Blut und die ominösen Letter „DON’T OPEN; DEAD INSIDE“ sind nur seine ersten Funde in einer verwüsteten Welt – der Welt von The Walking Dead.

Quelle: Offizielle The Walking Dead Facebook-Seite

Böses Erwachen für Rick (Andrew Lincoln): Die Welt ist ein düsterer Platz geworden.

Da draußen gibt es etliche Zombiefilme, die eine ähnliche Prämisse haben. Einer der prominentesten Vertreter dieses Genres, 28 Days Later, teilt sogar die Idee mit dem erwachenden Komapatienten mit The Walking Dead – trotzdem hat die Serie genug eigen erdachte Elemente, besonders dank ihrer seriellen Natur und damit weitaus erhöhten Laufzeit, um alte Horrorhasen hinterm Ofen hervorzuholen. Und das mit Stil: „Days Gone Bye„, im deutschen als „Gute alte Zeit“ betitelt, ist nicht nur spannend, sondern vor allem auch geradezu eine Lehrbeispiel für Ästhetik.

Es ist also eine Zombieapokalypse ausgebrochen. Vor seinem Erwachen lag Rick im Koma, und davor wiederum war er Polizist. Sein Partner ist Shane, den wir in weiteren Episoden wohl noch besser kennen lernen – der hat nicht nur gemeinsam mit Ricks Sohn Carl und Frau Lori überlebt, sondern ist scheinbar auch ziemlich gute Freunde mit Lori geworden. Vor der Apokalypse aber jagten sie noch gemeinsam ein paar Räuber. Mit ausgelegten Krähenfüßen erwarten sie das Fluchtauto – die ganze Szene erinnert an eine Verfolgungsjagd aus einer 80er Cops-Show. Eh witzig. Weniger witzig aber, als Rick bei der folgenden Schießerei schwer verwundet wird und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Das wars auch schon mit der guten alten Zeit.

Im Krankenhaus entschließt sich der noch nie einen Zombiefilm gesehen Rick glücklicherweise, die Warnung „DON’T OPEN; DEAD INSIDE“ zu befolgen – obwohl da Finger herauswollen. Weniger Klugheit beweist er bei dem Entschluss, die Treppe bei fast vollkommener Dunkelheit, nur illuminiert von immer wieder ausgehenden Streichhölzern, runterzusteigen – effektiv in Szene gesetzt, Gruselfaktor inklusive.

Draußen jedoch erwartet ihn nur ein weiteres Bild des Grauens: Leichensäcke überall, und eine verwüstete Welt wartet auf ihn. Er entdeckt einen halb auseinandergerissenen Zombie in der Wiese, und seine Augen weiten sich nur weiter. Zu Haus angekommen, seine Familie ist natürlich nicht da, lässt er seinen Emotionen erst einmal freien Lauf: So viel Tod und Elend verträgt man nicht so gut an einem Tag. Rick bleibt orientierungslos und verhält sich wenig resistent gegenüber den Zombies – zum Glück wird er aber von dem Vater-Sohn Duo Morgan und Duane aufgelesen.

Morgan weiß zwar nicht, was zur Apokalypse geführt hat, verrät uns aber einige wichtige Regeln: Bisse töten, das Fieber brennt dich aus, du stirbst, und nach einer Weile wirst du dann ein „Walker“ (Wanderer). Genau das ist auch Morgans Ehefrau, Duanes Mutter geschehen, die nun immer wieder in der Gegend rumlatscht – als Zombie, versteht sich. Duane bringt es nicht übers Herz, sie hinzurichten.

Von Morgan und Duane wird Rick auch erklärt, wie man sich in Zombiefilmen so verhalten soll. Wichtig ist: tot ist tot, und all die Walker sind genau das. Rick versuchts zuerst mit dem Baseballschläger und Kopfschutz. Das verbraucht zwar keine Munition, ist gegen mehrere auf einmal aber nicht gerade effektiv. Also nimmt Rick die beiden mit aufs Polizeirevier, wo es nicht nur Warmwasser für ne heiße Dusche gibt, sondern vor allem auch ein cooles Outfit für unseren Helden und jede Menge Waffen. Die drei trennen sich, weil Rick seine Familie finden möchte und Vater und Sohn lieber in der Gegend bleiben wollen. Die beiden haben wir wohl nicht zum letzten mal gesehen.

Was folgt ist an Ästhetik kaum zu übertreffen und The Walking Deads größte Stärke. Bei Zombiefilmen hat man meist nicht genug Zeit, die Dystopie auf sich einwirken zu lassen, hier tut man aber genau das. Die ersten Minuten beispielsweise waren einfach atemberaubend. Ganz ohne Ton kommt man aus, immer größer wird das Ausmaß der Verwüstung: von einem umgekippten Auto zum umgekippten LKW, viele kreuz und quer abgestellte Wagen, dann sogar ein paar Leichen in den Wagen, und schließlich das Mädchen, das Rick ohne groß zu zögern durch den Schädel schießt.

Ich liebe Ricks Wechsel aufs Pferd – mit dem Auto wäre es zu leicht gewesen, vor allem auch weniger nachdenklich. Tragisch ist die kleine Geschichte von dessen Besitzer, einem älterlichen Ehepaar, die „GOD FORGIVE US“ an die Wand geschmiert und sich anschließend selbst gerichtet hatten – laut christlichem Glauben kommt man dafür ja in die Hölle. Doch wenn Gott herunterblicken würde, könnte er sehen, dass Selbstmord noch der schönere Tod für die beiden ist als Walker zu werden.

A lone, lone cowboy. Die Sets vom menschenleeren Atlanta sind wirklich beeindruckend.

Bewusst beschwört man das Bild des einsamen Cowboys hervor, als Rick einsam auf seinem Pferd (das Benzin war alle) durch verlassene Gegenden schlendert. The Walking Dead zaubert wunderschöne Bilder auf die Scheibe – die leere Autobahnseite, während auf der anderen Seite ein ewiger Stau herrscht. Die seelenlose Brücke, über die Rick reitet.

Kleiner Tipp für Rick allerdings: Es hat schon einen Grund, warum alle aus Atlanta geflüchtet sind. Auf den ersten Blick ist noch alles ruhig, doch dann gerät Rick in eine Seitenstraße, von der es vor Zombies nur so wimmelt. Beim Fluchtversuch erkennt er, dass er umzingelt ist – oje! Doch Rick hat Glück im Unglück: Während sein Pferd zerfleischt wird kann er sich unter einem Panzer verstecken. Als ihm mehr und mehr Zombies auf die Pelle rücken (und bei einer Perspektive von oben sehen wir, was für eine enorme Anzahl an Statisten man verwendete) flieht er unter einen Panzer und möchte er sich schon fast selbst richten: „Lori, Carl, I’m sorry.“ Doch als er nach oben blickt sieht er, dass die Bodenklappe des Panzers offen ist.

So gut wie die ganze Episode verbringt Hauptdarsteller Andrew Lincoln allein. Wir erfahren im Grunde nicht viel über ihn – er liebt seine Familie und er ist Polizist aus Überzeugung – das sind seine zwei definierenden Eigenschaften. Ich kreide das der Episode aber gar nicht an, denn sein Charakter wird wohl eher erst dann weiter erforscht, wenn er die anderen Überlebenden (die Gruppe mit Shane, Lori und Carl) trifft und mit diesen ums Überleben kämpft.

Was wir aber sehen ist, wie ihn all das Leid und all der Tod nah gehen. Als Polizist ist er es ja gewohnt, die Zähne zusammenzubeißen (bei der ersten Schusswunde in der Schießerei vor der Apokalypse behauptete er noch, es wäre nichts) – aber diese Situation bringt ihn an die Grenzen seiner Menschlichkeit.

Dieser Kampf darum, was es bedeutet Mensch zu sein, wurde vielfach angeschnitten. Morgan beispielsweise konnte den leb-, aber nicht regungslosen Körper seiner Frau nicht erschießen, obwohl er wusste, dass es das Beste für seinen Sohn wäre. Stattdessen kramt er in deren Gedenken ein paar alte Fotos hervor, scheinbar mit den Gedanken: „Sie hätte es so wollen.

Ebenso poetisch war die Szene, als Rick selbst extra noch einmal zum halbierten Zombie zurückging, um ihn zu richten. Grotsek, wie hässlich die Frau war und wie saftig grün die Umgebung. Doch manchmal muss man einfach tun, was einem die Intuition sagt. (Also nicht wie die Zombies, sondern auf gefühlvolle Art.)

Nachdem er auch im Panzer spontan noch einen Zombie beseitigt rührt sich plötzlich der Empfänger. „Hey you, dumbass, you cozy in there in that tank?“ Es hat ihn also jemand beobachtet – und man darf wirklich gespannt sein, wies wohl weitergeht. Wer ist die Stimme? Wird Rick den Panzer in Gang nehmen? Und kann die Serie es schaffen, weiterhin so verdammt tolle Bilder auf den Fernseher zu zaubern?

Bla:

– Ganz tolles Intro. Kann kaum erwarten es wieder zu sehen. Einfach verdammt stilsicher.

– Mehr Fahrräder, bitte! Flucht vor Zombies auf Fahrrädern ist genau meine Sache.

– Ich glaub die Szene mit Shane und Lori war die einzige, die mir am Piloten nicht gefallen hat. Irgendwie ist das so klischeehaft (auch wenn es für gutes Drama sorgen wird), und ich wünscht wir wüssten auch noch nichts von der Überlebendengruppe. Aber vielleicht ist es auch besser so.

– Ein wenig enttäuscht war ich, als das Lied vom Trailer -„The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers – nicht gespielt wurde. Vielleicht kommts noch. Es passt so gut und fängt die Atmosphäre der Serie gut ein.

– Ein Wort zum Horror: Die Zombies sind zum Teil grausam entstellt, scheinen aber auch nicht übertrieben grauslich dargestellt zu sein. Mir gefällt die Optik und finde sie passend. Gut, dass sich AMC Serien nicht so sehr um die Altersbeschränkung kümmern muss!

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

The Walking Dead hat ein interessantes Setting und profitiert in seiner ersten Folge davon natürlich ungemein – aber die Serie ruht sich nicht auf ihren vielversprechenden Zutaten aus sondern findet einen idealen Mix aus Horror, Schock und Drama. Es ist schön, dass sich die Serie so viel Zeit nimmt, all die Eindrücke aufzufangen – das gibt uns mehr Zeit, die Atmosphäre und die Ästhetik einzufangen. Ein grandioser Pilot, der auf jeden Fall Lust auf mehr macht.

Days Gone Bye“ wird am 11.4.2012 im Hauptabendprogramm von RTL 2 zu sehen sein.

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6 Gedanken zu “The Walking Dead 1.01 „Days Gone Bye“: Einsamer Cowboy.

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