Schnell Ermittelt: Staffel 4

“Ja, dabei hab ich das Gefühl gehabt, ich war die ganze Zeit wach.“

Quelle: tvspielfilm.de

Auch in der vierten Staffel begeben sich Stefan (Andreas Lust), Franitschek (Wolf Bachofner) und Angelika (Ursula Strauss) auf Mörderjagd.

Hinweis: Diese Zusammenfassung beinhaltet große Spoiler. Die Rezensionen zu den einzelnen Folgen finden Sie hier:

4.01 Ivonne Werner
4.02 Horst Bauer
4.03 Roswitha Thaler
4.04 Jonas Wultz
4.05 Wilma Wabe
4.06 Konrad Mautsch
4.07 Francois Legrand
4.08 Werner Demscher
4.09 Kurt Swoboda
4.10 Tommi Hotarek
4.11 Jana Solm
4.12 Lucy Haller

Wir erinnern uns, an welcher Stelle wir die dritte Staffel beendet haben: Bei der Verfolgung der ehemaligen Liebhaberin Feilers, der Gefängniswärterin, schießt Schuster Angelika Schnell irrtümlich an. Angelika wird ins Krankenhaus eingeliefert, ihr Schicksal ungewiss. Trotzdem war es ja nie ein Geheimnis, dass die Serie fortgesetzt werden würde, und ohne die titelgebende Heldin ist das natürlich nicht vorstellbar.

Zu Beginn der vierten Staffel begegnen wir der gesundeten Angelika beim Begräbnis von Stefans Mutter wieder. Schuster ist vergessen, Angelika hat sich aber verändert – ihre Schroffheit von früher hat sie abgelegt, anstatt für die Mordopfer empfand sie nun für ihre Mitarbeiter Empathie. Ihren guten Umgangston legte sie dann aber bald schon wieder ab, je besser sie ihre Schussverletzung auch psychisch verarbeitet.

Angelika muss feststellen, dass ihre Visionen an den Tatorten sie nach dem Unfall verlassen haben. Stattdessen jagt sie nun ein fallunabhängiger Geist – Lucy Haller (Noemi Krausz), wie wir gegen Halbzeit der Staffel erfahren, ein sechzehnjähriges Mädchen, das vor zehn Jahren entführt worden und nie mehr aufgetaucht war. In den ersten beiden Folgen war das noch ein böses Omen: In diesen attackiert Lucy Angelika mit einem Messer oder lässt sie beinah einen Autounfall verursachen. Nach kurzer Zeit wird Lucy allerdings weniger aggressiv, gibt sich neutral, hilft ihr im späteren Verlauf der Staffel sogar in der einen oder anderen Situation – vielleicht ein Wink dafür, dass Angelikas Kräfte sie langsam wieder zurückkehren.

Das Schicksal von Lucy Haller (Noemi Krausz) ist das große Staffelmysterium.

Der Fall Lucy Haller nahm Fahrt auf, als ihre Identität und ein paar Details zu ihrer Geschichte kurz nach Halbzeit ans Tageslicht kamen. Leider nahm die Serie diesen Schwung nicht mit und lässt Lucy dann in den Folgen 9 und 10 so gut wie gar nicht auftreten. Vielleicht hätten da noch ein paar mehr Visonen von Lucy als helfende Hand geholfen. Auch die 11. Episode enttäuschte in dieser Hinsicht ein wenig: Es gab zwar wieder mehr neue Details (die Identität und Geschichte von Lucys angeblichen Vater, Manfred Fichtner), sorgten allerdings für wenig Fahrtwind, wenn man bedenkt, dass es nur wenige Sendeminuten vor der Resolution des Falles stattfand.

Mit dieser meine ich das Ende des Traums: In der zwölften und letzten Folge der Staffel, „Lucy Haller„, stellt Schnell Ermittelt seine eigene Welt auf den Kopf, als wir erfahren, dass sich all das Gezeigte seit Ende der dritten Staffel nur in Angelikas Kopf abgespielt hat. Ich habe schon viele Worte darüber in meiner Rezension zur letzten Folge gesagt, mir aber zehn Tage gegönnt, um mir noch ein paar mehr Gedanken, auch mit Hilfe der zahlreichen Kommentare, darüber zu machen.

Zuerst einmal negiert das fast die gesamte Charakterentwicklung, die sich in dieser Staffel abgespielt hat. Stefans Verarbeitung des Todes seiner Mutter beispielsweise müssen wir jetzt gedanklich wieder ausstreichen. Gut, das ist eh eine Untergeschichte, die sich irgendwo verlief: Wir sahen Stefans gerötetes Gesicht und ihn nie so recht glücklich sein, bekamen aber nie einen Moment dafür, der den Charakter anschließend erleuchtet hätte.

Aber es gab auch große kleine Geschichten und Momente in dieser Staffel, die schmerzlich vermisst werden werden. Die vielen sehnsüchtigen Momente zwischen Stefan und Angelika beispielsweise: Wie Stefan Angelika nach einem bösen Traum tröstet, wie Angelika Stefan ihr Geheimnis ihrer Visionen anvertraut, wie Angelika Stefan ermutigt, den Streit mit Susanne beizulegen… Aber auch andere Charaktere hatten ihre Momente, die jetzt keine Gültigkeit mehr haben: Franitscheks Herz wurde also nie von der Schildkrötenfrau gebrochen. Ach weh…Ich muss nur an all die schönen Zitate denken, die ich zu Beginn jedes Artikels hänge und die stets von einer besonders pointierten Szene stammen – all die wurden jetzt nie gesagt, all diese Momente gab es nicht, ob traurig oder romantisch oder einfach nur schön.

Ulrich gabs natürlich auch nie, das heißt, zumindest nicht als Lover. Ulrich ist außerhalb des Traums gar kein Physikprofessor sondern ein Krankenpfleger, der Angelika während ihres Komas betreut hat. Ich werde Ulrich vermissen – die Sets waren super, die Chemie der beiden stimmte und wir hatten einen schönen und spannenden Stefan/Ulrich Konflikt, insbesondre da der Angelika/Susanne Konflikt schon ein wenig ausgelaufen war. Mir gefiel auch die Romantik, die er in die Serie brachte – das sorgte für viele schöne Szenen, auch in visueller Hinsicht. Ich erinnere da an seinen Campinganhänger, den Heiratsantrag als Formel, oder den von ihm gemalten Comicstrip für Angelika.

Quelle: programm.orf.at

Auch diese malerische Szene war nur Vision.

In den Kommentaren zum Staffelfinale wurde die Idee in den Raum geworfen, dass Ulrich eine Metapher ist: „Es geht darum, ob ich weiterfahre.“ Ulrich lockt Angelika mit Versprechungen – Romantik, Liebe, Abenteuer. Aber Angelika lehnt ab, fährt nicht mit Ulrich spontan Rom oder mit den Kindern auf Urlaub oder sonstwohin, sie entscheidet sich dazu, aus ihrem Traum aufzuwachen, entscheidet sich für das Leben.

 Ulrich ist nur einer von mehreren Parallelen, die Traum und Wirklichkeit verbinden – was die Vermutung nahe legt, dass der Traum in Wahrheit eine von Angelikas Visionen war. Weitere Parallelen sind der Fall Haller, Majas Schwangerschaft, der Psychologe Wallner und zuletzt auch die Fälle aus dem Archiv (es sind genau 11 Ordner, ich habe nachgezählt – für jede Episode des Falls einer, die Angelika am Ende der Staffel ausgräbt. Schnell Ermittelt begibt sich da aber sehr weit in Richtung Esoterik, wesentlich weiter als es die Visionen in früheren Staffeln taten – ein Schritt, der mir missfällt. Angelika deutet nämlich an, dass sie die Mörder dieser allesamt ungelösten Fälle nun dank des Traums kenne. Da gönnt sich die Logik eine Auszeit – wäre Angelika damals dabei gewesen hätte sie die Mörder schnappen können. Vor allem aber wäre der Fall dann ganz anders verlaufen, wenn sie nicht so eingegriffen hätte, so wie sie es in den Folgen 4.01 bis 4.11 tat.

Dafür lassen sich durch die Traumlösung andere Dinge erklären. Ulrich war zum Teil ja wirklich eine Wunschvorstellung Angelikas, insbesondre, dass er kein Krimineller ist und sie auf Händen trägt. Außerdem wissen wir jetzt, warum Katrin des Öfteren Kleidungsstücke von Lucy Haller (oder umgekehrt) trug: Wahrscheinlich fügte Angelika unterbewusst in der Konstruktion ihrer Vorstellung von Lucy das eine oder andere Accessoire ihrer Tochter hinzu – vielleicht wegen der Ähnlichkeit, vielleicht deshalb die Ähnlichkeit der beiden Mädchen. Trotzdem stößt mir das ein wenig übel auf, bedeutet es ja, dass die Parallelen zwischen Katrin und Lucy in der Staffel rote Heringe waren – meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, mich rätseln ließen, um schließlich ganz banal gelöst zu werden.

Eine weitere, aber zufällige Parallele zwischen Traum und Wirklichkeit ist die Beziehung zwischen Susanne und Stefan. Im Traum trennte sich Susanne in einer tollen tollen Szene von Stefan mit der Begründung, dass Stefan Angelika in Wahrheit gar nie richtig verlassen habe. In der Wirklichkeit trennen sich die beiden auch, allerdings aus einem viel banaleren Grund: Susanne wird urplötzlich nach Deutschland versetzt. Das wird nur am Rande erwähnt und ist schon eine sehr enttäuschendes Ende dieser Untergeschichte, im Traum war Susis Abgang wesentlich denkwürdiger.

Bedenken muss man hierbei aber, dass es diese Momente für Angelika schon gegeben hat. Sie hat wirklich erlebt, wie es ist, sich Franitschek gegenüber zu öffnen, einen Traummann zu lieben, Stefan Nachhilfe in Sachen Susanne zu geben. Ich bin ganz gespannt, welche Richtung die Serie nun einschlagen wird: Wird Angelika dem Beispiel ihres Traums folgen, was logisch wäre, aber auch ein Stück langweilig – das haben wir ja schon gesehen. Oder geht man in eine andere Richtung, und wenn ja, welche? Bei manchen Charakteren geht letzteres ja gar nicht, wie zum Beispiel bei Maja: Bei der hat man sich in eine Einbahn gefahren: Das Kind muss (wieder) kommen.

Der Moment, der die Serie für immer verändern würde: Angelikas letzte Traumszene.

Kurz nach dem erstmaligen Ansehen des Staffelfinales war ich sehr verwirrt, und da war ich nicht der einzige: Ich habe die Episode mit meinem Vater geschaut, der die Serie nicht regelmäßig verfolgte, und dieser schaltete bald schon komplett aus. Aber auch ich tat mich schwer, „Lucy Haller“ zu verstehen – es war recht konfus zusammengeschnippselt. Zuerst gefiel mir das so gar nicht recht, doch mittlerweile rechne ich das Schnell Ermittelt sehr hoch an: Das WTF-Gefühl, das ich empfand, als bei mir endlich der Groschen fiel, war einmalig, und eines, das mir nicht viele Serien geben. Ja, die Enttäuschung über die vielen verlorenen Charaktermomente schwebt nun wie eine Gewitterwolke über der Serie, aber was mir langfristig von der vierten Staffel bleiben wird, ist, wie genial ich diesem Mindf*** aufgesessen bin.

Fazit: 7,0 von 10 Punkten.

Schnell Ermittelt wagte einen großen Schritt: Anstatt die in sich geschlossenen Folgen der Staffel durch eine Rahmenhandlung, das jeweilige Staffelmysterium, zu verbinden, verbindet man in der vierten Staffel die Rahmenhandlung durch die einzelnen Folgen. Eine konzeptionelle Großentscheidung, metaphern- und ideenschwer, in deren Machart man sie eigentlich nur aus den amerikanischen Serien kennt. Sie glückt nicht ganz: Der große Sensationseffekt glückte, durch eine etwas konfuse Darstellung und dem Wissen, dass die Hauptcharaktere das alles gar nicht wirklich erlebt haben, wird der Gesamteindruck allerdings getrübt.

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2 Gedanken zu “Schnell Ermittelt: Staffel 4

  1. Pingback: Schnell Ermittelt “Schuld”: Salsa. | Blamayers TV Kritiken

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