South Park 16.05 „Butterballs“: Butters Eier.

„Do you realise that in America, oh ho, almost 200.000 students are afraid to come to school everyday because they’re afraid of being bullied?“

In der gestrigen Folge von South Park, „Butterballs„, gehts ums Thema Mobbing, oder auch Bullying, wie es im Englischen heißt. Das Thema ist aktueller denn je – denn es ist nicht nur nach wie vor Gang und Gebe and Schulen, vielleicht sogar stärker präsent denn je. Zudem hat es nach der Veröffentlichung des Films „Bully“ auch Präsenz in den Medien gefunden. Auch in South Parks Grundschule wird ordentlich gemobbt und herumbugsiert – und trifft das Thema dabei mehr als nur auf den Kopf.

Quelle: southparkstudios.com

Die South Park Elementary School dreht mit vollem Elan ein Video gegen Mobbing.

In South Park ist es natürlich Butters, der das Opfer von Mobbing wird – zuerst allerdings gar nicht so sehr von seinen Mitschülern sondern mehr von seiner Großmutter, die ihn wiederholt piesakt und misshandelt. Butters Mitschüler sehen sein blaues Auge und sorgen dafür, dass der Mobbingexperte von „Bucky Bailey’s Bully Buckerds“ in die Schule eingeladen wird. Dieser wünscht sich, dass die Schule gemeinsam einen Film drehen, und da Stan Mobbing ein echtes Anliegen ist, erklärt er sich dazu bereit, Regie zu führen.

Die Schüler schreiben ein Lied („make bullying kill itself“) und machen ein Video dazu – eine absolut fantastische Szene, die auch über eine Minute lang andauert. Wir sehen die verschiedensten Klassen, Clubs und Schüler durch die Montage tanzen und singen, und es gibt eintausendundein Dinge zu entdecken – allein um alle Schilder zu lesen muss man die Montage zwei mal schauen, und es lohnt sich! Cartmans Sängerinnen-Gag ist da nur einer unter ganz vielen Leckerbissen.

Die Sequenz ist auch schon klasse ohne zu wissen, worauf sich diese bezieht. Die Montage spooft nämlich ein Video, das die Cypress Ranch High School aufgenommen hat: Anti-Bullying Lip Dub „Who Do U Think U R?“ Diese hat das aufwendige Video (die ganzen fünf Minuten sind schließlich eine einzige Kamerafahrt ohne Schnitt) scheinbar als Reaktion auf einen Suizid gedreht, den ein Schüler, aufgrund von Mobbing, vor etwas mehr als einem Jahr begangen hat. Zwischen dem Original und der South Park-Version gibt es unzählige Parallelen, und das nicht nur konzeptionelle: South Park übernahm direkt ein paar Schilder („I AM PROUD TO BE ME“), erfand aber selber noch ein paar dazu („cows rule, bullies drool!“). Auch das „oh ho“ im Eingangsdialog hat die Serie 1:1 übernommen.

Für die zweite Strophe des South Park-Songs hätte Stan dann vorgesehen, dass Butters als Opfer präsentiert wird – und zeigt damit, wie leicht es sein kann, in die Bully-Rolle zu schlüpfen, ohne das wirklich zu beabsichtigen. Einzig Kyle bemerkt, dass Butters erneut Spott und Hohn ausgesetzt wird, wenn er da nackt im Glaskasten (wahnsinnig witzige Szene, vor allem weil sie so nahtlos in die Montage passt) vorgeführt wird – dabei will er das doch gar nicht, er möchte bloß in Ruhe gelassen werden.

South Park greift die selbe Thematik auch an anderer Stelle der Episode auf, nämlich als es zu Beginn darum geht, warum Butters das Mobbing nicht meldet. Er möchte weder ein tattletale, noch ein Anonymous Andy noch ein Cliche-Confident-Resolution-Kevin sein – also keine Petze sein, keine anonyme Beschwerde einreichen und auch keinen größeren Bruder zum Verschlägern einstellen. Butters möchte einfach in Ruhe gelassen werden vom Bully und keinen großen Wirbel drum machen – denn wer als gemobbter Mensch gebrandmarkt wird, wird zusätzlich ein beliebtes Ziel von Pieksereien für andere. Außerdem hält das den Bully nicht auf – im Gegenteil, Butters Großmutter reagiert natürlich gar nicht erfreut darüber, dass ihr Enkel scheinbar eine Anti-Bullying Kampagne ins Leben gerufen hat, und schikanierte fortan Butters umso mehr.

Die Toilette ist ein beliebter Raum fürs Mobbing für alle möglichen Charaktere, sogar Jesus! Praktisch, dass gleich der ganze Toilettenraum von innen verschließbar ist.

Mir gefällt sehr, dass die Serienschöpfer Trey Parker und Matt Stone Mobbing nicht nur auf die Schule beziehen sondern aufzeigen, dass es halt in der Schule am prominentesten stattfindet. In „Butterballs“ sehen wir viele Szenen, in denen Menschen einander mobben, aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten, sei es Lehrer, Schüler oder reicher Produzent. Besonders gelungen fand ich die kurze, aber treffende Bemerkung, dass kleine Firmen von größeren gemobbt werden (Bucky Bailey vom Produzenten), diese aber eigentlich niemanden über sich haben – Jesus ist es, man kann ihn ruhig als das Gewissen interpretieren, der dem Hollywood-Kerl Druck machen möchte, sonst stoppt ihn aber niemand.

Stan und eigentlich alle anderen auch ignorireren Butters Wunsch, allein gelassen zu werden: Stattdessen wird er dann sogar in eine Talk-Show geschleppt, wo er vor ganz Amerika gestehen soll, was ihm alles angetan wurde – Butters wird also weitergemobbt, diesmal sogar vom Showmaster. Irgendwann platzt ihm, stellvertretend für wohl viele Opfer vom Mobbing, der Kragen und er attackiert den Showmaster mit Händen und Füßen. Anstatt ihm aber mit Empathie und Verständnis zu begegnen wird Butters als Psychopath bezeichnet. Butters kann gar nicht gewinnen – entweder er lässt alles über sich ergehen und leidet darunter, oder aber er hält dem Druck nicht stand und explodiert emotional.

In einem bewegenden, vor allem aber wahnsinnig treffenden Monolog erzählt Butters dann seiner Großmutter die Moral von der Gschicht: Man kann schiwerig was gegen Bullys machen: petzen, zurückkämpfen, nachgeben – das alles hilft nichts oder nur kurzfristig, wenn man den Menschen dahinter nicht ändern kann. Und das Tolle ist ja: Das Zielpublikum der Botschaft ist Teil des Zielpublikums von South Park. Deshalb nimmt die Serie Mobbing zum Thema, wirft Rampenlicht auf die Cypress Ranch High School, und das alles pünktlich zum US-amerikanischen Kinostart vom Dokumentarfilm Bully, der zwar schon einmal veröffentlicht wurde, nun aber erstmals mit dem ab-13-Siegel ins Kino kommt. Wann und ob der Streifen bei uns in die Kinos kommen wird konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen.

Stans Teil der Geschichte findet hingegen ein abstruseres Ende: Er gibt Kyle endlich nach und fährt nach San Diego, um dort einen Nervenzusammenbruch inklusive öffentlichem Entblößen hinzulegen. Das hat nichts mit dem Hauptplot zu tun sondern spielt auf die psychologische Überlastung des KONY2012-Machers Jason Russell an. Ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll, fands aber auf jeden Fall recht witzig gemacht.

Bla:

– Ich hatte schon gehofft, dass Butters zu seinem Professor Chaos-Kostüm greifen würde – nicht, dass es ihm viel geholfen hätte.

– Das „make bullying kill itself“-Lied ist ja auch richtig gut, ich hab jetzt aber dieses „Who do U think U R?“ im Kopf und kriegs nicht mehr raus.

„That’s why, at Cyp Ranch, we don’t do that!“ Ich liebe dieses Video von der CRHS, ich schaus mir immer wieder gern an. So viele fröhliche Gesichter, so viel Enthusiasmus und Kreativität, so muss Schule sein.

– Es war zu gut, die Großmutter Butters mit der Gabel ins Knie stechen zu sehen. Haha! Huh, ich kling selbst schon wie ein Bully. 😦

Fazit: 9,5 von 10 Punkten.

Butterballs“ ist wohl eine der besten South Park-Folgen der letzten Jahre. Nicht nur, dass sich die Serie da effektiv für einen guten Zweck einsetzt, sie unterhaltet dabei auch vorzüglich. Eine fantastische Parodie eines Musikvideos, ein involvierender Plot und ein paar echt treffende Aussagen sind die angenehm verstreuten Höhepunkte der Folge – Parker und Stone setzen kaum einen Fuß falsch. Die Folge hat großes Potential zu einem Klassiker zu werden, falls sie es nicht schon ist.

“Butterballs“ ist bis 11.4.2012 und ab Juli 2012 HIER legal und kostenlos auf der offiziellen South Park Homepage verfügbar.

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10 Gedanken zu “South Park 16.05 „Butterballs“: Butters Eier.

  1. Das Ende mit San Diego habe ich überhaupt nicht verstanden (und beginne erst durch deine Einordnung so halbwegs durchzublicken). Allerdings: Jason Russell psychologische Überlastung ist völlig an mir vorbei gegangen. Hättest du mir dazu eventuell einen Link?

    • Habs auch nur auf Wikipedia aufgeschnappt – ich denke, dass das in unseren Medien weniger Beachtung gefunden hat. Außerdem schätze ich, dass vielleicht der Bürgermeister von San Diego die Aufmerksamkeit dieses Vorfalls genützt hat um die Stadt zu bewerben (zumindest tut er das in SP). Das oder irgend ein anderer Publicitystunt.

  2. Genau solche South Park Folgen sind die besten … sie regen zum Nachdenken an, auch wenn man mit der amerikanischen Medienlandschaft vielleicht nicht so vertraut ist (ich bin da keine Ausnahme).

    Ähnlich bewegt hat mich in der letzten Zeit nur “You’re getting old.”, weil ich mich sehr stark mit Stan identifizieren kann.

    Ich werde nächsten Monat 24 Jahre alt und muss mir ständig anhören, wie toll doch dies und das ist. Stichwort: “Two and a half men.”

    Meiner Meinung nach sollte sich mit dem Alter auch der Geschmack weiterentwickeln. 0815 Zeug gibt es genug, Individualismus wirkt heutzutage fast schon wie ein Nischenprodukt.

  3. Das Ende mit San Diego? Guckt euch die Folge nochmal an. Das war eine Anspielung auf die KONY 2012 – Macher, wo einer in San Diego beim Masturbieren in der Öffentlichkeit festgenommen wurde!!

  4. Treffendes Review zu einer der besten Folgen überhaupt!
    Was du aber übersehen hast ist, dass während der ganzen Folge über nicht nur auf den Film „Bully“ und auf das Video von Cypress Ranch High School angespielt wird, sondern dass das ganze auch gleichzeitig als Parodie auf Kony2012 verstanden werden kann, am deutlichsten kommt das bei dem Gespräch zwischen Stan und Kyle vor der Schule raus: Stan erzählt davon wie wichtig „awareness“ angeblich ist und Kyle sagt ihm, dass es anfängt sich immer weniger um Mobbing zu drehen und immer mehr um Stan selbst, genau so wie das bei Kony2012 und Jason Russel der Fall war. Auch am Ende gibt es wieder eine Parallele als auf einmal alle anfangen Stan zu hassen, und er dann eben seinen Breakdown mit „jacking it in San Diego“ hat.

    • Du hast Recht – die KONY-Referenz am Ende ist tatsächlich nicht so wahllos, wie ich anfänglich dachte. Ich hab die KONY-Referenz zum Schluss erst verstanden gehabt, als ich im Anschluss ein wenig darüber recherchiert hatte, und hab dann die Anspielung nicht nachträglich gesehen – danke fürs darauf aufmerksam machen!

      Ich hab auch woanders noch ein wenig weitergelesen, und in Erfahrung gebracht, dass die Macher von „Bully“ die amerikanische Rating-Agentur auch ein wenig unter Druck gesetzt haben (mit negativen Pressereaktionen), ihren Film für 13-jährige freizugeben. Die Episode ist wirklich verdammt vielschichtig… ich bewundere das schon sehr, wie Parker und Stone auf Geschichten kommen, die so viele Dinge gleichzeitig ansprechen.

  5. Pingback: South Park 16.06 “I Should Have Never Gone Ziplining”: | Blamayers TV Kritiken

  6. Vielen Dank für diesen guten Artikel. Gerade das Ende hat für mich absolut keinen Sinn ergeben jetzt hab ich einen Anhaltspunkt. Ich hielt Kony2012 von Anfang an für eine übertriebene und äußerst ominöse Aktion aber gut das ist meine Meinung.
    Übrigens auch ein schöner/emotionaler Song gegen Mobbing ist „Let’s gith it together“:

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